6578348-1951_03_07.jpg
Digital In Arbeit

Wiedersehen mit der eigenen Jugend

Ich war, glaube ich, dreizehn Jahre alt. Warum hätte ich mich sonst heimlich hinabgeschlichen auf den dunklen Krocketspielplatz? Ich konnte hinter mir das Kaninchen in seinem Stall Gras knabbern hören; ein riesiges Gebäude mit kleinen Fenstern, ähnlich dem Keble College, begrenzte die Rasenfläche. Es war die Schule! von irgendwoher klang über den Schulhof leise Musik: Samstagabend, das Schulorchester spielte Mendelssohn. Ich war allein, schwermütig glücklich im Dunkel.

Zwei Reiche lagen hier knapp nebeneinander. Vom Krocketrasen aus, von den Himbeersträuchern, dem Glashaus und dem Tennisplatz hatte man immer die mächtigen grellen viktorianischen Ziegelbauten im Blickfeld; wie Wolkenkratzer sahen sie herab auf die kleine grüne Landschaft, wo die Obstbäume wuchsen und die Kaninchen Gras knabberten. Man mußte vorsichtig ausschreiten: die Grenzlinie verlief dicht an dem Kiesweg. Vom Schlafzimmer meiner Mutter aus — wo sie inmitten von Schullärm und Klingel-geschrilLden Jüngsten von uns geboren hatte — blickte man gerade hinunter in den Schulhof, auf die Halle, die Kapelle und die Lehrsäle, öffnete man eine grüne Tapetentür in einem Flur neben dem Arbeitszimmer meines Vaters, kam man In einen zweiten, täuschend ähnlichen Flur, doch dies war schon fremder Boden. Es roch nach Jod aus dem Ambulanzzimmer, nach feuchten Handtüchern aus den Umkleideräumen, überall nach Tinte. Machte man die Tür wieder zu, roch die Welt anders: nach Büchern und Obst und Kölnischwasser.

Man war Bewohner beider Reiche: Samstag und Sonntag nachmittags an der einen Seite der Tapetentür, den Rest der Woche an der andern. Das Leben an einer Grenze ist immer ruhelos. Man war zwiefach gebunden durch Haß und Liebe. Denn auch Haß ist Bindung und verlangt Treue. Im Reich der Wolkenkratzer, der steinernen Stiegen und der am frühen Morgen schrillenden Klingeln spürte man die Atmosphäre geladen von Furcht und Haß, etwas Anarchisches lag in der Luft — erschrek-kende Grausamkeiten wurden hier gedankenlos verübt; zum ersten Male begegneten einem Charaktere jeder Altersstufe, die unverkennbar das Gepräge des Bösen an sich trugen. Da war Collifax, der den Stechzirkel als Folterwerkzeug gebrauchte; Mr. Cranden mit dreifachem grimmem Kinn, verstaubtem Talar und einer Art dämonischen Sinnlichkeit.

Schrecken und Lockung gingen von da aus. Verstohlen schlich man für eine Stunde hinüber; ohne daß es die Grenzwächter gewahrten, stand man drüben und blickte zurück — statt Mendelssohn zu hören, vernahm man das rastlose Nagen der Kaninchen bei den Krocketreifen. Es war eine Stunde der Befreiung — und auch des Gebets. Man empfand die Gegenwart Gottes mit intensiver Gewalt — die Zeit stand still —, Musik war in der Luft; alles und jedes mochte geschehen, ehe man hinüber mußte zu der Schar jenseits der Grenze. Noch gab es keinerlei Zwang ... noch war der Glaube stark genug, Berge zu bewegen ... mächtig ragten die Gebäude ins Dunkel.

Und so kam der Glaube — gestaltlos, ohne Dogma, etwas, das da war oberhalb eines Krocketrasens, etwas, das verbunden war mit Gewalt, Grausamkeit und dem Bösen von jenseits der Grenze. Man begann, an den Himmel zu glauben, weil man an die Hölle glaubte, doch lange war es nur die Hölle, von der man sich einigermaßen bestimmte Vorstellungen bilden konnte — da waren die durch Holzwände voneinander geschiet .nen Abteilungen in den Schlafsälen, in denen es nie vollkommen ruhig wurde; Aborte ohne Riegel: .Hier sind infolge ihrer großen Anzahl die Verdammten zusammengepfercht in ihrem schrecklichen Gefängnis...“; Spaziergänge in Doppelreihe durch die Vorstadtstraßen; nie und nirgends Einsamkeit. Die anglikanische Kirche vermochte nicht für den Himmel ebenso vertraute Symbole zu schaffen; da waren nur ein großer Adler aus Messing, eine Orgelimprovisation „Herr, spend uns Deinen Segen*, der stille Krocketrasenplatz, auf dem man nichts zu suchen hatte, das Kaninchen und die ferne Musik.

Die waren Ursymbole; das Leben verwandelte sie später; in einer mittelenglischen Stadt, bei den Straßenbahnfahrten im Winter, vorüber an dem gotischen Hotel und dem Großkino, in dem rußigen Re.daktionsbüro, in dem man abends arbeitete, begann man langsam, mühevoll und widerstrebend den Himmel zu bevölkern. Die Muttergottes trat an die Stelle des Messingadlers: man gewann eine dämmernde Erkenntnis von den furchtbaren Geheimnissen der Liebe auf ihrem Weg durch eine verwüstete Welt; da war der Cure dArs, der die ganze Sündenlast einer Provinz in seinem Geist aufnahm, Peguy, mit Gott rechtend in der Sache der Verdammten. Es war etwas, das verbunden blieb mit Elend, Gewalt, Übel, „mit allen Schmerzen und Qualen“, wie Rilke schrieb, „die erlitten werden auf Schafotten, in Folterkammern, Irrenhäusern, Operationssälen, unter Brückengewölben im Spätherbst...“.

Brückengewölbe: ich denke an eine große Metallbrücke in der Nähe des Bahnhofs in meinem alten Heimatort, das Kn'rschen von Sand und das lang nachhallende Dröhnen, wenn oben die Züge fuhren und die Kindermädchen mit ihren Pflegebefohlenen ins Wiesengelände hinauswanderten, vorbei an dem verfallenen Schloß, den Beeten mit Brunnenkresse, dem verschlossenen Privateingang, den seit einer Generation niemand benutzt hatte. Es war ein Ort der Gesetzlosigkeit — dunkel spürte ich das schon damals: niemand war wirklich verantwortlich für einen andern. Nur einige Mauern standen noch von dem Schloß, an dem Chaucer hatte bauen geholfen; der Herrensitz war an Politiker verkauft worden. Ich erinnere mich an die kleinen zusammengesunkenen Armenhäuser am Kanal, und wie ein Mann wütend in eins davonlief — ich war mit meinem Kindermädchen —, irgend etwas hatte ihn wild gemacht: er wollte sich mit einem Messer die Kehle durchschneiden, wenn er von den Nachbarn loskommen konnte, da „er ohne Hoffnung war und ohne Gott in der Welt“.

Ich suchte das Städtchen vor einiger Zeit wieder auf — es war Sonntagabend “und die Glocken bimmelten; Gruppen von jungen Burschen Schlenderten in der Nähe der Verkehrsampeln umher, während aus Hintertüren die irischen Dienstmädchen hinausschlüpften ins frühe Dunkel. Sie waren „römisch“, aber sie' benahmen sich frech dem Priester gegenüber, wenn er ihnen auf der Hauptstraße begegnete, außerhalb der kleinen, allzu neuen katholischen Kirche in einer der ziegelroten Villenstraßen über der Talsenke.

Ich ging hinunter zu meiner alten Wohnung, die dämmerige, graue Hauptstraße hinab, vorbei an den Realitätenbüros, den zwei Kinos, den Cafes; noch immer hatten sich Spuren der alten Marktgemeinde erhalten — in der Kirche war der Helm eines Kreuzfahrers zu sehen. Die Umwelt formt den Menschen, dachte ich; ich nannte dies „Heimat“ und Empfindung regte sich in mir an diesem Winterabend, doch fand sie keinen rechten Halt. Hinter dem Tudor-Cafe wirbelte Rauch gen Himmel, ein Zeichen, daß der 8.52 eingefahren war. Man konnte an einem solchen Ort nicht leben

— man kehrte hieher mit dem 6.50 oder 7.25 zurück, um sich schlafen zu legen oder sein Nachtmahl zu essen; vorzeiten hatten hier Menschen gelebt und waren gestorben, die Füße gekreuzt zum Zeichen, daß sie von einer Kreuzfahrt zurückgekehrt waren, jetzt aber... Vergilbende Gesichter starrten aus dem Schaufenster des Photographen durch die bleigefaßte elisabethanische Rautenscheibe — die Scheibe war echt, aber man konnte es nicht glauben wegen des Tudor-Cafes gegenüber. Ich bemerkte in einem Hochzeitsgruppenbild ein bekanntes Gesicht, doch die Aufnahme war zehn Jahre alt — die Weste wirkte etwas altmodisch. Da stündlich ein Zug stadt-wärts abging, hatte man wenig Anlaß, sich hier photographieren zu lassen — ausgenommen natürlich man brauchte ein Paßbild und hatte es eilig. Nun, nächsten Monat ging es vielleicht nach Mexiko ... und warum Mexiko? Hoffte ich wirklich, dort zu finden, was ich hier nicht gefunden hatte? „Hölle ist auch hier“, sagte Mephisto zu Faust, „wo ich bin, ist auch sie.“

Das Abendblatt brachte einen Polizeibericht, die Aussage einer Frau: „Ich ging die Stiege hinunter. Oh, ich hatte solch ein komisches Gefühl. Ich sah das Brotmesser. Ich machte es scharf und überlegte, ob ich die Kraft haben würde, es mit einem Ruck hineinzustoßen. Ich ging wieder hinauf. Mein Mann lag auf dem Rücken. Ich schlug die Bettdecke zurück und hielt das Messer in beiden Händen, so zielte ich auf die rechte Stelle. Ich weiß nicht, aber es war, als ob mir jemand mit einem Hammerschlag die Hände nach unten stieß. Das Messer ging hinein wie in morsches, faules Fleisch. Er saß im Bett auf und schrie: ,Hi, hi, hi'.“ Es war, als ob mir jemand ... man fühlte sich an den unsichtbaren Begleiter auf dem Everest erinnert, dem Smythe Speise angeboten hatte, und an jenen antarktischen Todesmarsch, als Shackletons Gefährten immer vorkam, es sei einer mehr da, als da sein sollte.

Bei den Zeitungsverkäufern wurde ein Spiel feilgeboten, „Spekulanten“ geheißen, man spielte es mit einem Brett und einem Würfel und kleinen Spielmarken. Es war ein hierorts sehr beliebtes Spiel: es gab „Spekulanten“-Partien. „Feldoder Bodenbesitz“, hieß es in den Spielregeln, „hat den Zweck, von dem dort ansässigen Gegner Miete einzuheben. Mieterträge erfahren eine beträchtliche Steigerung durch die Errichtung von Häusern und Hotels ... Spieler, die ein freies Feld besitzen, können bei der Bank eine Anleihe aufnehmen, sonst werden die Felder an den Höchstbietenden vergeben ... Spieler können im Gefängnis landen.“

In einem schäbigen kleinen Laden gab es alte London-Life-Hefte — mit Artikeln über hohe Absätze, Korsette und langes Haar. Und da waren die großen Gebäude

— die Kapelle, die Halle. Neue waren seit meiner Zeit dazugekommen. Auf dieser Seite der Grenzlinie wurde immerfort gebaut: nach längerer Abwesenheit fand man immer etwas Neues vor — London Life, das Tudor-Cafe, die ein Stelldichein in einer Wiesenmulde verabredenden irischen Dienstmädchen. Oben, auf der Hügellehne — dem Schauplatz von Sonntagsspaziergängen — flammte der Buchenwald in den Farben des Verfalls; die vom National Trust aufgestellten Abfallkörbe boten einen zierlichen und hygienischen Anblick; und im Gasthaus spielte das Radio unausgesetzt. Es war unentrinnbar: zur Suppe gab es eine dramatisch aufgeputzte Schilderung der Schlacht /on Möns und zum Braten einen Methodistengottesdienst. An einem Tisch speisten vier Einarmige, ihre Sitze so anordnend, daß ihre Arme nicht kollidierten.

Am Morgen lag dichter Nebel über dem Stadtgebiet. Von den Ankündigungstafeln auf den Baugründen perlten Tropfen herab auf das kurze Gras und die Gerippe von Eggen lagen unbestattet auf den nassen Stoppeln. Bei einer auf fünf Meter zusammengeschrumpften Sichtweite gab es keine Welt mehr, kein gleichzeitiges Dasein: jedes Ding stand einzeln und für sich, gleichsam nur als Bild und vertretungsweise,— Stadtrandöde. Stieß man die Tür zum Gasthof auf, erklang ein Glockenspiel, Elfenbeinkugeln klapperten und einer der Umstehenden sagte: „So machen sie 's in der Krone in Margate.“ So pulste Englands Herz beim Spieltisch bis ans Ostende der Insel. In dem kleinen Vorgarten einer roten Villa kniete ein junges Mädchen auf der feuchten Erde und sägte an dem Ast eines Strauches, sie hatte eine niedergeschlagene und verschlossene Miene, kreischend fuhr die Säge durch das nasse Holz, irgendwo rief eine ärgerliche Frauenstimme: „Judy, Judy“, und in der Geflügelfarm gegenüber bellte ein Hund. Eine angerauchte Zigarette verglomm zu Asche vor einer kleinen verschlossenen roten Tür, ohne daß weit und breit jemand zu sehen war.

Die Cairn-Terrierfarm befand sich auf dem Gipfel des Hügels. Die Tiere können niemals ruhig gewesen sein; Frauen

männlichen Typs in Tweedanzügen, Stahlkämme in den Händen, schritten an den Hundezwingern vorüber. Eine Anschlagtafel verkündete: Mazawattee Tee. Sommervillen waren zu vermieten. Mitten in dem Buchenwald war ein funkelnagelneues Haus zum Kauf angeboten. Es machte einen soliden Eindruck, etwas zur Dauer Bestimmtes, es schien etwas zu repräsentieren — sei es auch nur Besitzerstolz. Doch es war nur einige Monate bewohnt worden; ein kärglicher Drahtzaun hielt Wald und Wiese draußen. Der Eigentümer hatte im Dezember geheiratet und sich im August scheiden lassen; sie hatten hier einmal jede Jahreszeit erlebt — den Herbst ausgenommen — und keines wollte nachher in dem Haus wohnen. Ein Hausknecht fegte das Buchenlaub von den Wegen — ein aussichtsloser Kampf gegen den Wald — und lamentierte über den Verfall und die Vergeudung.

„Jedes Zimmer viermal gestrichen ..'. Da unten in der Mulde wollte ich einen Teich anlegen — noch einen Monat und ich hätte den Gemüsegarten klar gekriegt.“

Ein Stück Land, eine hübsche Behausung für die Dauer der Ehe, die Erde verlangt weder Pflege noch Liebe — niemand ist verantwortlich für das Kind auf dem Bahngleis. Wie hieß es doch? „Feldoder Bodenbesitz hat den Zweck, eine Miete einzuheben .. .*

Aus: „Gesetzlose Straßen“, Verlag Herder, Wien

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau