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EIN MINISTER MEDITIERT

Florian Stangl saß im Fond des Wagens und sah in die Landschaft. Das Gelborange des westlichen Himmels sank tiefer, den Nebelschwaden entgegen, die aus den Tälern und Gräben aufstiegen wie Rauch. Die Fahrbahn war glatt, gepreßter Schnee, in den meisten Kurven Eis. Der gestreute Kies war eingefroren oder an die Straßenränder geschleudert.

Das Fahren bei diesem Wetter ist kein Vergnügen, aber Wallner war gewohnt, mit jeder Lage fertig zu werden. Die schwarze Ministerlimousine kam auch jetzt, nach dem Mittagessen, rasch voran. Wir werden pünktlich eintreffen. Wie immer.

Stangl hält die Termine, sagen sie. Als wäre das sein Verdienst. Er hält sie, weil er nicht mehr aussteigen kann aus seinem Terminkalender. Aus einem Termin ergibt sich der nächste, man müßte alles hinschmeißen wie knapp vor Weihnachten Peterl, der große Chefredakteur. Auf einmal hat's ihm nicht mehr gepaßt, dem jungen Herrn Zeitungsboß, der so schön Kreuzzüge für die Freiheit gepredigt hat. Er ließ alles fallen wie ein Maurergesell und fuhr mit der Abfertigung nach Bali. Aus ist's mit dem Abendland, Peterl, in Bali ist es wärmer.

Stangl seufzte. Er wäre auch lieber nach Bali gefahren als nach St. Engelbrecht, wo morgen das große Lagerhaus eröffnet werden mußte. Sie brauchen jetzt zu allem einen Minister. Eröffnen ist mein Ressort. Seit vierzehn Jahren eröffne ich, die Stimme wird heiserer, die Brille dicker, aber ich eröffne noch immer.

In St. Engelbrecht habe ich vor gut dreißig Jahren als kleiner Bauernfunktionär und Wanderprediger gegen die Landflucht gezetert. Ich erinnere mich genau an St. Engelbrecht, sie haben mich damals ausgelacht. Damals war auch Winter. Ich solle selbst einmal als Knecht arbeiten oder eine ihrer Keuschen hoch oben am Berg bewirtschaften, haben sie gesagt. Unter denen, die mich morgen empfangen, ist sicher einer von den Stänkerern von damals, einer der dick und angesehen geworden ist. Wie ich. Ich war auch einmal ein Stänkerer.

Die entgegenkommenden Autos tasteten sich mit gelben Nebellichtern vorbei. In den Häusern brannte schon jetzt, am frühen Nachmittag, Licht. Industriedörfer. Auch die Neubauten im Schnee schon unansehnlich wie die alten Arbeiterhäuser mit den Holzstiegen im Freien und den Wäschestangen wie Fahnenmasten zwischen ihnen. Sie hissen noch immer die Wäsche wie Fahnen.

Damals habe ich die Industrie gehaßt, es war alles ganz einfach im Kopf. Gut und böse waren feste Kategorien, das eine lobt man, auf das andere schimpft man. Seien wir froh, daß wir jetzt mehr Industrie haben, die Keuschen oben auf dem Berg sind nicht mehr zu retten. Das Wild kommt weiter herunter von den Bergen, die Keuschen verfallen, die Kinder gehen in die Fabrik. Fernsehantennen wachsen, grelle Skihosenfarben stechen aus der dampfenden Brühe unter den Neonröhren. Wiederaufbau? Hier ist es den Leuten noch nie so gut gegangen. Es ist uns allen noch nie so gut gegangen. Es wird immer schwerer, sich zu erinnern an St. Engelbrecht vor dreißig Jahren, an die rostigen Schubkarren von Dachau; „ Wo sind wir eigentlich,1 Joschi?“ ..... | Q'ß 3

„Gleich da, dreißig Kilometer bis Altenhofen!“

Natürlich: Kaltenhöfen! Ich denke schon an St. Engelbrecht, dabei müssen wir in Kaltenhöfen Station machen, nach dem Rechten sehen, diesen Lubits unter die Lupe nehmen, unser Wunderkind, unseren zackigen Mann für die nationalen Kreise. Er hat viele Freunde und soll bei der Wahl als Kandidat aufgestellt werden. Ritterkreuzträger, Fabrikant, ein wahrer Prachtbursche. Ein Glück, daß ich Obus auf Urlaub geschickt habe, er hätte mir schon seit einer Stunde die genauen Daten unterbreitet. Ich habe einen tüchtigen Sekretär.

Ich werde Wallner fragen, was er von diesem Lubits hält. Wir brauchen keine Unterlagen, Joschi, wir schauen uns die Leute an. Ein paarmal sind wir schon saftig hineingesaust, wenn uns die Wölfe im Trachtenjanker mit Kreide in der Stimme etwas vorgeflötet haben, vom lieben Gott und vom Vaterland, und dabei nur an den Posten gedacht haben, an ihre Brieftasche. Peterl sollte aus ihnen ein Kreuzfahrerheer formieren und Bali erobern oder Hawaii. Aber vielleicht würden dann unsere Ämter zu leer werden und verfallen wie die Keuschen oben auf den Bergen über St. Engelbrecht.

Man darf nie so rigoros sein wie ein kleiner Sekretär, der durch den Fanatismus eines anderen Sekretärs sieben Jahre in Dachau war. Der zäh war und nicht verreckt ist und dann noch nicht die Schnauze vollgehabt hat und statt Bauer noch einmal Politiker geworden ist.

Geworden wurde, denn sie hatten keine Leute mehr damals, die Kreuzfahrer hielten sich noch im Hintergrund, sie warteten erst ab. Die Russen, sagten sie. Österreich, sagten sie. Man kann noch nicht wissen, sagten sie. Man muß erst abwarten. Man muß sehen, daß man die Familie in diesen schweren Zeiten durchbringt. Sich nur nicht exponieren, sagten sie. Gewiß exponierte sich auch Herr Lubits damals nicht. Er vergrub sein Ritterkreuz im Garten, ich bin überzeugt. Angeblich hat er eines erworben. Jetzt sind sie alle da an der Krippe, wie die Rehe im Winter. Jetzt sind sie alle die besten Österreicher, die man sich denken kann. Nur wenn sie blau sind, singen sie Nazilieder. Zum Spaß, versteht sich. Ich habe auch Nazilieder gesungen, bis ich heiser wurde. Hinter dem Schubkarren. Dachau ist jetzt ein Museum. Sie führen Schulklassen hin, aber das hilft nichts.

Die Vergangenheit besteht aus Phrasen und Legenden. Oder wird sie gleich in Bausch und Bogen gefälscht, geleugnet, weggelogen. Jetzt fällt ihnen ein, daß sie ihr Ritterkreuz im Kampf für Europa geholt haben. Immer die gleiche Abwehrfront, sagen sie, die Herren Kreuzfahrer um den Biertisch. Im KZ waren nur Schwarzhändler und Verbrecher, sagen sie — und man trägt ihnen Rechnung. Höchstens eine kurze Zeile fürs KZ in den amtlichen Biographen, nicht mehr. Es könnte schaden, es könnte Stimmen kosten.

Die Nacht werden wir also in diesem Kaltenhöfen verbringen. Obus ist auf Draht und hat alles bestens organisiert. In Sankt Engelbrecht erwarten uns morgen Punkt elf Uhr der Landeshauptmann und die Blasmusik. Ich kann die Blasmusik nicht mehr vertragen, das Blech scheppert so, nicht nur wenn es kalt ist, die Posaunen sind eingefroren, es ist zuviel Spucke hineingekommen, wie in die großen Phrasen.

Joschi schweigt, auf ihn ist Verlaß. Er ist Chauffeur und will nicht mehr sein, seit vierzehn Jahren fährt er mich, die Fahrzeuge haben gewechselt seit dem klapprigen Kübelwagen, den mir der Major Axelrot überreicht hat. Das Geschenk der Besatzungsmacht. Viel Wodka ist seither geflossen, den Axelrot haben sie bald abberufen. Wahrscheinlich ist er in ein Dachau der anderen Fakultät gekommen. Meine Wagen haben inzwischen gewechselt, sie sind immer schneller und luxuriöser geworden. Wallner ist geblieben, wie er war, einer der wenigen, die sich seit 1945 nicht verändert haben.

Im Anfang sind die Leute stehengeblieben und haben die niedrige Nummer bemerkt. Jetzt bleibt keiner mehr stehen und schaut auf den Stangl, wenn er vorüberfährt. Nur in Jugoslawien bleiben die Kinder stehen und winken, wenn ein großer, schwarzer Wagen aus dem Ausland kommt. Sie wissen nicht, wer der Stangl ist, sie wissen nicht, daß er zum Onkel Tito auf einen guten Raki fährt. Sie winken noch. Das tut der Eitelkeit gut. Der kindischen Freude des Bauernbuben, in einem großen Wagen zu sitzen, Minister zu sein, unterwegs zu sein in delikater Mission.

Schubkarren fahren in Dachau, fidele Heurigenlieder singen, Lagerhäuser eröffnen und vorführen, was die Lubitse für Burschen sind, dabei immer wieder in Versuchung, alles hinzuschmeißen, an dem bestürzten Präsidialisten vorbei das Barockpalais zu verlassen, um das zu werden, was in der Jugend verwehrt war, weil der Ältere den Hof bekommen mußte. Mit Recht. Er war nicht nur älter, sondern hatte auch breitere Schultern und bessere Augen. Mein Bali wäre ein Hof im Weinviertel, eine Obstplantage, ein Musterweingarten. Aber es geht nicht. Ich werde abtreten, wenn es zu spät ist, wie alle anderen kleinen und großen Bonzen. Der Traum vom Mustergut war gut in Dachau, weil er unerfüllbar war. Jetzt könnte ich mir fünf Höfe kaufen, aber ich müßte sie verwalten lassen. Ich habe den Mut nicht für mein Bali bei Pulkau. Ich trink Brünnerstraßler aus fremden Rieden.

„Kaltenhöfen, Herr Minister!“ — Also Stangl, tritt in Aktion, spiel den Leuten den Stangl vor, den sie erwarten, den rustikalen Halbteppen, der in der Stunde Null gut genug war, das Vaterland zu vertreten... Die Straße war eng, sie mündete in den Marktplatz, ein vernagelter Heiliger stand in der Mitte, der heilige Leopold oder vielleicht mein Namenspatron, der Feuerlöscher.

Dem Minister fielen die diplomatischen Schwierigkeiten um den heiligen Anderl von Rinn ein, aber dann hielt schon der Wagen vor einem breiten Haus. Ein Blitzlicht flammte auf, mitten im kalten Winter. Stangl ärgerte sich, aber er lächelte und sagte volkstümlich, wie er zu sein hatte: „Kolt is, meine Herrn!“

Wieder einmal waren zu viele Leute um ihn, aber der Windischreiter hatte es ganz gut arrangiert, bis ins Extrastüberl seines Gasthofes waren es höchstens zwanzig Händeschüttler. „Nein, nein, keine Stärkung, höchstens einen Schnaps.“ Windischreiter war alt geworden seit dem letzten Mal, aber noch immer ein Fuchs. Und das war also Lubits. Sehr fesch, Pomade im Haar, als Waschmaschinenvertreter unwiderstehlich. Sehr sicheres Auftreten. Gar nicht rustikal. Wo er das gelernt hat? Bei den Nazis? Der macht seinen Weg. „Auf dein Wohl, Joschi. Die Straßen zu euch sind heut sehr glatt.“

Es blieb natürlich nicht beim ersten Gläschen. Das Geselchte war unvermeidlich. Man mußte das Programm besprechen.

„Also gut und schön, das ist ja zur Not zu machen.“ Stangl war zufrieden, er war gleichmäßig freundlich zu Windischreiter und Lubits, aber auch zu den drei Unterläufein, die sie dabei hatten.

Lubits hatte offensichtlich den Sekretarius miterwartet. Er erkundigte sich schon zum zweitenmal nach Dr. Obus. „Nein, nein, mein Lieber, der Obus geht heute nicht. Manchmal mache ich einen Ausflug noch allein. Oder wollt's ihr mich übernehmen?“ Windischreiter strich beteuernd seinen Schnurrbart, Lubits tat besonders geehrt, es mit dem Minister sozusagen unmittelbar, persönlich und ausschließlich zu tun zu haben. Man roch schon einige der Wässerchen, mit denen er gewaschen war.

Man verabschiedete schließlich Lubits und die Unterläufel, schickte Wallner auf sein Zimmer, er hatte bis morgen vormittag frei. Dann nahm man sich Windischreiter allein vor, horchte ein bißchen in ihn hinein. Parteiinterna, örtliche Sorgen, Wirtschaftslage, Wahlchancen — na und dieser Lubits steht wohl vor einer größeren Karriere? Windischreiter drückte ein bißchen herum, sprach dem Mann aber die besten Eigenschaften zu. Allerdings in ziemlich allgemeinen Wendungen. Mhm. Jaja. Natürlich wollte Windischreiter etwas über das Inkrafttreten der Parteibestimmung über die Altersgrenze für Mandatare wissen. Ach, das werde individuell gehandhabt. Für ihn könne man wahrscheinlich noch einmal darüber hinwegsehen, er sei ja noch recht vital. Und dann direkt, mit dem harmlosesten Kreml-Lächeln: „Man kann dem Kronprinzen ja einen anderen Wahlkreis geben bei dieser Wahl. Wenn man ihn überhaupt aufstellt, was noch keineswegs sicher ist. Man soll nichts überstürzen, in der Politik am allerwenigsten.“

Der alte Spitzbube schwamm in Seligkeit. Er gab das Geleit bis zur Tür des Zimmers im ersten Stock. Es war schön und behaglich, durch zwei kleine Fenster sahen die Lichter des Stadtplatzes herein. Man verabschiedete sich herzlich bis morgen vormittag. Der Abend gehörte leider diesem Lubits, der in der Nähe ein Jagdhaus besaß. Jagdhäuser waren schön, wenn sie Leuten anderen Schlags gehörten. Jagdhäuser von Waschmaschinenvertretern liebte Stangl nicht sehr.

Aber vielleicht ist alles nur ein Vorurteil. Man soll nicht ungerecht sein und kleinlich wie ein junger Bauernfunktionär. Man hat längst Metier und Ressort gewechselt. Es war aber angenehm, sich aufs Bett zu hauen wie damals „auf Tournee“, gegen die Decke zu schauen, eine Zigarette zu rauchen und von Weingärten zu träumen....

„...Ja, ja — ach so! Gleich!“ Florian Stangl hatte fest geschlafen und im Augenblick noch weniger Lust, sich in einem Jagdhaus von einem Ehrgeizling traktieren zu lassen. Einmal auszuschlafen wäre viel gesünder.

Lubits wartete vor einem hocheleganten Sportwagen neuester Bauart — Stangl äußerte sich wenig beeindruckt. Er wäre lieber mit Schlittenpferden gefahren. Wenn schon, denn schon. Aber dieser Mensch fährt eben wie ein Playboy in den Wald. In Afrika jagen sie schon vom Hubschrauber aus.

Die Fahrt stimmte wieder versöhnlicher. Sie ging gleich hinter der Bahn weg von der Hauptstraße, erreichte bald den Wald, ein ganz enges Tal, die Scheinwerfer bohrten sich in eine Märchenlandschaft, glitten über seltsam geformte Ruinen, ein altes Kloster? Ach so, alte Schmelzöfen, interessant!

Lubits fuhr großartig, das Tal stieg an, der Wagen tanzte m die Kurven, der Schnee stäubte hochauf, noch ein paar Kurven hinein in den Hochwald, und man war da. Eine Lichtung unter funkelnden Wintersternen, tief unten im Tal ein winziger Zug, der gegen Kaltenhöfen kroch. Sehr schön. Ein Blockhaus, dessen Dach bis zur Erde zu reichen schien. Wohlige Wärme innen, diskreter Luxus, erstaunlich viel Geschmack, eine Wand voll alter ziselierter Saufedern schon im Vorraum. In der Stube ein Kamin mit offenem Feuer, auch hier nichts aufdringlich. Sehr harmonisch. Durchaus bemerkenswert für einen Neureichen, wenn die Informationen stimmen. Lubits gab sich bescheiden, lächelte einschränkend zu den Worten des Gastes und ließ dann zwei Mädchen ein kaltes Büfett servieren, bei dem nichts, aber auch schon gaT nichts fehlte. Die Mädchen waren hübsch und trugen Trachtendirndln, zu denen ihre frechen Augen reizvoll kontrastierten.

Du bist ein raffinierter Hund, aber du wirst mich nicht einkochen, ich geh schon beim Essen zum Frontalangriff über, Herr Ritterkreuzträger! Wozu er denn nach seinen wirtschaftlichen Erfolgen auch politischen Ehrgeiz habe, warum dränge sich er, der Unabhängige, in Relationen und Konstellationen, die nur Nerven kosteten und Verdruß brächten! Lubits wurde nicht verlegen, er blieb zurückhaltend und sicher, gebrauchte ein persönliches Vokabular, vermied die dicken Phrasen, sagte nur zweimal „Anliegen“, sprach von seiner persönlichen Entwicklung, vom Heimkehrer, der mit vierzig Schilling Entlassungsgeld dagestanden wäre und es durch Glück und ein bißchen Bemühung zum Schwiegersohn eines Fabrikanten gebracht hätte. Er verfolgte nicht mehr egoistische Ziele als irgendeiner, er sei ein Mann der Kriegsgeneration, er fühle sich als Vertreter der mittleren Jahrgänge, die so bedauerlich ferne der Politik lebten.

Das hört sich ganz gut an, mein Lieber, ich muß aufpassen, daß ich dir nicht alles glaube. Überhaupt, wo dein Wein, zwar kein Brünnerstraßler, aber doch recht gut ist, für meinen Geschmack etwas zuwenig sauer. Laß deine Mädchen nur schön im Hintergrund und bewundere den alten Stangl und seine diplomatischen Fähigkeiten nicht zu sehr. Er kauft es dir nicht ab, er erzählt dir jetzt ein paar Geschichten aus Dachau, Herr Ritterkreuzträger. Hör nur gut zu!

Lubits zog sein Gesicht in anteilnehmende Falten.

.....und sehen Sie, lieber Freund, deshalb bin ich eigentlich ehr dagegen, daß wir um die sogenannten nationalen Kreise buhlen. Ich halte das für ziemlich würdelos, unter uns gesagt. Antiklerikale, Halb- und Ganzfaschisten wirken auf mich, wenn •ie sich als gute Österreicher verkleiden, ziemlich penetrant. Außerdem weiß ich genau, daß 'sie, die Dümmsten von allen, heimlich über uns lachen, über die spießigen Schwarzen. Ich habe ihre Böller aus der Dollfuß-Zeit noch in den Ohren, lieber Freund,“

Hier machte Lubits einige gute Einwände. „Natürlich Befriedigung, die Vergangenheit bewältigen, nach vorne schauen, statt nach hinten. Aber nur nicht so fromm tun, als wäre nie etwas gewesen. Auf den Kommunismus schimpfen allein entschuldigt dlJffifä iißripi'i , sin} .iijiWüc -r1 oi sim&b mL.naijjvji u:

Die Damen.brachten:daa Mokka. Stangl hatte sich hitzig geredet. Es ist besser, gleich aggressiv zu sein, dachte er. Irgend etwas an diesem Lubits ärgerte ihn. Unsereins hat lange gebraucht, um ein ordentliches Auftreten zu bekommen (mein Englisch stammt noch immer aus Hollabrunn) — dieser Kerl benimmt sich verflucht gut und selbstverständlich. Er wirkt überzeugend, verglichen mit den vor Begehrlichkeit schwitzenden Bezirkspaschas. Wir haben nicht viele Leute dieses Kalibers. Im Augenblick tat es Stangl leid, daß er nie Offizier gewesen war. Vielleicht hat er es vom Militär? Aber leicht mach ich es dir nicht: „Wie bekam man denn so ein Ritterkreuz?“ Das war schön gesagt, Florian. Das saß.

Lubits, der doch mehr war, als ein Waschmaschinenvertreter, viel mehr, begann seine Lebensgeschichte zu erzählen. Typisch unvorbereitet, spontan: Häuslerbub, Lehrling bei einem warmen Photographen, begeisterter Hitlerjunge, freiwillig zur Luftwaffe, die Welt von oben, immer wieder Schwein, als Hieger bekam man so ein Ding bald um den Hals gehängt, man brauchte nicht kompanienweise Leute ins Maschinengewehrfeuer treiben, wenn man ehrgeizig war ...

Ein guter Erzähler, beinahe sympathisch. „Ich glaube, ich habe Ihnen unrecht getan, Lubits.“

Der andere fragte nur: „Whisky?“

Kein schlechter Vorschlag. Die Mission war nahezu erfüllt. Stangl fühlte sich wohler. Erst jetzt genoß er die Jagdhütte richtig und lobte sie. Er lobte auch die Mädchen und meinte nur, der Hausherr hätte sie seinetwegen nicht mit Winterdirndln ausrüsten müssen. Sein Geschmack wäre da gewiß anders.

Lubits schmunzelte ertappt. Er gab auch, gefragt, Weibergeschichten zu.

„Nur nicht zu viele, das kann die schönste Karriere ruinieren.“

Dann sprach man von der Jagd, auch davon verstand Lubits erstaunlich viel. Als die erste Whiskyflasche nicht mehr sehr voll war, ließ sich Stangl zu einem kleinen Jagdurlaub einladen — kapitale Hirsche im Revier!

Ein überraschend schöner Abend. „Laß doch die Mädchen mittrinken!“

„Aber bitte, Herr Minister!“ Die beiden Dirndln baten um Anekdoten und führten sich auch sonst ganz brav auf. Man gab sich als Onkel und mahnte schließlich und endlich, nach der zweiten Flasche, zum Aufbruch. „Daß ihr mir brav bleibt's, Kinder!“

Man brachte zu viert die Hütte in Ordnung, sperrte sie nicht ganz mühelos ab. Die Sterne waren jetzt ein wenig verschleiert und nicht sehr fest im Himmel, aber die Autofahrt bergab, die beiden Herren vorne, die beiden Damen hinten, war wieder ein reines Vergnügen. Stangl stimmte ein Lied an, die anderen fielen ein, und so ging's im Nu hinab ins Tal.

Man landete in bester Laune im Schwarzen Adler, wo Gott sei Dank noch Betrieb war. Windischreiter fand sich ein, schon ohne Krawatte, aber was tat das, man legte selbst die Krawatte ab, putzte ein wenig an der Brille, denn sie hatte sich beschlagen, war froh, den Alten nicht vor den Kopf gestoßen zu haben, löffelte eine kräftige Gulaschsuppe und hörte einem windschiefen Manderl zu, das Wilderergeschichten zum besten gab. Das Manderl gestand, im Februar 1934 die rote Fahne auf einem Schornstein gehißt zu haben. „Kriegst das Ritterkreuz, Genosse“, hörte sich der Minister sagen und schüttelte dem Alten kräftig die Hand. Dann sang und erzählte man in bester Stimmung, bis der Morgen graute.

Ein etwas lallender Windischreiter hatte Sorgen um das Vormittagsprogramm, aber man konnte ihn beruhigen: „Es wird alles akkurat ausgeführt, Vinzenz. Florian Stangl wird zur Stelle sein!“ Da drückte einem auf einmal jemand eine Saufeder in die Hand: „Natürlich, der Lois Lubits!“ Ein nobler Mensch. Aber dieses Geschenk nehme ich sogar an: „Mach mir nur ja keine Weibergeschichten, hörst du? Ich will keine Klagen über dich hören.“

„Auf den kapitalen HjrscrU“ , , , Su\ {

..Genau' auf ihn!“ Stangl ''nahm' die Saufeder und ging aufrecht und geradeaus hinauf in den ersten Stock. Die Runde begleitete ihn bis zur Zimmertür.

Als er allein war, öffnete er ein Fenster und sah hinaus auf den Marktplatz. Es war sehr kalt, aber die Sterne saßen wieder fest im Himmel.

Horian Stangl überlegte die Rede, die er mittags in Sankt Engelbrecht bei der Lagerhauseröffnung halten würde. Er sprach lieber eigene Texte. Er brauchte nicht zu allem einen Sekretär.

Dann betrachtete er eingehend und wohlgefällig die Saufeder.

Aus dem unveröffentlichte Roma „Spteßrutettlauf.

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