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Skupna Koroska - Gemeinsames Kärnten

Kärnten gedenkt in diesen Ta- igen der 70. Wiederkehr des Tages der Volksabstimmung am 10. Oktober 1920. Die Auflösung Öster- reich-Ungarns führte bezüglich der territorialen Zukunft Südkärntens zu einer Auseinandersetzung zwi- schen Österreich und dem neuge- gründeten südslawischen Staat der Serben, Kroaten und Slowenen. Ju- goslawien forderte die Einbezie- hung des von Slowenen bewohnten Teiles Südkärntens in den südsla- wischen Staat. Die bewaffnete Aus- einandersetzung ist unter der Be- zeichnung „Kärntner Abwehr- kämpf" in die Geschichte des Lan- des eingegangen. Auf der Friedens- konferenz in Paris wurde im Mai 1919 bezüglich der territorialen Zugehörigkeit des umstrittenen Gebietes eine Volksabstimmung beschlossen. Bei der am 10. Okto- ber 1920 in 51 Gemeinden Süd- kärntens erfolgten Abstimmung stimmten 22.025 Personen für Österreich, das sind 59,04 Prozent der Abstimmungsberechtigten, für den SHS Staat der Südslawen 15.279 Personen, das sind 40,96 Prozent (siehe auch Seite 12).

In der Dokumentation, die das Kärntner Landesarchiv aus Anlaß der 70. Wiederkehr der Kärntner Volksabstimmung unter dem Titel „Der 10. Oktober 1920 - Kärntens Tag der Selbstbestimmung" her- ausgegeben hat, wird der von den Kärntner Slowenen für Österreich abgegebene Stimmenanteil mit fol- genden Worten besonders hervor- gehoben: „Für Österreich waren etwa 12.000 Stimmen von Stimm- berechtigten mit deutscher, etwa 10.000 Stimmen von Stimmberech- tigten mit slowenischer Umgangs- sprache abgegeben worden. Diese gaben den Ausschlag für Öster- reich." Somit hat erst die gemein- same Stimmabgabe für Österreich die Entscheidung für ein ungeteil- tes Kärnten ermöglicht.

Bei jenem Teil der slowenischen Bevölkerung, der für Österreich gestimmt hat, hat die Tatsache eine Rolle gespielt, daß Kärnten als geschlossener Wirtschaftsraum mit den Wirtschaftszentren Klagenfurt, Villach und Völkermarkt der bäu- erlichen Bevölkerung und den Gewerbetreibenden die Sicherung ihrer Existenz eher in Aussicht stellte, als die auch mit Verkehrs- mitteln damals noch schwer er- reichbaren Gebiete südlich der Karawanken. Die gegenüber dem neugegründeten südslawischen Staat in Österreich fortschrittliche- re Sozialgesetzgebung, das auch bei den Kärntner Slowenen stark aus- geprägte Landesbewußtsein und Österreichbewußtsein sind weitere Gründe, die bei der slowenischen Bevölkerung Südkärntens die Stim- mabgabe für Österreich mit beein- flußt haben.

In der erwähnten Publikation des Kärntner Landesarchivs zum 10. Oktober 1920 wird als führende Persönlichkeit, die unter den Kärnt- ner Slowenen für den Verbleib Südkärntens bei Österreich einge- treten ist, Monsignore Valentin Pod- gorc, eigens gewürdigt. Vor allem aber hat für das Verhalten eines be- trächtlichen Teiles der Kärntner Slowenen bei der Volksabstimmung die feierliche Erklärung des Kärnt- ner Landtages eine Rolle gespielt, in der die Abgeordneten als Grund- satz der zukünftigen Landespolitik eine Politik der Versöhnung und Gerechtigkeit unter Wahrung der sprachlichen und nationalen Eigen- art verkündet haben.

Trotz des für Österreich eindeu- tig erbrachten Beitrages der Kärnt- ner Slowenen zur Landeseinheit, hatte man bei den Feiern zum 10. Oktober in der Vergangenheit nicht selten den Eindruck, als wäre es bei der Volksabstimmung um einen Sieg der Deutschen über die Slowe- nen gegangen. Der Charakter der Abstimmungsfeiern hat sich aus der Sicht der Slowenen bis zum heuti- gen Tag grundsätzlich kaum geän- dert.

Die von maßgebenden Kreisen zur Zeit der Ersten Republik und des Nationalsozialismus geförderte Ideologie, die slowenischen Kärnt- ner Dialekte wären eine deutsch- slowenische Mischsprache ohne Schriftlichkeit, welche von soge- nannten „Windischen", deren Wil- le es sei, im deutschen Kulturkreis aufzugehen, gesprochen werde, prägte den Geist der Abstimmungs- feiern. Außerdem wirkt bei den Nachkommen jener Slowenen, die 1920 für Jugoslawien gestimmt haben, die programmatische Aus- sage, die nach der Volksabstimmung in der Zeitschrift „ Kärntner Lands- mannschaft" vom 20. Oktober 1920 als Botschaft und Programm veröf- fentlicht worden ist, nach: „Kärn- tens großer Tag ist vorüber. Kärn- tens größerer Tag bricht an. Jener war der Abrechnung bestimmt, dieser wird der Versöhnung und Verständigung geweiht sein.

Ehe wir aber das Werk der Liebe beginnen, laßt uns erst jenes der Vergeltung vollenden. Los und le- dig wollen wir sein all derjenigen, die den heiligen Frieden unserer Heimat schändeten, da sie unseli- gen Haß schürten und Euch betro- gen um die Ruhe und das Glück vieler Monate. Ihnen keine Versöh- nung, nur Abscheu, glatte, reine Abrechnung und dann das Tisch- tuch zwischen uns und ihnen zer- rissen."

All das hat dazu geführt, daß es bisher zu keinen, gemeinsam vor- bereiteten offiziellen Landesfeiern zum 10. Oktober gekommen ist. Auch im Zusammenhang mit den diesjährigen Jubiläumsfeiern wur- den die Vorschläge der Kärntner Slowenen kaum berücksichtigt (siehe Seite 11). Solche Anregun- gen wurden vom Rat der Kärntner Slowenen und vom Zentral verband slowenischer Organisationen sowie von der katholischen Kirche im Volksgruppenbeirat eingebracht und an die zuständigen Stellen in Kärnten weitergeleitet. Es hat auch nicht an Vorschlägen zur Überbrük- kung divergierender Auffassungen gegeben.

Trotz allem ist im Vergleich zu den vergangenen Jahren ein Fort- schritt gegeben: In Publikationen und in "offiziellen Aussagen von politischen Vertretern im Lande wird vom Beitrag der Deutschen und Slowenen zum Ergebnis der Kärntner Volksabstimmung ge- sprochen. Im Zusammenhang mit dem Ergebnis der Volksabstim- mung wird auf die Erklärung des Kärntner Landtages vom 28. Sep- tember 1920, betreffend Wahrung der sprachlichen und nationalen Eigenart der Kärntner Slowenen und die sich daraus ergebenden Konsequenzen Bezug genommen; bei der Feierstunde des Landes am Hauptplatz in Klagenfurt wird am 10. Oktober von einem Gemein- schaftschor auch das slowenische Lied „Roz, Podjuna, Zila", das die engere Heimat der Kärntner Slo- wenen, das Rosental, Jauntal und Gailtal zum Inhalt hat, gesungen werden. Es gibt Gemeinden, in de- nen es zu gemeinsamen Veranstal- tungen kommen wird, die sloweni- sche und deutschsprachige Jugend hat ein in die Zukunft weisendes gemeinsames Programm für ein Al- pen-Adria-Jugendtreff organisiert.

Die Bereitschaft, den Veranstal- tungen zum 10. Oktober einen zu- kunftsweisenden Aspekt zu geben, kommt auch in verschiedenen Al- ternatiweranstaltungen, wie Kon- gressen, Symposien, Diskussions- abenden, Vorträgen aus den Berei- chen des Minderheitenschutzes, der Volksgruppenpolitik, der Integra- tionspresse im Alpen-Adriaraum und so weiter zum Tragen. Es sind dies Initiativen, in denen der Bezug zum 10. Oktober zwar nicht fehlt, die jedoch eingebettet sind in die großen Entwicklungen und Ent- scheidungen in Europa.

Abschließend können wir im Zusammenhang mit der Kärntner Volksabstimmung, den Ereignissen vor 70 Jahren und der landespoliti- schen Situation heute, folgende Feststellung treffen: Die Chancen, die sich im Hinblick auf die Gestal- • tung eines zukünftigen gemeinsa- men Kärnten in diesem Jahr erge- ben haben, wurden nur teilweise genützt. Zu einer globalen Aufar- beitung von Fragen, die das Ver- hältnis der Volksgruppen zueinan- der und das Verhältnis zwischen dem offiziellen Kärnten und den Kärntner Slowenen betreffen, ist es nicht gekommen. Das Auf einan- derzugehen der Menschen in die- sem Lande ist jedoch unverkenn- bar, wenngleich für eine Selbstzu- friedenheit kein Grund besteht.

Was die zukünftigen Feiern und Veranstaltungen zum 10. Oktober betrifft, aber muß gesagt werden, daß die Kärntner Slowenen die Präsenz bei solchen und ähnlichen Veranstaltungen nicht sosehr in folkloristischen Darbietungen se- hen, sondern eine Teilnahme in der Substanz wünschen. Die Kapazität dazu besitzen sie. Man möge sie ernst nehmen.

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