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Das Urbild des Father Brown

Vor einiger Zeit, als ich an einem Sommerabend behaglich dasaß und einen heiteren Rückblick auf ein unverdient begünstigtes und glückliches Leben warf, berechnete ich, daß ich mindestens 53 Morde begangen habe und bemüht war, ungefähr ein halbes Dutzend Leichen zu verbergen, um die Verbrechen zu vertuschen: die eine Leiche hängte ich an einen Garderobeständer, eine andere steckte ich in den Sack eines Briefträgers, die dritte enthauptete ich und setzte ihr den Kopf eines anderen Menschen auf und so fort durch eine sehr große Zahl derartiger unschuldiger Kniffe. Freilich habe ich die meisten dieser Grausamkeiten auf dem Papier begangen und ich empfehle dem jungen Studenten nachdrücklich, extreme Fälle ausgenommen, seinen verbrecherischen Trieben in dieser Form Ausdruck zu geben und nicht Gefahr zu laufen, eine schöne und wohlausgewogene Idee dadurch zu verderben, daß er sie auf die Ebene eines rohen materiellen Versuchs herabzieht, wo sie zu oft die unvorhergesehenen Unvollkommenheiten und Enttäuschungen dieser gefallenen Welt erleidet und verschiedene unwillkommene und unwürdige soziale und juristische Folgen nach lieh zieht. Ich habe anderswo erklärt, daß ich linst eine wissenschaftliche Tabelle über „Zwanzig Methoden, eine Frau zu töten“ gezeichnet habe, und ich habe es fertiggebracht, sie alle in ihrer ungestörten künstlerischen Unversehrtheit zu erhalten, so daß es für den Künstler möglich ist, nach einer Methode erfolgreich zwanzig Frauen ermordet zu haben und sich die ursprüngliche Frau trotz allem zu erhalten, ein zusätzlicher Gesichtspunkt, der in vielen Fällen, und besonders in meinem eigenen, nicht ohne seine Vorteile ist. Wenn dagegen der Künstler seine Frau und möglicherweise seinen Hals opfert, nur um eines dieser Ideen-Dramen auf gewöhnliche und theatralisch-praktische Weise aufzuführen, wird er nicht nur dieses eine Vergnügen verlieren, sondern auch den ideellen Genuß an den andern neunzehn. Da dies mein strenger Grundsatz ist, von dem ich niemals abgewichen bin, lag kein Anlaß vor, von der üppigen Anhäufung von Phantasieleichen abzusehen; und, wie gesagt, habe ich schon eine schöne Anzahl zusammengebracht. Mein Name wurde etwas anrüchig als der Name eines Verfassers dieser mörderischen Kurzgeschichten, die gewöhnlich Detektivgeschichten genannt werden.

Jeder, der dieser Industrie auf die Spur gekommen ist, wird möglicherweise wissen, daß eine große Zahl meiner kleinen Verbrechergeschichten eine Person namens Father Brown herausstellt, einen katholischen Priester, dessen äußere Einfachheit und innere Geschmeidigkeit etwas verkörperte, das einem Charakter nahe genug kam, der sich für die Zwecke dieser skizzenhaften Erzählungsart eignete. Es sind gewisse Fragen aufgetaucht, besonders Fragen über die Identität oder Genauigkeit des Typs, die nicht ohne Wirkung auf wichtigere Dinge geblieben sind.

Wie gesagt, habe ich meine Romane und Kurzgeschichten nie sehr ernst genommen oder mir eingebildet, daß ich in etwas so Ernstem, wie ein Roman es ist, irgendeine eigene Note gehabt hätte. Aber ich kann gleichzeitig in Anspruch nehmen, daß es in diesem Sinn als Roman neu genug war, daß es nicht ein geschichtlicher oder biographischer Roman war, und daß selbst eine meiner Kurzgeschichten originell genug war, um ohne Originale auszukommen. Die Vorstellung, daß ein Charakter in einem Roman jemanden bedeuten oder daß er von jemandem hergenommen sein müsse, gründet sich auf ein Mißverständnis über den Charakter der erzählenden Phantasie, und besonders solcher leichten Phantasien, wie es die meinen sind. Trotzdem ist allgemein gesagt worden, es entspreche Father Brown ein Urbild im wirklichen Leben — und in einem besonderen und ziemlich persönlichen Sinn ist es auch wahr.

Wenn ein Schriftsteller für die Zwecke der Dichtung, besonders einer leichtgeschürzten und phantasievollen Dichtung, einen Charakter erfindet, stattet er ihn mit allen erdenklichen Zügen aus, die in der Umgebung und vor dem Hintergrund wirksam sein sollen. Einzelne Züge mag er von einem menschlichen Wesen entnommen haben, und wahrscheinlich hat er es getan. Aber er wird unbedenklich das menschliche Wesen verändern, besonders in Aeußerlichkeiten, weil er nicht an ein Porträt, sondern an ein Gemälde denkt. Bei Father Brown war es der Hauptzug, daß er keine Züge hatte. Das Bezeichnende an ihm war, daß nichts an ihm bezeichnend schien; man könnte sagen, seine auffallendste Eigenschaft war, nicht auffallend zu sein. Sein alltägliches Aeußere sollte im Gegensatz stehen zu seiner unvermuteten geistigen Wachheit und Intelligenz; ich gab ihm daher ein schäbiges und unscheinbares Aussehen, ein rundes und ausdrucksloses Gesicht, plumpe Manieren usw. Gleichzeitig entnahm ich einige seiner geistigen Eigenschaften von meinem Freund Father John O’Connor von Bradford, der tatsächlich nicht eine einzige von jenen äußeren Eigenschaften besitzt. Er ist nicht schäbig, sondern eher elegant; er ist nicht plump, sondern sehr zart und sehr gewandt; er ist nicht nur heiter und erheiternd, sondern sieht auch so aus. Er ist ein feinfühliger und flinkdenkender Ire mit der tiefen Ironie und etwas von der reizbaren Veranlagung seiner Rasse. Mein Father Brown ist absichtlich geschildert als ein Suffolk-Tölpel aus Ostengland. Dies und das übrige an seiner Beschreibung war eine wohlüberlegte Verkleidung für den Detektivroman. Aber bei alledem war Father O’Connor in einem sehr wirklichen Sinn die gedankliche Anregung für diese Geschichten — und zugleich für viel wichtigere Dinge. Und um diese Dinge, besonders die wichtigen Dinge, zu erklären, kann ich nichts Besserei tun, als die Geschichte erzäh'm, wie mir der erste Gedanke an diese Detektivkomödie gekommen ist.

In jenen frühen Tagen, besonders vor unc unmittelbar nach meiner Heirat, war es mit beschieden, viele Teile Englands zu durchwandern, um das zu hak_n, was man höflicherweise Vorträge nannte.

Ich war nach Keighley auf den Hochmooren de« West Riding gegangen, um einer Vortrag zu halten, und übernachtete bei einem fremden Bürger dieser kleinen Industriestadt, der eine Anzahl von einheimischen Freunden bei sich versammelt hatte, von denen vermutlich angenommen werden konnte, daß sie mit Vortragenden Geduld haben würden; darunter befand sich der Pfarrer der römisch-katholischen Kirche, ein kleiner Mann mit einem glatten Gesicht und einem ernsten, aber schalkhaften Ausdruck. Es verblüffte mich der Takt und der Humor, womit er sich unter die sehr yorkshireartige und sehr protestantische Gesellschaft mischte; und ich fand bald heraus, daß sie ihn in ihrer derben Weise schon irgendwie als einen Charakter schätzen gelernt hatte. Jemand gab mir einen sehr amüsanten Bericht darüber, wie zwei riesige Yorkshire-Farmer des Bezirks abgesandt worden waren, bei verschiedenen religiösen Zentren die Runde zu machen, und wie sie vor namenlosem Schrecken zitterten, bevor sie das kleine Pfarrhaus des kleinen Priesters betraten. Obwohl ihnen das Herz in die Hosen gefallen war, schienen sie endlich zu dem Schluß gekommen zu sein, daß er ihnen schwerlich ernsten Schaden zufügen würde und daß sie, wenn er es täte, nach der Polizei schicken könnten. Sie dachten wirklich, vermute ich, er habe sein Haus mit all den Foltcrmaschinen ' der spanischen Inquisition ausgestattet. Aber man erzählte mir, daß selbst diese Farmer ihn seither als Nachbarn gelten ließen, und als der Abend voranschritt, ermunterten seine Nachbarn entschieden seine beträchtlichen Unterhaltungstalente. Er ging aus sich heraus und war bald dabei, jenes herzzerreißende dramatisch-lyrische Gedicht aufzutischen, das den Titel hat „Meine Schuhe drücken mich“. Er gefiel mir sehr gut; aber wenn man mir erzählt hätte, daß ich zehn Jahre später als Mormonenmissionär auf den Menschenfresserinseln wirken würde, hätte es mich nicht stärker überrascht, als wenn mir jemand gesagt hätte, daß ich volle 15 Jahre später bei ihm meine Generalbeichte ablegen und in die Kirche aufgenommen werden würde, der er diente.

Am andern Morgen wanderten er und ich über Keighley Gate, den großen Wall von Mooren, der Keighley von Wharfedale trennt; denn ich wollte Freunde in Ilkley besuchen. Nach einem mehrstündigen Gespräch auf den Mooren konnte ich am Ende meiner Wanderung meinen alten Freunden einen neuen Freund vorstellen. Er blieb dort zum Mittagessen, er blieb zum Tee, er blieb’zum Nachtessen; ich bin nicht sicher, ob er nicht unter dem Drängen der Gastfreundschaft über Nacht blieb; und er blieb bei späteren Gelegenheiten viele Nächte und Tage; und es war dort, wo wir uns am häufigsten trafen. Bei einem dieser Besuche fiel etwas vor, was mich dazu brachte, mir die Freiheit zu nehmen, ihn oder einen beträchtlichen Teil von ihm in eine Reihe von sensationellen Geschichten einzuführen. Aber ich erwähne dies nicht, weil ich den Geschichten eine Bedeutung beimäße, sondern weil es eine lebenswichtige Verbindung mit der andern Geschichte hat — der Geschichte nämlich, die ich hier erzählen will.

Im Gespräch mit dem Priester erwähnt» ich meine Absicht, einen gewissen Plan — es ist belanglos, um was es sich handelte — in Verbindung mit gewissen, ziemlich schmutzigen sozialen Fragen von Laster und Verbrechen publizistisch zu unterstützen. Er dachte, ich befände mich in diesem besonderen Punkt im Irrtum oder vielmehr in Unwissenheit, was auch wirklich der Fall war. Und nur als eine notwendige Pflicht und um mich zu hindern, mich in die Nesseln zu setzen, erzählte er mir gewisse, ihm bekannte Tatsachen über perverse Praktiken, die ich hier gewiß nicht niederschreiben oder erörtern will. Ich habe auf einer früheren Seite bekannt, daß ich mir in meiner eigenen Jugend für mich selbst jedes Maß von Schlechtigkeit vorgestellt hatte; und es war eine merkwürdige Erfahrung, festzustellen, daß dieser ruhige und angenehme Zölibatär diese Abgründe weit tiefer erforscht hatte als ich. Ich hatte mir nicht vorgestellt, daß die Welt solche Schrecken enthalten könnte. "Wäre er ein berufsmäßiger Romanschriftsteller gewesen, der solchen Schmutz in allen Buchläden massenweise verbreitet hätte, damit Buben und kleine Kinder darnach greifen sollten, so wäre er selbstverständlich ein großer schöpferischer Künstler und ein Herold der Morgendämmerung gewesen. Da er diesen Schmutz nur widerstrebend in einem streng privaten Gespräch aus einer praktischen Notwendigkeit heraus feststellte, war er natürlich ein typischer Jesuit, der giftige Geheimnisse in mein Ohr flüsterte. Als wir zum Hause zurückkehrten, fanden wir es voll von Gästen, und wir gerieten in eine besondere Unterhaltung mit zwei frischen und gesunden jungen Studenten von Cambridge, die in der ernsten und frischen englischen Ferienstimmung über die Moore wanderten oder radelten. Sie waren indes keine engstirnigen Athleten, sondern an verschiedenen Sportarten und oberflächlich an verschiedenen Künsten interessiert. Sie begannen mit meinem Freund Father O’Connor eine Diskussion über Musik und Landschaft. Ich habe nie einen Menschen kennengelernt, der mit größerer Leichtigkeit von einem Gegenstand zum andern üb’ergehen konnte oder der über einen unvermuteteren Wissensschatz verfügte und oft rein technische Kenntnisse über alles mögliche besaß als er. Das Gespräch vertiefte sich bald in eine Diskussion über Fragen mehr philosophischer und moralischer Art. Als der Priester das Zimmer verlassen hatte, brachen die beiden jungen Männer in großherzige Ausdrücke der Bewunderung aus und sagten offen, er sei ein außergewöhnlicher Mann und scheine’ allerhand über Palestrina oder Barockarchitektur zu wissen oder um was es in diesem Augenblick gerade ging. Dann trat ein merkwürdiges nachdenkliches Schweigen ein, nach welchem einer von den Studenten plötzlich herausplatzte: „Mag es sein, wie es wolle! Ich glaube nicht, daß seine Art zu leben die richtige ist. Es ist alles recht gut, religiöse Musik usw. zu lieben, wenn du gänzlich in eine Art von Kloster eingesperrt bist und über das wirkliche Schlechte in der Welt nichts weißt. Aber ich glaube nicht, daß dies das richtige Ideal ist. Ich glaube an einen . Kerl, der sich den Wind um die Nase wehen läßt und das Schlechte in der Welt ins Auge faßt und eine Ahnung von den Gefahren und alledem hat. Es ist etwas sehr Schönes, unschuldig und unwissend zu sein, aber ich halte es für wesentlich besser, vor solchem Wissen nicht zurückzuschrecken.“

Für mich, der ich fast noch schaudert vor den erschreckenden Tatsachen, vor denen mich der Priester gewarnt hatte, war dieser Kommentar von so ungeheuerlicher und vernichtender Ironie, daß ich im Salon fast in ein lautes, barsches Lachen ausbrach. Denn ich wußte nur zu gut: gemessen an dem ganzen, sehr handfesten Satanismus, den der Priester kannte und mit dem er sein ganzes Leben läng rang, wußten diese beiden Herren aus Cambridge zum Glück für sie selbst ungefähr soviel vom wirklichen Bösen wie zwei Babys im selben Kinderwagen.

Nichtsdestoweniger hatte der Vorfall mit den Cambridger Studenten und ihrer windigen Verachtung für die weltfremde und eingehegte Tugend eines Landpfarrers eine Bedeutung für viel ernstere Dinge in meinem Leben als für meinen unglücklichen, jedoch rein berufsmäßigen Haufen von Leichen und Massakrierungen von Käuzen. Er stellte mich noch einmal, Aug in Aug, auf eine Weise vor jene krankhaften, aber lebendigen Probleme der Seele, auf die ich früher anspielte, und gab mir das starke und wachsende Empfinden, daß ich noch keine wirkliche geistige Lösung für sie gefunden hatte, obgleich sie in gewisser äußerer Hinsicht der Proportion und Praxis einen Mann weniger in seinem Mannesalter als in seiner Jugend beunruhigen. Sie beunruhigten mich noch immer, aber ich hätte aus reiner Müdigkeit mehr und mehr in eine Art von Kompromiß oder Ergebung sinken können, wäre nicht dieser plötzliche Blick in den Abgrund gewesen, der vor uns allen gähnt. Ich war überrascht über meine eigene Ueberraschung. Daß die katholische Kirche mehr über das Gute wußte als ich, war leicht zu glauben. Daß sie mehr über das Böse wußte als ich, schien unglaublich.

Wenn Leute mich fragen oder irgendwie Sonst die Frage an mich herantritt: „Warum schlossen Sie sich der römischen Kirche an?“ ist die erste wesentliche, wenn zum Teil auch abgekürzte Antwort: „Um von meinen Sünden frei zu werden.“ Denn es gibt kein anderes religiöses System, das wirklich verkündet, die Menschen von den Sünden frei zu machen. Es wird bekräftigt durch die Logik, die so manchem verblüffend erscheint, vermöge deren die Kirche den Schluß zieht, daß die Sünde, die gebeichtet und entsprechend bereut wird, wirklich getilgt ist und der Sünder wirklich neu anfängt, wie wenn er nie gesündigt hätte. Und dies führte mich haarscharf zu jenen Visionen oder Phantasien zurück, mit denen ich mich in dem Kapitel über die Kindheit beschäftigt Habe. Ich sprach dort von der unbeschreiblichen und unzerstörbaren Gewißheit in der Seele, daß diese ersten Jahre der Unschuld der Anfang von etwas Würdigem seien, vielleicht von etwas Würdigerem als irgend etwas, was wirklich darauf folgte. Ich sprach von dem seltsamen Tageslicht, welches etwas mehr war als das Licht eines gewöhnlichen Tages, und das noch in meiner Erinnerung auf jene steilen Straßen von Campden Hill hinabzuschimmern scheint, von denen aus man den Kristallpalast von weitem sehen konnte. Nun, wenn ein Katholik von der Beichte kommt, schreitet er wirklich, nach der Glaubenslehre, wieder in die Morgendämmerung seines eigenen Anfangens hinaus und blickt mit neuen Augen über die Welt zu einem Kristallpalast, der wirklich von Kristall ist. Er glaubt, daß in jener düsteren Ecke und in der kurzen rituellen Handlung Gott ihn wirklich nach seinem Ebenbild wieder neu geschaffen hat. Er ist jetzt ein neuer Versuch ‘des Schöpfers. Er ist ebensosehr ein neuer Versuch wie damals, als er wirklich erst fünf Jahre alt war. Er steht, wie gesagt, im weißen Licht am würdigen Anfang eines Menschenlebens. Die aufgehäufte Zeit kann ihn nicht länger schrecken. Er mag grau und gichtbrüchig sein, doch er ist erst fünf Minuten alt.

Ich verteidige hier nicht Lehren wie die von djem Sakrament der Büße, so wenig wie die gleichfalls verblüffende Lehre von der Liebe Gottes zum Menschen. Ich schreibe Hier nicht ein Buch religiöser Kontroversen, von denen ich mehrere geschrieben habe und sicherlich noch mehrere schreiben werde, wenn ich nicht von meinen Freunden und Verwandten gewaltsam daran gehindert werde. Ich bin hier mit der morbiden und erniedrigenden Aufgabe beschäftigt, die Geschichte meines Lebens zu erzählen; ich habe nur festzustellen, wie solche Lehren tatsächlich auf mein Empfinden und handeln eingewirkt haben. Ich bin der Natur der Aufgabe gemäß besonders mit der Tatsache beschäftigt, daß diese Lehren mir mein ganzes • Leben von Anbeginn an zu verbinden scheinen, wie keine andern Lehren es tun köhnte'h. Und vor allem scheinen sie mit gleichzeitig die Probleme meines kindlichen Glückes und meines knabenhaften Brütens zu lösen. Und sie führten mich besonders auf eine Idee, und ich hoffe, es ist nicht anmaßend, wenn ich sie die Hauptidee meines Lebens nenne. Ich will nicht sagen, daß es die Lehre ist, die ich immer gelehrt habe, aber daß es die Lehre ist, die ich immer gern gelehrt hätte. Es ist dies die Idee, alles dankbar anzunehmen und nichts als selbstverständlich zu nehmen.

So gibt das Sakrament der Buße ein neues Leben und versöhnt den Menschen mit allem Lebenden, aber es tut es nicht wie die Optimisten und die Hedonisten und die heidnischen Prediger des Glücks es tun. Die Gabe wird uns um einen Preis gegeben und an die Bedingung der Beichte geknüpft. Mit andern Worten: der Name des Preises ist Wahrheit, die auch Wirklichkeit genannt werden kann; aber die Wahrheit faßt die Wirklichkeit über sich selbst ins Auge. Wenn der Prozeß nur auf andere Leute angewandt wird, nennt man ihn Realismus.

Ich habe als das begönnen, was die Pessimisten einen Optimisten nannten; ich habe als das geendet, was die Optimisten sehr wahrscheinlich einen Pessimisten nennen würden. Und doch bin ich niemals weder das eine noch das andere gewesen und habe mich überhaupt nie wirklich geändert. Ich begann damit, einen zinnoberroten Briefkasten und viktorianische Omnibusse zu verteidigen, obgleich sie häßlich waren. Ich habe damit geendet, moderne Reklame oder amerikanische Filme anzuklagen, selbst wenn sie schön waren. Was ich damals zu sagen versuchte, war dasselbe, was ich heute zir sagen versuche; und sogar die tiefste religiöse Wandlung hat mich in dem Wunsch, es zu sagen, nur noch bestärkt. Denn tatsächlich sah ich nie die beiden Seiten dieser einen Wahrheit irgendwo zusammen ausgesprochen, bis ich zufällig den Groschen-Katechismus aufschlug und die Worte las: „Die beiden Sünden gegen die Hoffnung sind Vermessenheit und Verzweiflung.“

Aus „Der Mann mit dem goldenen Schlüsse — Die Geschichte meines Lebens." Verlag Herder, Freiburg,

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