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Wissen

Worte einsickern lassen

1945 1960 1980 2000 2020

Im Druck des Alltags steht oft „Fast Food“-Lektüre auf dem Programm. Achtsames Lesen kann aus dem hektischen Aufsaugen von Texten eine tiefgründige Erfahrung machen.

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Im Druck des Alltags steht oft „Fast Food“-Lektüre auf dem Programm. Achtsames Lesen kann aus dem hektischen Aufsaugen von Texten eine tiefgründige Erfahrung machen.

Eine Welt im Würgegriff der Beschleunigung dürstet nach einem Gegenmittel, um endlich wieder vom Gas steigen zu können. Durchatmen, innehalten, zur Besinnung kommen: All das verspricht die Achtsamkeit. Sie ist fixer Bestandteil von Therapien, Entspannungsmethoden und Lebenskunst-Praktiken, angeboten von einer wachsenden Zahl mehr oder weniger qualifizierter Dienstleister. Bei verschiedensten Tätigkeiten wird sie empfohlen und angeleitet: nicht nur in formaler Meditation, sondern auch beim Essen und Kochen, Wandern und Spazieren, Gärtnern und Teetrinken, Spielen und Sammeln, oder auch in der Sexualität (weit über Tantra-Seminare hinaus).

Der Elchtest der Achtsamkeit aber liegt bei tendenziell unangenehmen Tätigkeiten – etwa beim Geschirrspülen, worauf der buddhistische Lehrer Thich Nhat Hanh hingewiesen hat: Wer etwa beim Abwaschen nicht im gegenwärtigen Moment sein kann und stattdessen schon an eine süße Nachspeise denkt, der werde dann oft auch diese Süßigkeit nicht richtig genießen, weil er selbst beim Essen der Nachspeise nicht wirklich präsent sein könne und innerlich bereits an der Zukunft hänge, so der Zen-Mönch sinngemäß.

Auditive und visuelle Leser

Kein Wunder also, dass heute auch das achtsame Lesen hoch im Kurs steht. In der digitalen Welt ist schließlich auch das Lesen zu einem immer schnelleren Aufsaugen von Texten verkommen: Nachrichten und Informationen sind am Computer oder Smartphone in schier unendlicher Menge verfügbar; in den sozialen Medien buhlt eine Flut an Meldungen um Aufmerksamkeit. All das verleitet zur „Fast-Food“-Lektüre, und die ist bekanntlich wenig nahrhaft. Es bleibt ein schlechter Nachgeschmack. Was aber ist achtsames Lesen?

Darüber hat sich u. a. die britische Bibliotherapeutin Ella Berthoud Gedanken gemacht. Biblio­therapeuten gehen davon aus, dass die Auseinandersetzung mit literarischen Werken bei persönlichen und zwischenmenschlichen Problemen hilfreich sein kann. Sie präsentieren Erzählungen im therapeutischen Setting und versuchen, ihren Klienten die passenden Bücher zu „verschreiben“, je nachdem, mit welchen Schwierigkeiten diese gerade konfrontiert sind. Sie glauben, dass jeder gelesene Roman, jedes poetische Werk, Spuren in der Persönlichkeit hinterlässt – auch auf einer tieferen, unbewussten Ebene. Wer achtsam liest, verstärkt die heilsamen Effekte der Lektüre, die seit Platon und Aristoteles eindrucksvoll beschrieben sind.

Das ist die These, die Berthoud in ihrem Buch „The Art of Mindful Reading“ (Leaping Hare Press, 2019) vertritt. Darin hat sie einige interessante Fakten und Anregungen versammelt: Dass allein der Akt des Lesens zur Beruhigung führen kann, darauf deuten Studien, die einen positiven Einfluss auf körperliche Parameter wie den Herzschlag dokumentieren. Lesen wirkt auch auf das Gehirn entspannend. Das gilt wohl ebenso für das aufmerksame Zuhören: Dass man Kindern vor dem Einschlafen Gute-Nacht-Geschichten vorliest, scheint also gut begründet zu sein.

Eine Welt im Würgegriff der Beschleunigung dürstet nach einem Gegenmittel, um endlich wieder vom Gas steigen zu können. Durchatmen, innehalten, zur Besinnung kommen: All das verspricht die Achtsamkeit. Sie ist fixer Bestandteil von Therapien, Entspannungsmethoden und Lebenskunst-Praktiken, angeboten von einer wachsenden Zahl mehr oder weniger qualifizierter Dienstleister. Bei verschiedensten Tätigkeiten wird sie empfohlen und angeleitet: nicht nur in formaler Meditation, sondern auch beim Essen und Kochen, Wandern und Spazieren, Gärtnern und Teetrinken, Spielen und Sammeln, oder auch in der Sexualität (weit über Tantra-Seminare hinaus).

Der Elchtest der Achtsamkeit aber liegt bei tendenziell unangenehmen Tätigkeiten – etwa beim Geschirrspülen, worauf der buddhistische Lehrer Thich Nhat Hanh hingewiesen hat: Wer etwa beim Abwaschen nicht im gegenwärtigen Moment sein kann und stattdessen schon an eine süße Nachspeise denkt, der werde dann oft auch diese Süßigkeit nicht richtig genießen, weil er selbst beim Essen der Nachspeise nicht wirklich präsent sein könne und innerlich bereits an der Zukunft hänge, so der Zen-Mönch sinngemäß.

Auditive und visuelle Leser

Kein Wunder also, dass heute auch das achtsame Lesen hoch im Kurs steht. In der digitalen Welt ist schließlich auch das Lesen zu einem immer schnelleren Aufsaugen von Texten verkommen: Nachrichten und Informationen sind am Computer oder Smartphone in schier unendlicher Menge verfügbar; in den sozialen Medien buhlt eine Flut an Meldungen um Aufmerksamkeit. All das verleitet zur „Fast-Food“-Lektüre, und die ist bekanntlich wenig nahrhaft. Es bleibt ein schlechter Nachgeschmack. Was aber ist achtsames Lesen?

Darüber hat sich u. a. die britische Bibliotherapeutin Ella Berthoud Gedanken gemacht. Biblio­therapeuten gehen davon aus, dass die Auseinandersetzung mit literarischen Werken bei persönlichen und zwischenmenschlichen Problemen hilfreich sein kann. Sie präsentieren Erzählungen im therapeutischen Setting und versuchen, ihren Klienten die passenden Bücher zu „verschreiben“, je nachdem, mit welchen Schwierigkeiten diese gerade konfrontiert sind. Sie glauben, dass jeder gelesene Roman, jedes poetische Werk, Spuren in der Persönlichkeit hinterlässt – auch auf einer tieferen, unbewussten Ebene. Wer achtsam liest, verstärkt die heilsamen Effekte der Lektüre, die seit Platon und Aristoteles eindrucksvoll beschrieben sind.

Das ist die These, die Berthoud in ihrem Buch „The Art of Mindful Reading“ (Leaping Hare Press, 2019) vertritt. Darin hat sie einige interessante Fakten und Anregungen versammelt: Dass allein der Akt des Lesens zur Beruhigung führen kann, darauf deuten Studien, die einen positiven Einfluss auf körperliche Parameter wie den Herzschlag dokumentieren. Lesen wirkt auch auf das Gehirn entspannend. Das gilt wohl ebenso für das aufmerksame Zuhören: Dass man Kindern vor dem Einschlafen Gute-Nacht-Geschichten vorliest, scheint also gut begründet zu sein.

Gerade die Lyrik lädt zu vertieftem Lesen ein: sich einzustimmen, auf Resonanzen zu achten und sie nachklingen zu lassen.

Durch eine Meisterleistung des Gehirns werden die gedruckten Buchstaben beim Lesen in geis­tige Bilder und Landschaften übersetzt. Menschen zeigen dabei unterschiedliche Neigungen, die durch achtsame Lektüre erkundet werden können. So gibt es auditive Typen, die gerne laut lesen und sensibel auf den Klang und Rhythmus der Sprache reagieren. Für sie empfehlen sich Audiobücher, die sich weltweit steigender Beliebtheit erfreuen. Es gibt visuelle Leser, denen es sehr leicht fällt, in die Bild- und Fantasiewelten der Bücher einzutauchen. Und es gibt kinästhetische Leser, die sich bei der Lektüre gern bewegen und die physische Realität des Buches (Berührung, Geruch etc.) zu schätzen wissen. Wer sich seiner Neigung bewusst ist, vermag seine Leseerfahrung zu bereichern, so Berthoud. Gerade die Lyrik lädt zu vertieftem Lesen ein: sich in Ruhe einzustimmen, langsam und mit Pausen zu lesen, auf resonante Passagen zu achten – und die Lektüre am Ende nachklingen zu lassen.

Das Gehirn „erfrischen“

Schade nur, dass Berthoud nirgendwo definiert, was „Achtsamkeit“ genau ist, zumal der Begriff heute zunehmend verwässert wird. Manche ihrer Ideen sind witzig (Lesen beim Yoga), andere aberwitzig (Lesen auf dem Fahrrad oder gar Einrad). Zu bezweifeln ist, dass Lesen nach einem langen Bürotag das Gehirn noch „erfrischen“ kann, wie die Autorin meint. Bewegung an der frischen Luft wäre da viel naheliegender. Und Achtsamkeitspuristen würden ihren Vorschlag, beim Essen zu lesen, vehement zurückweisen. Wer achtsam liest, kann schließlich nicht mehr achtsam essen (und vice versa). Das ist auch der Grund, warum etwa in vielen buddhistischen Meditationsseminaren jede Art von Ablenkung unerwünscht ist – auch das Lesen selbst.