Datenstrom - © Foto: iStock/ style-photography

Wissensgesellschaft: Die Saat des Zweifels

19451960198020002020

Ignoranz und Unwissenheit gelten in einer Wissensgesellschaft als anstößig oder sogar gefährlich. Doch es bedarf der Differenzierung. Zur hochaktuellen Wissenschaft der Agnotologie.

19451960198020002020

Ignoranz und Unwissenheit gelten in einer Wissensgesellschaft als anstößig oder sogar gefährlich. Doch es bedarf der Differenzierung. Zur hochaktuellen Wissenschaft der Agnotologie.

Werbung
Werbung
Werbung

Bereits seit den 1960er Jahren ist die Rede davon, dass wir in einer „Wissensgesellschaft“ leben. Den vielen Facetten des Nichtwissens wird weitaus weniger Aufmerksamkeit zuteil – obwohl heute zum Beispiel zahlreiche Corona- und Klimawandelleugner für Unwissen, Desinformation und Zweifel sorgen. Nichtwissen und Zweifel werden dabei teils absichtlich produziert. Wie dies geschieht, damit beschäftigt sich die Forschungsrichtung der Agnotologie (von griechisch agnoia: Unwissenheit).

Analysiert wird hier vor allem, wie diverse Industrien, vor allem die Öl-, Tabak-, Chemie- und Lebensmittelkonzerne, die Schädigung von Gesundheit und Umwelt durch ihre Produkte verschleiern – und so verhindern, dass die Politik rechtzeitig Präventionsmaßnahmen ergreift. Zu den klassischen Strategien zählt etwa die scharfe Kritik an wissenschaftlichen Studien (junk science), die zu Ergebnissen gelangten, die der Industrie missfallen. Weiters werden Studien beauftragt, bei denen aufgrund des Designs von vornherein klar ist, dass „nichts herauskommen“ wird. Solche Untersuchungen werden dann als Beispiel für „gute Wissenschaft“ gelobt. Oder Studienergebnisse werden einfach vertuscht, wie das Beispiel des Ölkonzerns ExxonMobil zeigt. Diesem standen vonseiten seiner eigenen Wissenschafter gute Prognosen zur globalen Erwärmung durch fossile Brennstoffe zur Verfügung. Die Firma entschied sich jedoch, in öffentlichen Erklärungen das Gegenteil zu behaupten.

Strategische Desinformation

Wie gut die ExxonMobil-Prognosen waren, zeigt eine Analyse in der Fachzeitschrift Science (2023), die an der Universität Harvard und dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung erarbeitet wurde: Demnach stimmten bis zu 83 Prozent der von den ExxonMobil-Wissenschaftern berichteten globalen Prognosen mit den später beobachteten Temperaturen überein. Die Vorhersagen passten auch zu jenen unabhängiger akademischer und staatlicher Modelle und waren mindestens so gut wie diese. Science-Studienautor Geoffrey Supran kam zu folgendem Resümee: „Unsere Analyse zeigt, dass ExxonMobils eigene Daten im Widerspruch zu ihren öffentlichen Erklärungen stehen, in denen Unsicherheiten übertrieben, Klimamodelle kritisiert, der Mythos globaler Abkühlung verbreitet und Unwissenheit darüber vorgetäuscht wurde, wann – oder ob – die vom Menschen verursachte globale Erwärmung messbar sein würde.“

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau
Werbung
Werbung
Werbung