
Würde man eine klassische Autorenvita umdrehen und von hinten nach vorn lesen, käme wohl der literarische Werdegang des Herman Melville heraus. Zuerst war er erfolgreicher Schriftsteller. Seine Abenteuerromane „Typee“ und „Omoo“ waren beliebt und wurden gut verkauft. Erste finanzielle Schwierigkeiten stellten sich aber bald ein. Der heute als Klassiker geltende Roman „Moby Dick“ war nach seinem Erscheinen ein Misserfolg. Die Kritik begegnete diesem Buch und seinem Nachfolgeroman mit Verachtung und Häme. Die Kommentare waren so ätzend, dass Melville fortan unter Pseudonymen schrieb. Seine literarische Karriere beendete er als unbeachteter Lyriker.
In die dritte Phase dieses Werdegangs fällt die Veröffentlichung der Erzählung „Bartleby, der Schreiber“, die zuerst ohne Nennung eines Autorennamens in Putnam’s Magazin in zwei Teilen erfolgte. Erst drei Jahre später, im Jahr 1856, veröffentlichte Herman Melville einen Erzählband mit dem Titel „The Piazza Tales“, der auch den Bartleby enthielt. Ein Klassiker wurde die Erzählung allerdings erst etwa dreißig Jahre nach Melvilles Tod. Wenn wir heute die lange Liste der Übersetzungen von „Bartleby, der Schreiber“, die Menge an Aufsätzen und Sekundärliteratur zu diesem Text und die zahlreichen Überlegungen von Autoren wie Camus, Agamben, Deleuze und vielen anderen dazu überblicken, stellen wir fest, dass sich mehrere Generationen mit sehr verschiedenen Zugängen damit beschäftigt haben.
„Ich möchte lieber nicht“
Die Erzählung spielt in der Mitte des 19. Jahrhunderts in der Wall Street in New York. Der Ich-Erzähler ist ein namenlos bleibender Jurist, der eine Kanzlei betreibt, in der zwei Schreiber arbeiten, deren Aufgabe es ist, Verträge und Gesetzestexte zu duplizieren und gemeinsam zu korrigieren. Als ein dritter Kopist gesucht wird, findet man einen Mann namens Bartleby, der schließlich eingestellt wird. Bartleby stellt sich zunächst als fleißiger und ausdauernder Schreiber heraus. Als er aber das erste Mal den Auftrag bekommt, Korrektur zu lesen, antwortet er mit dem Satz: „Ich möchte lieber nicht.“

