Marienerscheinungen: Die Frage nach dem Übernatürlichen offen halten

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Marienerscheinungen gehören zur katholischen Kirche wie das Amen im Gebet. Rom stellt deren Anerkennung nun auf neue Beine: ein gelungener Spagat zwischen Volksfrömmigkeit und Vernunft.

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Marienerscheinungen gehören zur katholischen Kirche wie das Amen im Gebet. Rom stellt deren Anerkennung nun auf neue Beine: ein gelungener Spagat zwischen Volksfrömmigkeit und Vernunft.

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Landläufig werden mit dem katholischen Kosmos Marienerscheinungen und die damit verbundenen Wunder(heilungen) verbunden. Da mag man ein der Rationalität verpflichteter Zeitgenosse sein und den Beurteilungsmethoden der Naturwissenschaft folgen: Volksfrömmigkeit schert sich wenig um deren Erkenntnisse. Millionen Pilger nach Lourdes in Südfrankreich (das auf Marienerscheinungen 1858 zurückgeht), ins portugiesische Fatima (wo drei Hirtenkinder 1917 ebensolche ausgemacht hatten) oder auch ins herzegowinische Međugorje, wo die marianischen Manifestationen von 1981 bis heute andauern, sprechen eine klare Sprache.

Auch wenn theologisch klar ist, dass der christliche Glaube derartige Erscheinungen nicht benötigt, ist die Kirchengeschichte voll davon. Man kann aber der katholischen Kirchenleitung zugutehalten, dass sie heute hier restriktiv agiert. Es gibt ja viele Gründe für besondere Vorsicht: Da gilt es, darauf zu schauen, ob es sich bei den Erscheinungen nicht um psychopathologische Phänomene handelt. Daneben ist zu prüfen, ob hinter „Wundern“ nicht ganz irdische Interessen stecken: Eine ordentliche Marienerscheinung kann schon ökonomische Vorteile bringen (die ORF-Serie „Braunschlag“ nahm dies vor einigen Jahren mit der Fiktion einer Marienerscheinung im Waldviertel satirisch auf). Und so manches „Wunder“ wird durch eine rationale Erklärung schnell entzaubert: Erst dieser Tage entpuppte sich das „Blut“ auf einer Madonnenstatue in Sachsen als rötlich gefärbte Milben. Ja sogar für die mehrmals pro Jahr stattfindende Verflüssigung der Blutreliquie des Heiligen Januarius in Neapel gibt es eine naturwissenschaftliche Erklärung.

Religion muss „Sitz im Leben“ bewahren

Hinter dem bis heute präsenten Wunderglauben steckt die tiefsitzende Sehnsucht danach, was rationale Erklärung übersteigt. Religion bedeutet ja den Versuch, nicht nur Fragen nach dem Woher und Wohin des Menschen und dem Grund dahinter aufs Tapet zu bringen, sondern diese Sehnsucht auch einzuhegen. Aber auch wenn Religion sich fürs Übernatürliche zuständig fühlt, muss sie sich ihren „Sitz im Leben“ bewahren, sie muss sich mit dem Wissen, das den technischen Fortschritt der Menschheit gewährleistet, jedenfalls ins Einvernehmen setzen. Salopp gesagt sind „Wunder“ und „Wissenschaft“ unter einen Hut zu bringen.

Papst Paul VI. hat bereits 1978 „Normen für das Verfahren zur Beurteilung mutmaßlicher Erscheinungen und Offenbarungen“ erlassen. Allerdings wurden diese Bestimmungen erst 2011 veröffentlicht – offenbar hatte die Kirchenleitung Sorge, dass die darin angeführten Restriktionen zu Unmut im Kirchenvolk führen könnten. Diese Vorgangsweise zeitigte absurde Situationen: So befassten Diözesanbischöfe die Glaubenszentrale in Rom mit der Frage, ob eine bestimmte Manifestation übernatürlichen Ursprungs sei, und die Glaubenskongregation gab dazu auch ihr Votum ab und wies den Bischof an, wie er zu entscheiden habe. Gleichzeitig verbot sie ihm aber, bekanntzumachen, dass er auf Weisung der Glaubensbehörde gehandelt habe, ja, er durfte nicht einmal erwähnen, dass er Rom mit der Causa befasst habe.

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