
„Das Dilemma der Verschiedenheit“ heißt ein Konzept, das die Harvard-Professorin und Menschenrechtsexpertin Martha Minow schon 1990 prägte: Die Gesellschaft könne Menschen, die sich von der Mehrheit unterscheiden, auf zwei Arten diskriminieren, und zwar durch das Ignorieren ihrer Unterschiede, oder durch das Fokussieren darauf. Behandelt man sie wie alle anderen, dann läuft man Gefahr, sie zu wenig zu unterstützen. Eine Sonderbehandlung birgt allerdings das Risiko der Stigmatisierung.
Genau dieser schmale Grat spaltet die Fronten im jahrzehntelangen Tauziehen um die inklusive Bildung in Österreich. Es gibt hierzulande fast 30.000 Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf (SPF), also Kinder und Jugendliche mit Lernschwierigkeiten, körperlichen Beeinträchtigungen, Autismus oder Problemen beim Sprechen, Hören oder Sehen. Am Papier bekennen sich Politik und Experten zur inklusiven Bildung, also zur Integration möglichst vieler Kinder in Regelschulen. In der Praxis herrscht Uneinigkeit: Welcher Grad an Spezialmaßnahmen – bis hin zur räumlich getrennten Sonderschule – ist sinnvoll?

