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Zur misslichen Lage der Welt

Das Worldwatch Institute ist bekannt durch die alljährlichen Publikationen "Zur Lage der Welt". Die FURCHE sprach mit dessen Präsident, Christopher Flavin, über globale Umweltpolitik.

Das Worldwatch Institute beschäftigt sich mit Themen der globalen Nachhaltigkeit und umweltverträglichen Technologien. Letzte Woche weilte dessen Präsident, Christopher Flavin, im Rahmen des Zukunftsdialogs der E-Wirtschaft in Wien. Die FURCHE sprach mit ihm.

Die FURCHE: Deutschland ist für Sie ein Vorbild bei erneuerbarer Energie. Warum?

Christopher Flavin: Deutschland hat sehr viel richtig gemacht. Seit April 2000 gilt das Erneuerbare Energie-Gesetz. Davor, in den 1990er Jahren, lag der Anteil erneuerbarer Energie an der Stromerzeugung bei vier Prozent. Heute sind es 14 Prozent. Jedes Land hätte das erreichen können. Deutschland hat weder bei Wind noch bei der Sonne besonders gute natürliche Voraussetzungen.

Die FURCHE: Bei einem Vergleich von Deutschland mit den USA wird das sehr deutlich.

Flavin: Wenn wir allein die Windkraft betrachten: Deutschland hatte 2007 eine installierte Leistung von 22.247 MW, die USA 16.818 MW. Dabei sind die USA 23-mal größer als Deutschland.

Die FURCHE: Wie hoch könnte der Windanteil an der Stromerzeugung in den USA sein?

Flavin: Fast der gesamte Strombedarf der USA könnte in Windfarmen in den "Great Plains" erzeugt werden, von Texas im Süden bis zu den Dakotas im Norden. Tatsächlich investiert nun ein texanischer Milliardär mit dem Namen T. Boone Pickens - was für ein Name für einen Texaner! - riesige Summen in Windfarmen und ein neues Leitungsnetz. Ein Republikaner, der sein Geld mit Öl gemacht hat, der bei der letzten Präsidentschaftswahl vor vier Jahren bösartige Anzeigen gegen John Kerry finanzierte, einer, der Teil der "rechten Verschwörung" ist, wie einige Leute das nennen.

Die FURCHE: Er alleine oder auch andere?

Flavin: Er will, dass das ganze Land das Projekt realisiert. Der Typ zieht eine riesige Werbekampagne auf, schaltet millionenteure TV-Anzeigen. Er hat seinen Plan den führenden Demokraten und Republikanern im Kongress vorgestellt. Bei dieser Wahl bleibt er strikt neutral, er will nur die Windkraft propagieren.

Die FURCHE: Dennis Meadows, Mit-Autor von "Die Grenzen des Wachstums", meint, dass die Demokraten in der Energiepolitik nicht besser als die Republikaner seien.

Flavin: Das ist Nonsense. Ich weiß nicht, in welchem Zusammenhang Dennis das gesagt hat. Es gibt einen enormen Unterschied zwischen Demokraten und Republikanern.

Die FURCHE: Welchen?

Flavin: Die Republikaner sind der Ölindustrie viel mehr ergeben. Energiediversität in der Bush-Regierung heißt, dass der Präsident aus einer Ölfirma kommt und der Vizepräsident aus einer anderen.

Die FURCHE: Angenommen, Obama wird Präsident. Werden sich dann die USA dem neuen Klimavertrag, der nächstes Jahr in Kopenhagen verhandelt wird, anschließen?

Flavin: Die neue Regierung wird hart daran arbeiten. Das wird natürlich mit den Europäern zu einigen Problemen führen. Wir brauchen ein wirklich innovatives Denken, damit es für den Kongress akzeptabel wird. Der Clinton-Regierung ist das beim Kyoto-Vertrag nicht gelungen. Offen gesagt, nicht einmal für die Wirtschaftsleute in der Clinton-Regierung war der Vertrag akzeptabel.

Die FURCHE: Private Investoren in den USA investieren viel in erneuerbare Energien. Gibt es Gesetze, die das begünstigen?

Flavin: 27 Bundesstaaten haben bereits Gesetze zur erneuerbaren Energie. Nicht wie das deutsche Gesetz, aber dennoch hilfreich. Und die hohen Ölpreise haben die Entwicklung vorangetrieben.

Die FURCHE: In welche Technologien wird besonders investiert?

Flavin: Windenergie ist für Risikokapitalgeber nicht interessant, da die Technologie ziemlich ausgereift ist. Solarenergie ist das große Thema. Im Silicon Valley dreht sich alles um Silizium. Daraus sind die Computerchips, daraus macht man Photovoltaik. Auch Biotreibstoffe, besonders der zweiten und dritten Generation, sind interessant.

Die FURCHE: Photovoltaikanlagen sind attraktiv, weil für jeden sichtbar. Effizienter ist es, Häuser zu dämmen. Geschieht da etwas?

Flavin: Eine ganze Menge. Energieversorger bieten Hauseigentümern an, ihr Haus thermisch zu sanieren, ohne dafür Geld zu verlangen. Das durch den niedrigeren Energieverbrauch gesparte Geld teilen sich die beiden. In Kalifornien ist der Stromverbrauch nur mehr halb so hoch wie im Rest des Landes.

Die FURCHE: Ihr Institut arbeitet viel mit China. Was tun Sie genau?

Flavin: Wir beraten dort politische Entscheidungsträger. Umgekehrt wollen wir der Welt mitteilen, was in China wirklich geschieht.

Die FURCHE: Warum ist das chinesische Gesetz zur erneuerbaren Energie so ähnlich wie das deutsche?

Flavin: China hat erkannt, dass es gut für das Land ist, erneuerbare Energien zu entwickeln. Nicht nur aus ökologischen, sondern überwiegend aus ökonomischen Gründen. Bereits jetzt sind drei Viertel der weltweit installierten thermischen Solaranlagen auf chinesischen Dächern. In China - und vielleicht generell in Asien - ist man sehr gut im langfristigen Denken, im Treffen von harten Entscheidungen, die langfristig nützen. Darin sind die Amerikaner am schlechtesten, und die Europäer irgendwo in der Mitte. In den vergangenen drei Jahren hat China enorm viel getan: Die Energieeffizienzstandards bei Geräten und Autos wurden erhöht, Gebäudeordnungen geändert. Der ganze Zugang hat sich geändert.

Die FURCHE: Eine letzte Frage: Wie beurteilen Sie Österreich in Energiefragen?

Flavin: Auf einer Skala von A bis F, den US- Schulnoten, würde ich Österreich ein C minus geben. Österreich sollte die Kraftwärmekopplungen ausbauen. Von der Natur ist Österreich begünstigt, nur 30 Prozent der Stromerzeugung basiert auf Gas und Kohle. Man sollte sich bemühen, ganz auf erneuerbare Energien umzusteigen.

Die Autorin ist freie Journalistin.

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