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Sinnlichkeit statt sperrigem Sozial-Kino

1945 1960 1980 2000 2020

Der Favorit "Boyhood" von Richard Linklater gewann bei der Berlinale nur den Regie-Preis. Die großen Gewinner waren Filme aus Asien.

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Der Favorit "Boyhood" von Richard Linklater gewann bei der Berlinale nur den Regie-Preis. Die großen Gewinner waren Filme aus Asien.

Man konnte Richard Linklater die Enttäuschung auf dem Gesicht ablesen: Für seinen Film "Boyhood" erhielt er vergangenen Samstag bei der 64. Berlinale zwar hochverdient den Silbernen Bären als bester Regisseur, jedoch hatte man nach dem ersten Presse-Screening des Films nur mehr noch ihn auf der Liste für den Goldenen Bären, den Hauptpreis des Festivals. Aber die Jury hat ihre Eigenwilligkeit unterstrichen und gleich mehrere Preise, darunter eben auch den Hauptpreis, an das asiatische Kino vergeben. Dort ist im Moment am meisten "los", es ist ein boomender Kinomarkt und die Produktionen werden einerseits mehrheitsfähiger, andererseits zahlreicher und dadurch differenzierter.

Der Goldene Bär ging an den chinesischen Krimi "Bai ri yan huo" (Schwarze Kohle, dünnes Eis) von Yinan Diao. Zudem bekam der Film auch gleich noch den Preis für den besten Darsteller (Fan Liao). Die Kriminalgeschichte, die Elemente des Film Noir mit jenen des Mainstream-Genre-Kinos mischt, dreht sich um mehrere Morde und deren Aufklärung -und all das vor dem Hintergrund moralischer Fragen über Liebe, Rache und Sex. Es strengt an, sich den verschiedenen Strängen des Films zu widmen und darin ein Ganzes zu entdecken, zugleich macht "Bai ri yan huo" auch Spaß und serviert einem entsprechend interessierten Publikum Mordszenen, die man so noch nicht gesehen hat. Und noch zwei Preise gingen nach Asien: Der Preis für die beste Kamera für Jian Zeng und das Drama "Tui Na" (China), sowie der Schauspielerinnen-Preis an Haru Kuroki in "Chiisai Ouchi" (The Little House) von Yoji Yamada (Japan).

Ein "zukunftsweisender" 92-Jähriger

Der Verwunderung nicht genug, vergab die Jury rund um ihren Präsidenten, den Produzenten und Drehbuchautor James Schamus, den Alfred-Bauer-Preis für innovatives, zukunftsweisendes Kino ausgerechnet an Alain Resnais' Arbeit "Aimer, boire et chanter". Der 92-jährige Regisseur zeigte damit allerdings mehr Stillstand als Innovation: Seit vielen Jahren sind seine Dramen theatralische Sprechstücke, zwar von hoher Qualität, aber weit entfernt vom Begriff "zukunftsweisend"."Aimer, boire et chanter" macht da keine Ausnahme.

Neben Linklaters Regiepreis ist auch der Große Preis der Jury ein Trostpreis: Wes Anderson wurde für seinen stilistisch einfallsreichen, wenngleich auch stringent statischen Eröffnungsfilm "Grand Budapest Hotel" ausgezeichnet. Viele hätten auch in ihm einen Bären-Kandidaten gesehen. Keinen vom Format von "Boyhood" zwar, denn der hatte nun wirklich alle beglückt: Arthaus-Fans, Unterhaltungsliebhaber, Kunstkritiker, fast die gesamte anwesende Filmkritik.

Das liegt vor allem daran, dass Linklaters Langzeitprojekt, das er seit 2002 drehte, ein einnehmendes, berührendes Porträt des Erwachsenwerdens mit all seinen Unwegsamkeiten ist: Einmal pro Jahr traf Linklater sich mit den immer gleichen Darstellern, um am Film weiterzudrehen - am Ende ergibt sich daraus das Abbild des Heranreifens der zwei Geschwister Mason (Ellar Coltrane) und Samantha (Linklater-Tochter Lorelei), ohne dass man die Darsteller hätte tauschen müssen - ein Erwachsenwerden in Echtzeit, sozusagen. Das Ganze ist verpackt in eine Spielhandlung, die vom Volksschulalter bis zum Abschluss der Highschool reicht - mit allen Leiden und Freuden, die das Aufwachsen parat hält. Die erste Liebe, der Streit der geschiedenen Eltern (Patricia Arquette und Ethan Hawke), gemeinsame Wochenendausflüge, die Abnabelung von Zuhause. Trotz der langen Drehzeit mit je einem Jahr Pause dazwischen wirkt "Boyhood" stilistisch und optisch wie aus einem Guss. Die wahre Leistung dieses 164 Minuten langen, doch stets unterhaltsamen Films ist aber, dass Linklater ganz nebenbei auch einen Spiegel der US-Gesellschaft mit all ihren Widersprüchen entwirft: Es gibt die typischen Vorstädte, in denen der Großteil der Handlung spielt, mit großen Küchen und großem Garten. Am Wochenende fährt Daddy mit den Kids zum Camping oder geht ins Stadion zu einem Baseball-Spiel. Morgens isst man Erdnussbutter-Sandwiches, und es ist obligatorisch, dass Mason zum 15. Geburtstag vom Opa ein Gewehr bekommt. Schließlich spielt der Film in Texas.

"Boyhood" ist deshalb eines der intensivsten Amerika-Porträts seit vielen Jahren. Das Lebensgefühl einer Nation, die sich als die einzige Weltmacht empfindet, legt Linklater in all seiner Banalität frei, und das ganz ohne Ressentiments. Er liebt sein Land, aller Oberflächlichkeit zum Trotz.

Für das deutsche Kino gab es nur einen Preis, obwohl vier deutsche (und überwiegend durchschnittliche) Filme im Bewerb standen. "Kreuzweg" bekam den Bären fürs beste Drehbuch, das die Geschwister Anna und Dietrich Brüggemann verfassten; sie erzählen eine in nur 14 Einstellungen gedrehte Geschichte, in der ein 14-jähriges Mädchen unter der streng und fanatisch religiösen Erziehung der Eltern leidet. Und weil es um die Pius-Bruderschaft geht, die kirchenintern als Ultra-Hardliner gilt, fand das auch die Ökumenische Jury gut und verlieh dem Film ihren Preis.

Der Goldene Bär der Herzen

Der österreichische Wettbewerbsbeitrag "Macondo" über das Schicksal eines tschetschenischen Flüchtlingsbuben in Wien-Simmering, inszeniert von Sudabeh Mortezai, begeisterte die Jury nicht und blieb ohne Preis. Sozialpolitische Stoffe, wie es sie bei den Berlinale-Preisträgern immer wieder gibt, hatten in diesem Jahr keine Chance.

Das ist grundsätzlich ein gutes Zeichen - nicht immer muss man sperriges Sozial-Kino für preiswürdig befinden, nur weil ein Film ein wichtiges Anliegen vertritt, die Qualität aber nicht entspricht. Genau das war das Markenzeichen der Ära von Festivalchef Dieter Kosslick - doch jetzt ist das anders.

Allerdings hat die Jury die falschen Filme prämiert: Denn Linklaters "Boyhood" zeigte eindrucksvoll, dass gesellschaftspolitisch relevantes Kino durchaus mit zugänglicher, aber zugleich sinnlich-anspruchsvoller Erzählung vereinbar ist. "Boyhood" ist eindeutig der Goldene Bär der Herzen.

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