
Nelle Morton wurde vor 120 Jahren, am 7. Jänner 1905, in Smalling, Tennessee/ USA, geboren. Sie studierte am New York Theological Seminary und lehrte als Professorin für Religionspädagogik an der Drew University. Als eine der wichtigsten Theologinnen des 20. Jahrhunderts inspirierte sie unzählige Menschen dazu, sich für Frieden und Gerechtigkeit zu engagieren. In der Bürgerrechtsbewegung aktiv, wurde sie zur Wegbereiterin der Feministischen Theologie sowie der säkularen Frauenbewegung.
Sie war eine visionäre Rednerin, beispielsweise bei Konsultationen des „Ökumenischen Rats der Kirchen“, und verstand, Menschen zu begeistern. Etwas von dieser Begeisterungsfähigkeit ist heute noch zu spüren in ihrem Buch „The Journey is Home“. Hier erzählt sie von ihrer Erfahrung, wie wichtig das Hören ist, damit Menschen überhaupt sprechen können über das, was sie bewegt; auch über die Brüche in ihrem Leben, über Gewalt, die sie erfahren musste und die zunächst ‚unsäglich‘ ist. Provokant stellt sie der Wortlastigkeit der Theologie entgegen: „Am Anfang war nicht das Wort. Am Anfang war das Hören.“ Dabei meint sie ein Hören, das den Verstand aktiviert, aber auch mit allen Sinnen geschieht und den ganzen Menschen erfasst. Sie nannte das „hearing to speech“. Menschen können sprechen, wenn sie erhört werden.
Diesen Grundgedanken in seiner Tiefe auszuloten, erscheint mir heute in Auseinandersetzung mit Missbrauch und Vertuschungsgewalt besonders wichtig. In letzter Zeit habe ich den Eindruck, dass viele Menschen das Thema leid sind und nichts mehr davon hören wollen. Wenn das um sich greift, werden Betroffene ins Schweigen zurückgedrängt. Das aber kann nur unheilvoll sein. Denn, so sagt Morton zu Recht, der Segen liegt nicht im Unsäglichen, sondern darin, wenn es zur Sprache kommt.
Die Autorin ist katholische Vulnerabilitätsforscherin an der Universität Würzburg.
Dieser Artikel ist unter dem Titel „Zum Sprechen erhören“ in der Printausgabe der FURCHE vom 09.01.2025 zu lesen.

