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Professor Freud „entlarvt“ mich

An einem Winternachmittag führte mich der Zufall in den Teil unserer Stadt, wo der Aufenthalt meiner Kindheit gewesen: in die Berggasse Wiens. Sie heißt so' nach ihrem oberen Teil, der steil zum Viertel der Krankenhäuser ansteigt, während ihr unterer eben daliegt. Dort, in ihrer Niederung, steht das Zinshaus, in dessen viertem Stock wir gewohnt hatten. Ich drückte die Klinke des niedrigen Bürgertors nieder und befand mich in dem geräumigen Hausflur. Selbstverständlich fast, als ob nicht drei Jahrzehnte vergangen wären, bog ich linker Hand zur „ersten Stiege“ ein, ging durch den Verandagang und hinauf die alten, dämmernden Stufen. Im ersten Stock machte ich halt, denn hier befand ich mich im Traumgebiet meiner Kindheit. Zur Linken hatte einst die Hausfrau gewohnt, eine einsame Dame von kleiner Statur, die das graue Haar hochgekämmt trug und mit einer hochgeschlossenen Bluse bekleidet war wi,e eine Lehrerin. Für mich galt die bestimmte Vorstellung, daß sie allein über eine Flucht von Zimmern verfüge, während die ähnlich aussehende Dame, die gegenüber wohnte, ihre Schwester sei und einer ganzen Familie vorstehe: einem Sohn und zwei Töchtern.

Zwischen den beiden Türen, die ein roter Läufer miteinander verband, gab es immer lebhaften Verkehr. Wenn ich von der Höhe unseres vierten Stockes herabkam, konnte ich unten Schlüssel klirren hören und beim Näherkommen einen Angehörigen der Hausfrau, die Gouvernante oder Gesellschafterin, den Gang passieren sehen. Das wäre freilich für den Elfjährigen, der ich damals war, nicht denkwürdiger geworden als andere Erfahrungen von einer Welt, zu der es keinen Zugang gab, wenn nicht eine Person allen Dingen einen neuen Inhalt verliehen hätte: die jüngere von den beiden Nichten der Hausfrau.

Es war an einem Vormittag im Winter, als sie mir zum erstenmal auffiel. Meine Erinnerung zeigt mich als Schüler der Volksschule, mit Matrosenmütze und kurzem, gefüttertem Rock, der von zwei Reihen messingener Knöpfe mit aufgeprägten Schiffsankern besetzt ist. Dunkel weiß ich, daß wir einander zweimal innerhalb weniger Stunden begegneten. Das erstemal bei meinem Ausgang durch das Tor, das sie gerade von außen geöffnet hatte, wobei sie mich mit ihren überaus blauen Augen ernst anblickte. Und das zweitemal bei meiner Rückkehr von der Straße, über der ein leiser Schneeflockenfall schwebte, wieder beim Haustor. wo sich ihr Anschauen so eindringlich wiederholte, daß ich bis tief ins Herz erschrak.

Damit war mir für Jahre der Keim einer schweren, hilflosen Liebe eingepflanzt. Es gab ja kein Betreten des Stiegenhauses mehr, ohne die Erwartung, sie wiederzusehen, die mir durch Zufall oder unbekannte Bedingungen ihres Schülerinnendaseins oft wochenlang entzogen blieb, bis sich die Wartezeit plötzlich zu einer neuen Begegnung lichtete. Meistens geschah dies morgens beim Haustor. das sie gerade etwas früher erreicht hatte als ich.

Manchmal begegneten wir uns auf der Straße. Sie ging, begleitet von der Gouvernante, in einem eleganten Tegetthoffblau, das sie als eine Tochter der oberen Stände auswies. Mit dem beinahe trotzigen Blick ihrer langsamen Augen, die von den Lidern etwas verdeckt waren, sah sie mich an: ohne Lächeln, aber aufmerksam, obwohl doch meine Eltern die ärmsten Mieter der „Stiege“ waren. Die Seligkeit über dieses schweigende Einverständnis ließ mich erzittern. Ich erfuhr ja zum erstenmal die Urfreude der Liebe: die überraschende Entdeckung, daß man in der Einsamkeit seines Ich nicht allein ist; daß einem jemand sein Wesen schenkt, wenn auch nur durch die Stummheit des Blickes!

Von nun an kreiste ich wie ein FaUer um das Licht dieses Mädchens, aber die Gelegenheiten, sie zu sehen, waren selten.

Wenn ich sie lange entbehrt hatte, suchte ich Trost in den Dingen, die sie umgaben. Neben ihrer Wohnungstür brannte ein Wandarm mit einem kurzen Sparlicht, das man mittels eines Kettchens zur vollen Stärke anfachen oder wieder abstellen konnte. Es mußte ein Leitungsfehler daran sein. Denn ich nahm schon beim Stiegenaufgang den erregenden Geruch des ausströmenden Gases wahr, wenn ich an Nachmittagen vom späten Schulunterricht heimkehrte. Die Luft war erfüllt von Erwartung. Jeden Augenblick konnte ja Schlüsselgeklirre oder das Geräusch des Aufsperrens die Stille durchbrechen und eine der Personen erscheinen, die hier wohnten und auf dem roten Läufer zu gehen pflegten: wenn nicht sie selber, so die hellblonde Haushälterin oder der Bruder, der ihr glich, als ob sie Zwillinge wären und mit der Geschmeidigkeit von Herrensöhnen auftrat. Das leicht ausströmende Gas des ersten Stockes trug die Erwartung eines Festes auf seinen glosenden Schwingen.

Am schlimmsten war der lange Sommer, den die beiden Familien, wie es hieß, auf ihrem Gut im Sudetenland verbrachten. Schon vor dem Schulende erwies es sich .eines Tages, daß ihre, sämtlichen Fenster mit Papier verkleidet waren. Wie oft sah ich, der die Ferien in der Stadt verbringen mußte, an heißen Sommertagen zu diesen verschlossenen Fenstern auf, die doch hartnäckig in ihrem Zustand verblieben und sich uch nicht öffneten, als längst alle anderen Besucher von Bädern, Gebirgsorten, fremden Ländern wieder in die Berggasse zurückgekehrt waren.

Schließlich kam doch der ersehnte Tag ihrer Rückkehr. Es war spät im Herbst, und die Papierjalousien waren plötzlich verschwunden, die Fenster standen offen, trotz der Kühle, und verschiedener Hausrat lag zur Lüftung auf den Borden. Als dann nach wenigen Tagen die Herrschaft einzog, was sich durch den bewegten Verkehr zwischen den beiden Türen ankündigte, war die Bewohntheit des ersten Stockes zu meiner Freude wiederhergestellt. Es dauerte auch nicht lange, bis ich ihr selbst begegnen durfte. An dem Ernst, womit sie mich ansah, hatte sich nichts verändert. Sie war nur selbst während der langen Monate ihrer Abwesenheit größer und kräftiger geworden und ihr Blick, durch die Sonnenbräune des Gesichtes hervorgehoben, traf mich mit einem tieferen Blau als früher,

Keine Liebe entgeht der Stunde ihres Abschieds, und so mußte auch ich daran glauben, der dieses Mädchen nach Jahren noch nicht einmal grüßte. Aber wie hätte ich nicht erschrecken sollen als ich sie eines Spätnachmittags mit einem jungen Mann vor dem Haustor stehen sah? Gleich gab ich alles verloren und in einem Anfall von Eifersucht lief ich die Stufen hinauf und flüchtete in mein Zimmer, wo ich mich auf das Bett warf.

Gleichwohl übte ich voreilig Revanche, indem ich bei der nächsten Begegnung wegblickte und beim folgenden Hinuntergehen über die Stufen sogar vor mich hinpfiff. Vielleicht aber hatte ich Falsches vermutet. Denn ihr Blick war, wie ich später bedachte, der gleiche geblieben und hatte nichts von seinem Ernst verloren. Und einmal, nachts, vor dem Schlafengehen, ließ ein Ereignis alle Sehnsucht wieder wach werden. Als ich, wie immer, meine Ausschau über die untersten Hoffenster hielt, deren Scheiben schon das Unerreichbare dieser Sphäre verkündeten, sah ich ihren Kopf, dunkel gegen den von der Lampe erhellten Hintergrund, auf dem Fensterbord liegen: mit aufwärts gewendetem Gesicht. Mein Erscheinen störte sie freilich. Sogleich verschwand sie.

So ging ein Jahr nach dem anderen dahin. Aber einmal, mitten in meiner Gymnasiastenarbeit, kam die Botschaft, daß es Ernst werde mit unserer Uebersiedlung, von der so oft die Rede gewesen. Wir sollten in einen ziemlich entfernten Stadtteil ziehen und es sollte in Zukunft also kein Abenteuer einer Begegnung im Stiegenhaus oder auf der Straße mehr geben.

In der Tat führte mich der neue Schulweg bald in eine ganz andere Richtung, von der Berggasse weg und der Stadtmitte zu, und die Zeit der Nachmittage war einem strengeren Stundenplan unterworfen.

Als aber der Frühling kam, bestürzte mich die Vorstellung, daß sie ebenso einsam und eingesperrt vor Schulaufgaben säße wie ich, und daß wir gemeinsam um unsere Liebe kämpften. Seitdem wurde es mir schwerer und schwerer, meine Aufmerksamkeit auf Vokabeln oder neue Abschnitte von Geographie und auf verwickelte Rechnungen zu richten und ich schob alles für den Abend beiseite und verließ Zimmer und , Haus. Solange es licht war, wollte ich spazieren- gehen.. und das hieß: die Wallfahrt in die Berggasse antreten.

Mein Suchen nach ihr begann schon bei den Gärten der Ringstraße, wo ich ihr, an der Seite der Gouvernante, ein- oder zweimal begegnet war, und führte mich in weiten Bögen zu anderen Treffpunkten der Vergangenheit, die wie Denkmale in meiner Erinnerung standen. Aber ich hatte weder auf der Ringstraße noch in der abgelegenen Hohenstaufengasse noch in ihrer Verlängerung, der Liechtensteinstraße, den geringsten Erfolg, sondern fand überall nur die schmerzliche Leere ihres Fernseins. Die Berggasse, die ich endlich betrat, erschien mir da wie eine letzte Hoffnung.

Es war ein Nachmittag des jungen Laubes und Duftes, wo die Reihen der Fenster im hellblauen Perlmutter leuchteten. Die gespannte Erwartung erfüllte mich, ob es diesmal gelingen werde, sie wenigstens im Fenster zu sehen und ihr von der Straße aus zu zeigen, daß ich sie nicht vergessen habe. Von der Ecke an, um die ich eingebogen war, richteten sich meine Blicke einzig auf unser altes Haus, das im nachmittägigen Licht inmitten seiner Nachbarn ruhte. Langsam näherte ich mich und merkte, daß das Salonfenster oberhalb des Haustores offenstand.

Vielleicht fühlte sie es, daß ich da unten vorbeiging, und kam ans Fenster? Ich blickte gespannt hinauf, denn jeder noch so sparsame Schritt entfernte mich unbarmherzig von dieser Mitte der Stadt. Aber das Wunder trat nicht ein, daß sich ihre Gestalt innerhalb des Rahmens abzeichnete.

Vielleicht hatte sie aber in letzter Minute mein Dasein gespürt, hatte Schulbücher und Hefte auf dem Tisch stehen und liegen lassen und war, von der Unruhe erfüllt, auf die Straße zu sehen, über den roten Teppich gegangen, um noch rechtzeitig zum offenen Salonfenster zu gelangen? Es konnte sein, daß ihr das Betreten des Zimmers nicht immer erlaubt war. Aber was kümmerte sich unser heimliches Einverständnis um Gebote und Verbote? Und jetzt sah sie in meine Richtung. Ich mußte zurück und den Anschein erwecken, als käme ich ganz zufällig von der anderen Seite, und würde beim Vorübergehen die Kappe lüften!

Ich wendete mich also um und ging wieder bis zur Höhe des Fensters. Aber sie war nicht gekommen, sondern alles leer wie zuvor. Ich

@@@@ging noch ein Stück über die Front des Flauses hinaus, um dann wieder mit einem neuen Vorbeigang zu beginnen. Denn die Vorstellung bedrängte mich, daß nur um ein paar Sekunden später eintreffen könne, was ich schon als glücklichen Vollzug erhofft hatte. Aber wieder änderte sich nichts.

Wie im Traum ging ich weiter und dem Ende der Straße zu. Die plötzliche Einsicht überkam mich, daß unser kostbares Einverständnis vielleicht zu Ende sei: sie hätte mich sonst durch die Mauern spüren müssen. Sie und ich trieben wohl auf getrennten Wogen des Zeitstroms dahin und entfernten uns immer mehr voneinander? Aber dieses Grausame war in seiner Wirklichkeit nicht zu ertragen, und so verscheuchte ich es schnell. Nein, ich wollte noch einen Versuch wagen. Wieder ging ich zurück, bettelte das einsame Fenster an, beschloß doch nach einigem Warten umzukehren und taumelte weiter: der Bangigkeit der nächsten Straßenecke preisgegeben, wo sich nicht allein die Hoffnung dieses Nachmittags als Trug erweisen sollte.

Ich weiß nicht mehr, wie oft ich meinen Entschluß, endlich nach Hause zu gehen, änderte und wieder umkehrte, um sie doch noch im Fenster zu überraschen, da wurde ich auf einen Schatten aufmerksam, der mich von der anderen Straßenseite zu bedrohen schien. Aufschauend entdeckte ich, daß mir drüben drei Personen zugewendet waren, und erkannte zu meinem Erstaunen Professor Freud zwischen zwei Begleiterinnen. Er hatte sich auffallend gegen mich vorgebeugt: fast geduckt lauerte er mich von unten an, als erwarte er etwas, das jetzt und jetzt eintreffen müsse.

Professor Sigmund Freud war keine ungewöhnliche Erscheinung für mich. Er wohnte ein paar Häuser weit entfernt von dem unsrigen und ich hatte ihn oft in der Berggasse gesehen. Ich weiß nicht, wieso ich schon als Volksschüler auf ihn aufmerksam wurde — kaum hatte ich jemals das Wort Psychoanalyse gehört oder aufgefaßt —, aber der stattliche Mann mit dem gewichtigen Schritt, dem Aerztebart und den lebendigen Augen hinter der goldgerandeten Brille hob sich vielleicht wegen der Berühmtheit, die er damals schon besaß, von seiner Umgebung ab. Er und seine Töchter, ihr schneller, eifriger Gang, prägten sich jedesmal meinem Gedächtnis ein.

Jetzt aber stand ich vor seinem durchdringenden Blick, der mich erschreckte. Es war mir, als hielte mich ein Gerichtssaal gefangen und ein unerbittlicher Ankläger hätte den Punkt erreicht, wo mein volles Geständnis nur noch eine Frage von Sekunden war: es gab kein Ausweichen mehr. Ich war ertappt." Das Netz zog sich' üHeAiftlfcft'1 iul&mmefr.'‘ " ' aifftrtiw mal

Solches gab mir die Besinnung wieder. Ich mochte in diesem Augenblick Professor Freud verzweifelt, aber fest angesehen haben, denn ich merkte dann, daß er sich aufrichtete und mit der Gefolgschaft seiner Töchter — sie waren es. glaube ich — weiterging: ein Jäger, der sich um seine Beute betrogen weiß, weil das Wild ihn gewittert hat, und deshalb wieder das Gewehr umhängt. Die drei gingen die Berggasse hinauf, als ob nichts geschehen wäre.

Sein Blick hatte mich trotzdem getroffen: ich kam mir sehr entlarvt vor. Er mußte es ja beobachtet haben, wie ich mich fast bei jedem Schritt nach dem offenen Fenster umgewendet hatte, und dies mochte ihm als toller Tanz erschienen sein. Zum erstenmal schämte ich mich da meines Benehmens. Ich konnte gewiß nicht ahnen, daß der große Seelenforscher gar nicht eine solche Wirkung bezweckte, sondern eher damit beschäftigt war, den Hörern einer bevorstehenden Vorlesung meinen Fall als Preisfrage vorzulegen, um ihn dann als Neurose und Symbolfetischismus zu enthüllen, wie ich es heute vermute. Aber ich begriff unter dem eisigen Strahl seiner beobachtenden Augen etwas ganz anderes: daß ich von nun an aufhören müsse mit dem Suchen nach ihr und dem Fensterpromenieren. Nein, nicht so bald würde ich hierher zurückkehren! Ein Ende war erreicht.

Dann brach der erste Weltkrieg aus, der vieles veränderte und es leicht machte, auch festhaftende Gewohnheiten abzulegen. Während seiner vier Jahre gab es keine Berggasse mehr für mich. Als ich wieder an sie erinnert wurde, war es Jahre später: ich hatte eine Studentin kennengelernt, die einmal bei der Hausfrau Gesellschafterin gewesen war. und durch sie erfuhr ich etwas über die Familie des ersten Stockwerks: Sie haben ihren großen Besitz in Böhmen verloren, das Haus längst verkauft und verlassen. Der Bruder, der schöne, elegante Junge, sei im Krieg gefallen. Die jüngere Schwester habe, schwer lungenkrank, in einem Sanatorium gelegen und es gäbe nicht mehr viel Hoffnung für ihr Leben.

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