
Steht man vor dem berühmten Isenheimer Altar in Colmar, kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Ja, ein solcher Flügelaltar verweist auf die Zeit des Malers, Matthias Grünewald lebte von etwa 1480 bis 1528. Doch die Bilder darauf, die Formen, die Farben? Die fallen so auf, dass sie auch Künstlerinnen und Künstlern der Moderne von Pablo Picasso bis Paul Klee die Luft anhalten ließen.
„Zermalmte Arme an ausgerenkten Schultern; das Fleisch an den Muskeln ausgehöhlt, als hätten da dicke Stricke gerissen, es knirscht wie gebrochene Knochen – und hoch mit schreienden Fingern große gespenstige Hände, Hände, die fluchen wollen und Segen stammeln“: So beschrieb Joris-Karl Huysmans 1891 in seinem Roman „Là-Bas“ die ebenfalls von Grünewald gemalte Tauberbischofsheimer Kreuzigung. Diese Beschreibung wurde 1895 auf Deutsch auch in der Kunstzeitschrift Pan abgedruckt, sie klingt wie eine Schilderung von Bildern der Moderne, etwa von Egon Schiele oder Max Beckmann. Ja, Grünewald war im Umgang mit Farben und Formen äußerst kühn.
Die Frage, aus welcher Zeit es jeweils stammt, stellt sich auch vor so manchem Kunstwerk, das im Rahmen der Ausstellung „Gothic Modern“ in der Albertina zu sehen ist. Man wolle mit dieser Ausstellung mit einem Mythos aufräumen, so Ralph Gleis, seit 2025 Generaldirektor der Albertina, dem Mythos nämlich, die Moderne habe mit allem gebrochen, was bisher war, um nun ästhetisch gänzlich Neues zu schaffen. Sie greife nämlich durchaus auf die „vorakademische“ Tradition zurück.

