6721970-1965_16_15.jpg
Digital In Arbeit

BRIEFE AUS DEM EXIL 1934—1939

An Ferdinand Bruckner

Nizza Salzburg, Hotel Münchnerhof

7. August 1934

Meine Lieben,

also ich bin über das waffenstarrende Tarvls helmgekehrt, aber es waren keine italienischen Hilfstruppen mehr nötig, um die Ruhe wieder herzustellen. Abgesehen von einigen kleineren Kämpfen in Kärnten und an der bayerischen Grenze, wo die sogenannte „österreichische Legion“ einen Einfall versucht haben soll, ging alles glatt. Uber die Schießerei im Wiener Rundfunkhaus in der Johannesgasse hast Du wohl gehört, auch über das grauenvolle Verbluten von Dollfuß inmitten seiner Mörder, die ihn ohne Arzt und Priester ließen. In der deutschen Presse drüben hieß es natürlich, das sei ein kommunistisches Attentat gewesen — aber nur wenige Tage, dann tat man alles, um die festgenommenen Verschwörer vor dem Galgen zu retten. Die beschämende Tatsache bleibt bestehen. Wäre Mussolinis blitzschnelle Intervention nicht gewesen — so säße heute eine Regierung Rintelen am Ruder mit dem Doktor Wächter als Außenminister, der vom Cafe Eues aus den Putsch dirigiert hatte — und die Entente, große und kleine, würde sich damit abgefunden halben, daß Rintelen Hitler die Gasse macht.

Nun kam es freilich anders, und der ungeheure Zufluß von Fremden zu den Salzburger Festspielen, wo schon über zehntausend Gäste aus allen Weltteilen eingetroffen sind im Gegensatz zu vierhundert in Bayreuth, verrät die Freude über Österreichs Rettung bei den Völkern, wo die Humanität noch nicht abgewertet wurde. Nicht nur Franzosen, Engländer, Italiener, Jugoslawen, Ungarn und Tschechen kommen jetzt, sondern diesmal auch Schweden, Holländer und sehr neugierige Amerikaner vom Norden und Süden ihres Kontinents. Und für die war die von Karlheinz Martin inszenierte und durch Bruno Walter dirigierte Aufführung des „Don Giovanni“ mit Ezio Pinza, der als Sänger und auch als Schauspieler hinriß, das stärkste Ereignis ...

In der Stadt, wo noch vor dem 25. Juli die weißbestrumpf-ten Windjacken zu triumphieren schienen, hat eine scharfe Gegenaktion eingesetzt, um Störungen der glanzvoll begonnenen Festspiele zu vermeiden. Freilich, nachts wischen die Scheinwerferkeile von Hitlers Privatflugplatz knapp an der Grenze über die Stadt weg, und der Führer (nämlich der fiurch die Hohensalzburg) zeigt in den Berchtesgadener Bergen einen schwachen Lichtfleck, Hitlers Haus auf dem Obersalzberg, und tags sieht man von Zweigs herrlich gelegenem ehemaligem Jagdschlößchen auf dem Kapuzinerberg den Rauch aus den Dächern des deutschen Städtchens Freilassing, wohin man von Salzburg sonst mit der Trambahn auf bayerisches Bier fuhr; heute liegt es ferner denn je.

Gäste aus drei europäischen Königshäusern werden hier tu dem Konzert Toscaninis am 22. August erwartet: Es ist, als spüre man in der ganzen Welt, daß wir mit unserem Widerstand Europa vor einer Katastrophe gerettet haben!

Und auch wir spüren es — in diesen strahlenden Tagen, wie schön unsere nun wieder von der unmittelbarsten Bedrohung gerettete Heimat ist. Und wie sehr es unsere — und nicht nur unsere, sondern unseres Kontinents — Pflicht wird, für dieses Österreich einzustehen!

Ich umarme Euch! Dein alter Csokd

An Lina Loos Wien XIX Katowice-Domb, clo Ing. Theo Holtz

13. Juni 1935

Liebstes LinerL hier ist es heute still und unglaublich friedlich. Das abendliche Acht-Uhr-Geläute schwingt eben aus. Der Nachtmahltisch ist abgeräumt, und Theo sitzt im Garten, die Flöte blasend wie der alte Friedericus Rex. Sein Weib Ursel rupft Unkraut aus, sein Sohn Florian stört ausnahmsweise nicht... kurz, es tritt einer jener ganz seltenen Augenblicke ein, wo alles so voll von einem Frieden ist, wie man ihn eigentlich beim Sterben haben sollte, wenn das Leben immer gerade gewesen wäre und klar — unser schweres, verwirrtes Leben!

Ich habe hier viel Freude erlebt, die erste ungetrübte Freude seit langer Zeit. Nicht nur durch das Paar Theo und Ursel, die herzlich und gütig sind wie immer — dieses ganze Land Polen hat mir so viele Liebe gezeigt, so viele Achtung —, man weiß auf einmal, daß man anderen Menschen etwas bedeutet, und das macht einen nicht hochmütig, im Gegenteil, es verpflichtet. Es verpflichtet zu dem, was man von uns glaubt, was man von uns hält und erwartet — und es gibt einem Mut zu dem Rechten in sich!

Gestern habe ich meinen Kraslnskivortrag nochmals In Kattowitz gehalten, und als mir nachher ein alter polnischer Schulrat mit rührenden Worten dankte, die er in Deutsch mühsam zusammensuchte (er wollt- immer erklären „wir sind ergriffen“ und sagte „wir sind erheitert“), da spürt ich mir eine solche Welle von Wärme und Dankbarkeit entgegenkommen: ich schämte mich geradezu. War ich das wert?

Wie klein die Welt übrigens ist! Der Doktor Gorinsky von der Woiwodschaft in Kattowitz, der hier meinen Vortrag als ersten offiziellen Vortrag in deutscher Sprache seit Jahren veranstaltete, ist ein Neffe der Hofrätin Bertha Zuckerkandl.

In Warschau war ich noch am letzten Tag mit dem alten Grafen Krasinski in seiner Bibliothek gewesen, dem ich in die Hand versprechen mußte, ihn beim nächsten Besuch auf seinem Gute Opinogora zu besuchen. Und dann vor der Abfahrt kam noch ein weißhaariger berühmter Dichter zu mir — eine Art Hofmannsthal Polens, so berühmt: Waclaw Be-reht —, under lud mich zu einem Abschiedsesseri ein, bei dem es toll zuging; er erzählte von dem Strindberg-Kreis im Berliner „Schwarzen Ferkel“, dem er angehört hatte, von dem Dichter Przybiszewski und Dagny Juell, seiner wunderschönen Frau, in die Strindberg vernarrt gewesen sei, und dia von einem eifersüchtigen Studenten erschossen wurde. Ina Morgengrauen brachte Berent mich an den Zug.

Zur Vorlesung in Lemberg war die Zeit so vorgerückt. So atme ich hier Frieden bei den lieben Holtzens! Grüß mir daheim alle, Freund und Feind! Einmal werden wir ja derselbe Staub. Aber auch dann noch bin ich mit allem Gutea in mir.

Dein Franz Theodor

An Ferdinand Bruckner

London SW 5 Wien III, Rennvieg 41

26. Juli 1935

Liebster Dori,Lina geht es, Gott sei es gedankt, schon besser. Sie hat eine besondere Art bäuerischen Organismus, verschärft durch Pas-saiertal, wo der Vater herstammt: der ist mit uns Stadtgeburten nicht zu vergleichen. So hat sie das wochenlange Fieber einfach nicht zur Kenntnis genommen, bis daß dies dem Fieber scheinbar zu langweilig wurde, und mit einemmal war es dann weg. Das muß schon eine ganz seltene Krankheit sein, mit der sie nicht fertig würde.

An dem Wiedertäuferroman arbeite ich — ohne große Freude. Eigentlich würde es mich viel mehr zu einem neuen Stück drängen — aber wozu? Zwei Stücke liegen mir herum und kommen, nun, wo auch Deutschland für mich ausfällt, einfach nicht an: das Wiedertäuferdrama, das ich eben jetzt zur Grundlage für den Roman nehme, und die „Gewesenen Menschen“, die dem sonnigen Röbbeling für das Burgtheater zu düster scheinen. Soll ich mich da noch mit einem dritten für den Schreibtisch plagen? Der Roman wird mir wenigstens sicher abgenommen von Zsolnay, der jetzt allerdings über Einschränkungen auf dem deutschen Markt klagt. Nun ja, Werfel und Heinrich Mann kann er dort nicht mehr anbieten, von mir gar nicht erst zu reden. Dabei gäbe mein bevorstehender fünfzigster Geburtstag einen so guten Anlaß, mein Werk auszuschlachten, hätte ihm mein Protest nach Dubrov-ndk das nicht unmöglich gemacht...

... Für Dich lege ich das erste Kapitel eines Wiener Romanos, „Die Stadt neben der Welt“, bei, den ich vor zehn Jahren begann. Soll ich fortfahren damit? Viele Leute reden mir zu, und mich selbst reizt ja ein Roman über die Stadt, in der nichts fertig wurde: vom eintürmigen Stephansdom über den Triester Kanal, der nur bis Wiener Neustadt rinnt und dann versickert, und das nach einem Viertel des Baues stehengelassene Klosterneuburg, mit der Krönung in Schuberts „Unvollendeter“. Aber auch ich werde mit einer solchen Arbeit, die ein Kollektivroman eines neuen Typus sein müßte, nie zu Ende gelangen.

Lies die paar Seiten und schreibe mir Deine Meinung! Ich weiß wirklich nicht, was Ich nun anpacken soll, ich bin schon ganz hysterisch von einer brodelnden Unruhe. Da las ich gestern die Notiz über ein österreichisches Kriegsgefangenenlager an der chinesischen Grenze — alle Nationen des alten Reiches befanden sich dort, ohne Ahnung, daß dieses Reich vor Jahren zerfallen sei; erst 1928 hörten sie davon. Dann gab es Selbstmord,: Streit, Verzweiflung — einem gelang es erst vor kurzem, die Heimat zu erreichen, die andern schienen alle untergegangen zu sein, sie haben die österreichische Tragödie vom dritten November 1918 dort noch einmal vollzogen. Was wäre das für ein Stoff! Hinter jeder Figur stehen Millionen. Aber man kann nicht alles schreiben!

Lieber, grüße Andre, Peter, Ruth und die große Mutter Betka. Und sei Du umarmt vom ganzen Herzen

Deines unveränderten und unveränderlichen

Franz Theodor

... Paris tat mir. sehr gut! Man überschaute die Lage und die Lager in Europa und wie wir in die Mitte zwischen Mühlsteine geraten. Jedenfalls bringt uns dieses Jahr Entscheidungen, die jedem von uns hier die Daumenschrauben ansetzen können — Zerreißproben auf unser Gewissen! Ich hielt im hiesigen Schutzverband eine große Rede, eine Rede über die Krise der Menschenrechte und über die Einstellung des Künstlers, vor allem des Dichters dazu, und ich betonte, daß unsere wichtigste Aufgabe sein würde, in diesem Augenblick Charakter zu beweisen und gegen jeden menschenfeindlichen Wahn, selbst wenn er zum Gesetz erhoben würde, anzukämpfen! Du magst in New York über eine solche Selbstverständlichkeit lächeln, hier fand man sie geradezu tollkühn. Der Beifall tobte — und viele Briefe kamen danach noch an mich. Nun, ab das aber bis in die Stunde des Entweder-Oder hält, die uns bald schlagen dürfte?

Das Nordlicht, das wir heute erlebten, schien sie vielen anzukündigen. Es wirkte auch wie eine Ouvertüre zum Jüngsten Tag! Vom Norden her wuchs es in einem Farbenbogen von Purpur bis zu einem lichten Grün über den halben Himmel. Unbekannte Vögel kreuzten krächzend die Luft, von Krähengröße, doch mit schmutzig grauen Schwingen, wie sie nach alten Chroniken auch einst vor der Pest hier eingeflogen seien. Lina war bei mir; sie sagte: „So ist es ihnen gelungen —?“ „Was —?“ fragte ich. „Die Atomzertrümmerung“, gab sie zur Antwort. Weil sie den Einstein-Mayer kennt, spukt ihr das durch den Kopf seit langem schon. Nun, ich versuche gar nicht mehr, es ihr auszureden ...

Dein alter Franz Theodor

An ödön von Horväth

Budapest Chorzow, c/o Ing. Theo Holtz

18. März 1938

Liebster ödön,

zehn Stunden im Waggon, und hier eine andere Welt! „Wyzwolenie“ — Auferstehung — nennt sich die Schnapsbude, wo ich auf einem wackligen Tisch diesen Brief an Dich hinfetze mit dem Blick auf das nächtliche Chorzow mit seinen Elevatoren, Schlackenhügeln und feuerschnaubenden Pyramidenstümpfen und von scharfen Lichtern durchzuckten gelben und schwarzen Rauchwolken — eine schnaubende, zischende, rasselnde Hölle voll Ruß und Dreck — und trotzdem ein Paradies, wenn ich mich an die Hölle erinnere, die Ich heute verlassen habe.

Nach dem vorgestrigen Abschied von Dir war ich noch bei den wenigen gewesen, die mir in Wien nahestanden, Lina vor allem, Hertha, Carli, die Fontanas und die Grete Wiesenthal. Daß die Werfeis in Prag, Martha und Paul in Paris und die Zuckmayerischen schon in Zürich sind, machte einem den Abschied von Wien leicht. In Mödling sah ich noch meine Mutter, der ich eine dringende Fahrt zu einer Vorlesung vorschützte, und meine Schwestern, denen ich es überließ, ihr später allmählich beizubringen, daß sie mich doch so bald nicht wiedersehen werde. Meine ältere Schwester, bei der ich vorsichtshalber über Nacht geblieben war, begleitete mich zum Ostbahnhof, von wo ich den Kattowitzer Freunden meine Ankunft kabelte. Dann fuhr ich los. Mein letzter Wiener Blick streifte die Hauptallee des Praters, die der Zug kreuzte, und das Krematorium bei dem Zentralfriedhof, wo man aus dem Qualm erriet, daß man dort eben einige Abgeschiedene verheizte. Und ein Satz der Bibel fiel mir dazu ein: „Lasset die Toten ihre Toten begraben!“ Lieber, das gilt auch privat für uns!

In Kattowitz winkten mir vom Bahnsteig Theo und Ursel Holtz, die lieben Freunde, in Tränen aufgelöst. Mit dem Auto ging es dann über versteppte Kohlenhalden hierher. Mein Gott — wie sauber fühle ich den Kohlenstaub, der mir Gesicht und Wäsche überzieht, mit dem verglichen, was hinter mir geblieben ist in meiner sogenannten Heimat! Wie köstlich schmeckt mir diese schwefelige Luft, die keine Lüge mehr verpestet! Dir geht es bei den lieben Hatvanys wohl auch nicht anders. Grüße sie tausendmal und Lajos, Deinen Bruder. Jetzt liegen freie Länder zwischen uns. Auf Wiedersehen also mit

Deinem neugeborenen Tranz Theodor An Dr. Felix Braun

Padua, R. Universitä Chorzow, c/o Ing. Theo Holtz

24. Mai 1938

Mein lieber guter Felix,

Dein lieber Brief bereitete mir eine innige Freude. Ja, nun hause ich hier, mitten im Kohlenrevier; „Königshütte“ hieß der Ort vor dem Weltkrieg, da er noch zu Preußen gehörte. Chorzow war sein älterer Name aus der Piastenzeit, der ihm dann wiedergegeben wurde. Dein Gleichnis eines neuen Katakombenlaben stimmt mit der Wirklichkeit um mich hier überein. Meine Katakomben bilden die verlassenen Kohlenschächte, die den kahlen und durch die Dämpfe aus den Stickstoffwerken unfruchtbaren Boden unterwühlen. Abends sieht man über Rissen der nackten Erde geisterhaft blaue Flämmchen tanzen aus den aufgegebenen Gruben, in denen kleine Brände weiterglimmen wie arme Seelen, die nicht Ruhe finden. Und hinter den Schloten und Elevatoren, die wie ein ungeheures Stacheldrahtgehege gegen das düstere Rot des Horizontes stehen, beginnt die maßlose Ebene, die ostwärts eigentlich so bis an den Ural reicht.

Zum Wochenende bin ich freilich immer auf dem nahen Landsitz meines Freundes, dem Gut Ludwigshof, das sein Bruder Karl bewirtschaftet, wobei er hauptsächlich Rhabarber zieht, ein hier hochbeliebtes Nahrungsmittel. Aus meinem Fenster dort schaue ich gegen Süden, wo auf den Höhen der Beskiden und der Tatra die Grenze der Tschechoslowakei verläuft; dazwischen liegen mit Seen und Auerochsen in ihren finsteren Wäldern die schwarzen Plessischen Forste. Auf dem Gipfel des höchsten Berges dort, der Lysa Gora, glänzt noch Schnee — und unter mir schimmert die Baumblüte des Obstgartens, der dann in unbebaute Wiesengründe übergeht — und darüber das leise Orgeln der Maikäfer — Horaz kommt mir in den Sinn, der Emigrant Horaz, den sein Augustus allerdings begnadigt hat: „Videsne ut alta stet nive Candida Soracte?“

Lieber, ich werde freilich meine Vaterstadt nicht mehr sehen, wenn es nur irgendwie nach meinem Willen geht. Ich habe sie in der Verwandlung erlebt, ich erfuhr noch dort die öffentlichen Schändungen der Menschenwürde, den Selbstmord Egon Friedells und andere Scheußlichkeiten. Ich selbst war ja nie bei einer Partei, ich gehöre der verstatteten Rasse an — aber das eben ist es: Ich fühle mich dadurch mitverantwortlich für alles, was nun dort geschehen wird.

Ich hege keinen unfruchtbaren Emigrantenhaß. Ich habe mich einfach entfernt. „Wo man nicht lieben kann, soll man vorübergehen“, sagt der Philosoph, auf den die sich berufen, Friedrich Nietzsche. Und Gott weiß es, daß ich da nicht lieben kann. Nun habe ich die Haltung zu bewahren, die mir mein bisheriges Leben auferlegt. Man bleibt sich darin noch über den eigenen Tod hinaus verpflichtet.

Dir kann ich über alles das nach Padua noch schreiben. Nach Wien nicht mehr, und gerade nicht denen, die einem dort noch teuer sind, wie Lina mir. Wenn jemand von hier hinfährt, gibt man Grüße mit, wenn er zurückkehrt, hört man allerlei, was sich nur mit der Geheimtinte eines scharfen Gedächtnisses notieren läßt: so das von dem Dichter, der Dir so nahestand. Ich kann mir denken, wie es Dich getroffen hat.

Doch selten findet man im Leben Gelegenheit zu einer Sünde für viel bewußt und unbewußt Verfehltes, „sein Herz zu waschen“, wie man hier in Polen sagt. Und eine solche Möglichkeit muß man ergreifen, und wenn sie schwer sein sollte wie ein Kreuz. Was ich mir in der Wiener „Braunen Woche“ innig und oft gewünscht habe, den Tod — daran denke ich längst nicht mehr. Ich arbeite! Mein Drama „Gottes General“ über Loyola habe ich vollendet. Über „Jadwiga“, diese polnische Johanna, die eine herrliche dramatische Gestalt ist, treibe ich Studien, bei denen mich ein polnischer

Ein Brief Georg Kaisers, der vor 20 Jahren In Ascona gestorben Ist, an Frani Theodor Csokor Historiker, Oskar von Halecki, der in Wien studierte, unterstützt. Aber verzeihe, daß ich nur von mir erzähle. Du schreibst: „Weshalb sollte ich nicht nach Wien heim zu den Meinen — ?“ Nein, das sollst Du nicht! Und wenn Du es trotzdem wagst, so sichere Dir die Rückfahrt durch das Rektorat der Paduaner Universität, die Dir bestätigt, daß Du dort dozierst. Am besten wäre es, das italienische Kulturinstitut in Wien lüde Dich dorthin ein zu einem Vortrag; damit unterstündest Du in Wien dem Konsulat Italiens, das Dich schützen kann und Sorge für Deine Heimreise nach Padua tragen wird. Und grüße mir diese Stadt, die ich so liebe, den Platz vor dem Santo mit den Sandsteinheiligen, die Capeila d'Arena und ihre Giottos, das Cafe Pedrocchl mit seinen Billard- und Kartenspielern und hinter dem Bacchiglione die Alpen, wenn sie sichtbar sind!

Grüße mir nicht Wien, aber ein paar Menschen dort, Lina und Grete Wiesenthal voran. Vielleicht, daß Dich die Deinen dann von Eurer Grenze nach Padua begleiten dürfen?

Es umarmt Dich vom ganzen Herzen

Dein Franz Theodor

... Natürlich fiel es mir schwer, Wien zu verlassen, ohne nochmals bei Dir in Sittendorf gewesen zu sein, aber es ging nicht anders, ein Tag noch versäumt, und ich hätte Wien nicht mehr verlassen können. Die Hauptsache ist ja, daß wir in den Briefen einander nahe bleiben, das wird fast wichtiger, als daß man sich persönlich trifft, weil es ja immer das Wesentliche ist, was man einander schreibt. Da sieht man sich im Geist, und mich freut es ganz besonders, dabei zu merken, wie Deinem Geist das Alter nichts anhat — im Gegenteil: Du bist die Weiseste und Menschlichste in der ganzen Familie, der engeren und weiteren Verwandtschaft! Auch die anderen sind gewiß seelengute Geschöpfe, aber die lassen sich entweder von der Propaganda blenden oder sie verlieren das Gefühl für das Absolute, sie halten die Wirklichkeit um sich für die Wahrheit, und den Erfolg verwechseln sie mit der Leistung. Und in allem steckt noch zuletzt die menschliche Angst vor der ihnen täglich demonstrierten Macht.

Was mich betrifft, so betrachte ich mich von meinem bisher geführten Leben mit seinen Sorgen, Eitelkeiten und Schwächen beurlaubt für meine Arbeit, die für mich in dem Augenblick begann, als ich mich hier an den Schreibtisch setzte. Und diesen Urlaub lasse ich mir durch nichts und durch niemanden nehmen! Ich glaube heute eine größere Verantwortung zu tragen als in der Heimat, eine, die über meine Lebensdauer hinausreicht. Du verstehst mich gewiß! Denn Du bist ein innerlich religiöser Mensch, und Du weißt wie ich, daß uns sterblichen Wesen zwei göttliche Triebe eingepflanzt wurden in den letzten Gottesbeweis, den es gibt — in unser Gewissen: der Trieb nach Wahrheit und der Trieb nach Gerechtigkeit. Man kann sein Gewissen betäuben, kann die Augen schließen oder nur das sehen wollen, was einem angenehm scheint — in wie vielen Ehen geschieht das! — aber die göttliche Unruhe in seinem Inneren wird man deshalb nicht los. Das Herz des Weisen freilich wird von dieser Unruhe -nicht gequält,-sondern eher beseligt und bestätigt, weil er darin,eine Stimme aus der. Ewigkeit hört und erkennt: „Non confundar in aeternis! — Ich werde nicht verlorengehen in der Ewigkeit“, wie Anton Bruckner das gefühlt hat. Denn der Mensch ist in jedem Augenblick dieses seines Lebens nicht der Zeitlichkeit, sondern der Ewigkeit verantwortlich!

Liebste Mutter, ich sehe Dich ja genau vor mir, wie Du In Deiner Wohnung hin- und hergehst und mit der Nachbarin sprichst und sie Dich so wenig versteht, wie Du sie, weil Ihr ja beide schwerhörig seid, und dann kommt meine Schwester Sophie mit großem Geschrei und die liebe alte Marie, unser guter Hausgeist, und die Schwester Jenny besucht Euch aus Wien — so seid Ihr jetzt alle um mich im Geist meiner herzlichen Liebe zu Euch. Selbst wenn ich leiblich jetzt unter Euch wäre, so könnte ich nicht so nahe bei Euch sein, so wie ich es jetzt bin!

Der Jenny lasse ich herzlichst danken, aber sie soll nichts für mich tun! Es ist eine gnädige Fügung des Himmels, daß ich hier in Ruhe und Frieden dem nachgehen kann, was mir das Wichtigste bleibt: meiner Arbeit! Dich umarme und küsse ich tausende Male — wo ich auch bin, ich bin immer bei Dir!

Innigst Dein treuer Sohn Franz

P. S. Diesen Brief befördert ein Kurier; er ist seit langem schon geschrieben und hat nur warten müssen, bis sein Träger Dich ohne Kontrolle besuchen durfte.

An Lina Loo Wien XIX Osiedle-Ostoja

Poczta Pruszkow, c/o Dr. Jan Süwinski Ostern, 7. April 1939

Meine Liebe,

Karfreitag, das Ist unser wahrer Feiertag. Denn diesmal denkt man mehr als an die Auferstehung an die Kreuzigung und ihre Leiden, mehr an das „Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ als an den Stein, der von dem Grab zur Seite wich, mehr an den Jüngsten Tag als an die Himmelfahrt.

In einer Papstgeschichte las ich Gregor des Achten letzte Worte, als er 1085 in Salerno starb: „Dilexi iustitiam et odi iniquitatem; propterea morior in exilio“ — „Ich liebte die Gerechtigkeit und haßte die Missetat, und dessentwegen sterbe ich in der Verbannung.“ Und Francis Bacon notiert in seinen „Apophthegmata“: „Mr. Bettenham sagt, daß tugendhafte Menschen jenen Kräutern und Gewürzen gleichen, welche ihren Duft nicht eher ausströmen, als bis sie nicht zermalmt oder gebrochen werden.“ Es mag seltsam klingen, aber solche Erkenntnisse vermitteln mir eine besondere Art von Trost.

Zu einem Schicksal wie dem unseren muß man eben nicht nur sein Einverständnis geben, sondern vor allem es zum Anlaß nehmen, „sein Herz zu waschen“, wie man das hier sagt — sonst bleibt, was einem zustieß, nichts als Pech und innlos. Leider erkennen das die meisten nicht.

„Wielca noc“ — die große Nacht — heißt man in Polen Ostern. So ließe sich auch eine ganze Zeit benennen.

Dein Franz Theodor

Dl Wiedergabt der Briefe erfolgt mit Genehmigung des Autors und des Langem Miller-Verlages, München und Wie, wo unter dem Titel „Zeuge einer Zelt* die Briefe Csokors aus den lahm 13J bis 1946 erschienen sind.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau