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Foto: Bloomberg via Getty Images
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Thema der Woche | Der kleine Unterschied

„Mit phallischer Macht“

Simon Reynolds über das riesige Biotop an Manns- und Frauenbildern in der Popmusik – und die Lust, sie zu übersteigern und zu überschreiten.

Trump und Hip-Hop: US-Rapper Kanye West hat sich als großer Trump-Fan geoutet. Im Oktober lud ihn der USPräsident zu einem Treffen ins Weiße Haus (Bild). Kein Wunder: Im Hip-Hop wird oft der Typus des dominanten Alpha-Mannes verherrlicht

Simon Reynolds zählt, das kann man ruhig so sagen, zu den Besten seiner Zunft: Wer die Welt der Popmusik verstehen will, findet im Werk des britischen Autors reichhaltige Geschichten und luzide Analysen. In seinen Büchern widmet er sich markanten Phasen der Popgeschichte („Energy Flash“/Rave und Techno; „Glam“/Glam-Rock; „Rip It Up And Start Again“/Postpunk). Bereits in den 1990er-Jahren hat er die Gender-Thematik im Pop aufgegriffen: Sein Buch „The Sex Revolts“ wird nächstes Jahr erstmals in deutscher Übersetzung im Ventil-Verlag erscheinen. Das Interview wurde schriftlich und in Englisch geführt.

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DIE FURCHE: Die Kampagne #MeToo zeigt nun seit mehr als einem Jahr das zunehmende öffentliche Bewusstsein gegenüber sexueller Belästigung. Ist die Beziehung der Geschlechter heute zu einem Schlachtfeld geworden?

Simon Reynolds: Das war sie wohl schon immer, aber dieser „Krieg“ ist nun intensiver geworden, da immer mehr Frauen ermutigt werden, ihre Geschichten öffentlich zu machen, die sie jahrelang geheim gehalten haben. Viele Männer, die ihre Machtposition missbraucht haben, bekommen nun die Rechnung präsentiert. Es gibt zu Recht einen Schwall von Entrüstung, ganz im Sinne einer Massentherapie, die mit viel weiblicher Selbstermächtigung einhergeht. Aber es gibt auch schon eine Gegenreaktion zu #MeToo – in Amerika versuchen jetzt kulturelle und politische Strömungen aus dem rechten Spektrum, die bedrohten Gefühle der Männer auszuschlachten.

DIE FURCHE: Bereits vor mehr als hundert Jahren entwickelte der Wiener Nervenarzt Sigmund Freud eine frühe Sensibilität für den Niedergang des Patriarchats. Aber die Rockmusik mit ihren vielen virilen Helden hat sich stets als Domäne der Männlichkeit bewährt. Ist Rock so etwas wie ein Arzneimittel gegen die bedrohte Vorherrschaft der Männer?

Reynolds: Heute nicht, da Rock als Genre einfach nicht mehr so prominent ist. Mainstream- Rock ist nicht besonders maskulinistisch. Die Tage, an denen die Rockgitarristen ihre virtuose Technik mit phallischen Posen zum Besten gaben, gehören der Vergangenheit an. Die Heavy-Metal-Subkultur aber ist noch immer stark präsent, und dort finden sich heute die überdrehten Macho- Kompensationen – monströser Gesang, theatralische Aggression und zerfetzte Gitarren. Ein modernes Äquivalent des arroganten Macho-Rockstars findet sich auch im Hip-Hop, etwa im Subgenre der Trap-Musik. Diese Form von Hip-Hop bietet heute das, was Jugendliche in den 1970er-Jahren mit großen Rockbands wie den Rolling Stones oder Led Zeppelin assoziierten. Tatsächlich sehen sich die Musiker im Trap als rebellische Rockstars. Ihr Ideal ist Erfolg und Exzess, ein Leben ohne Einschränkungen. Sie sehen sich in einem Kampf des „Jeder gegen Jeden“, wo es stets darum geht, Rivalen zu bezwingen. Frauen werden da nur wie Trophäen oder Wegwerfartikel behandelt.

„Rockmusiker feiern die Freiheit des Leichtsinns. Daher zertrümmert der traditionelle Rockstar sein Hotelzimmer. Meist sind es Frauen – die Zimmermädchen –, die den Saustall wieder aufräumen.“

DIE FURCHE: In Ihrem Buch „The Sex Revolts“ beschreiben Sie das dunkle Herz der Popkultur: Dort, wo die Musik am spannendsten und ergreifendsten wirkt, ist sie oft am meisten machoid und mysogyn. Wie lässt sich das erklären?

Reynolds: Na ja, diese Musik repräsentiert eine Art von Freiheit – die Freiheit des Leichtsinns: keine Verantwortlichkeiten zu haben, waghalsig und rücksichtslos zu sein, nicht mit Konsequenzen rechnen zu müssen. Deshalb zertrümmert der traditionelle Rockstar sein Hotelzimmer. Und üblicherweise sind es Frauen – die Zimmermädchen –, die den Saustall wieder aufräumen. Manche Künstler haben diesem Klischee einen anderen Drall gegeben: Bryan Ferry von Roxy Music etwa witzelte, dass seine Band die Hotelzimmer nicht zerstören, sondern neu dekorieren wollte – ein geistreicher Schmäh über ihr Selbstverständnis als Ästheten, das ja auch von der Schwulen-Kultur beeinflusst war. Die traditionell rebellische Rockmusik aber folgt einem Impuls-getriebenen Hedonismus. Daraus erwächst disruptive Ekstase, eine laszive Befreiung. Wilde berstende Energie durchdringt das Lebensgefühl, das von Rockbands wie den Rolling Stones, Led Zeppelin oder Guns Nʼ Roses ausgestrahlt wurde. Es ist, als ob die Künstler von sich selbst ganz hingerissen wären: Musik ist für sie „Jouissance“ (Anm.: „Genießen“ im Sinne des Psychoanalytikers Jaques Lacan), und das ist stets eine verführerische Fantasie.

DIE FURCHE: Welche Rolle spielen dann Feminismus und weibliche Selbstbehauptung in der Popkultur?

Reynolds: Man kann durchaus sagen, dass Popmusik im letzten Jahrzehnt von Frauen dominiert wurde – die künstlerisch einflussreichsten und kommerziell erfolgreichsten Popkünstler waren weiblich: zum Beispiel Beyonce, Rihanna, Lady Gaga, et cetera. Bei den meisten von ihnen ziehen sich explizit feministische Perspektiven oder „starke Frau“-Posen durch die Songs, Videos und öffentlichen Stellungnahmen. Vielleicht hat die Dominanz der Popkünstlerinnen ja in gewisser Weise zum männlichen „Backlash“ beigetragen, den wir heute in der Weltpolitik sehen: den Kult des starken Mannes, die forcierte Rückkehr zu traditionellen Geschlechtsrollen. Viele große weibliche Popstars wie Beyonce oder Lady Gaga haben im letzten US-Wahlkampf Hillary Clinton prominent unterstützt, was wiederum das Ressentiment der männlichen US-Wähler angestachelt haben könnte. Diese sahen in Donald Trump eine heroische Führungsfigur, die die Männer wieder nach oben bringen würde.

„Trump sprach nicht nur die Arbeiter in den maroden Industrien an, sondern auch die dort verwurzelten Muster von Männlichkeit.“

DIE FURCHE: Viele Popstars wie zum Beispiel Prince oder David Bowie haben sich immer wieder auffallend androgyn inszeniert. Seit wann gibt es eigentlich Popkünstler, die mit den Geschlechterrollen spielen und die Grenzen zwischen Mann und Frau überschreiten?

Reynolds: Dieser „Gender-Tourismus“ findet sich bereits an den Ursprüngen des Rock ʼnʼ Roll: Little Richard hatte ein weibisches Image, und viele der frühen Rockstars wie etwa Elvis hatten auch eine homoerotische Ausstrahlung. In den 1960er-Jahren spielten Brian Jones und Mick Jagger von den Rolling Stones mit femininem Gestus, den sie sich von den Frauen in ihrer Bekanntschaft abgeschaut hatten. Für das Video „Have You Seen Your Mother Baby“ verkleideten sich die Stones überhaupt als Frauen. Dann gab es auch noch die androgyne Sanftheit von Rockgruppen wie den Byrds; Typen mit langen Haaren, die damals furchtbar unmännlich aussahen. In der Glam-Rock-Ära der 1970er-Jahre wurden die Strömungen der Gender-Ambiguität, aber auch der Homoerotik und des Cross-Dressing von britischen Popstars wie David Bowie oder Marc Bolan noch weiter zugespitzt. In den 1980er-Jahren gab es dann eine zweite Glam-Welle im Snythie- Pop – und zum ersten Mal tauchten Popsänger auf, die sich wirklich offen zur Homosexualität bekannten.

DIE FURCHE: Gestatten Sie mir die Frage: Täuscht der Eindruck, dass sich britische Männer besonders leicht damit tun, in Frauenkleider zu schlüpfen? Ich denke nicht nur an Popstars, sondern auch an die TV-Show von Monthy Python, wo die Männer offensichtlich großen Spaß damit hatten, auch die weibliche Rollen zu spielen.

Reynolds: Es stimmt schon, dass der sogenannte „Gender-Tourismus“ in Großbritannien offenbar besonders stark ausgeprägt ist. Das könnte mit dem kulturellen Erbe des Dandyismus zusammenhängen, mit Schriftstellern wie Oscar Wilde oder Christopher Isherwood. Auffallend, dass es in Großbritannien bereits in den 1960ern Cross-Dressing- Stars auf der Bühne und im Fernsehen gab. Aber selbst im britischen Alltagsleben gibt es dieses Phänomen, etwa wenn eine lokale Fußballmannschaft Spenden für wohltätige Zwecke sammelt. Vielleicht geht das ja alles auf die Zeit von Shakespeare zurück, als alle weiblichen Rollen von jungen Männern gespielt wurden. In Amerika hingegen ist diese Drag-Queen-Tradition viel mehr im Untergrund geblieben; sie wäre dort in der Mainstream-Unterhaltung nie zugelassen worden. Ein Spielfilm wie „Manche mögenʼs heiß“ (1959), wo sich die männlichen Hauptdarsteller als Frauen ausgeben, um einer Gangsterbande zu entkommen, war damals ziemlich gewagt und subversiv. Und obwohl britische „Gender-Touristen“ wie David Bowie oder Boy George auch in Amerika erfolgreich waren, ist es kaum denkbar, dass Amerika ähnliche Stars hervorgebracht hätte. Der Popmusiker Jobriath, so etwas wie das amerikanische Äquivalent zu David Bowie, hatte daher auch keinerlei Erfolg.

DIE FURCHE: Letztes Jahr berichtete das „Time Magazine“ über Menschen, die sich weder als Mann noch als Frau empfinden, das heißt überhaupt jenseits der binären Geschlechtszuschreibung leben wollen. Gibt es in der Popkultur ebenso Vorläufer für solche neuen, undefinierten Identitäten?

Reynolds: Prince zum Beispiel war jemand, der jeder Art von Grenze widerstehen wollte – egal, ob diese nun „rassisch“ oder sexuell definiert war. Von Anfang an schreit sein Auftreten geradezu heraus, dass er Zuteilungen und Konventionen wie schwarz oder weiß, Mann oder Frau einfach nicht akzeptieren wollte. Auf dem Cover eines Albums trägt er sogar ein Bikini- Unterteil, und in einem seiner Songs singt er „Ich bin keine Frau / Ich bin kein Mann / Ich bin etwas, das du nie verstehen wirst.“ (Original in Englisch) Sein Wunsch, die Gender-Dichotomien zu transzendieren, führte schließlich dazu, dass er den Namen Prince durch ein unaussprechliches Zeichen aus männlichen und weiblichen Symbolen ersetzte. Er sah sich offensichtlich als messianische Figur, die eine prosexuelle, aber genderlose Befreiungstheologie vertrat. Auch andere Popkünstler gehen in diese undefinierte Richtung, die mitunter die Gestalt der „Asexualität“ annehmen kann – Boy George zum Beispiel betonte, dass er Tee und Kuscheln gegenüber Sex bevorzugte, und Morrissey sprach davon, the- oretisch pansexuell, aber praktisch zölibatär zu sein.

Foto: The David Bowie Archive
Foto: The David Bowie Archive

DIE FURCHE: Prince schlüpfte in den 1980er- Jahren aber auch in ein weibliches Alter Ego. Auffallend ist, dass er sich in dieser zweiten Identität den Namen Camille gab. Denn genau das war einer der Namen des französischen Hermaphroditen aus dem 19. Jahrhundert, dessen tragische Lebensgeschichte der französische Philosoph Michel Foucault in einem eigenen Buch herausgegeben und kommentiert hat (Anm.: „Über Hermaphrodismus. Der Fall Barbin“, Suhrkamp 1998). Kann es sein, dass Prince auf diese Geschichte gestoßen ist und davon beeinflusst war?

Reynolds: Dass Prince sein Transgender- Alter-Ego als Camille bezeichnete, dürfte tatsächlich mehr als bloßer Zufall sein. Ich bezweifle aber stark, dass der Popstar das Buch von Foucault gelesen hat! Es ist viel eher wahrscheinlich, dass er den französischen Film über das Leben von Herculine Barbin gesehen hat — „Mystère Alexina (1985) — oder zumindest eine Kritik davon in der Zeitung gelesen hat.

DIE FURCHE: Die Überschreitung von Geschlechtergrenzen führt in der öffentlichen Wahrnehmung zu einer tiefgehenden Polarisierung: Einige sehen darin ein befreiendes Moment, andere hingegen eine ernst zu nehmende Bedrohung der Gesellschaft. Was meinen Sie dazu?

Reynolds: Bis zu einem gewissen Punkt mag das schon befreiend sein. Aber es wird sehr leicht durch die Dynamik des modernen Kapitalismus aufgesogen. Und es kann zu einer Form der privatisierten Selbst-Obsession werden, eine Ablenkung der Energie weg von den wirklich dringenden Auseinandersetzungen über ökonomische und politische Machtverhältnisse oder den Umgang mit ökologischen Bedrohungen. Ich denke, der ganze Fokus auf die eigene Sexualität und die Frage „Wer bin ich?“ nährt in gewisser Weise nur eine allzu individualistische und narzisstische Kultur.

DIE FURCHE: Bei der letzten US-Wahl ist mit Donald Trump ein bekennender Macho zum Präsident gewählt worden. War das die logische Reaktion auf die zunehmende Emanzipation der Frauen und die latente Angst, dass sich die traditionellen Geschlechtsrollen verflüssigen könnten?

Foto: Mick Hutson/Redferns/Getty Images
Foto: Mick Hutson/Redferns/Getty Images

Reynolds: Donald Trump markiert ganz klar einen „Backlash“ gegen die kulturelle Prominenz starker Frauen, und sein Aufstieg war angetrieben durch die männliche Angst vor schwindender wirtschaftlicher Macht und der zunehmenden Unabhängigkeit von Frauen. Mit dem Niedergang der Schwerindustrie und der Bauwirtschaft steht nämlich auch ein traditionelles Modell der Männlichkeit vor dem Aus – jenes, das mit harter Arbeit assoziiert ist, bei der man sich auch schmutzig machen muss. Diese Jobs werden nun ersetzt durch eine eher informations- und dienstleistungsorientierte Arbeit, die eine sanftere Form von Männlichkeit hervorbringt – weniger geprägt durch körperliche Stärke oder Ausdauer, sondern vielmehr durch subtiles Denken, emotionale „Skills“ und so weiter. Trump sprach ja nicht nur die Arbeiter in diesen maroden Industrien an, sondern auch die traditionellen Muster von Männlichkeit, die darin verwurzelt sind.

DIE FURCHE: Ist Trump als „Role Model“ das letzte Aufbäumen gegen den Niedergang des Patriarchats, oder verkörpert er, letztendlich, unsere Zukunft?

Reynolds: Donald Trump repräsentiert den Typus eines dominanten Alpha-Mannes mit dem Urinstinkt, Macht und Reichtum zur Schau zu stellen. Deshalb gibt es hier so unangenehme Parallelen zum Hip-Hop. Kanye Wests Identifikation mit Trump macht totalen Sinn: Der berühmte Rapper stellte in einem bizarren öffentlichen Treffen mit dem US-Präsidenten klar, was er in Trump sieht: eine Art Vaterfigur; jemand, der während seiner Erziehung fehlte, aber auch ein kulturelles Defizit in der amerikanischen Politik. Bezeichnend, dass er sagte: „Ich liebe Hillary, aber ihr Wahlslogan ‚Iʼm with her‘ hat in mir einfach keine Gefühle geweckt -- als Typ, der seinen Vater nur sehr selten zu Gesicht bekam.“ Kanye West sieht Trump als Totem männlicher Stärke und Autorität, symbolisiert in der berühmten Kappe mit der Aufschrift „Make America Great Again“. Für ihn ist diese rote Kappe geradezu ein Fetisch, ein Objekt mit phallischer Macht, wenn er sagt: „Etwas an dieser Kappe gab mir das Gefühl, wie Superman zu sein ...“ Das wäre ja lächerlich, wenn es nicht zugleich so tragisch und erschreckend wäre – weil Millionen von Amerikanern ebenso fühlen. Sie setzen sich die dumme Kappe auf und empfinden dadurch eingebildete Macht.

DIE FURCHE: Auf der Ebene der Weltpolitik ist der US-Präsident ja keineswegs allein. In Brasilien etwa wurde kürzlich ein „Trump der Tropen“ zum Staatschef gewählt ...

Reynolds: Verschiedene Spielarten dieses Typus wachsen jetzt überall auf der Welt zusammen, geprägt durch das immer gleiche Begehren, Frauen, Schwule oder Migranten wieder in eine untergeordnete Position zu verweisen. Das ist wirklich eine neue Form von Faschismus für das Zeitalter von Facebook und Twitter.

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