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Kein religiöser Konflikt im Kosovo

Unter der Leitung von Helmut Kramer (Uni Wien) und Werner Freistetter (IRF) erhoben zwei Projektgruppen im Kosovo den Stand des politischen und wirtschaftlichen Wiederaufbaus sowie die Rolle der Religionsgemeinschaften. von helmut kramer, gerhard dabringer

Wenn man den Kosovo vier Jahre nach Ende des erfolgreichen NATO-Krieges gegen das MilosÇevi´c-Regime bereist, bietet sich ein äußerst widersprüchliches Bild. In dem Land - völkerrechtlich gesprochen immer noch einer serbischen Provinz - gibt es einen Bauboom ohnegleichen. Die Sicherheitssituation ist durch die starke Präsenz der KFOR-Truppen wesentlich verbessert worden, wobei hier unbedingt erwähnt werden muss, dass der Beitrag des österreichischen Bundesheeres, das ungefähr ein Neuntel des kosovarischen Territoriums kontrolliert und absichert, ein sehr wichtiger und ausgesprochen positiver ist.

Es gibt zwar noch militärische KFOR-Kontrolleinrichtungen vor den Dörfern, in denen vor allem Serben wohnen. In PrisÇtina, einer Stadt, die in Verkehr, modernen Neubauten und westlichen Modestandards von Mädchen und Frauen kaum mehr von Zagreb, Ljubljana oder Graz zu unterscheiden ist, kann auf der Straße wieder Serbisch gesprochen werden. Es gibt ein Parlament, einen Präsidenten, Ibrahim Rugova, Literaturprofessor und Symbol der Unabhängigkeitsbestrebungen des Kosovo, und eine von der UNMIK, der Kosovo-Mission der Vereinten Nationen, die das Land politisch noch immer stark dominiert, politisch und administrativ kontrollierte Regierung.

Organisierte Kriminalität

Die andere Seite der Medaille im Kosovo ist, dass die Wirtschaftssituation trotz der enormen finanziellen Zuschüsse der internationalen Gemeinschaft, vor allem der Europäischen Union, immer noch als katastrophal zu bezeichnen ist. An die 80 Prozent der kosovarischen Gesellschaft dürften ohne fixe Beschäftigung sein. Besonders hart trifft diese Situation die Jugend - Kosovo ist vom Altersdurchschnitt gesehen eine der jüngsten Gesellschaften Europas.

Die sehr schlechte wirtschaftliche Situation nährt natürlich die organisierte Kriminalität, kosovarische, albanische und serbische Gangs - hier gibt es offenbar überhaupt keine interethnischen Probleme - haben ein brutales Netz des Frauenhandels aufgezogen. Über den Kosovo verläuft eine der wichtigsten Drogenrouten aus der Türkei und Zentralasien, daneben gibt es einen äußerst florierenden Zigarettenschmuggel (an dem - siehe Montenegro - auch die politische Klasse des Balkans mitschneidet).

Neuanfang mit UNMIK

Neben der wirtschaftlichen Situation, die sich in letzter Zeit auch dadurch verschlechtert hat, dass die Finanzströme der albanisch-kosovarischen Diaspora der über einer halben Million, v.a. in der Schweiz, Deutschland und Österreich arbeitenden Auslandskosovaren, deutlich geringer werden, ist aber vor allem auch die politische Situation im Kosovo in wichtigen Punkten ziemlich schwierig und wenig zufriedenstellend. Die UNMIK hat mit Hilfe der OSZE und vieler westlicher NGOs ab Herbst 1999 versucht, die kosovarische Politik und Gesellschaft sozusagen aus dem Nichts aufzubauen. Nach der totalen Kontrolle und Unterdrückung der Serben über die albanisch kosovarische Mehrheit über Jahrzehnte hinweg und intensiviert in den neunziger Jahren unter MilosÇevi´c gab es äußerst schlechte Voraussetzungen für den Aufbau eines westlichen Parteiensystems, einer modernen Verwaltung, einer Rechtssprechung und eines den Bedürfnissen des Landes entsprechenden Schulsystems.

Die UNMIK hat unter ihren prominenten Sonderrepräsentanten Kofi Annans - Kouchner, Häkkerup, Steiner und nun des Finnen Holkeri - in vielen Punkten sehr gute Arbeit geleistet. Dennoch nahm in den letzten Monaten die Feindseligkeit der albanischen Kosovaren und ihrer politischen Vertreter gegenüber den "Internationals" signifikant zu. Es wird der UNMIK vorgeworfen, dass sie die Verhandlungen über den Unabhängigkeits-Status mit ihrem Motto "Standards before Status" unnötigerweise blockiert und dass die starke Rolle der UNMIK-Vertreter ähnlich wie in Bosnien-Herzegowina, zu einer recht problematischen Protektoratssituation geführt habe.

Schwierige Rückkehr

Verstärkt werden diese Probleme dadurch, dass vier Jahre nach Ende des Krieges eine "Versöhnung" zwischen den albanischen Kosovaren und den Serben und anderen Minderheiten im Kosovo nur in Ansätzen spürbar ist. Es ist für die über 200.000 vertriebenen Serben im Kosovo noch immer sehr schwierig, in ihre Siedlungsgebiete und ihre Dörfer zurückzukommen. Die serbischen Vertreter haben zwar zugestimmt, an der parlamentarischen Arbeit teilzunehmen, die Mehrzahl von ihnen gerieren und fühlen sich aber eindeutig nicht als kosovarische Bürger, sondern fühlen sich Belgrad verpflichtet, von wo sie auch beträchtliche finanzielle Zuschüsse bekommen.

Muslime und Christen

Die Eigenart der religiösen Landschaft im Kosovo lässt sich grob gesagt auf zwei historische Gegebenheiten zurückführen: Während der fast 500-jährigen osmanischen Herrschaft konvertierten viele Albaner vor allem aus wirtschaftlichen Gründen zum Islam. So sind auch die meisten Albaner (zirka 87 Prozent) im Kosovo Muslime.

Das Kosovo lag zudem genau an der Grenze der Einflussgebiete des römischen Papstes und des orthodoxen Patriarchen in Konstantinopel: Wie in Nordalbanien gibt es im Kosovo eine bedeutende katholische Minderheit (3 Prozent) unter den Albanern, während praktisch alle Serben (ca. 7 Prozent) der serbisch-orthodoxen Tradition zuzurechnen sind. Religiöse Besonderheiten im Kosovo sind ein sehr gemäßigter, europäisch orientierter Islam, der große Einfluss islamischer Derwischorden im Südosten sowie Heiligtümer, die an besonderen Festtagen von Angehörigen aller drei Religionen aufgesucht werden. In der Gegend des Karadag im Süden leben noch "Kryptokatholiken", ein Relikt aus osmanischer Zeit, als Christen zum islamischen Glauben übertraten, ihre christlichen Überzeugungen und Gebräuche aber zum Teil beibehielten.

Wie in ganz Jugoslawien hat der ökumenische und interreligiöse Dialog im Kosovo kaum Tradition. Nach einem Treffen der religiösen Führer im März 1999 in Wien, gemeinsamen Deklarationen (2000) sowie verschiedenen lokalen Initiativen gelang es nicht, den interreligiösen Dialog auf eine feste institutionelle Basis zu stellen. Die Initiative ging zudem meist von anderen aus: der Weltkonferenz der Religionen für den Frieden, bosnischen Franziskanern oder "World Vision". Das Verhältnis zwischen Katholiken und Moslems ist vor allem wegen der ethnischen Gemeinsamkeiten (zumeist Albaner) gut, Kontakte zu den Vertretern der serbischorthodoxen Kirche gibt es kaum.

Bevor man nach der Rolle der Religionen und ihrer Beziehungen zueinander im Konflikt und für den Versöhnungsprozess im Kosovo fragt, muss man sich vor Augen halten, dass ihr Einfluss in Politik und Gesellschaft relativ gering ist. Das liegt nicht nur an den beschränkten finanziellen oder rechtlichen Möglichkeiten - eine Rechtspersönlichkeit als Religionsgemeinschaft ist bislang nicht vorgesehen -, sondern vor allem an der kommunistischen Prägung und der religiösen Gleichgültigkeit vieler Kosovaren.

So ist der Konflikt im Kosovo nicht durch religiöse, sondern vor allem durch ethnische und gesellschaftliche Unterschiede geprägt. Gegenstand der Auseinandersetzungen waren Sprache, Kultur und Status des politischen Gemeinwesens. Die Übereinstimmung von Religion und Ethnizität wurde allerdings teilweise für propagandistische Zwecke instrumentalisiert beispielsweise wurde von der serbisch-orthodoxen Kirche zeitweilig die nationalistische Politik Serbiens unterstützt.

Serbischer Nationalismus

Mit der nationalistischen Wende und dem Aufstieg MilosÇevi´cs mit seiner Ansprache am Amselfeld 1987 erhoffte die serbische Kirche, ihre Bedeutung in der Gesellschaft zu stärken. MilosÇevi´c verstand es geschickt - unter Beschwörung des nationalen Gründungsmythos und der Geschichte - die serbische Kirche in die nationalistische Politik einzubinden. Für KosovoAlbaner ist deren Präsenz nach wie vor oft noch synonym für die nationalistische Politik Serbiens.

Die serbisch-orthodoxe Kirche steht vor dem Problem, für die anderen Religionsgemeinschaften ein glaubwürdiger Partner in Gesprächen für die Zukunft des Kosovo zu werden. Die anfangs durchaus freiwillige Instrumentalisierung durch die nationalistische Politik Serbiens bzw. der serbischen Kosovaren wurde vor allem von den Moslems nicht vergessen. Der Kurswechsel von Bischof Artemije hat der serbisch-orthodoxen Kirche vor allem bei den serbischen Kosovaren Sympathien gekosten, ohne jedoch eine deutliche Verbesserung der Verhältnisse zu den anderen Religionsgemeinschaften nach sich zu ziehen.

Arabische NGOs

Die islamische Gemeinschaft wird von europäischer Seite vor allem in ihrem Verhältnis zum so genannten arabischen Islam genau beobachtet. Die offen ausgesprochene Abgrenzung gegen diese religiösen Traditionen wird wohl auch unter diesem Aspekt zu sehen sein. Es ist jedoch nicht klar festzustellen ob diese Abgrenzung auch auf lokaler Ebene (z.B. Derwisch-Orden) tatsächlich existiert. Arabische NGOs sind in Kosovo durch den Bau von Moscheen, Ausbildungsstätten (bzw. Ausbildung Geistlicher) sowie Hilfslieferungen aktiv.

Für die katholische Kirche stellt sich die Situation relativ unproblematisch dar: das Verhältnis zur moslemischen Glaubensgemeinschaft ist ein entspanntes. Die serbisch-orthodoxe Kirche hat zwar die Kontakte abgebrochen, ist aber nicht prinzipiell gegen eine Wiederaufnahme derselben.

Die Autoren:

Helmut Kramer ist Professor am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien.

Gerhard Dabringer und Christian Wagnsonner sind wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Religion und Frieden beim Militärbischofsamt.

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