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Digital In Arbeit

STUNDEN DER BEGEGNUNG

Bei dem Gespräch in meinem Atelier, das Ende August in der „Furche“ erschien, kam die Rede auf Dichter, Schriftsteller, Künstler, die ich kennenlernte, und die Redaktion bat mich, über diese Begegnungen zu schreiben. Ich sagte etwas voreilig zu, und nun werde ich leider beim Wort genommen. Das Schreiben ist ja nicht mein Metier, und die retrospektive schriftstellerische Beschäftigung mit der Vergangenheit ist, so scheint es mir, der unmittelbaren schöpferischen Tätigkeit entgegengesetzt. Man mag einwenden, und dem muß ich mich wohl fügen, daß mein Schaffen ja eigentlich ohnehin aus der Erinnerung, der Vorstellung fließt, gespeist wird, daß der Illustrator schließlich auch ein Erzähler wäre, und so will ich denn erzählen

Entscheidend war für mich die Begegnung mit Alfred Kubin, die mit seinem Werk und die persönliche. Das warme Echo, das meine erste größere Arbeit bei ihm fand (die Blätter zur „Verwandlung“ von Franz Kafka), führte zu einem Briefwechsel und nach Jahren zu einem Besuch in Zwickledt, dem dann etliche weitere folgten. Aus dem Meister-Jünger-Verhältnis wurde eine freundschaftliche Beziehung. 1937 sah ich ihn zum erstenmal. Unvergeßlich war schon der erste Eindruck. Seine Erscheinung hatte etwas Schwebendes an sich, durch die gestikulierenden Hände und den flatternden Lodenumhang wurde dieser Eindruck noch verstärkt; etwas erinnerte an ein sensibles, scheues Tier. Das äußere Bild, die zarte, nicht große, so bewegliche Gestalt, deckte sich ganz mit seinem Wesen, der hellen, wachen Regsamkeit seines Geistes. Mit einer Intensität sondergleichen stürzte er sich ins Gespräch. Hunderte Themen wurden berührt: Kindheitserinnerungen, Lektüre, Philosophie, Graphik, Begegnungen, Träume, Erlebnisse, Anekdoten usw. Sein Gesprächsstoff schien unerschöpflich und wie aufgespeichert in der Einsamkeit seines ruhigen Landsitzes Zwickledt und seines Schaffens. Kubins Mimik spiegelte ununterbrochen das Erzählte. Zu dem kahlen Schädel, den ruhigen braunen Augen kontrastierten die weichen Gesichtszüge, die wie in steter Verwandlung waren. Durch eine totale Identifizierung verwandelte er sich immer in die Person, von der er gerade sprach. Nun hatte er auch in mir, dem um 26 Jahre jüngeren, das richtige Medium für diese Zauberei. So erschreckte er mich auf einem Spaziergang, mit seinem Stock herumfuchtelnd und von seiner eigenen Erzählung hingerissen, durch die großartige Darstellung eines sich duellierenden Marquis. Der leicht Erschreckbare erschreckt eben gerne andere

Frau Hedwig, die Gattin und mütterliche Betreuerin des Meisters rief ihn da einmal schmunzelnd zur Ordnung: „Alfred, sei doch heute nicht gar so dämonisch!“ Worüber wir dann alle lachen mußten. Die Gewogenheit von Frau Kubin war sehr entscheidend für die Aufnahme ins Haus. Nach ihrem Tode wohnte ich darin' später während meiner Besuche in Wernstein bei Pfarrer Samhaber, dem die Kunstwelt für die liebevolle Betreuung des alten Meisters und für die Inventarisierung des so umfangreichen Werkes nicht genug danken kann. -— Das Schönste war immer das Betrachten der neuen Zeichnungen in der so dichten Stimmung seines Arbeitsraumes. Oft hatte Kubin ein Konvolut alter Arbeiten ausgegraben, oder wir betrachteten gemeinsam die riesige Sammlung seiner Ensor-Blätter, die er über alles liebte. Sicher war er ganz eingesponnen in seine Welt, aber ohne im negativen Sinne egozentrisch zu sein. Im Gegenteil: voll Verständnis war er am Schicksal, an den Problemen, an der Arbeit des anderen interessiert. Seiner Freigebigkeit verdanke ich eine große Zahl von Blättern und Skizzen. Zu diesem wertvollen Besitz gehören auch die vielen Briefe — in seiner skurrilen Handschrift — aus den 25 Jahren unserer Korrespondenz und schließlich die Feder und der Stift des Meisters, die mir die treue Haushälterin Frau Cilli nach seinem Begräbnis übergab.

Kubin sandte mir immer auch Bücher zur Lektüre, und ich war froh, ihm meine damalige Entdeckung, nämlich Bücher von Julien Green, senden zu können. Anläßlich einer Ausstellung meiner Graphik lernte ich Green persönlich kennen. Seine Wohnung, im obersten Stockwerk eines palaisartigen Gebäudes gelegen, an das ein Garten mit großen Bäumen grenzt, erschien mir wie eine stille Insel im lauten Paris. Eine Insel, auf der er allein und einsam lebt. Die äußere Erscheinung Greens, zart, gepflegt, entspricht vielleicht eher der Sensibilität als der Kraft und Dämonie seiner frühen Romane. Das glatte hübsche Gesicht — es müßte schwer zu zeichnen sein — bekommt seinen Ernst durch die dunklen traurigen Augen. Ich staune noch heute über die Ergiebigkeit des damaligen Gesprächs; meinem Mittelschulfranzösisch kam er hie und da mit seinem gebrochenen Deutsch zu Hilfe. Die Zeichnungen zu seiner Erzählung „Christine“ schienen ihm sehr zu gefallen und sich mit seiner Vorstellung zu decken. Er sprach dann über seine Romane, als würden sie ihm schon ferne liegen, und doch schien er unglücklich darüber, daß er seit langer Zeit keinen mehr geschrieben hatte. Der menschliche, religiöse Klärungsprozeß, der in den Tagebüchern, damals allein publiziert, sichtbar ist, war offenbar von einem Nachlassen der ungeheueren Spannungen begleitet, die aber gerade bei ihm der künstlerische Antrieb waren. Eine Situation voll innerer Tragik. — Wir sprachen über Lieblingsbücher, und zu unserer Freude nannten wir gleichzeitig, wie in gleichem Atem, den „William Wilson“, d i e Gewissensgeschichte E. A. Poes. Überrascht hörte ich, daß er trotz aller Mühe so gerne Hölderlin und Trakl in deutscher Sprache lese! — Wenn ich an diesen Besuch denke, so fällt mir immer der Abguß der Hand Chopins ein, der auf dem Schreibtisch des Dichters liegt. Diese zauberhaft feingliederige Hand hat dort ihren bedeutsamen Platz.

Anders und zwiespältig war der Eindruck, den die Begegnung mit Thornton Wilder hinterließ. Ich hatte sein so schönes und tiefes Buch „Die Brücke von San Luis Rey“ illustriert und traf ihn nun während seines Aufenthalts in Wien. Sein quecksilberiges Wesen, seine sprudelnde Gesprächigkeit und die so betonte Fröhlichkeit machten mich betroffen. Am nächsten Tag sah ich ihn wieder bei der Generalprobe eines seiner Stücke im Burgtheater. Mit dem gleichen Lächeln stimmte er allem zu, und schließlich stellte er sich vergnügt und gerne den Photographen. Vielleicht, so legte ich es mir zurecht, ist diese Art sich zu geben nur eine Maske, ein in Amerika notwendiger Schutz, um die innere Substanz zu bewahren.

Den visuellen Eindruck, den ich von Hermann Broch 1937 bei einem Besuch in seiner Wiener Wohnung erhielt, habe ich dann unmittelbar nachher zeichnerisch festzuhalten versucht. — Es war an einem Vormittag. Der große, blasse, vornübergebeugte Mann mit den scharfen intellektuellen , Zügen empfing mich im’ Schlafrock. Vielleicht dadurch beeinflußt, schien er mir einer schlaflosen Eule zu ähneln. Die stille, nachdenkliche, behutsame und doch so eindringliche Art, in der er das Gespräch führte wir sprachen auch viel von Kafka, den er sehr liebte —, beeindruckte mich sehr.

Weil meine Kafka-Porträts vielfach u. a. auch in Literaturgeschichten abgebildet sind, werde ich immer wieder gefragt, ob ich Franz Kafka gekannt habe. Leider nein; ich entdeckte sein Werk zwar früh für mich, noch als junger Kunststudent im Jahr 1925, aber doch ein Jahr nach des Dichters Tod in Kierling. Die vielen Blätter, die ich in der Folge für sein Werk und ausschließlich für mich geschaffen hatte — damals hatte ja fast niemand Interesse für diesen „Verrückten“ —, wollte ich wenigstens einmal seinen Freunden in Prag zeigen. Im Jahre 1937 war ich dort, lernte den Freundeskreis Kafkas kennen und bekam so noch die Ausstrahlung seines Wesens übermittelt. Seine Freunde waren trotz der vielen vergangenen Jahre wie verwandelt, ihrer Geschäftigkeit und dem Alltag entrissen, wenn sie von „Franz“ sprachen. Otto Pick sagte: „Franz war eine Mischung von Dostojewskis Fürst Mischkin und einem orientalischen Prinzen.“ Bei Max Brod sah ich die Manuskripthefte, Photos, das Paßbild und verblichene Aufnahmen aus der Jugend Kafkas.

Eine nähere Beziehung fand ich zu seinem Freunde Johannes Urzidil. Sein Urteil und seine Bestätigung gaben meinen imaginären Porträts Berechtigung. Er schrieb mir einmal aus Amerika: „Das Bildnis auf dem Titelblatt, die symbolische Darstellung des letzten Blattes sind vollendete Kafka-Porträts. So habe ich ihn gekannt, und über die Brücke sah ich ihn so gehen und habe ihn auch zuweilen auf solchem Weg in unserer Heimatstadt begleitet. Wie stark müssen auf mich, gerade auf mich, diese Blätter wirken.“ Eine wesentliche Rolle im Werk Urzidils spielt ja die Erinnerung an die Heimat, an Prag. Dieses Werk, das er zum Großteil erst nach der Emigration im höheren Alter geschaffen hat, findet jetzt seine verdiente Würdigung. Wie er sich in Amerika, in den Jahren der Bedrängnis, bewußt die schöpferische Substanz, seine Kunst, bewahrt habe, erzählte er mir vor wenigen Monaten in Perchtoldsdorf. Er versuchte nicht, sich mit Journalistik durchzuschlagen, sondern verdiente lieber als Buchbinder seinen Lebensunterhalt. In dem ihm unbekannten Handwerk kam er nach Mißerfolgen selbständig zu wirklicher Meisterschaft. Es war eine Freude, dem großen kräftigen Mann voll strahlender Vitalität zuzuhören.

Durch meine Arbeit lernte ich natürlich viele Autoren näher kennen. Um nur einige zu nennen: Den blauäugigen liebenswerten Gottfried Kölwel, dessen Werk jetzt nach seinem Tode gesammelt erscheint; er verschönte mir freundschaftlich jeden Aufenthalt in München. Max Zweig, zu dessen Drama „Saul“ ich heuer Lithos zeichnete, den bedeutenden Übersetzer französischer Dichtung Karl Klammer (K. L. Ammer), dem man den österreichischen Kavallerieoffizier immer ansah, und den Dichter und Verleger Gotthard de Beauclair. Mit diesem feinsinnigen Lyriker, diesem Meister der deutschen Buchkunst, des bibliophilen Buches, zusammenzuarbeiten — wir „schufen“ vor kurzer Zeit als Mappenwerk Georg Trakls „Helian" —, ist wirklich beglückend. Beauclairs Leitsatz: „Die Eile ist ein Kind des Teufels“, der heutigen Lebenshast entgegengestellt, ist wohl das Geheimnis seiner Kunst.

Durch eine glückliche Fügung wurde ich mit Reinhold Schneider bekannt. Der Piper-Verlag schlug mir drei Autoren für die Einleitung zu meiner Sammlung „Imaginäre Por- traits“ vor. Ich wählte Reinhold Schneider, und zu unserer Freude fanden wir seine Zustimmung. Es kam zur Korrespondenz und zu einer Begegnung im Sommer 1957 und dann im folgenden Winter in Wien. „Winter in Wien“ heißt auch sein letztes Buch, das damals tagebuchartig entstand und an dem ich ihn, wenn wir uns im Café Prückl oder im Griechenbeisel trafen, schreiben sah. Vor ihm lag auf dem Tisch sein seltsames „Kartenspiel“: Ansichts- und Kunstkarten, die er besonders liebte und die ihn bei seiner Arbeit anregten. Da lagen zum Beispiel das Münzporträt Kaiser Maximilians I., ein Photo des Lipizzanerhengstes Maestoso Alea, der spätantike Porträtkopf des Eutropios aus dem Kunsthistorischen Museum und andere. Dieser Kopf glich dem Reinhold Schneiders — nicht unmittelbar in allen Einzelheiten, aber in der unerhörten Kraft und im leidenden Ausdruck. In dem Blick der intensiv blauen Augen des Dichters konzentrierte sich sein ganzes Wesen: Geist und Güte. Er mußte in der Jugend ein schöner Mann gewesen sein. Im letzten Lebensjahr war Schneider, so bitter es zu sagen ist, körperlich ein armes Wrack. Lang und hager, beim Gehen immer auf den Stock gestützt, war die ganze Gestalt vom Leiden, das er heldenhaft ertrug, gezeichnet. Diese Leidensfähigkeit ließ ihn auch geistig immer mehr Lasten aufnehmen und tragen, in höchster Verantwortung nicht nur für sich, sondern auch für die anderen. Hier in Wien wurden ihm, dem tiefreligiösen „Leidträger“ (die alte russische Bezeichnung besteht da zu Recht), die Bürden fast zu schwer. Die Problematik der Existenz, das Widersprüchliche der Schöpfung beschäftigten ihn quälend. Hie und da verriet er mir mit einigen hastigen Sätzen die Krise, in der er sich befand. Ganz unvermutet, zum Beispiel etwa beim Anziehen der Mäntel, ein anderes Mal im Lift.

Trotz dieser Krise blieb er in seinem Innersten heiler und sicherer aufgehoben als viele der Zeitgenossen, und immer war man beglückt von der Strahlungskraft seines Wesens. Was ihn auch in der Reihe der hier Besprochenen heraushebt, ist nicht die Leistung, sondern das Außergewöhnliche, das in großer Annäherung Heiligmäßige. Dem entsprach irgendwie das Provisorische in der äußeren Lebenshaltung. Bei einem Besuch in seinem Pensionszimmer war ich betroffen von der seltsamen Unordnung. Sie war insoferne doch eine Ordnung, weil alle Dinge, die er brauchte, liebte, überall ausgebreitet, aufgestellt, an die Wand geheftet waren; z. B. die Kartengrüße von Hermann Hesse, Albert Schweitzer, usw. Ich dachte, er hätte Geburtstag, was er lächelnd verneinte. In seiner Wohnung in Freiburg, die ich nach seinem Tode sah, war der Lebensraum durch Bücher geradezu verstellt. Wie waren aber für ihn die vielen Bücher, die er besaß, lebendig geworden! Ungeheuer war sein Wissen, und seine Hauptleistung lag wohl, trotz aller künstlerischen Fähigkeit, im Denkerischen. Gebannt mußte man ihm zuhören, wenn er seine großen geschichtlichen Perspektiven entwarf. Geschichte war ihm etwas immittelbar Lebendiges, und so erlebte er sie auch in Wien; nach einem Besuch der Kapuzinergruft sah ich ihn zutiefst erschüttert. Dabei war ihm jede Pathetik fremd, dazu war er viel zu still und schlicht. Irritiert sah ich ihn, wenn etwas Häßliches, was seinem reinen Wesen zuwider war, an ihn herangebracht, etwas Abfälliges über dritte gesprochen wurde. Es bleibt mir unvergeßlich, wie er dann mit seiner schönen Hand abwehrend über den Tisch strich. Seine Bescheidenheit war übergroß, ja beschämend. In seinem letzten Brief, in dem er mich um einige Zeichnungen für sein Buch „Winter in Wien“ bittet, schreibt er: „Halten Sie es nicht für anmaßend, wenn ich meine, daß Ihre Kunst auf sonderbare Weise zu meinen Fragmenten paßt; Sie sind der einzige, der mich begleiten könnte, wenn Sie dazu bereit sein sollten. Sie brauchen das Manuskript natürlich nicht zu lesen; es genügt ein Durchblättern ..

Diesen Brief erhielt ich erst nach seinem Tod.

Werner Bergengruen hat für seinen Freund Reinhold Schneider die schönsten Worte gefunden und das Wesentlichste gesagt. — Wir kennen uns schon seit zwanzig Jahren; ich lernte ihn in Graz kennen und zeigte ihm damals die Altstadt. Seither sind wir in lockerer, aber immer wieder freudigst erneuerter Verbindung. Sie wird bestätigt durch kurze Lebenszeichen, Widmungen, und wenn es sich fügt, durch ein allerdings nur selten mögliches Zusammentreffen in Wien, Perchtoldsdorf oder in Baden-Baden. Drei seiner Bücher habe ich illustriert, darunter das so reiche „Novellenbuch“. War Schneider der Denker, so ist Bergengruen der großartige Erzähler, dessen Phantasie unerschöpflich ist. Diese Phantasie arbeitet mit einer erstaunlichen Präzision. Immer wird man verführt, anzunehmen, daß es für seine Gestalten in der Wirklichkeit Entsprechungen gäbe, daß diese Modelle leben oder gelebt haben. Das ist fast nie der Fall; er porträtiert nicht unmittelbar die Wirklichkeit. In Urbino glaubte ich einmal, in allen Einzelheiten des Palastes, seiner Räume, der Straßen und Plätze der Stadt, ihrer Lage und Umgebung, das Urbild des Stadtstaates des „Großtyrannen“ zu erkennen. Bergengruen ist nie dort gewesen. In seiner Ph t§si£ hat er diese Renaissancestadt geschaffen, und zwar s.o, daß er ihren Plan für sich zeichnen konnte, Bei dem Übermaß’ an intellektueller analytischer Kunst ist dieser natürliche Erfindungsstrom selten geworden. Diese Fabulierkunst könnte aber gefährdet sein, in Leerlauf zu geraten, hätte sie nicht eine menschliche Mitte: das ist das Herz des Dichters, der seine Geschöpfe, ob gut oder böse, liebt. Im Gespräch waren wir uns unlängst einig, daß hier der Schlüssel liege. Wie oft aber kann man bei den Gestalten einer rationalen Produktion feststellen und pointiert sagen, daß sie sich selbst, dem Autor und dem Leser beim Hals heraushängen. — Unfaßbar, daß der „Rittmeister“, diese Figur, die im Lebenswerk Bergengruens einen immer größeren Platz einnimmt, nicht wirklich gelebt hat! In ihr hat er sich selbst verwirklicht. Auch optisch im Äußeren scheinen sich Phantasiegestalt und Dichter vollkommen zu decken. Man weiß schließlich nicht, wer wem die Züge geliehen hat. Wie freue ich mich immer, wenn ich die hohe, aufrechte, schlanke, fast hagere Offiziersgestalt des Dichters, seinen schmalen Kopf mit dem ruhigen Blick sehe und den fremdländischen Klang seiner Stimme höre. Eine Erscheinung von natürlicher Elegance. Eines paßt zum anderen: der Stock mit dem Silbergriff — Bergengruens Sammlung umfaßt vierundneunzig Spazierstöcke — und der prachtvolle Ring an der linken Hand. Das Alter hat dem nun Einundsiebzigjährigen nichts anhaben können, und die Vitalität, mit der er neulich an einem Abend bei mir in Perchtoldsdorf das Gespräch führte — selbstverständlich ist er auch da ein blendender Erzähler —, ist bewundernswert. In der Nacht verabschiedete er sich mit dem Ruf des Rittmeisters: „Allah werdy!“, was wie „Allah werdui“ klingt und „Gott befohlen“ heißt

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