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Die Rekonvaleszentin

Nacht liegt über den Krankensälen. Weit und schwer, groß und ernst ist das Dunkel heraufgekommen, und leise hat es sich auch um die Betten gelegt, in denen die Menschen nun gleichmäßig — wie im Takt — atmen und schlafen.

Langsam geht die Nachtschwester die weißen Reihen von Bett zu Bett entlang.

Aus einem Bett strahlt sie durch das Dunkel ein Augenpaar an, ganz deutlich sieht es die Schwester. Und sie tritt näher und fragt besorgt: „Haben Sie starke Kopfschmerzen?” Denn die Kranke hatte gestern einen schweren Tag.

„Nein”, flüstert es leise zurück, und nach einer Sekunde fügt die Kranke hinzu:

„Schwester, mir geht es ja soviel besser!” Und es müssen wohl taube Ohren sein, die in diesem Satz nicht den Jubel eines großen, großen Glücks mitschwingen hörten.

Da sagt die Schwester ein paar leise, liebe Worte, lächelt und entfernt sich lautlos wieder.

Die Kranke aber kann nicht schlafen. Dazu ist sie innerlich zu aufgewühlt, zu erregt, zu glücklich. Zuviel Neues stürmt auf sie eijji; zuviel Altes, Vergessenes, längst nicht mehr Erhofftes regt sich in ihrem Herzen wieder: sie fühlt sich Rekonvaleszentin, fühlt sich von Minute zu Minute gesünder werden.

Sie denkt an den gestrigen Tag. An den herrlichen, sonnigen Jännertag, dessen würzige Winterluft sie erfrischend umspülte. An den sonnigen Tag, der ihr mit seiner ergreifenden Schönheit soviel innere Kraft schenkte.

Und sie denkt daran, wie sie von der strahlenden Helle und der frischen Luft plötzlich in die dumpfen, überheizten Gänge der Chirurgie kam. Wie sie — verwirrt durch die Vielfalt und den Ernst der neuen Eindrücke — sich insSchauen verlor und sich selber — zumindest zeitweilig — vergaß.

Ein anderer Patient- lag neben ihr auf seiner Tragbahre. Grauhaarig, verfallen, zahnlos und unrasiert war er. Der sprach von sich, von seinem Leiden, vom Kriegsdienst, wo er es sich geholt hatte, und von seinen Sorgen um Frau und Kinder. Er wartete auf seine Operation und wollte sich vorher noch einmal alles vom Herzen reden.

Und dann fragte er plötzlich, was denn sie — die Kranke — eigentlich habe. Sie sei doch noch jung. Woran sie denn leide?

Und da erzählte sie ihm alles und fühlte, daß auch ihr Herz übervoll war. Erzählte von jenem Tag, da sie als dreijähriges Kind so unglücklich gefallen war, daß sie darüber nicht mehr hatte aufstehen können und überdies beinahe ein Auge verloren hätte. Erzählte, wie sie erst allmählich ein mühsames Gehen mit vielen Stützen • erlernt hatte — und wie sie dann mit den Geschwistern und Gespielen doch wieder Kind gewesen und sogar regelmäßig zur Schule gegangen war.

Und sie erzählte von jener Nacht zehn Jahre später, wo sie durch einen furchtbaren Anfall — der angeblich noch immer von jener ersten Verletzung herrührte und den sie nie in ihrem Leben vergessen würde — wieder völlig hingeworfen und außerdem des Gebrauches ihres linken Armes beraubt worden war. Und wie sie sich doch im Lauf der Zeit auch damit abgefunden hatte. Nur sei sie ein wenig ernster und nachdenklicher geworden, und die Vergnügungen ihrer Geschwister und Gespielen seien ihr seither ein wenig fremd. Doch habe sie ihrem Leben einen Sinn zu geben vermocht.

„Heut erscheint es mir geradezu unglaublich, daß seit damals auch schon wieder mehr als elf Jahre verflossen sind”, fügte sie hinzu.

Freilich, meinte sie, auf das Gesundwerden mußte sie nun schon lange-verzichten, und sie wollte froh sein, wenn es nicht ärger würde …

Da aber schwieg sie plötzlich, ertappte sich bei einer Lüge. Nein, das war nicht wahr, sie hoffte noch immer — und heute mehr denn jel

Der schöne, sonnige Tag kam ihr weder in den Sinn, und der Zweck ihres Hierseins: keine Operation war es, sondern ein kleiner, für die Kranke ganz neuartiger Eingriff, der dem Wintertag draußen zutiefst und seltsam verwandt und verbunden war: eine Lufteinblasung ins Gehirn durch eine Injektion ins Rückenmark …

IDie Kranke lächelt in ihrem Jett vor sich hin: Wjer hat ihr nur diese irrsinnige Hoffnung ge- geben? Hatte man ihr nicht ausdrücklich gesagt, daß die Einblasung nur zu röntgendiagnostischen Zwecken gemacht würde? Hatte sie die Erzählungen anderer Patientinnen, es seien schon oft geradezu Wunder auf so etwas hinauf geschehen und man könne nie wissen, was sich bei ihr alles bessern würde — hatte sie das vernünftigerweise wirklich ernst nehmen können? Und doch, und doch, sie hatte es ernst genommen und hatte sich mit der ganzen Kraft ihres Glaubens daran festgeklammert!

Wieder versinkt die Kranke in Erinnerung. Erinnert sich, wie bald nach dem Ende ihrer Erzählung die Aerzte, Schwestern und Pfleger aus dem Operationssaal herauskamen, die Masken abnahmen und sich in angeregten Debatten über, die Gänge hin verloren. Erinnert sich des Patienten, den sie nach der Operation so still und lautlos auf einem fahrenden Bett herausführten. Und sie denkt daran, wie ihr Herz nun doch ein wenig ängstlicher — zumindest fragender — zu schlagen begann.

Und es dauerte nicht lange, da wurde ein kleiner, weißgestrichener Sessel aus leichtem Metall in den Saal gebracht. Und da wußte die Kranke: jetzt kam sie dran.

Und sie hat e recht. Denn schon strömten die Aerzte wieder herbei, man traf kurze Vorbereitungen — und sie fing dabei das Wort auf: „Jetzt mache ich die Encephalographie.”

Sie zeigte sich gefaßt, als sie nun geholt wurde, und dem neben ihr wartenden Patienten, mit dem sie sich so lange ausgesprochen hatte, rief sie zum Abschied sogar noch fröhlich zu: „Wenn Sie jetzt jemanden quietschen hören, dann wissen Sie wenigstens, daß ich das bin!”

Nie wird sie vergessen, wie sie schließlich dann auf jenem kleinen Sesselchen saß und heimlich alle Kraft zusammennahm. Wie die Aerzte hinter sie traten und einander etwas in englischer Sprache erklärten. Wie ihr dann ein Pfleger mit eisern festem Griff seiner beiden Hände den Kopf auf die Brust drückte und ihn so — geradezu schmerzhaft — festhielt.

Und wie sich endlich die lange Injektionstrommel in den Nacken bohrte. Nur ein kleiner Stich war es, aber die Nadel drang dann tiefer und tiefer, bis plötzlich ein zartes, fast unhörbares Glucksen verriet, daß sie am Ziel war: im Rückenmark.

Dann trat eine Pause ein, die der Kranken schier unheimlich erscheinen wollte. Erst später erfuhr sie, was während dieser Zeit geschehen war und die Vorbereitungen für das Kommende schaffen sollte: daß der Arzt durch die Nadel einige Gläschen klarer, gelblichweißer Rückenmarkflüssigkeit abgezapft und dann eine Spritze mit der Luft angeschlossen hatte.

Endlich hörte die Kranke die Stimme des Arztes sagen: „Jetzt werden Sie Kopfschmerzen bekommen.”

Nun, was das Ertragen von Schmerzen — von wirklichen Schmerzen — anlangte, so war die Kranke nie eine Heldin gewesen. Das wußte sie. Und’ deshalb hatte sie vorher auch jene halb scherzende Bemerkung zu jenem Patienten gemacht. Was würde nun kommen? Sie hatte ein wenig Angst vor sich selber.

Aber was war das? Eine Sekunde verging… noch eine Sekunde … noch eine dritte … es schienen drei Ewigkeiten … sollte sie wirklich nichts spüren?… Der Arzt hatte doch gesagt … Noch immer nichts…

Da plötzlich begannen langsam und schleichend zwei Nervenbahnen zu schmerzen — rechts eine und links eine. Hinter, den Ohren begann es, fuhr dann fast bis zur Mitte hinauf und endete bei den Augen. Gleich einer Welle war der Schmerz aufgetaucht — und gleich einer Welle verebbte er wieder, als die Hand des Arztes für eine Sekunde in ihrer Arbeit innehielt, um eine neue Luftspritze anzuschließen.

Doch schon fuhr wieder Schmerz in die Nervenbahnen, und diesmal war er sehr stark und klammerte sich förmlich um sie, neue Bahnen wurden erfaßt und der Schmerz wurde wilder und wilder. Und plötzlich wußte die Kranke ganz genau, daß sie ein Gehirn hatte, meinte es bis in die kleinsten Windungen zu spüren.

Und der Arzt arbeitete fieberhaft, setzte neue bereitgehaltene Injektionsspritzen an. Nun gab es bald kein wellengleiches Anschwellen und Abflauen des Schmerzes: er war stechend und dauernd geworden. Die Augen hatten sich geschlossen, denn plötzlich waren die Lider bleischwer geworden, und auch Arme und Beine erschienen wie Gewichte.

Fünf volle Minuten vergingen. Vergingen Sekunde um Sekunde, Sekunde um Sekunde. Wer weiß denn, wie lang eine Minute, wie lang eine halbe, eine viertel sein kann, wenn sich in ihr ein tief innen sitzender körperlicher Schmerz bis an die Grenze des Erträglichen steigert— wenn man in jeder Sekunde glaubt: Jetzt geht’s nicht mehr ärger! Jetzt halt’ ich’s nicht mehr aus! Und die nächste Sekunde bringt dennoch eine Steigerung, und man erträgt sie geduldig und still!?

Es war der Kranken zumute, als müßten ihr die Schläfen springen, als müßte jetzt etwas dort drinnen platzen oder gesprengt werden. Fünf gan — ze Mi — nu — ten dau — er — te das…

Aber es war seltsam. Seltsam der Vorgang, der sich währenddessen irgendwo unterirdisch in der Seele der Kranken abspielte. Da waren plötzlich geheime Quellen nie geahnter Stärke aufgebrochen: und so geschah es, daß sie während all der Schmerzen keinen Laut von sich gab.

Erst als die Prozedur schon fast zu Ende war, stahl sich ein leises, kaum hörbares Wimmern einmal kurz über die zusammengepreßten Lippen. Aber der Arzt tröstete sofort: „Nur noch ein bißchen Geduld, gleich bin ich fertig!” Und diese Worte taten der Kranken wohl und gaben ihr die Kraft und den Willen, auch diese letzte Steigerung schweigend zu ertragen.

Und siehe! Plötzlich wurde ein — vielleicht nur ihr selber vernehmbares — Glucksen laut, das das Rückgrat entlanglief, als ob Wasser hineingepumpt würde. Und dann spürte die Kranke, daß der Schmerz sich nicht mehr steigerte. Die Einblasung war zu Ende.

Die Nadel wurde herausgezogen. Jemand strich mit leiser Hand über die Stelle des Einstiches — erst nachher bemerkte die Kranke, daß jenes Darüberstreichen das Aufkleben eines Pflasters bedeutet hatte.

„Fertig”, sagte der Arzt und streifte seine imposanten Gummihandschuhe ab. „Hat es sehr weh getan?”

Die Kranke war bei vollem Bewußtsein — nur ein wenig schwindlig war sie, und der Kopf war weh und schwer. Einen Augenblick hatte sie der Gedanke durchzuckt. „War es nicht doch von Uebel, anderswo Luft hineinzublasen, als wo Gott den Weg dazu geschaffen hat?”

Aber mit leiser, ruhiger, ein wenig wie von Tränen schwerer Stimme antwortete sie auf die Stimme des Arztes: „Ein bißchen… oh ja, genug.”

Dann wurde sie von zwei starken Pflegern ergriffen und auf eines der lautlos fahrenden Betten gelegt, das wie jenes war, auf dem kurz vorher jener Operierte fortgeführt worden war.

Nun kamen die Röntgenaufnahmen — der eigentliche Zweck der Einblasung. Auch das war nicht schmerzlos, denn jede geringste Bewegung des Kopfes tat unglaublich weh; und dabei mußten die Aufnahmen von allen Seiten gemacht werden.

Aber einmal ging auch das vorüber; und dann lag sie wieder still auf der Tragbahre, mit der sie auf die Chirurgie gekommen war und auf der sie nun wieder auf ihre Abteilung zurückgebracht werden sollte.

Sie denkt nach: Wie lange mag sie so gelegen sein? Sie weiß es nicht. Es sollen fast zwei Stunden gewesen sein — sie weiß es nicht.

Aber es ist ja auch egal. Denn während dieser Zeit begann das Wunderbare, das Unvergeßliche: das Gesundwerden.

Durch das stille Liegen mit geschlossenen Augen hatte das Kopfweh fast aufgehört und war jedenfalls ganz milde geworden. Wie gut ihr dieses ruhige Liegen tat! Wie wünschte sie gar nichts anderes, als nur so liegen zu dürfen!

Und da bemerkte sie plötzlich, daß die Schwere in ihren Gliedern gar nicht nur Schwere war. Daß vielmehr etwas wie ungeheure physische Kraft in sie gedrungen und jegliche Nervosität von ihnen gewichen war. Das konnte gar nichts anderes sein als ein erstes fühlbares Wahrzeichen der Gesundheit!

Ein großes Glücksgefühl regte sich in der Seele der Kranken, das so groß und so ausschließlich war, daß es fast schon Stolz genannt werden konnte.

Die ganzen zwei Stunden — und auch all die weiteren bis in die Nacht hinein — tat die Kranke nichts anderes: lag nur und lauschte in sich hinein. Und empfand das große Glück des Genesens.

Erst konnte sie die Wahrheit alles dessen gar nicht glauben, es sei immer noch dasselbe Träumen, dem sie früher so oft verfallen war. Dann aber wurde sie plötzlich fieberhaft ungeduldig. Ueber zwanzig Jahre hatte sie auf die Genesung gewartet, und nun würde sie die ersten Tage ihrer neuerworbenen Gesundheit ungenützt im Bett verbringen müssen — einzig wegen Kopfschmerzen, Fiebers und etwaigen Schwindelgefühls, der Begleiterscheinungen der Einblasung!

Erst dar,Besuch; ihrer.:,besorgten Angehörigen’! bewirkte: daß.sich’.die,Kranke wieder ein wenig in Geduld faßte. Auch die behandelnde Aerztin kam im Laufe des Nachmittags, um etwa zu arg gewordene Kopfschmerzen durch eine Injektion zu lindern — was die Kranke aber ablehnte und für unnötig erklärte, denn sie dachte: Erstens sind die Schmerzen nicht unerträglich und dann: wenn ich ihnen schon meine Gesundheit verdanken soll, so will ich mich ihnen auch nicht entziehen.

Nun aber war es Nacht geworden. Nacht der Genesung. Und die Kranke ahnt ein erstes Mal, wie einsam der Mensch auch in seinem Glück sein kann.

Sie horcht wieder in sich hinein. Da drinnen scheint sich nun alles zu lösen, jedes Glied, jeder einzelne Muskel; und dieses Sichlösen des bisher Starren erscheint ihr irgendwie als Symbol. „Ja”, bestätigt sie sich zum hundertsten Male, „ich werde wieder gesund!” Bestätigt es, ohne noch selber eine andere Bestätigung dafür zu haben als das eigene Gefühl.

Durch das offene Fenster trägt der Wind einen schweren Stundenschlag. Die Nachtschwester tritt wieder ihren Rundgang von Bett zu Bett an. Einzelne Kranke sind ein wenig unruhig geworden.

Die einsam wachende Kranke besinnt sich: Vielleicht ist sie schon gar keine „Kranke” mehr, gehört schon nicht mehr hierhier — ist Rekonvaleszentin, nachdem sie schon fast hoffnungslos gewesen war Und sie weiß, daß sie einsam sein muß, mit allem, was ihre Seele bewegt — immer und überall.

Worin ihre Gesundheit wirklich besteht — sie weiß es noch nicht. Aber — sie wird fortan keine „Kranke” mehr sein, das weiß sie.

Vielleicht bleibt sie Rekonvaleszentin — bleibt es ihr Leben lang. Doch wird sie auch dann eine schöne Erinnerung auf ihrem Weg begleiten.

„Nein”, denkt die Kranke, „ich möchte den gestrigen Tag nicht aus meinem Leben gelöst wissen. Denn mit all seinen Schmerzen — war er doch Schön. Denn das wahre,Glück des Menschen ruht schließlich nur in ihm selber… Herrgott, o lieber Herrgott, ich danke Dir für alles Erleben, danke Dir für die Schmerzen und für die große Freude, die Du mir beschieden hast!”

Und wie die Nachtschwester wenige Minuten später am Bett der Rekonvaleszentin vorbeikommt. findet sie diese still und friedlich eingeschlafen.

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