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Der Tod des Obersten Morawski

In einigen Monaten werden es vierzig Jahre seit dem Tage sein, da ich Witold Morawski kennengelernt habe. Ich war damals in die Umgebung von Posen gekommen, um eine landwirtschaftliche Praxis durchzumachen. In der ersten Novemberhälfte machte ich einige Einkäufe in Leszno, damals „Lissa in Posen . Der Tag war warm, heiter und mild, aus jenem Herbst geboren, der auch unter preußischer Gewalt nicht aufhörte, polnisch zu sein. Ich war nicht wenig erfreut, auf einer fast leeren Straße Frau Juliette Morawska zu treffen, die als geborene Lubienska eine Enkelin des beredten und klugen Otto Hausner war, eines bedeutenden Politikers im österreichischen Teil Polens. Ich hatte sie einige Tage zuvor bei einer Jagd kennengelernt und hatte mich sofort mit dieser Dame von überdurchschnittlichem Verstand und einer immer anziehenden Gesprächsweise angefreundet. Jetzt war sie von ihrem Sohn begleitet, der in Leszno das Gymnasium besuchte. Ich begrüßte ihn beiläufig, wie meistens ein um zehn Jahre Älterer einen Zwölfjährigen begrüßt. Aber während ich mit der Mutter sprach, mußte ich denken, daß sie bestimmt ihrem Sohn von dem Gast aus ferner Gegend erzählt hatte, so neugierig beobachteten mich die lebhaften Augen des schlanken Knaben mit dem schönen, schmalen Gesicht.

Gelegentlich mehrmaliger Besudle bei seinen Eltern im Gut Oporowo, wo ich auch Weihnachten verbrachte, sah ich ihn später öfter in diesem und auch im folgenden Jahr. Das niedrige Gutshaus war während seines dreihundertjährigen Bestehens in die Erde eingesunken und erweckte mit seinen gemütlichen kleinen Zimmern, mit dem Säulenvordadi, an dem ein Muttergottesbild leuchtete, den Gedanken, daß jene ostpolnischen Gutshäuser, die wir aus den Sienkiewicz- Romanen kennen, genau so aussehen mußten — obwohl es an der Westgrenze Polens stand.

Einige Jahre waren vergangen. Ich fragte einmal meine Tante Marie Szembek, eine ergebene Freundin der Morawski, als sie aus dem Posenschen zu ihrer Tochter nach Galizien gekommen war, nach Witold. .Witold“, rief sie aus, .ein hübscher Junge ist er geworden, und er schießt… Na, wie sein Vater, Herr Ignaz, in seiner Jugend.“

Und wieder nach einigen Jahren, in den ersten Kriegswochen des Sommers 1914, hörte ich, daß Witold im vornehmsten preußischen Garderegiment in den Krieg gezogen war und bei Paris kämpfte.

Nach dem Kriege, im unabhängigen Polen, brauchte ich nicht mehr nach ihm zu fragen. Man hörte schon von ihm. Ich bekam zu hören, daß er als hervorragend begabter Offizier schnell befördert wurde, daß er Militarattadiė in Budapest, in Berlin geworden war. Die Chronik der Gesellschaft stellte fest, daß er ein Mann von ungewöhnlich gutem Aussehen und besten Umgangsformen war, daß er viele Sprachen ausgezeichnet beherrschte und die Gabe geistreicher Gesprächführung besaß, daß er in jeder Gesellschaft begehrt war. Die Militärbehörden bestimmten ihn oft zum Vertreter der polnischen Armee. Als Göring zum Begräbnis Marsdiall Pilsudskis gekommen war, stieg Oberst Morawski an der Grenze in seinen Wagen ein. Göring schickte seine deutschen Adjutanten fort, ließ Champagner servieren und unterhielt sich die ganze Zeit mit dem ihm zugeteilten polnischen Offizier.

In den letzten Jahren vor dem Kriege wurden Morawski zum Stabschef des Korpskreiskommando in Lemberg er nannt. Seine Gestalt zeichnete sich auf dem Hintergründe des Lemberger Lebens ebenso ausdrucksvoll ab wie in den früheren Bereichen seiner Tätigkeit. Ein vorbildlicher Offizier in hoher Stellung, dem das Leben auch auf anderen Gebieten Erfolge nicht vorenthielt, konnte er überall eines guten Empfanges sicher sein. Es wurde ihm auch oft geschmeichelt; man berief sich auf seine Meinung sowohl in ernsten wie belanglosen Dingen.

Kurz vor Kriegsausbruch sprach ich mit Morawski von unseren Aussichten im bevorstehenden Ringen. Trotz der Zurückhaltung, mit der er seine Meinung äußerte, war nicht schwer zu bemerken, daß er mit tiefer Sorge in die Zukunft blickte.

Während unserer kurzen, verzweifelten Kraftanstrengung im September 1939 verteidigte Oberst Morawski unter General Sosnkowski mit größter Hingabe und äußerstem Mut jeden Fußbreit polnischen Bodens und beweinte mit bitteren Tränen die endgültige Zertrümmerung unserer regulären Streitmacht in der Heimat. Mit vielen Tausenden polnischer Offiziere nahm er den Weg in ern Kriegsgefangenenlager in Deutschland.

Gleich nach der Besetzung Ungarns durch die Deutschen im März 1944 wurde ich in Budapest verhaftet und im August in das Konzentrationslager Mauthausen gebracht. Obwohl ich dorthin in einem Zustand weitfortgeschrittener Erschöpfung gekommen war, schickte mich der Arzt, der die Neuankommenden untersuchte, ein Pole, nicht in die Krankenabteilung. Er tat es aus Wohlwollen, denn man tötete damals in der allgemeinen Krankenabteilung mit Giftgas jede Woche einmal einige Hundert Schwerkranke, besonders die älteren. Aber nach einigen Tagen meines Aufenthalts im Block gelang es den vereinten Bemühungen des Blocksdireibers Zdziarski und des Arztes Dr. Krzeminski, beide Polen, für mich mit Billigung des mir gewogenen Chefarztes, eines tschechischen Universitätsprofessors, einen Platz in dem abgesonderten kleinen Krankenhaus zu sichern, das im Bereich des Konzentrationslagers eine Oase des Glücks war: man hatte dort ein Bett für sich allein, die Behandlung war beinahe gut und vor allem wurden die Kranken von dort aus nicht zum Vergasen geholt. Die Häftlinge aus den Blocks durften nach dem Nach- mittagsappell ihre Bekannten in diesem Krankenhaus besuchen. Mich besuchten eifrig meine vor kurzem noch lieben Kameraden und .Mannschaften“ aus meinen beiden Budapester Gefängniszellen und auch viele andere Polen, die ich erst hier kennenlernte Unter ihnen befand sich ein Offizier Kantecki, ein feinfühlender und idealdenkender Mann, der strafweise aus einem Offlag hieher versetzt worden war. Seine Besuche waren immer eine Freude für mich. Kantecki sprach wenig über sich selbst, begann dagegen sogleich mir mit Begeisterung von dem Kommandanten des Offlags in Greifswald bei Stralsund zu erzählen, in dem er anfangs war. Der Kommandant war Oberst Morawski. Er erzählte, wie dieser um das geistige Leben unserer Offiziere im Lager sorgte, wie er Vorträge und Vorstellungen veranstaltete; wie er selbst ein Theaterstück in Versen geschrieben, selbst lehrreiche Vorträge gehalten hatte, so zum Beispiel über englische Geschichte und englische Politik. Er gab auch allen ein gutes Beispiel fleißiger Arbeit: um seine Bildung zu vertiefen, hatte er auch noch Italienisch und Russisch gelernt. Ich freute midi aufrichtig, daß Kantecki den Oberst Morawski so einschätzte.

Eines Tages kam Kantecki aufgeregt und berichtete, daß er von weitem „an der Mauer“ fünf neuangekommene Offiziere in polnischen Uniformen gesehen hatte und einer von ihnen Morawski zu sein schien. Ich glaubte es nicht; ich dachte, Kantecki habe aus großer Liebe za seinem gewesenen Kommandanten sich etwas eingebildet. Weshalb hätten die Deutschen einen älteren Offizier, der als Lagerkommandant zweifellos auch die Achtung seiner augenblicklichen deutschen Vorgesetzten genoß, in die schier düsterste Verniditungsstätte innerhalb des Reiches überführen sollen? Aber das Auge Kanteckis war in der langen Gefangenschaft nicht schwach geworden. Bald wurde auch der Grund der Strafversetzung bekannt. Einige Offiziere in Greifswald hatten einen Geheimbund anzuzetteln begonnen. Der Lagerkommandant hatte ihn für unzweckmäßig und verfrüht gehalten und daran nicht teilgenommen. Doch die deutsche Polizei war auf seine Spur gekommen und machte den polnischen Lagerkommandanten mitverantwortlich. Die Sache wurde nach Berlin geleitet, inzwischen aber schickte man die Angeklagten nach Mauthausen.

Die Ankunft unserer Offiziere, die man demselben Block zuteilte wie die in Ungarn verhafteten Polen, machte auf uns alle großen Eindruck. Man bemühte sich, ihnen die ersten Tage im Konzentrationslager erträglich zu machen. Polen, die in den Lagerdepots beschäftigt waren, wußten ihngn bessere Kleider und Schuhe zu besorgen, da sie nicht zulassen wollten, daß polnische Offiziere sich in Lumpen und Holzschuhen dem Spott aussetzten. Ein gefangener Schneider nähte eine dunkelblaue Mütze deutscher Form zusammen, und so konnte Morawski, anständig angezogen, mich noch vor dem Appell allein besuchen. An meinem Bette stand seine hochragende breite Gestalt mit einem Gesicht, das aus dem einst von mir gesehenen feinen und schmalen in vier Jahrzehnten zu einem kraft- und ausdrucksvollen gewachsen war, schöne, wie römische Züge trug, aber finster und wie aus Stein gemeißelt schien. Die scharfen Augen machten es nicht heiterer; ihre Lebhaftigkeit war schon längst dem Abglanz der vollen Erkenntnis des Lebens, dem Abglanz so mancher Trauer, mancher inneren Tragödie gewichen. Unsere Begrüßung konnte nicht unbefangen sein. Zu viele Geschehnisse waren in den letzten fünf Jahren vorbeigerast, zu vieles hatten wir persönlich durchgemacht und an zu vieles erinnerten wir uns, daß sich Worte leicht auf die Lippen drängten. Der Oberst erklärte mir sogleich; daß er seine Sache als sehr schlecht betrachte, er erwarte kein mildes Urteil. Umsonst strengte ich mich an, Gründe zu finden, die seine Vermutungen als’ haltlos erwiesen hätten. Er fürchtete den Tod nicht, als neunundvierzigjähriger Mana aber verlangte er gierig nach jenem Leben zurück, das für ihn so freigebig gewesen war; er wollte den Sieg erleben, er wollte nodi tätig sein und bedeuten.

Morawski versprach, midi jeden zweiten Tag zu besuchen, aber schon nach einigen Tagen kam er täglich nach dem Appell und mit ihm viele von meinen Bekannten. Er nahm immer den Ehrenplatz auf dem einzigen Hocker ein, die anderen besetzten dicht den Rand meines Bettes und der Nachbarbetten, die übrigen standen umher. Es wurde viel gesprochen, es herrschte mandimal sogar gute Stimmung, obwohl Morawski immer ernst blieb. Es war gewöhnlich voll gedrängt, denn jeder floh gerne die drückende Stimmung des Blocks, und das kleine Krankenhaus war ein um so besseres Ziel des alltäglichen Abendbummels, da es als hervorragende Quelle der Frontberichte galt, mein Bett aber der Sammelpunkt war, an dem man gute Nachrichten bekommen konnte, denn keiner kam, um schlechte zu hören. Ich sammelte sie den ganzen Tag durch, selbstverständlich unauffällig und unter dem Versprechen strengster Verschwiegenheit hauptsächlich von deutschen Mithäftlingen, die gewisse Beziehungen zu den SS-Leuten hatten und am besten informiert waren.

Das Gedränge an meinem Bett zog bald die Aufmerksamkeit auf sich und eines Abends kam der Krankenhauskapo, um mir einen Verweis zu geben. Selbstverständlich machte er es nicht unauffällig, sondern schrie, von der Mitte des Saales; Auch ein SS-Mann hat mich schon aufmerksam gemacht, daß an jedem Abend 6ich ganz Polen an deinem Bett versammelt und große Politik getrieben wirdl“ Ein Verweis konnte im Lager nicht milder sein, und angesichts der Zusammenstellung des Begriffes „SS“ mit dem im Lager unmittelbar tötenden Wort Politik mußte man sich ihn sehr zu Herzen nehmen. Ich bat also meine Kameraden, sie sollen nicht alle auf einmal kommen. Ich konnte dann mit Morawski freier sprechen. Wir liebten es nicht, über Dinge des Lagerlebens uns zu unterhalten; wir zogen Themen vor, die uns in ferne Gegenden und besonders in femliegende Zeit versetzten. Wir sprachen über das Waidwerk, dessen Zauber wir gleich begriffen, über die Landwirtschaft in Ostgalizien. Auch über unsere Bekannten, über die lebenden wie auch über .solche, die im ganzen Lager nur noch “wir zwei im Gedächtnis trugen. Er liebte seine Mutter zu erwähnen, war stolz auf sie: .Du hast sie gekannt, du weißt, wie klug sie war.“ Oft aber wurde sein Blick noch trauriger und verlor sich in der Ferne; nach kurzem Schweigen schüttelte er den Kopf und seine Stirn legte sich in Falten: „Ja, meine Sache sieht schlecht aus; nur ein sehr schneller Sieg kann mich noch retten.“ Ich strengte mich also an, seine Hoffnung auf einen baldigen Sieg zu stärken und wiederholte alle günstigen Frontberichte, jene Schlagworte, die wahre Zuversichtsspritzen bedeuteten und viele Häftlinge am Leben erhielten. Ich erzählte also von einem gigantischen Fallschirmjägerabsprung bei Hamburg, ich berichtete, daßader Rhein an sieben Stellen überschritTen wurde, daß Karlsruhe erobert und Frankfurt a. M. bedroht sei. Er aber maß diese Gerüchte mit seinem Berufswissen, und wenn eines einen Schein von Wahrscheinlichkeit hatte, dann pflegte er zu sagen: „Ich muß morgen meinen Freund Putek sehen. Er ist ein kluger Mann und ist gut informiert. Putek, einst ein bekannter Abgeordneter der radikalen Bauernpartei im Parlament, war in der „Politischen Abteilung“ beschäftigt.

Morawski war Immer ernst; ich erinnere mich nicht, daß er einmal fröhlich gelacht hätte. Er liebte aber zu plaudern und verlängerte unsere Gespräche bis zur äußersten zulässigen Grenze. Zwei Abende waren besonders traurig, die Abende der Tage, da man unsere Freunde in den Tod geholt hatte. Das erste Opfer war ein in Budapest verhafteter %Pole, der den Namen Nawrot trug. Er besuchte mich oft, machte auch am Tage einen Sprung zu mir. Ich empfinde heute das Vertrauen, das er mir entgegenbrachte, als eine Ehre. Er war ein Junge von Stahl. Bei einem nächtlichen Sammelverhör an der berüchtigten Mauer riß’und schleifte ihn die Dogge des stellvertretenden Lagerkommandanten am längsten am Boden, denn m wollt durch aetn rusammengepreßten Zähne nicht den Schrei ausstoßen, nach dem der Henker den Hund zurückrief, um ihn auf das nächste Opfer zu hetzen. Nawrot wurde mit einer Gruppe von Russen in die Hauptschreib- stybe gerufen. Das bedeutete das Todesurteil. Weniges war im Lager so sicher wie der Tod für den, der in die Haupt- schreibstube gerufen wurde.

Einen noch stärkeren Eindruck hatte auf meinen Kameraden das Todesurteil gegen Pater Laski, einen noch jungen Priester, der seine flammende Begeisterung Christus und dem Vaterland geweiht hatte, gemacht. Morawski hatte sich mit ihm angefreundet und suchte gerne seine Gesellschaft. Diese beiden Urteile, wie auch andere, wurden am Mittwoch vollstreckt, und es erwuchs daraus die Meinung, daß der Ruf in die Hauptschreibstube an anderen Wochentagen nicht drohe. Wenn also der gefährliche Tag vorbei war — ein Tag endete im Lager mit dem Nachmittagsappell —, pflegte Morawski zu sagen: „Ich habe noch eine Woche Leben vor mir; vielleicht wird sich doch inzwischen etwas an der Front ereignen.“ Aber es ereignete sich nichts, und entgegen allen Gerüchten war immer nur von „Aachen und Düren“, „Düren und Aachen“ die Rede.

Der November nahm seinen Anfang. Der Allerheiligentag war noch warm, ßonnendurchtränkt. Am Allerseelentag begann der Herbst seine kalte, regenreiche Herrschaft auszuüben.

Eines will ich noch ausdrücklich betonen. Oberst Morawski war bei uns in dieser Vernichtungsstätte und mußte unaufhörlich mit einem grausamen Tode, nicht auf dem Schlachtfeld, lediglich wegen eines Tuns rechnen, das er nicht gebilligt und von dem er sich ferngehalten hatte. Und doch hatte er in den vielen Gesprächen mit mir nie ein Wort der Mißbilligung oder eines, wenn auch mittelbaren Grolls gegen jene fallen lassen, die auch ihn in das eigene Unglück mitgerissen hatten. Dieses Thema bestand für ihn einfach nicht. Der oder jener könnte an ihm vielleicht manchen Fehler finden; mir scheint aber, daß diese Tat des Obersten Morawski — denn ich zögere nicht, diese vollkommene Unterdrückung gerechtfertigter Gefühle eine Tat zu nennen — allen seinen Fehlern das Gleichgewicht hält.

Und noch eine schöne männliche Eigenschaft war sein eigen: er prahlte nicht. Er hätte doch, ohne gegen den guten Geschmack zu verstoßen, öfter auch die eigene Person in seinen Erzählungen nicht übergehen können. In dieser Hinsicht hatte er nur eine einzige Schwäche. Er liebte zu betonen, daß er, dem es früher nie in den Sinn gekommen war, ein Gedicht zu schreiben, in Greifswald mit unerwartetem Erfolg einen solchen Versuch gemacht hatte. Schon bei unserem ersten kurzen Wiedersehen hatte er mir darüber erzählt.

Da er noch keine Arbeitszuweisung erhalten hatte, verfügte er über genug freie Zeit. Er schrieb also seine Übersetzungen aus Goethes „Faust und aus Puschkins Gedichten ab und schenkte sie mir zusammen mit dem deutschen und russischen Wortlaut, den er zum Vergleich ebenfalls abgeschrieben hatte.

Im November wurde ins Krankenhaus Major X aufgenommen, dessen Name meinem Gedächtnis unter hundert anderen entfallen ist. Er war einer von den Offizieren, die zusammen mit Oberst Morawski hieher versetzt worden waren. Noch größer wie der Oberst, war er jedoch sehr schlank, gerade wie eine Kerze, und sah noch jung aus. Das Bett über mir wurde ihm zugeteilt. Er führte ein stilles und rücksichtsvolles Dasein und schloß sich niemandem an.

Am Donnerstag, den 9. November, noch vormittags, ersuchte mich der Krankenhausschreiber, ein Tscheche aus Wien, ein guter Mensch, der auch in der langen Haft seine guten Umgangsformen nicht verloren hatte, ich solle die Geständnisse eines nicht ganz normalen Polen übersetzen und zugleich etwas abändern. Die sonderbaren Ausführungen endeten mit dem Wunsche des Autors, die Gestapo möge ihn endlich mit der Fragerei in Ruhe lassen. Ich war eben dabei, diese Arbeit im Schreibzimmer zu beenden, als ich eine im Befehlston laut gestellte Frage im Gana hörte: „Ist X schon in die Hauptschreibstube gegangen?“ Alle mußten also dorthinl Auch Morawski! Im selben Augenblick kamen die beiden polnischen Arzte herein, die kn Krankan eine stieß nur „psiakrew“ hervor, der andere schwieg und ging im Zimmer auf und ab.

Ich war bis ins Innerste erschüttert. Was konnte ich mehr für die Unglücklichen tun, als nur inbrünstig beten? Nicht füj: ihre Seelen: die waren durch das Wort des Priesters gereinigt und werden dtįrch das Martyrium geläutert werden. Ich wollte für sie als für noch Lebende beten, und zwar um zwei Gnaden: als Pole Wollte ich bitten, daß sie bis zum Ende die stolze Haltung bewahren; als Mensch, daß dieses Ende möglichst wenig furchtbar werde.

Nach einer Weile erschien wieder der Schreiber. Laut und gleichgültig — was bedeutete ihm, einem sechsjährigen Häftling, der Tod? — forderte er mich auf, ich solle, da X nicht mehr zurückkommen werde, das von Ihm Zurückgelassene unter die Polen verteilen.

Am Abend kamen wie immer meine Kameraden zusammen. Hättö ich auch voii der Katastrophe nicht gewußt, so hätte mich ihr Gesichtsausdruck schon von weitem das Geschehene ahnen lassen. Sie erzählten mir den Verlauf des tragischen Tages. Der Blockschreiber hatte schon in der Früh den entsprechenden Befehl erhalten, hatte aber niemandem etwas davon gesagt. Vormittag wurde Oberst Morawski in die „Politische Abteilung“ befohlen. Der Leiter der Abteilung erklärte ihm in einer ruhigen, sachlichen Unterredung, er wolle ihn in seiner Abteilung beschäftigen. Diese reihe Büroarbeit, die unter zivilisierten Bedingungen vor sich ging, war der Wunschtraum aller Häftlinge. Morawski erblickte aber in diesem Beschluß vor allem einen Beweis der günstigen Erledigung seiner Sache in Berlin. Er kam also hocherfreut in den Block zurück. Eine Last war ihm vom Herzen gefallen …

Als der Schreiber nachmittags seine grauenhafte Pflicht tat, verlor keiner der Aufgerufenen die Selbstbeherrschung. Alle blieben gleich tapfer und gleich ruhig. Der Reihe nach näherten sie sich dem ehrwürdigen Pater Wilk-Wito- slawski, der nach wenigen Worten ihnen die Lossprechung und den Segen erteilte. Di an diesem Nachmittag im Block nicht zahlreich anwesenden Polen drängten sich zu einem ratlosen Haufen zusammen in einiger Entfernung beobachteten Gruppen von Ungarn, von Russen das Drama. Den um die Biegung Verschwindenden schaute der Stubenälteste Willi, ein deutscher Kriminalhäftling und roher Peiniger, nach. Sogar sein grausamer Banditenblick schien verhüllt, als er pathetisch au rief: „Ja, das ist das menschliche Leben!“ Und der Blockführer Karl, auch ein deutscher Kriminalhäftling, aber bedeutend besser als Willi, bemerkte: „Das muß man den Polen lassen, die verstehen es, in den Tod zu gehen.“ Und noch eine Einzelheit erzählten meine Berichterstatter, die zu hören schmerzlich war. Aus unbekannten Gründen wurde die Vollstreckung der Urteile verzögert und die Verurteilten standen fast zwei Stunden einige Schritte von der Tür entfernt, hinter der der Tod auf sie lauerte.

Meine ungarischen Bekannten aus Budapest kamen zu mir, um ihr Beileid auszudrücken. Der über sechzigjährige Graf Sigray, mit dem Morawski sich im Englischen übte, rief laut aus: „Soll ich das Lager lebend verlassen, so werde ich allen erzählen, daß er wie ein Held in den Tod ging.“

Nach einigen Tagen sickerten aus den düstersten Stellen des Lagers, aus dem Hinrichtungssaal, aus der Leichenkammer, aus dem Krematorium, die letzten Nachrichten durch. Diese Einrichtungen wurden, wie alles im Lager, von Häftlingen betreut, die man übrigens in kurzen Zeitabständen als unerwünschte Zeugen umbrachte. Das Urteil wurde an den Offizieren durch Genickschuß vollstreckt, einer nach dem anderen mußten sie an einer Vorrichtung stehen, die durch eine bewegliche Öffnung den Pistolenlauf genau auf die Nackenmitte einzustellen erlaubte. Der Stellvertreter des Lagerkommandanten, Lagerführer Bachmeier, eine der blutgierigsten und wildesten Gestalten in den Tiefen des Hitlerregimes, waltete als Henker, von einer entsprechend eingerichteten Wand verdeckt. Die Leiche des Obersten Morawski wurde, wie alle anderen, in die Leichenkammer hinabgeworfen, die sich unter der Hinrichtungsstätte befand. Nach einer Weile ging Muer dar dort Beschäftigten hinunter and sah den Oberst aufrechtstehend, wie er ihn halb bewußtlos anschaute und in der Hand eine Tragbahre hielt. Entsetzt taumelte der Häftling zurück, Bachmeier sprang aber sofort herbei und gab seinem Opfer mehrere Gnadenschüsse.

Nach kurzer Zeit versank diese polnische Tragödie in Vergessenheit. Der Eindruck eines Todes, wie er auch war, verflog so schnell im Lager! Man sprach nicht mehr von vollstreckten Urteilen, sondern von denen, die noch zu erwarten waren. Und alles wurde von Alltagssorgen erdrückt. Ich meine hier nicht jene Unglücklichsten, die in den Blöcken des Todes oder Strafkompagnien gequält wurden, die vom Morgen bis zum Abend schwere Steinblöcke hinauftrugen und fünfmal täglich Felsstiegen mit 186 Stufen erkletterten, wobei sie massenhaft totgeschlagen wurden. Sorgen konnten noch jene empfinden, denen zwar auch Tod und grausame Strafen, doch nicht so unmittelbar und nicht stündlich drohten. Diese also strengten sich an, eine zusätzliche Suppe, ein reines Hemd oder einen warmen Schal zu bekommen, den unliebsamen Bettmitbenützer gegen einen erträglicheren einzutauschen, von einer schweren Arbeit zu einer leichteren, oder wenigstens zu einer, wo der Kapo weniger schlug, versetzt zu werden und bei alldem noch einen Zigarettenstummel zu erbeuten.

Es lag mir viel daran, daß die Gedichte, die Morawski mir wenige Tage vor seinem Tode geschenkt hatte und die vielleicht die letzten von ihm geschriebenen Worte waren, auch nach meinem Tode im Lager erhalten bleiben. Mit Mühe machte ich also mit einem Bleistiftrest zwei Abschriften und übergab sie zweien meiner Kameraden. Die Originale und den gleichfalls vom Übersetzer geschriebenen deutschen und russischen Wortlaut behielt ich bei mir.

Diese Blätter überdauerten wie ein treuer Freund mit mir alle Qualen und alle Pein des Lagers, alle Kontrollen und Beschlagnahmen, alle Desinfektion und alle Plünderungen.

Und jetzt, da ich beim Niedferschreiben dieser Erinnerungen die grauen Blätter nach einem Jahr hervorgeholt und vor mir ausgebreitet habe, weht aus ihnen gegen mich noch einmal der Schrecken jener Stätte, in der sie entstanden sind. Wenn ich auf sie schaue, sehe ich jene weite, von vielen Gebäuden bedeckte, von langen Reihen dunkler und düsterer Blöcke durchzogene Fläche auf einer Anhöhe, die einander gleichen wie zwei Tropfen: Tränen. Das Ganze umgeben von einer hohen Wand von elektrisch geladenen Drähten, die in Abständen von Türmen unterbrochen ist, die Maschinengewehre tragen und auf denen SS-Männer wachsam Umschau halten. Vor meinen Augen taucht wieder der Schlund des gewaltigen steinernen Tores auf, das sich weit den Trieben immer neuer Ankömmlinge öffnet, des Tores, auf dem nur Dantes Worte fehlen. Und ich rieche den Brandgeruch aus dem Krematorium, das aus seinen Schornsteinen Fetzen nicht ganz verbrannter Leichen hoch über das Lager steigen läßt.

Ja, das ist — das war — Mauthausen …

Wenn ich aber mein Auge auf die kleinen Buchstaben richte, die der behende, leichte Bleistift des Obersten Morawski hingeworfen hat, so sehe ich ihn in jenen zwei Augenblicken, die für mich wie zwei Grenzsteine sein Leben einfassen, das in der Jugend üppig, im Mannesalter reich war und wirklich tragisch, weil es so sinnlos jäh gebrochen wurde. Ich sehe dann den schlanken Knaben, der mich in der Sonne eines polnischen Herbstes neugierig mustert, und ich sehe den tapferen Offizier, wie er an einem trüben und regnerischen Novembernachmittag seine riesige Gestalt vor der Tür des traurigsten Gebäudes im grauenvollen Mauthausen streckt.

Ans dem polnischen Manuskript übersetzt von Eustachy Swiezowski

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