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DieL esenn

Der Dichter war schon vormittags in das weltabgelegene Städtchen gelangt, in dem er seinen abendlichen Vortrag zu halten hatte. Er war in solchen sängerlichen Landfahrten kein Neuling mehr, er war in der Provinz schon ziemlich herumgekommen und die freundlichen Erfahrungen, die ihm dabei im großen ganzen beschieden waren, ließen ihn die kurzen Reisen, die er mit der Bahn oder dem Autobus zu unternehmen hatte, eher vergnüglich als beschwerlich erscheinen.

Und so war es auch diesmal gewesen. Man hatte ihn am Bahnhof erwartet und ihn sodann in den gemütlichen alten Gasthof geführt, In dem er ein nettes Zimmer auf den stillen Hof hinaus erhielt, auf dem 6ich eben eine Schar von stattlichen Hühnern und Gänsen geschäftig herumtrieb.

Er sah dem rührigen Federvieh eine Weile zu und fühlte sich hierauf genügend vorbereitet, um die „Wallfahrt ins Ursprüngliche* antreten zu können, wie er sie für sich benannte. Er meinte da-mdt den besinnlichen Spaziergang, den er in jedem dieser kleinen Städte und Märkte, womöglich nach seiner Ankunft zu unternehmen pflegte und der ihm bereits zu einer Art erbaulicher Gewohnheit geworden war.

Es gibt eine besondere Kunst, die Seele eines kleinen Ortes und damit auch ein Stück neuer Lebenswelt in sich aufzunehmen, die allerdings gelernt sein will. Sie wird aus warmer Einstellung zum Allmenschlichen geboren, aus Freude an der Farbigkeit der Dinge und am Räderwerk des Lebens überhaupt. Hat man Jahrzehnte in der Großstadt zugebracht, wo alles im Gebrause des sich vielfältig Ausgleichenden dahinströmt, so lernt man das „Ursprüngliche“, wie es früher genannt wurde, in seiner schlichten Wesenheit noch höher schätzen. Die eindringlichste Wahrheit erzielt man doch immer aus dem Einfachsten.

Unter solchen stillen Betrachtungen war der Dichter auch auf den schönen, langgestreckten Hauptplatz gekommen, der in seiner an bunter Farbigkeit den Schulter an Schulter sich reihenden Häuschen für viele dieser kleinen Bezirkshauptstädte im oberösterreichischen Lande ob der Enns so bezeichnend ist. Auch die beiden ehrwürdigen alten Türme mit den tiefen Ein- und Ausfahrtstoren fehlten nicht, die man trotz aller Verkehrsschwierigkeiten in getreuer Anlehnung ans überlieferte pietätvoll hatte ■weiterbestehen lassen.

Auf seiner Wanderung rings um den Platz, an den vielen kleinen Geschäften und nicht minder zahlreichen Gasthäusern vorbei, kam der Dichter auch zu einem Laden, der ihn im Augenblick sehr vertraut begrüßte, was nicht weiter zu verwundern war, denn es war ein Buchladen. Immer war so ein Buchhändler da in diesen kleinen ländlichen Orten, der zugleich auch Papierhändler sein mußte, um sein bescheidenes Dasein aufrecht zu halten. Es zeigte sich eben der Wert der Dinge, hier audi im Geschäftlichen abgegrenzt, das war nun einmal nicht anders, das hatte der Dichter längst in Demut hinzunehmen gelernt.

Immerhin fand er es erfreulich, daß sich auch einige seiner eigenen Bücher in der Auslage befanden, geschickt um den Anschlagzettel herumgereiht, der seinen abendlichen Vortrag ankündigte. Auch noch etwas Besonderes bemerkte er dabei, sein frühestes Buch, seine Erstgedichte, die schon vor Jahrzehnten erschienen und nicht wieder aufgelegt worden waren, sie standen mit im Kreise der andern und sahen ihn in ihrem alten, vergilbten Röckchen wie eine längst verschollene Legende wehmütig an. Auf welchem Wege möchten sie wohl hieher gekommen sein. Zweifellos auf dem antiquarischen. Durch wie viele Hände mochten sie wohl schon gegangen sein? Vielleicht auch schon durch allerlei Auktionen? Nun, hoch im Preise hatten sie es nicht gebracht. Ein Zettel, der im Schnitt des Büchleins steckte, verkündigte ihren bescheidenen Wert. So sinkt man von Stufe zu Stufe, wenn man alt •wird, lächelte der Dichter vor sich hin. Nun, er würde den braven Buchhändler nach seinem Spaziergang besuchen, mit ihm ein paar freundliche Worte wechseln, das gehörte so zum Geschäftsbrauch. Auf seinem weiteren Wege gewahrte er aber nun etwas anderes, was seine Aufmerksamkeit wieder in Anspruch nahm. Er sah in der Mitte des Hauptplatzes einige Wohnwagen stehen, wie sie beim fahrenden Volke im Gebrauch sind, er sah auch einige Leute, bemüht, auf hohen Stützen ein Seil, zu spannen, und so konnte er nicht lange im Zweifel über das Kunstfach dieser Fahrenden sein. Man rüstete offenbar dazu, am Abend hier eine Seiltänzervorstellung zu geben, und es war nicht zu verwundern, daß diese Tatsache dem Dichter spontan zu denken gab. Ei sieh, sagte er sich belustigt, hier erwächst dir ja für heute abends eine gar nicht ungefährliche -Konkurrenz!

Gleich darauf sah er einem der Wohnwagen ein junges Mädchen entsteigen und dem Gehsteig zuschreiten, auf dem er selbst sich befand. Das auffallend hübsche Wesen ging an ihm vorbei, ohne ihn näher zu beachten, er aber konnte den Blick von ihm nicht lassen, vor allem um seiner edlen Haltung und seines harmonisch gelösten Schreitens wegen. Er sah dem Mädchen geraume Zeit nach, bis es in eines der schmalen Seitengäßchen einbog und dort verschwand. Seinen Weg nachdenklich fortsetzend, bemerkte er nunmehr an einem der Häuser einen Anschlagzettel kleben, der sich seinem Inhalt nach zweifellos auf die fahrenden Künstler bezog. In der üblichen marktschreierischen Art wurden da einem hochzuverehrenden Publikum die waghalsigsten Kunststücke versprochen, die es auf dem hohen Seile zu sehen bekommen werde, ausgeführt von „Ara-bella“, der weltberühmten Königin der Luft.

Der Dichter zweifelte gar nicht daran, daß das Mädchen, das er eben bewundert hatte, diese Arabella sei, wenn sie in Wirklichkeit auch weniger romantisch heißen mochte, und er bedauerte fast, am Abend nicht der Vorstellung beiwohnen zu können, da ihr Beginn mit dem seinigen zusammenfiel.

Er setzte sodann seine Wanderung durch das Städtchen fort und kam auch, auf dem Rückweg zu seinem Gasthof, an dem Buchladen vorbei, in dessen Schaufenster er einige seiner Bücher wahrgenommen hatte.

Auf den ersten Blick bemerkte er, daß das Bändchen mit seinen Jugendgedichten fehlte, es hatte sich offenbar ein Interessent dafür gefunden, vermutlich irgendein Literaturbeflissener, der sich an dem verblichenen Aussehen des Büchleins nicht weiter stieß.

Wie verwundert war er aber, als der alte Buchhändler, der ihn erfreut willkommen geheißen hatte, ihm unverzüglich mitteilte, ein junges Fräulein habe sich eben vor wenigen Minuten das Gedichtbuch gekauft, er sei mit ihr ins Gespräch gekommen und sie habe ihm schließlich anvertraut, sie sei die Seiltänzerin, die am Abend auf dem Marktplatz ihre Kunst zum besten geben werde. Sie lese Gedichte fürs Leben gern und bedaure nur, daß sie abends nidit beim Vortrag des Verfassers erscheinen könne.

Dichter lieben seit je das Wunderliche, und so freute sich auch der unsere nicht wenig an dieser Sonderbarkeit des Lebens, daß nämlich eine Seiltänzerin gerne Gedichte lese und daß es überdies jene war, an deren Kunst und Grazie er sich selber gerne erbaut hätte.

Nun, von letzterem Wunsche wurde ihm doch etliches gewährt, denn als er am Abend durch das Tor seines Gasthofes trat, um sich zum Vortrag zu begeben, sah er zu seiner Überraschung, daß die Vorstellung auf dem nächtlich dunkelnden Marktplatz bereits im vollen Gange war. Aus irgendeinem Grunde hatte man früher damit begonnen, vielleicht, weil sich bereits eine Unmenge von Zuschauern eingefunden hatte, die alle zur Höhe des Seiles hinaufstarrten, auf der-, von Scheinwerfern magisch beleuchtet, das silberglitzernde Figürchen der Tänzerin Arabella sich wie ein strahlendes Sternbild den unzähligen andern Sternen gesellte, die sich vom nächtlichen Himmelsdom schweigend abhoben.

Den Dichter bewegte es seltsam, seine kleine Leserin in ihrer himmlischen Verlassenheit dort droben zu gewahren, wie sie die zierlichen Schritte nach dem Taktmaß der Musik in wunderbarer Sicherheit setzte, als sei sie in den Regionen verwegendsten Gleichgewichts nicht weniger zu Hause als drunten auf der sicheren Erde. Und er sagte sich: Wir tanzen jedes auf unserem Seile, kleine Arabella, du auf dem deinen, ich auf dem meinen! Wir wollen der Erde entfliehen im Rhythmus des Schönen, aber zuletzt bleibt unser Seil doch immer ans Irdische gespannt.

Er mußte sich Gewalt antun, von dem traumhaften Bild Abschied zu nehmen, aber er durfte sich ja nicht verspäten, man erwartete ihn ja bereits. Und so wandte er sich zum Gehen — da verstellte ihm ein älteres weibliches Wesen den Weg, das ihm bittend einen Teller vorhielt. „Für die Künstlerin“, sagte sie bescheiden fordernd. Der Dichter fühlte eine leise Beschämung im Herzen. Beschämung für wen? Für sich? Für sie? Für die Welt? Nun ja, das Irdische verlangte eben sein Recht.

Er entnahm seiner Brieftasche eine Banknote, die weit über das übliche solcher Spenden hinausging. Die Alte sah ihn darauf mit erstaunten Augen an und wußte kaum ihren Dank zu stammeln. —'

Wenige Minuten später betrat der Dichter schon den Vortragssaal. Er stellte mit Befriedigung fest — Arabella habe ihn nicht geschädigt, so wie er auch sie nicht. Der kleine Saal war so ziemlich gefüllt, und so war doch jedem das Seinige zugekommen.

Und er konnte übrigens auch mit dem guten Verständnis zufrieden sein, das sein Publikum ihm darbrachte. Er aber war mit der Art sich zu geben, diesmal nicht ganz zufrieden. Er sah, indessen er las, immer wieder das zierliche Figürchen Arabellas, wie es unter den Sternen tanzte. Und ihm war, als tanzte er auch diesmal selber auf dem Seil seiner eigenen Kunst.

Zum Abschluß seines Vortrags wollte er wie immer eine kleine, fröhliche Geschichte lesen. Er liebte es nämlich, sein Publikum womöglich in heiterer Zufriedenheit zu entlassen.

Eben setzte er an, den Titel seiner Geschichte zu nennen, da erstarrte ihm plötzlich das Herz. Hatte er nicht eben aus der Ferne einen Aufschrei unzähliger entsetzter Stimmen gehört. Visionär überfiel ihn die Gewißheit: die kleine Arabella ist abgestürzt!

Er spähte ratlos in den Saal hinaus. Dort aber saß alles in völliger Ruhe. Hatte denn niemand den Aufschrei vernommen? Oder war er nur ein Wahnbild seiner Phantasie gewesen?

Nun, was immer es gewesen sein mochte, jetzt eine heitere Geschichte zu lesen, das schien ihm nicht mehr möglich. Er wählte einen kleinen Zyklus wehmütig ernster Lieder.

Als die Vorlesung zu Ende war, lud man ihn ein, an einer kleinen Gesellschaft teilzunehmen, die sich seinetwegen zusammenfinden wollte. Er versprach zu kommen, nur müsse er zuerst in seinen Gasthof zurück, wo eine Nachricht auf ihn warte.

Sodann stürzte er aus dem Hause, dem Marktplatz zu, wo er endlich Gewißheit zu bekommen hoffte.

Er fand den Platz bereits menschenleer. Es war niemand da, den er hätte befragen können. Aus den Fenstern der Wohnwagen inmitten des Platzes aber schimmerte noch Licht. Er eilte auf den vordersten Wagen zu, dort sah er vor der Türe eine Frau mit irgendeiner Arbeit beschäftigt. Als er vor ihr stand, erkannte er sie als die Einsammlerin mit dem Teller, und auch sie schien ihn zu erkennen, denn sie nickte ihm demütig zu.

„Was ist mit Arabella?“ war seine hastige Frage.

.Sie ist mit dem Schrecken davongekommen“, flüsterte ihm die Alte zu. „Jetzt schläft sie hier drinnen. Wir hatten gottlob das Netz genügend gespannt. In einigen Tagen, sagte der Doktor, wird sie wieder auftreten können.“ Und dann setzte sie neugierig hinzu: „Kennen Sie meine Enkelin vielleicht?“

Der Dichter, dem unendlich befreit ums Herz geworden war, mußte dazu lächeln: „Ich kenne sie und kenne sie nicht.“

Er gewahrte, indes er dies sagte, einen Stuhl vor der Türe stehen und siehe — es lag sein Buch darauf. Er nahm es zur Hand und blätterte darin.

„Da ist sie nachmittags gesessen und hat gelesen“, erklärte die Alte. „Sie liest überhaupt den ganzen Tag, mehr als uns recht ist.“

„Darf ich da etwas hineinschreiben“, fragte sie der Dichter nunmehr nach einiger Überlegung.

Die Alte sah ihn einen Augenblick verwundert an. „Nun ja, weil Sie es sind“, entschloß sie sich dann zu sagen.

Der Dichter zückte seine Feder und schrieb auf das erste Blatt: „Bleib Deinen guten Sternen immer zugewandt, unter denen Du tanzest, Arabella.“ Und darunter setzte er seinen Namen.

Er winkte der alten Frau noch freundlich zu und trat sodann den Rückweg an zu den Menschen, die Ihn erwarteten. Er rechnete nicht damit, die kleine Arabella im Leben noch einmal wiederzusehen. Von der Wunderlichkeit des Lebens ihm geschenkt, war sie ihm wie ein kleines Märchen, und sie sollte es auch bleiben, durch eine Welt mit ihm verbunden und wohl auch durch eine Welt von ihm getrennt.

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