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Das Urteil wird jetzt vollstreckt...

„Du kannst mir glauben, lieber Bub, daß ich schon mehr Zeit im Landesgericht verbringe als im Geschäft und daß ich mit Zuhilfenahme einiger Bekannter bis hinauf die Verbindung her- gestellt habe, die mir momentan für sehr wichtig erscheint.

Und nun zu Kaltschuk! Dieser hat sich als ganz besonderer Kamerad in der Not erwiesen und somit auch manche Tür geöffnet, die uns sonst verschlossen geblieben wäre. So.wurde ich auf seine Veranlassung vom persönlichen Adjutanten des Reichsleiters empfangen, der mir seinerseits auch Hilfe versprach, die in der Form geschah, daß der Reichsleiter über seine Veranlassung einen persönlichen Brief an Bormann nach Berlin mittels Fernschreibens sandte. Ebenso wurde uns der Weg über Professor Hofmann, den Schwiegervater des Reichsleiters, an Dr. Kaltenbrunner geebnet, der von Max in Deiner Angelegenheit unterrichtet wurde mit der Bitte, dieselbe in Berlin bei Himmler vorzutragen ... Wenn auf jemand das Lied vom braven Mann Anwendung findet, so ist es Max, dem Dein Schicksal sein eigenes geworden ist.

Und so versteh, unser lieber Bub, daß alles geschieht, was geschehen kann, und wenn nicht alles Lug und Trug ist, was uns gesagt wird, so haben wir doch Hoffnung, Dich baldigst zu sehen. Ich habe Dir bei meinem letzten Besuch gesagt. Dein Papa kämpft wie ein Löwe um Dich, und da wir ein Löwenpaar sind, so hoffen wir, mit Gottes Hilfe, den Kampf zu bestehen. Was den Nachschub der Verpflegung anbelangt, so danken wir Gott, daß er uns in der schwersten Stunde unseres Lebens in die Arme unseres gütigen Herrn Pfarrers getragen hat, der so gütig für euch sorgt ...“ August K 1 e p e 11, der ehemalige Bezirksvorsteher von Währing, weit über den Kreis seiner sozialdemokratischen Parteigänger hinaus den Wienern ein unvergeßlicher Helfer in jeglicher Not, ist mit der Vorlesung des Briefes an sein einziges im Kerker schmachtendes Kind zu Ende gekommen. Ich sitze ihm gegenüber m dem kleinen Büro seines Gastwirtsgeschäftes in der Gersthof er Straße. Seine tapfere Frau sitzt an seiner Seite. Der Rücken ihrer fleißigen Hände, die sich vom frühen Morgen bis zum späten Abend regen, fährt über die feuchten Augen. Nun wandert der Brief in meine Hände. Er wird geschickt5 im Seidenfutter des Talarkoffers verborgen. Der Koffer selbst birgt statt des heiligen Kleides die mit unendlicher Elternliebe zurechtgemachten Päckchen mit Wurst, Butter, Käse, Obst und vor allem mit den so sehr begehrten Mehlspeisen und Schokoladekugeln. Auch die übliche Zigarettenschachtel hat noch Platz. Es warten ja mit Hermann noch zwei andere Schicksalsgenossen auf die Sendung: der unsagbar bescheidene, immer wehmütig lächelnde Dr. Josef Wyhnal, ein menschenfreundlicher Arzt und Forscher auf seinem Spezialgebiet, der tuberkulösen S0odesstrafe. Ein paar broschierte Andachtsschriften kommen obenauf. Sie verdecken mit ihrem Format den nahrhaften Inhalt des Koffers. Man kann ja nie wissen.

Vater Klepell legt die Hand auf die Schulter seiner Frau. Seine klugen und gütigen Augen strahlen voller Zuversicht. Und wie gerne stimmt die Frau dem Manne zu, der von der Begnadigung seines Sohnes spricht wie von einer bereits schon vollzogenen Tatsache. Schließlich ist ja sein Sohn kein Verbrecher. Hat nicht der Vorsitzende des Volksgerichtshofes selbst gesagt: „Wenn einer der Gnade würdig ist, so ist es Ihr Sohn. Ich will mich ganz dafür ein- setzen?“ Und die vielen zuversichtlichen Versprechungen aus Berlin von hohen und höchsten Herren! Nein, Klepell ist nicht der Mann, der in seinen Mitmenschen nur Wortbrüchige sieht. Er vertraut also, ist zuversichtlich und geradezu in froher Stimmung. Er und seine Frau malen es sich vor meinen Ohren aus, wie das sein wird, wenn der liebe Bub, ihr lieber Bub, wieder heimkommen Wird. Soll ich diese Hoffnung dämpfen? Soll ich diese Luftschlösser mit der grausamen Mitteilung zerstören, daß mich die bittere Erfahrung aus anderen Fällen das Gegenteilige befürchten läßt? Soll ich ihnen sagen, daß ein Todesurteil um so schneller vollstreckt wird, je öfter man das Gnadengesuch urgiert? Wo ist der Arzt, der einem todkranken Patienten sagt: „Sie sind rettungslos verloren, Sie müssen sterben.“ Ich widerspreche alse nicht um wende mich schnell dem Kofferpacken zu, um nicht durch ein unwillkürliches Mienenspiel zu verraten, was in meiner Seele vorgeht. Klepell aber bittet mich, über Nacht dort zu bleiben. „Es ist ja' schon finster.“ Völlige Ver dunkelung der Flieger wegen, keine Straßenbahn mehr.

Eine Stunde später betrete ich zum ersten Male Hermanns elterliche Wohnung hoch oben in einem stattlichen Wohnhausbau. Die Wohnung ist behaglich eingerichtet, alles sauber und freundlich. An das Schlafzimmer der Eltern grenzt Hermanns Zimmer. Sein leeres Bett wirkt wie eine offene Wunde, die unaufhörlich blutet. Neben dem Bett steht zwischen den Fenstern ein gedeckter Tisch an der Wand. Tannenreisig und Geschenke liegen auf ihm. So steht er nun schon seit Weihnachten unberührt, schon zwei Monate herantritt, die furchtbare Nachricht zu überbringen: Eure Hoffnung hat sich nicht erfüllt.

Werden sie uns heute holen? In allen Todeszellen des Parterretraktes ist das seit Morgengrauen bis 10 Uhr die bange Frage. Ab 10 Uhr kann man wieder ruhig sein. Aber jetzt, jetzt um 8.30 Uhr, ist der kritische Zeitpunkt. Drei Wochen lang waren sie schon ausgeblieben. Zudem ist Donnerstag. Mittwoch oder Donnerstag, das sind meist die Tage der Vollstreckungen. Es ist allerdings nur eine Wahrscheinlichkeitsrechnung, denn sie haben auch schon an anderen aufgerufenen Namen hat man nicht.deutlich gehört, nur das Klappern der vor der Türe abzu- streifenden Holzpantoffel. Heimlich und verstohlen müssen sich hier die Menschen barfuß aus dem Leben schleichen. Eine halbe Stunde später stehen sie, Hand mit Fuß durch eine lange, schwere Kette miteinander verbunden, in den Armensünderzellen vor ihren Richten}. Der Staatsanwalt verliest jedem einzelnen sein Urteil und fügt hinzu: „Das Urteil ist in Rechtskraft erwachsen, der Justizminister hatte keinen Anlaß, eine Begnadigung vorzuschlagen, das Urteil wird heute abend um 18 Uhr vollstreckt.“ Nach einer kurzen Pause: „Haben Sie das Urteil verstanden?“ Ein mehrstimmiges lautes „Jawohl!“ kommt trotzig von den Lippen der Männer, die größtenteils ihre Fassung wiedergewonnen haben. Die Richter verschwinden. Die Todeskandidaten lösen sich aus der strammen Haltung.

Nun folgt ihre Verteilung auf die einzelnen Armensünderzellen, von welchen etliche sehr geräumig sind, andere wieder nur Kabinettsgröße haben. An „starken Tagen“ wird der Tod in gesellschaftlichem Beisammensein von 6, 8 bis 10 Personen erwartet. Die Frauen sind nur zu zweit oder dritt in einer Zelle. Kommt nur eine Frau in Betracht, so bleibt sie allein. In den ersten Monaten des Jahres 1942, als die Mordmaschine nicht wie in späterer Zeit am laufenden Bande arbeiten mußte, erfolgten die Hinrichtungen um 6 Uhr. Ich blieb dann stets von 18 Uhr, dem Zeitpunkt der Verlautbarung, bis zur festgesetzten Stunde des anderen Tages bei den Delinquenten.

II. Unser lieber Bub ...

„Herr Pfarrer, wir brauchen Sie heute wieder." Dieser kurze Satz, nicht mehr und nicht weniger, ist Inhalt des telephonischen Anrufs, der mir besagt, daß heute wieder Hinrichtungen stattfinden und sich zumindest e i n Evangelischer darunter befindet. Wer wird es diesmal sein? Erst an Ort und Stelle darf ich es erfahren. Bald nach diesem diejistJicljąn Anruf des Hauptwachtmejsters meldet sich Oberpfarrer Köck, der Anstaltsgeistliche, am Telephon. Neben vielen anderen Gefälligkeiten, die ich diesem hilfsbereiten Priester zu danken habe, pflegte er mich stets auch noch seinerseits von bevorstehenden Vollstreckungen zu verständigen, gleichsam ein Kontrollanruf für das richtige Funktionieren der amtlichen Meldung. Die Vormittagsstunden dienen den Verurteilten zur Abfassung ihrer Abschiedsbriefe. Dabei wollen sie ungestört sein. Auch hat die Wache mit ihnen noch allerlei zu schaffen, mitunter erfolgen noch Protokollaufnahmen und dergleichen. Aber etwa von 13 Uhr an tritt jene Ruhe in den Zellen ein, die für die Arbeit der Seelsorge erforderlich ist. Ein Blick auf die Liste nach meinem Eintreffen zeigt mir drei Namen, deren Träger mir in den langen Monaten der Betreuung besonders liebgeworden sind: Hermann Klepell, Dr. Josef Wyhnal und Kaplan Dr. Meyer. Beim Betreten der Zelle eilt Klepell sofort auf mich zu. Tränen treten ihm in die Augen. Der Druck seiner Hand ist sicher und kräftig. Aber ehe er noch etwas sprechen kann, umringen uns schon die anderen. Dr. Wyhnal bleibt bescheiden im Hintergründe stehen. Ich richte zunächst ein paar Worte der Begrüßung und Aufmunterung an alle gemeinsam. Da zieht mich Klepell zur Seite: „Ich möchte gerne ein paar Worte allein mit Ihnen sprechen, Herr Pfarrer." Und nun war sein erster Gedanke die Eltern. „Bitte, sagen Sie den Eltern, ich sterbe mit der Gewißheit, daß sie alles Menschenmögliche getan haben, um mich zu retten. Ich lasse ihnen dafür auch vielmals danken. Der Vater hat sich ja alle Mühe gegeben, ich weiß es, er hat keine Opfer gescheut, nichts war ihm zuviel; glauben Sie mir, Herr Pfarrer, es tut mir mehr für meine Eltern leid als für mich, daß seine Bemühungen erfolglos geblieben sind. Bitte, beruhigen und trösten Sie meine armen Eltern! Die werden ja ganz verzweifelt sein.“ — „Das will ich gerne tun, lieber Hermann", erwidere ich, „aber bleiben Sie trotz allem getrost und zuversichtlich. Wir kommen ja alle nach, wer weiß, wie bald, denn, genau betrachtet, sind wir ja alle zum Tod verurteilt.“ — „Das.stimmt, Herr Pfarrer, aber das Dumme ist für uns, daß wir so knapp vor Torschluß drankommen." Und mit einer oft an ihm beobachteten stolzen Kopfbewegung fuhr er fort: „Aber wir sterben nicht umsonst, unser lang. Er wartet auf Hermanns Heimkehr, genau so wie sein Bett wartet, wie die vielen Sache warten, die sein eigen sind, und wie die Eltern warten. Frau Klepell richtet mir das Bett ihres Sohnes zurecht. Bald liegt die unglückliche Welt im nächtlichen Schlummer. Nebenan schlafen zwei brave Menschen ruhig und getrost mit den schönsten Gefühlen elterlicher Liebe ein, alles getan zu haben, was zur Rettung ihres Kindes möglich ist. Sie zweifeln nicht im mindesten an dem Erfolg. Vertrauensselig, wie alle Menschen reinen Herzens, freuen sie sich, daß wieder ein Tag zu Ende ging, der sie dem Tag der großen Freude, dem Tage der Heimkehr ihres Kindes nähergebracht hat. Daß sie dem Tage ihrer großen Schmerzen, dem Tage ihrer bittersten Enttäuschung entgegengehen, davor zittert nur mein Herz. Ach, es ist so unsagbar schwer, daß der Seelsorger an den Gefangenen und zum Tode Verurteilten auch zugleich der Seelsorger ihrer Angehörigen sein muß, und an dem Tage erst recht,'wo die unabweisliche Aufgabe an ihn Tagen getötet, einmal sogar am Karfreitag, am 7. April 1944. Werden sie uns heute holen? Unausgesprochen liegt diese furchtbare Frage auch am Donnerstag, dem 22. März 1945, in der Luft. Sie liegt wie ein lähmender Bann auf allen vier Stockwerken des Gefängnistraktes, obwohl sie ja eigentlich nur die Parterreinsassen des Grauen Hauses angeht. Aber auch die nicht zum Tode verurteilten Strafgefangenen und Untersuchungshäftlinge bangen mit den dem Tode Verfallenen im untersten Stockwerk. Plötzlich verstummt alles geschäftige Treiben auf den Gängen und Stiegen des geräumigen Hauses. Die im Hause arbeitenden Sträflinge werden alle in ihren Zellen eingesperrt. Die Menschen scheinen den Atem anzuhalten. Etliche brechen in Tränen aus. Nun herrscht Totenstille im ganzen Gebäude. Entsetzt stellen die Insassen der „Köpflerzellen" den Eintritt dieser unheimlichen Stille fest. Welche Zellen kommen heute dran? Jetzt hört man, wie eine Zelle geöffnet wird. Es muß in der nächsten Nachbarschaft sein. Den Sterben ist eine Aussaat, die Früchte tragen wird.“

Nach der Feier des heiligen Abendmahles kam die letzte Stunde immer näher. Ruhig und gefaßt sah ihr der junge Mann entgegen. Die Unabänderlichkeit seines Schicksals ließ ihn nicht verzweifeln, sondern machte ihn vielmehr entschlossen. Die letzten Gespräche galten den Erinnerungen an sein Elternhaus. „Wenn ich auch jung sterben muß, ich habe, dank der Liebe meiner Eltern, ein sehr schönes und glückliches Leben gehabt. Leidvoll wurde mein Leben erst mit der Stunde meiner Verhaftung. Bitte, Herr Pfarrer, sagen Sie meinem Vater und meiner Mutter, daß sie alles getan und alles aufgeboten haben, um mir meine Kindheit und Jugend so schön und glücklich zu gestalten wie sie war.“

Wenige Minuten später trat Klepell seinen letzten Gang an. Ich schritt in dem finsteren und schlecht beleuchteten Gang an seiner Seite. Ich betete ihm den Trost des 73. Psalms vor: „Dennoch bleibe ich stets an Dir, denn Du hältst mich bei meiner rechten Hand, Du leitest mich nach Deinem Rat und nimmst mich endlich mit Ehren an. Wenn ich nur Dich habe, so frage ich nichts nach Himmel und Erde. Wenn mir gleich Leib und Seele verschmachtet, so bist Du doch, Gott, allezeit meines Herzens Trost und mein Teil.“ Wir standen vor der berüchtigten schwarzen Eisentüre. Wenn sich ihre Flügel öffnen, ist das Uebrige nur noch das Werk einer kurzen Minute. Und in dieser letzten Minute seines Lebens wandte Klepell sfcin Gesicht zu mir, sah mich mit unsagbar traurigen Augen an und sprach: „Herr Pfarrer, bitte, gehen Sie doch letzten Gang bereitstand und die dumpfen Schläge des Fallbeiles bei den Hinrichtungen seiner Vordermänner bis in seine Zelle drangen. Lange hat mich dieses schauerliche Wort verfolgt. Heute wurde es endgültig abgelöst durch das letzte Wort eines sterbenden Kindes für seine Eltern: „ ... damit sie heute noch eine gute Nacht haben und ruhig schlafen können.“ Ich danke dir, Hermann Klepell, für diese Hal-

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