
„Von deinen Kindern lernst du mehr als sie von dir“, hat der Dichter Friedrich Rückert in einem Aphorismus geschrieben – und nicht von ungefähr, er hatte immerhin zehn Kinder. Ich habe vier Enkelinnen und behaupte, dass ich – jetzt, da ich als Großvater entspannt ihrem Aufwachsen staunend zusehen darf – mehr von ihnen lerne, als wenn ich ihnen in elterlicher Verantwortung gegenüber wäre. Da ist Ann-Sofie, meine vierte Enkelin. Oft, wenn sie in meiner Nähe ist, oder ich sie mir bildlich vorstelle, fällt mir mein Lieblingssatz des wilden Genies Christoph Schlingensief ein: Menschen, die auf Zehenspitzen durch die Welt gehen, sind ganz besondere Menschen. Das hat er einmal einer Mutter gesagt, als sie ihm dies etwas besorgt von ihrem Kind erzählt hatte.
Meine Enkelin Ann-Sofie, so scheint mir, geht in vieler Hinsicht auf Zehenspitzen durch die Welt ihres Lebens. Da hätte ich schon etwas von ihr zu lernen, denke ich, auch noch in meinen späten Jahren: ihre Achtsamkeit. Wenn sie in meinem Zimmer ihre Buntstifte einsammelt und bemerkt, dass ich in meinem Lehnstuhl eingeschlafen bin, wird sie ganz leise und macht die Schlummerprobe: sie streicht mir so sachte über die Stoppelhaare, dass ich eigentlich nur ihr Vergnügen spüre, dass sie selber an dieser Zartheit empfindet. Natürlich bin ich wach und sie zeigt mir dann, was sie geschrieben oder gezeichnet hat. Ann-Sofie ist inzwischen ein Teenager. Und sie geht wahnsinnig gerne in die Schule. „Wenn sie das Klassenzimmer betritt“, erzählt die Lehrerin einmal den Eltern, „wenn sie dann Freundinnen und Freunde sieht, strahlt nicht nur ihr Gesicht.“
Jedes weitere Schuljahr ist wichtig
Aus schulorganisatorischen Gründen musste Ann-Sofie heuer die Schule wechseln, weg aus dem vertrauten Umfeld. Aber jedes weitere Schuljahr, das dadurch über die normale Schulpflicht hinaus möglich wird, ist eine äußerst sinnvolle, ja notwendige Förderung. Ann-Sofie braucht fürs Lernen einfach länger! Ann-Sofie hat das Syndrom Trisomie 21. Oder, wie man meistens sagt, das Down-Syndrom, benannt nach dem englischen Arzt Dr. John Langdon-Down, der es 1866 im Royal Earlswood Hospital in England umfassend beschrieben hat. Er gilt als Pionier der Sozialpädiatrie und hatte das Syndrom ursprünglich Mongolismus genannt, ein Begriff, der heute als diskriminierend gilt. Übrigens hatte ein Enkel von Dr. Langdon Down das heute nach ihm benannte Syndrom, er war ein exzellenter Billard-Spieler.



















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