PFAS-Opfer Demonstration Bürgerprotest - Menschen halten Schilder mit den Aufschriften 'BAN PFAS' und 'I LIVE IN A PFAS HOTSPOT' bei einer Demonstration im Freien - © Foto: APA / AFP / Nicolas Tucat

PFAS: Wie die Teflon-Lobby ein ewiges Gift verteidigt

Der Gesetzgebungsprozess über ein EU-weites Verbot der Ewigkeitschemikalien PFAS tritt in die Entscheidungsphase. Vor der EU-Kommission in Brüssel protestieren Betroffene aus schwer verschmutzten Gebieten. In der Kommission bemüht sich die Chemie-Industrie um Gehör.

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Die Frau mit dem Megafon lässt es an Klarheit nicht fehlen. „Guten Morgen allerseits!“, ruft sie, „es ist ein schöner Tag, um PFAS zu verbieten!“ Über dem Berlaymont-Gebäude, dem Sitz der EU-Kommission in Brüssel, strahlt die Frühlingssonne, und auf dem Vorplatz drängen sich gut hundert Demonstrierende. Sie halten Schilder hoch mit Ortsnamen wie Oulins oder Lyon in der Nähe des französischen Chemieclusters „Vallée de la Chimie“, Lonigo in Norditalien, Dordrecht in den Niederlanden, Ronse in Belgien, Manching und Altötting in Deutschland (Lesen Sie dazu auch den Artikel „Wie ein Chemie-Konzern eine ganze Stadt verseucht“ von Tobias Müller vom 21.2.2024).

Was sie verbindet, steht auf anderen Plakaten: „Ich lebe an einem PFAS-Hotspot“. Hinter der Abkürzung für Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen verbergen sich mehrere Tausend Chemikalien, die auf Kohlenstoff-Fluor-Ketten basieren. Einmal freigesetzt, verbreiten sie sich leicht und sind praktisch nicht abbaubar. Beständig gegen Hitze, Fett und Wasser werden sie auch „Ewigkeitschemikalien“ genannt. Sie stecken in Teflon-Pfannen und Backformen, Outdoor-Kleidung, Teppichen, Einwegverpackungen, Backpapier, Kosmetik oder Löschschaum. Zugleich häufen sich Hinweise auf schwere Gesundheitsschäden. Spuren von PFAS finden sich längst überall auf dem Globus, auch im Blut fast aller Menschen.

141 Jahre Gefängnis für Chemiemanager

Ein EU-weites Verbot von PFAS, betreffend Produktion, Verkauf, Nutzung und Import, beantragten 2023 Dänemark, Deutschland, die Niederlande, Norwegen und Schweden bei der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA). Andernfalls, so die Gesundheitsbehörden der fünf Länder, würden in den nächsten 30 Jahren 4,4 Millionen Tonnen PFAS freigesetzt.

Verboten sind in der EU bereits Perfluoroctansulfonsäure (PFOS, seit 2006) und Perfluoroctansäure (PFOA, seit 2020). „Die einzige Lösung ist, die Produktion zu stoppen“, ruft Laura Ghiotto aus Lonigo ins Mikrofon. „PFAS-Verschmutzung kennt keine Grenzen. Durch Wasserkreisläufe gelangt sie überall auf der Erde hin.“ Sie gehört der Gruppe „Mamme no PFAS“ an, Mütter im Umkreis der ehemaligen Chemiefabrik Miteni bei Vicenza, deren Kinder oft drastisch erhöhte PFAS-Blutwerte hatten.

2025 wurden elf Manager wegen vorsätzlicher Verunreinigung von Wasser und Umwelt zu insgesamt 141 Jahren Haft verurteilt. Mehrere Studien, wie etwa eine des US-amerikanischen National Cancer Institute von 2020, sehen Zusammenhänge zwischen Kontakt mit PFAS und Nieren- oder Hodenkrebs, erhöhtem Cholesterin, Schäden an Immun- und Hormonsystem und Schilddrüsenkrankheiten. Laura Ghiottos Wohnort zählt zu Dutzenden Kommunen, die „seit Jahrzehnten verschmutztes Trinkwasser“ haben.

Viele Fälle von Hodenkrebs

Auch Oberflächen- und Grundwasser sind kontaminiert. In der Region gebe es viele Fälle von Hodenkrebs, erhöhtem Cholesterin, Schilddrüsenkrankheiten, Schwangeren, die ihre ungeborenen Kinder verlören, Bluthochdruck, Nierenkrankheiten und Osteoporose bei erst 30-jährigen Männern.

Meta Kamphuis, Anfang 50, die nun zur Menge spricht, hat ihr gesamtes Leben in der Nähe der Chemours-Fabrik im niederländischen Dordrecht verbracht, die unter anderem Teflon herstellt und jahrzehntelang PFOA in einem nahen Fluss verklappte. Vor rund 30 Jahre verlor sie ihre Eltern an Krebs. Mit 45 erkrankte sie selbst, wobei eine Untersuchung keine erbliche Vorbelastung feststellte. Sie überlebte, doch wenig später starb „die Liebe meines Lebens“ an Leberkrebs – „obwohl er nie trank“. Als ein Jahr später bei ihrer Schwester diese Krankheit diagnostiziert wurde, begann sich Kamphuis zu fragen: Welchen Einfluss hatte der Kontakt mit den Emissionen der Fabrik?

Der Toxikologie-Professor Jacob de Boer von der Vrije Universiteit Amsterdam erklärt bei einer Podiumsdiskussion im Brüsseler EU-Parlament, die Beweislast sei „überwältigend“. Zugleich ist eine individuelle Erkrankung kaum mit Gewissheit an eine bestimmte Ursache zu koppeln. Darauf weisen Vertreter der Chemieindustrie oft hin, wenn sie sich gegen ein Verbot wehren. Auch die angebliche Unersetzlichkeit von PFAS führen sie an, obwohl in vielen Fällen Alternativen existieren. Dahinter stecken nicht zuletzt ökonomische Motive, die durch ein Verbot bedroht wären.

2024 warnte Nora Schmidt-Kesseler, Hauptgeschäftsführerin der deutschen Nordostchemie-Arbeitgeberverbände, in einer Sitzung des Umweltausschusses im Berliner Bundestag vor „fatalen Auswirkungen auf die Industrieproduktion in allen Branchen, auf die Arbeitsplatzsicherheit, die Planungssicherheit für Unternehmen, zukünftige Innovationen sowie auf fast alle Hochtechnologie-Anwendungen und damit auf die Zukunftsfähigkeit und Resilienz des Standortes Deutschland und Europa“.

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