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1939: Registrierung und Sondergesetze

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Auch für die Burgenlandzigeuner Ist die Volkszählung 1939 eine wahre Fundgrube. Zwar wurde die Sprachzugehörigkeit der Zigeuner nicht gezählt, von der (zweifellos existierenden) Zigeunersprache6 nahm man keine Notiz in einer eigenen Rubrik „Zigeunersprache“. Wohl aber wurden die Zigeuner der Volkszugehörigkeit nach gezählt. Das ergab folgendes Bild:

Insgesamt wurden also in den zu den Reichsgauen Steiermark und Niederdonau geschlagenen Teilen des Burgenlandes und einschließlich der ganz geringen Anzahl der Zigeuner im übrigen Niederdonau und Steier-

mark, soweit dort überhaupt eine Minderheitenzählung stattfand, 6292 Zigeuner der Volkszugehörigkeit nach gezählt. Das ist ungefähr dieselbe Anzahl, die 1934 gezählt wurde. Die Zählmethode läßt sich heute nur noch ungenau rekonstruieren. Das nationalsozialistische Regime behandelte die Zigeuner nicht viel besser als die Juden. Sie galten als „rassisch minderwertig“, und die neuernannten nationalsozialistischen Bürgermeister des Burgenlandes forderten Ende Juni in einer einhelligen Eingabe an den Landeshauptmann (Port-schy) des damals noch nicht aufgelösten Burgenlandes Ende Juni 19387, daß ein Sondergesetz gegen die Zigeunerplage erlassen werden solle, da sich deren Zahl in unerträglicher Weise von 1922 bis 1933 von 4000 auf 8000 vermehrt habe. Auch hier zeigt sich wieder die Problematik statistischen Zahlenmaterials.

Zuviel und Zuwenig

Jedenfalls gab es bei der Volkszählung 1939 zwei Strömungen: die eine, möglichst wenige Zigeuner zu ermitteln, die andere, möglichst viele zu ermitteln, damit „national unzuverlässige Elemente“ ausgeschaltet werden könnten. Nach der Art der Fragestellung in Verbindung mit der sicherlich oft vorgekommenen amt-

liehen Feststellung als Zigeuner wird am annehmen können, daß die 1939 ermittelte Zahl der Volkszigeuner der Wahrheit nahekam, aber hinter den wirklichen Ziffern noch ein wenig zurückblieb. Die Sprachzugehörigkeit (Muttersprache) wurde nur lückenhaft so erfaßt, daß in einzelnen Gemeinden und Landkreisen die Angehörigen „anderer Muttersprache“ (anders als deutsch, magyarisch, kroatisch, in Steiermarks Burgenlandgemeinden auch slowenisch, in den Burgenlandgemeinden in Niederdonau auch tschechisch und slowakisch) gezählt wurden, die offenbar Angehörige der Sprachminderheit der Zigeuner gewesen sind.

Die nach der Volkszugehörigkeit stärksten Zigeunergemeinden waren Markt Stegersbach (230), Buchschachen (241) Markt Bernstein (195), Oberwart (332), Markt Unterwart

(195), Schreibersdorf (211), Neustift an der Lafnitz (206), Holzschlag (265) und Unterschützen (159).

Krieg im Krieg

Das Dritte Reich bereitete späterhin den Zigeunern ein schreckliches Schicksal. Die „Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens“ erreichte die diskriminierende Erfassung der Zigeuner durch die Stapo-Leitstellen in Wien und Graz mittels „Begutachtungsbezeichnung“8 des Reichsgesundheitsamtes und anschließender Kennzeichnung der so

erfaßten Vollzigeuner, sodann Zwangsarbeitsdienst und höhere Besteuerung gleich jener der Juden („Sozialausgleichsabgabe“). Obwohl viele Burgenlandzigeuner sich als Soldaten sehr bewährten, wurden sie später als wehrunwürdig erklärt. Nach vorübergehender Ansammlung im Zigeunerkonzentrationslager Lakkenbach wurden die meisten Burgenlandzigeuner 1942/43 zwangsverschickt. Man rechnet, daß etwa zwei Drittel von ihnen diese Verfolgungen nicht überlebten. Die Zurückgekehrten kamen allerdings mit nicht unbeträchtlichen Vermögenswerten zurück (vorwiegend aus dem Osten) und erhielten selbstredend auch Wiedergutmachung.

Heutige Situation

Die Anzahl der Zigeuner im heutigen Österreich ist sehr schwer, zu

ermitteln, da eine Zählung nach Volkszugehörigkeit überhaupt nicht und nach Sprachzugehörigkeit nur im Burgenland und nur nach der auch hier sehr trügerischen Umgangssprache vorgenommen wurde. 1961 zählte man als Zigeuner nach der Umgangssprache im Burgenland nur 433 Personen, davon im Bezirk Oberwart 221 und im Bezirk Oberpullendorf 79. Sachkenner9 nehmen an, daß in Österreich heute insgesamt mindestens 3000, wahrscheinlich aber zwischen 4500 und 5000 Zigeuner der Volkszugehörigkeit leben.

Wenn diese Zahlen wirklich richtig sein sollten, so muß die Vernichtung von zwei Drittel der Burgenlandzigeuner im Dritten Reich durch Zuwanderung aus Ungarn im Rahmen der Fluchtbewegung 1945 (und vielleicht auch später, da die Zigeuner in den kommunistischen Ländern rücksichtslos verfolgt werden) und durch die bekannt hohe Geburtenrate ausgeglichen worden sein. Die Zigeuner im heutigen Österreich leben zu erheblichem Teil auch in Wien und Niederösterreich (Baden, Mödling, Siebenhirten), wo sie vielfach seßhaft wurden und oft gar nicht als Zigeuner auffallen... Die österreichischen Zigeuner sind durchweg „Romani“, nur in den Wiener Randgebieten sind es „Sinti“ (gaje).

Der Fall Stegersbach

Um eine echte Betreuung der Zigeuner als Volksgruppe hat sich nur das Vaterländische Regime 1933 bis 1938 bemüht, das ja auch die erwähnte Zählung nach der Volkszugehörigkeit 1934 durchführte. In Stegersbach als der Gemeinde mit der relativ größten Zigeunerzahl wurde eine Zigeunervolksschule mit acht Schulstufen (nach damaligem bur-genländischem Schulrecht als Schul der Katholischen Apostolischen Administrator) errichtet“. Der Lehrplan gibt allerdings zu Bedenken Anlaß, so zum Beispiel, wenn ein Lehrgegenstand (Form B 1) lautete: „Die Zigeuner als Landplage.“ Immerhin setzte sich die Schule, die anfangs boykottiert wurde, allmählich bei den Zigeunern durch und erzielte gute Erfolge. Weitere Schulen waren geplant, wurden aber nicht mehr errichtet. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung wurde die Schule Stegersbach geschlossen.

Heute sprechen die Zigeuner Österreichs noch immer ihre Sprache als Haus- und Familiensprache, obwohl sie oft genug außer ihren Zeichen weder lesen noch schreiben können, es keine Lehrbücher gibt und kaum ernstzunehmenden Unterricht.

Die österreichische Minderheitenrechtsordnung schützt die Zigeuner zwar mittels des formellen Gleichheitsgrundsatzes, anerkennt sie aber zu Unrecht weder als Volksgruppe noch als Sprachminderheit.

In der nächsten Nummer: Die Magyaren

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