
Fabrikhalle statt Kanzel: Karl Barth ging dem „echten Leben“ als Pfarrer nie aus dem Weg. Als er in dem Schweizer Dorf Safenwil ankam, wo er zehn Jahre lang Pfarrer blieb, traf er auf eine Gemeinde, die aus Industriearbeitern bestand. Knochenarbeit für wenig Lohn. Von Vertröstung auf das Jenseits war bei Barth keine Spur: Er beteiligte sich an der Gründung einer lokalen Gewerkschaft und las sich im Arbeitsrecht ein – um den Arbeiterinnen und Arbeitern ganz im Diesseits helfen zu können.
Die Frage nach dem Verhältnis von Politik und Religion beschäftigte ihn sein Leben lang. Anlass dazu gab es reichlich, umfasste seine Lebensspanne schließlich beide Weltkriege und den Beginn des Kalten Kriegs: Karl Barth wurde am 10. Mai 1886 in Basel in eine Theologenfamilie geboren, sein Vater war Professor für Kirchengeschichte und Neues Testament. Nach dem Theologiestudium und mit Beginn seines Pfarramts in Safenwil wurde Barth zum Sozialisten. Doch als sich auch sozialdemokratische Kräfte im Ersten Weltkrieg dem Nationalismus zuwandten und sich am Krieg beteiligten, wandte er sich vorerst enttäuscht von ihnen ab.
Der Erste Weltkrieg rüttelte Barth nicht nur politisch auf, sondern auch theologisch. Er fragte sich: Wie kann es sein, dass Pfarrer und Kirchen sich hinter den Krieg stellen? Dass Theologen ihn zum „Heiligen Krieg“ verklären? An einer Theologie, die Waffengewalt und Kriegslust verteidige, müsse etwas grundlegend faul sein.
Gegen einen „göttlichen“ Krieg
Theologisch lernte Barth aus dem Ersten Weltkrieg: Gott dürfe nie verzweckt werden. Er diene nicht irgendwelchen menschlichen Zielen auf Erden. Überhaupt müsse die Theologie viel mehr den unendlichen Unterschied zwischen Gott und Mensch betonen. Damit kritisierte Barth einen der wichtigsten evangelischen Theologen überhaupt: Friedrich Schleiermacher (1768– 1834). Barth schätzte Schleiermacher zwar hoch, doch begann er sich von dessen „Bewusstseinstheologie“ zu distanzieren. Schleiermachers Religionsverständnis gehe zu sehr vom Erleben und Gefühl der Menschen aus. Genau diese „Vermenschlichung“ Gottes berge Gefahren: wenn etwa plötzlich der Krieg als göttlich „empfunden“ wird. Auch die „liberale“ und „natürliche“ Theologie kritisierte Barth: Menschliche Vernunft und Empfindung würden bei diesen Ansätzen zu Götzen, die Gott von seiner Stelle verdrängen. Dabei sollten Gott und seine Offenbarung die einzige Quelle der Theologie sein.

