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Peter Anich, der STERNSUCHER

Es waren aber damals Wochen ohne Regen und Sturm, und sie vermaßen ahes Land über Innsbruck hinaus bis nach Schwaz hinunter. Erst Anfang Juli fiel schlechtes Wetter ein, und da Peter sich für den Hochsommer den westlichen Landesteil vorgenommen hatte, kehrten sie wieder in Oberperfuß ein. Er sah nach den Feldern und zeichnete an den regnerischen Tagen die ersten Blätter ins reine. Doch als er die Gegend um Oberperfuß auf dem Papier hatte, fand er seine heimliche Besorgnis reichlich bestätigt. Das war keine Karte mehr, sondern ein wüstes Durdieinander von Namen und Zeichen und Strichen, eine völlig unmögliche Karte. Er legte das Blatt in die Mappe, derm er wollte es zum Beweis dem Professor vorlegen. Er eilte auch mitten im Regen nach Innsbruck, doch Herr von Weinhart war nach Trient verreist. Und da in den nächsten Tagen der gute Wind aufkam, zogen sie neuerlidi auf Arbeit aus, diesmal gegen Imst. Sie fanden gutes Wetter und freundliche Leute. Auch die Richter achteten den Brief des Gubernators, und manche hatten sie bereits mit Ungeduld erwartet. Im ötztal und in den Pitztaler Bergen fanden sie auch Hirten und Jäger genug, einmal auch einen Wildschützen, der ihnen die Ferner“ am Weißkamm so sauber beschrieb und nach einiger Anleitung zu Papier brachte, daß sie sich die Wanderung in die Eisfelder sparen konnten. Immerhin stiegen sie wochenlang durch die Bergwildnis, und es war schon ein ungewöhnliches Glück, wenn sie irgendwo in einer Sennhütte ein warmes Essen erfragten oder gar ein Lager fanden. Aber Peter stieg leicht bergan. Er war mager geworden und fühlte sidi in jenen Höhen bubenhaft jung. In der Gegend des Gep nsdiferners erwachten sie mit Eiskrusten auf den Decken, und zwei Tage später liefen sie die ganze Nacht im Schneesturm zu Tal und begannen drunten im Morgengrauen mit der Arbeit.

In den ersten Septembertagen arbeiteten sie von Laiideck den Inn aufwärts bis zur Schweizer Grenze bei Hochfinstermünz. Aus den tiefen Schluchten stiegen eisige Nebel. Leichter Regen fiel. Sie trafen auch Soldaten, die einer Kompanie Grenzer angehörten. Auch in dem einschichtigen Wirtshaus auf der Paßhöhe gegen7das Hochtal von Nauders zu trafen sie welche. Der Wirt redete sich auf die Soldaten aus, als er ihnen in der schon anhebenden Dämmerung das Haus verweigerte. Sie braditen (üe Felsenge noch rasch hinter sich und versuditen, nach Nauders zu gelangen, aber im Nebel gingen sie wohl in die Irre, und als sie merkten, daß sie scharf anstiegen, und noch beratschlagten, welche Richtung sie nun wählen sollten, krachte m nächster Nähe ein Flintenschuß, und da sie aufsrien, ein zweiter schräg neben ihnen und in der Richtung, die sie selber einschlagen wollten: Sie dachten sogleich an die Grenzsoldaten und an den unfreundlichen Wirt und stiegen im Nebel rasdi den Hang hinan, er war nicht allzu steil. Gegen Morgen stießen sie auf eine Sennhütte. Dort lag P-eter drei Tage lang im Fieber. Der Senne war indes ein freundlicher Mann, aber seinen Reden und Fragen entnahmen sie bald, daß er sie für Schmuggler hielt und wohl schon manchen dieser Bursdien um gutes Geld beherbergt hatte. Sie hörten auch jede Nacht schießen. Am dritten Tag schickte Peter den jungen Kammerlander nach Nauders hinunter. Er gab ihm den Brirf des Herrn von Weinhart mit. Sie warteten aber zwei Tage hindurch auf seine Rückkehr. Indes verzogen sich die Nebel und die südlichen Berge, der Ortler, die Bernina, die Zwölffingerspitze, und a*i die Gipfel um den Resdienpaß und drüberm Inntal in der

Schweiz traten ungeheuerlich in den ausgeregneten Himmel. Am dritten Tag erst kam der Kammerlander mit einem Soldaten zurück. Sie sahen die beiden erst, als sie in der Tür standen, und das war gut, denn der Bieglerische war gleich käsbleich geworden, er. dachte wohl, sie würden nun alle fortgeholt. Der Senne hatte sidi tatsächlich bereits aus dem Staub gemadit. Es stellte sich heraus, daß man sie hier an der Grenze für ganz gefährliche Spione gehalten und auch nach ihnen geschossen hatte. Nun hatte ihnen der Richter von Nauders nach langen Verhandlungen mit dem Grenzerhauptmann den Soldaten beigegeben. Zu ihrem Schutz vor neuen Mißverständnissen und Belästigungen, wie es hieß, wohl aber auch, wie sich bald zeigte, zur Beruhigung der genannten Herren. Der Richter von Nauders war ein vorsichtiger Mann, und wenn er auch durch den Empfehlungsbrief gedeckt war, so waren ihm die Innsbrucker Stellen doch in allen Dingen der Grenze und desGrenzschutzes nicht zuständig. Er schrieb denn auch alsbaild einen langmächtigen Brief an den k. k. Repräsentationsrat, darin in ehrerbietiger, doch selbstbewußter Sprache zu lesen stand, im Oberen Inntal habe man sich bisher ohne Landkarte sehr wohl befunden und der Kaiserin sowie den k. k. Behörden die Treue gehalten, aber auch die vorgeschriebenen Abgaben bezahlt. Vielleicht sei eine neue genaue Landkarte für die Gegend urn Innsbruck oder für die flacheren und dichter besiedelten Landschaften von Innerösterreich sehr nützlidi, in den Grenzgegenden könne hingegen eine allzu genaue Karte nur Schaden stiften. Die Grenzet kennten bereits jeden Stein, die Schmuggler, Gott sei es geklagt, auch, wenn es aber den zur Zeit sehr friedlichen Nachbarn einmal nach einem Kriegszug gelüste, so braudie man ihm doch nicht mit einer haargenauen Karte gleich jeden Saumpfad und alle Schlupfwinkel präsentieren.

Die beigegebenen Soldaten — es wurden bald mehrere — erwiesen sich ndes als brauchbare Burschen, die gerne ihr Gewehr für Stunden mit der Meßlatte vertauschten und nicht nur den erkrankten Biegler ersetzten, sondern durch ihre Landeskenntnis und Geschidvlichkeit es dahin brachten daß Peter die Gegend zwischen Resdienpaß und Finstermünz und die Schweizer Berge am linken Ufer des Inn in einer knappen Woche auf das Papier zaubern konnte. Dafür fiel in jenem Jahr bereits in den ersten Oktobertagen Schnee, und sie mußten die Arbeit im Medital abbrechen.

Daheim hatte sich einiges verändert. Die Erhardtin war im zweiten Kindbett samt dem Buben gestorben. Der Kramerschwager aber hatte sich wiederum einen kleinen Flachthande! zugelegt und war jetzt mehr auswärts als auf den Äckern. Es war noch stiller geworden um den Anichhof.

Bald aber merkte Peter, daß diese Stille noch einen anderen Grund hatte. Seit den Fiebertagen in Nauders spürte er es wieder wie Wasser in beiden Ohren. Er hatte es weiter nicht beachtet, und es war auch, als sie wieder in das Inntal niederstiegen, vergangen. Nun merkte Leni, daß sie de Bruder oft zwei-, dreimal und mit lauter Stimme rufen mußte und.nicht bloß, weil er in seine Zeichenblätter vertieft war. Auch das Vieh im Stall hörte er nicht, wenn er in der Stube saß, und nur selten das Gebetläuten. Aber erst als der Kurat wieder ins Haus kam und auf gewohnte Art mit ihm reden wollte, merkte Peter das Übel. Es sei leicht möglidi, daß sich das Fieber auf die Ohren geschlagen hätte, sagte er, das werde sich aber im Winter geben, er spüre auch keinerlei Schmerzen, dafür gedeihe die Karte prächtig und das sei die Hauptsache. Der geistliche Herr konnte aber auch bereits kl den ersten Dezembertagen die ganze Umgegend von Innsbruckauf einem sauber gezeichneten und getusditen Blättchen bestaunen. Eine solch künstliche Karte sei wahrhaftig und wirklich eine Zauberei, sagte er. „Und wie wär's, wenn der Peter uns so nebenbei, nicht ietzt, aber wenn er mit der Karte einmal fertig ist, etwas ganz Besonderes schenken tat, etwas, was dann wir allein besäßen? Eine neue Himmelskugel; doch :'.ie achten unsere Bauern nicht. Mari müßte es weithin erblicken und jeden Tag vor Augen haben. Und ist es nicht schmerzliche Schande, daß dieses unser liebes Oberperfuß wohl jetzt eine schöne Kirche, aber noch immer keinen rechten Kirditurm besitzt, wo die Kematener einen neuzeitlichen haben und die Axamser ihren alten Nadelturm? Jedes Nest hat einen, selbst die Poltenkapelle.“ Peter starrte ihn an. „Du brauchst ihn ja bloß entwerfen“, setzte der Kurat rasch hinzu, „bauen kann ihn dann schon der Baumeister. Emen schönen Turm, einen neuzeitlichen mit einer großen Zwiebel und so hoch, daß man ihn von allen Weilern aus bemerkt, und eine mächtige Uhr darein.“

„Bloß entwerfen!“ Peter lachte. „Auf das Kartenzeidinen versteh ich mich jetzt.“

„Als ob der Peter sich auf irgend etwas in der Welt nicht verstünde, wenn er nur will.“

„Unser jetziger Turm genügt freilich kaum mehr für eine Kapelle“, sagte Peter, mehr sagte er an jenem Abend nicht. t

Aber acht Tage später brachte er dem Kurater. auf einem großen Blatt sauber hin-gezeidinet und mk Farben ausgemalt den Turm. Er war auf den ersten Blick hoch genug, daß man ihn von überail her erblik-ken konnte, und dodi nicht überhöht, daß.er die schön aufsdiwingende Fassade der Kirche irgendwie stören mochte. Er trug über zarten Firsten eine mächtige rote Zwiebel, aber eine, die nicht lastete, sondern eher zu schweben schien und darüber, auf einen schmalen Helm gesetzt, eine schlanke Laterne und wieder auf dieser eine leicht gedrückte kleine Zwiebel, die rank und wie ein feines Gewädis ein gespitztes Hütchen trug und über der Spitze, nur durch eine schier winzige Kugel unterbrochen, das hohe Kreuz.

„Die Laterne ist für den Herrn Sterngucker“, sagte der Kurat, denn er konnte den Entwurf nicht einmal gleich lobpreisen, so über alle Maßen beglückte er ihn.

„Ist schon möglich, daß ich mir in meinen alten Tagen da oben ein Fernrohr bereithalte“, sagte Peter, „soferne mir mein Birnbaum nicht lieber ist.“

Sie saßen aber noch lange bei einem Krug Wein und lachten und waren guter Dinge.

Auch wenn es dann irgendeinmal bei der Karte nicht recht weiterging, dachte Peter bloß an den neuen Turm, und es war ihm leichter, daß er dieses eine Werk so rasch und sidier entworfen hatte. Auch den Weg nach Innsbruck ging er jetzt mit mehr Zuversicht.

Der Professor wußte erfreuliche Dinge zu berichten. In Wien sei man auf die neue Karte sehr erpicht. Es regne nur so Anfragen, wie es weitergehe und ob der neue Kartograph sich bewähre oder irgendwelche Schwierigkeiten zu bestehen habe. Audi der Fürstbischof von Salzburg plane nun ein ähnliches Werk und habe auch bereits einen jungen Feldmesser als Schüler geschickt, freilich im Sommer, also zu einer ungelegenen Zeit. Aber im nächsten Frühjahr werde sich der junge Mann reditzeitig einfinden und dann mit auf Reisen gehn. Auch die beiden Wunderkugeln seien mittlerweile von ungezählten Fremden aufgesucht und angestaunt worden. Aus Göttingen und Frankfurt, selbst aus den Niederlanden hätten Durchreisende, darunter gelehrte Männer und soldie von hohem Rang, vorgesprochen. Ja, es sei seltsam, daß man in diesen entfernten Ländern scheinbar bereits diese beiden Objekte, mehr schätze und mehr von ihnen wisse als in Innsbrudc selbst. Aber gar so seltsam sei das ja wieder auch nicht.

Peter legte ihm dann die bisher ausgeführten Blätter vor. Zuerst das Probeblatt im Maßstab der Spergesschen Karte, dann cfie neue, kn größeren Maßstab gezeichnete Karte von der Innsbrucker Gegend. Und wenn Herr von Weinhart bei der ersten Karte auch kein Wörtlein verloren hatte, jetzt sprang er auf und umarmte Peter und nannte ihn seinen Meister, den Meister aller Meister, und war völlig außer sich in seliger Bewunderung.

„Man wird uns in Wien den größeren Maßstab durchgehen lassen“, sagte Peter, „gar wenn sie sehen, daß man mit dem kleineren einfach nicht auskommt und keine lesbare Karte erhält, sondern einen Haufen beschmierter Blätter.“

„Ach was“,' rief Herr von Weinhart, „sie fordern von uns eine gute lesbare und reichhaltige Karte. Der Maßstab bekümmert sie nicht, und wenn sie den der Spergesschen Karte vorschreiben, dann tun sie es, weil sie einen anderen, den besseren nicht kennen.“

Sie sprachen aber kein Wort mehr über den Maßstab und gingen in den nädisten Wochen miteinander die einzelnen Aufnahmeblätter durch. Ob sie zusammenstimmten, prüften sie und ob die Namen den mitgebrachten Aufzeichnungen entsprachen. Vor allem verglich Herr von Weinhart die von Peter aufgezeichneten Landesgrenzen mit den Akten des k. k. Repräsentationsrates. Auch diese Nachprüfung ergab außer einer kleinen Ungenauigkeit in der Gegend von Reutte, die durch eine falsche Angabe des dortigen Richters entstanden war, keinen Fehler.

Herr von Weinhart schrieb denn auch einen wohl schlichten, doch dabei begeisterten Bericht an das Gabernium; er schrieb aber auch, daß der Feldmesser Peter Anich diese nach den ersten Blättern ausgezeichnete Karte nicht um bare 1000 Gulden herstellen könne. Die von der Wiener Regierung geforderte Genauigkeit sowie die . Arbeit über die Landesgrenzen hinaus erfordere sdiier die doppelte Arbeitszeit. Es könne jedoch dem Feldmesser und seinen Gehilfen nicht zugemutet werden, daß sie, um überhaupt ncr ihre Lebensnotdurft sicherzustellen, bis zur Erschöpfung und auch an den für eine Arbeit im Freien ungeeigneten Tagen am Werke wären. Um eine für beide Teile gleich gerechte und tragbare Lösung dieser nicht unwiditigen Frage bemüht, schlage er daher im Einvernehmen mit dem Feldmesser vor, daß man ihm die Arbeit im Freien pro Tag mit 2 Gulden, die Heimarbeit für den Tag mit einem Gulden honoriere, die Gehilfen aber für den Aufnahmetag mit einem Gulden entlohne. Diese Forderung sei gewiß nicht unbillig, denn schon ein gewöhnlicher Geo-meter erhalte nicht bloß das gleiche Honorar, brauche aber auch für seine immerhin mindere Arbeit das doppelte Personal und noch Tragtiere für die Instrumente.

Peter hatte dieser Forderung lange nicht zugestimmt. Doch da sie nun schwarz auf weiß dastand, ward er um eine arge Sorge leiditer. Der nächste Kurier aus Wien brachte denn auch die Zusage der Regierung.

Dem harten Winter jenes Jahres folgte ein heißer, regenarmer Sommer. Sie vermaßen aber das ganze Land bis zum Wilden Kaiser hinüber und ins Zillertal hinein, und die Arbeit ging ihnen leicht von der Hand, auch im Gebirg. Dennoch und obgleich die beiden Burschen, durch den besseren Lohn angefeuert, ihr Bestes gaben, kamen sie nicht rascher voran als im ersten Sommer. Und es lag nicht bloß daran, daß sie sich jetzt schon über ein paar Klafter hinweg nur schwer verständigen konnten. Die beiden jungen Leute hatten immerhin gute Lungen. Aber auch sonst fühlte sich Peter nicht wohl. Schon lange vor Feierabend schmerzten ihn jetzt die Beine, und wenn er auch öfter rastete und die Rast zu seinen Zeichnungen nutzen konnte, sobald es dann' irgendwo ein Stück steil bergan ging, versagte ihm nach wenig Schritten der Atem. Diese Atemnot besserte sich freilich mit der Zeit, und wenn nicht eben der warme Wind einfiel, stieg er wiederum wacker wie zuvor. Es kam aber in jenem Sommer häufig der warme Wind über die Tauern.

In Erl lag Peter darauf eine Woche lang zwischen Leben und Tod, ja die Gehilfen beratschlagten bereits, oh sie nicht doch einen Boten nach Innsbruck senden sollten. Er jedoch verbat es ihnen.

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