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Das Wirkliche

(9. Fortsetzung und Schluß)

Ich träumte einmal, die Zeit mit ihren Erfolgen und Errungenschaften werde vor Gott gemessen. Die Menschen, betört und stolz, brachten alle gewaltigen Erzeugnisse ihres Geistes zur Waage. Er aber legte nur eine Apfelblüte auf die Schale und siebe, alle menschliche Kraft war betrogen.

So stand ich einmal selbstsicher und stolz vor seiner ewigen Herrlichkeit und achtete des Betruges nicht, den ich durch die dunkelsten Versuchungen anfeuerte, dem menschlichen Geiste zur Herrschaft zu verhelfen. In diesem Falle aber gibt es keinen anderen Weg als den einen: entweder bekümmert sich der störrische Geist um seinen stolzen Untergang oder er liefert sich seiner ,Schwäche aus, um alles hinzugeben. Ich hoffe, daß es auch bei mir Hingabe war: das wäre die wunderbarste schöpferische Tat!

Man kann sich zwar leicht vorstellen, daß ich nicht zum Zeugen aufgerufen werde, oder höchstens für eine gegenteilige Zeugenschaft. Ein Kranker weiß doch nichts vom Normalen. Aber was ist das Normale? Die Norm überhaupt? Da kommen wir wieder zu jenen Grenzen, wo es zu scheiden und unterscheiden gilt zwischen den Wirkungen und Wirklichkeiten oder zwischen Welt und Gott: Und dann haben wir die Norm oder, wie wir es immer nannten, das Wirkliche.

Mein Leben ist kraus verlaufen, nach außen hin, innen aber mitnichten! Ich habe es genau so gelebt, wie es angelegt war. Und ich hätte nie anders zu handeln mich eingesetzt, auch wenn die verschiedenen Zwischenfälle ausgebjieben wären. Das waren ja eben nicht mehr als Zwischenfälle. Krieg, Verletzung, Heilung, Erkrankung und alles andere beeinflußten meine Entscheidungen nur insoferne, als diese beschleunigt wurden.

Daß ich recht handelte, beweisen mir auch jene einzelnen Männer, die zu nennen mir erlassen sei, weil es als Größenwahn ausgelegt werden könnte. Aber deswegen ist doch bestätigt, wie ein Mensch den Geheimnissen jener Kräfte ausgesetzt werden kann, denen die Bewahrung der Welt anvertraut ist. Ich kannte diese Gesetze und habe danach zu leben versucht.

So ist ein Ende doch ein Anfang geworden.

Das bitte ich, Verena nach meinem Tode zu sagen, und sie wird dann meiner armen Seele weiterhin in Liebe gedenken.”

Jetzt hielt er an und schloß die Augen. Die Wimpern bebten leise, als schauderten sie vor denn grünen Schimmer des Sonnenlichts, das durch die geschlossenen Vorhänge fiel. Er war sehr müde und bat, die Fenster zu öffnen. Vom Bett aus konnte er nichts als einen Birnbaum sehen: die glänzendgrünen Blätter schöpften viel Licht, jedes der kleinen Sdiäufelchen förderte es zutage und schüttete es wieder aus, um neues zu fassen, ein Wunder ohnegleichen.

Der Kranke hatte es wohl vor mir beachtet. Plötzlich setzte er sich auf und sein Gesicht verklärte sich,

„So groß ist er in seinen Wundern! Und da versucht ihn der menschliche Geist mit seinen unzulänglichen Mitteln?! Begreifst du, daß man ob dieser Erkenntnis vor den eigenen .Fähigkeiten fliehen muß? Diese Flucht war mir lange eine Qual, jetzt aber weiß ich wie noch nie um deren Notwendigkeit.”

Er schaute unentwegt hinaus. Das Licht quoll sanft aus den Schatten, die mählich in sich zuriickfielen: Farben in Grün, Blau und Gold und darüber ein dünner Glassturz, so daß mau die Hummeln läuten und das Glas klingen hörte, wenn sie gegeneinanderstießen —: ein sachtes Verzittern der blauen,

sickernden Luft.

Damals habe ich ihn zum letztenmal gesehen.

Still und friedlich schlief er im frühen Morgen ein, der Abschluß eines Lebens, dem wahrlich nichts erspart geblieben ist.

An einem heiteren Tag wurde er in seinem Heimatdorf bestattet. Die Vögel sangen dazwischen und flogen ab und Vi nieder über den Sarg. Die Wiesen dufteten vom reifen Heu, und die Mäher holten weit aus, während die gelben Garben schon gebunden waren und der Mais sattgrün wogte, fröhliche Wimpel unter dem tiefblauen Himmel.

Alle Schönheit war für den Toten bestellt. Sogar der Friedhof blühte, duftete, und an seiner Mauer klebte ein Schwalbennest,

Ich war ausersehen, seinen letzten Willen zu erfüllen. Er verlangte nur eines, nämlich seine noch erhaltenen Arbeiten zu vernichten. Er wollte sich ganz mit einem Werk auslöschen, und ich mußte, wenn auch schweren Herzens, seinem Wunsche nach- kommen. Aber ich wußte, daß es mehr als nur symbolische Bedeutung war, daß es zur letzten Erfüllung einer Aufgabe gehörte, die er derart schonungslos aufgenommen hatte, um über allem Werke sich selbst zu retten.

Und muß das nicht jeder versuchen?

Der Pfarrer erhob sich, Herr Direktor Müller zog wieder an seiner Zigarre, die längst nicht mehr brannte,

„Und Verena

„wurde den Kindern ihres Bruders,

dem die Frau gestorben war, eine zweite Mutter.”

„Lebt sie noch?”

„Ja. Sie bleibt auch den erwachsenen Neffen und Nichten Mutter. Und jedes Jahr einmal besucht sic mich, wenn sie vom Grabe Hermann Waldners kommt.”

Nun schwiegen beide lange. Der Gast schüttelte tief versunken den Kopf:

„Seltsam, wie das Leben den Menschen verändern kann.”

„Jawohl, mehr als der Tod”, sagte der Geistliche ernst.

Die Kirchenuhr schlug eine späte Stunde, und sie waren betroffen, so lange gewacht zu haben.

Herr Direktor Müller hatte einen unruhigen Schlaf, bald begegnete er Verena, bald Hermann Waldner, bald fremden Leuten, alle aber heischten von ihm Hilfe. Doch er mußte traurig bekennen, er fröre selbst. Denn es war Winter, Schnee und Kälte im Lande und nirgendwo Unterkunft. Es fror ihn so, daß er aufwachte. Da gewahrte er sich im Hemd am offenen Fenster, von dem man auf den Friedhof hinunter sah.

Die Schatten der Kreuze geisterten in die gelichtete Nacht und das Gebälk des Kirchturms rumorte, irgendwo pfiffen Mäuse — oder weiß Gott, was es war- Die Unruhe der letzten Tage dämmerte ihn noch tiefer ein, der sonderbare Druck wich nicht mehr von der Brust. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, einen Nervenarzt aufzusuchen, als hieher zu fahren.

Aber da rügte ihn Hermann Waldner: dafür gibt es nur einen Arzt und der heißt da Wirkliche, Die Sicherung vor dem eigenen Herzen, die Betreuung des eigenen Gewissens.

Herr Direktor Müller lächelte. Ob aus Spottsucht, wagte er selbst nicht mehr fest-

zustellen, denn die hohe Nacht lag nah vor dem Fenster und der Friedhof mit Toten und Geistern trieb in seiner Stunde, was ihm behagte. Direktor Müller flüchtete in sein Bett.

Im frühen Morgen hörte er Schritte, sah die Fenster graublau dämmern und vernahm Glockengeläute. Wohl gingen jetzt schon die Leute in die Kirche?

Er war von der verflossenen Nacht seltsam benommen, zumal es ihm erst vor zwei Stunden gelungen war, einzuschlafen. So drehte er sich wieder auf die andere Seite und sank erneut in seine verworrenen Träume.

Lange danach hörte er Murmeln, es war wie ein Drohen, das nur ihm gelten konnte, Beschwörungen, Rufe, dazwischen hinein Geläut und Geklingel, ein seltsamer Spuk.

Erschreckt wachte er auf. Von der nahen Kirche klangen Orgel und Gesang. Es ging ihm eigen ins Herz, als ob ein neues Leben auf ihn wartete. Pie Schauer der Nacht hatten nun wohl keine Macht mehr, aber die Unruhe der letzten Tage drohte ihm ärger denn je.

Und er wußte nicht, wie es kam, daß er sich in den Gottesdienst begab, er, der schon jahrelang dafür „keine Zeit” mehr gehabt hatte.

Wie lag das Land friedlich vor ihm, unendliche Fülle des Sommers in Acker und Boden, blaublaue Tiefen des Himmels, die Wiesen im hohen Gras, die Bäume früchteverheißend — und über allem der Glanz des Sonntags. Ja, er spürte plötzlich wieder das sanfte Quellen des Herzens aus seiner Jugend, wo die Sonntage wirklich hoch und festlich gewesen waren, ganz anders als die Werktage. So fühlte er sich unversehens wieder eingeordnet — wo wußte er noch nicht, aber wenigstens, daß ihn jemand leitete — wie früher. Hatten auch Last des Alters, Beschwerden übermäßiger Anstrengungen Spuren zurückgelassen, es schien ihm doch, etwas begänne sich zu verändern, das Herz werde unbekümmerter, ungefährdeter, vielleicht: wirklicher!

Und da war alles aus der letzten Nacht da! Der arme Hermann Waldner, ein armer Reicher, oder besser ein reicher Armer, der sich allerdings so sehr den Wahrnehmungen seines Herzens hingegeben hatte, daß er ungeahnt größeren Spannungen aber auch unvergleichlich größeren Siegen ausgesetzt gewesen war.

Doch Herr Direktor Müller wollte keinen großen Sieg, bloß einen Sieg. In diesem Alter hat man keinen Anspruch mehr auf Größe, sondern nur noch auf Sicherheit; oder nicht einmal auf das, falls man ein Wohlgefallen cįarunter verstünde.

Diese Umkehr war vielleicht gar nicht so schwer. Man konnte ja bleiben, was man war, wie es Hermann Waldner geblieben ist. Das größte Verhängnis aller, die nicht mehr zurückfinden, ist wohl, daß sie glauben, einen „andern” Menschen anziehen zu müssen. Aber Anton Schäfer, gewiß ein kluger, frommer Priester, hat es selbst gesagt, Gott holt keinen zurück, er holt ihn bloß ein! So wie er den jungen Künstler und viele Heilige eingeholt fiat, Junge und Alte, Gescheite und Einfältige, einfach alle, die wissen wollen, warum sie tum Leben aufgerufen worden sind.

Jetzt ging eine Bewegung durch die Kirchenstühle. Die Leute knieten nieder, der Geistliche hob die Hostie hoch, da bog auch der Fremde seine Knie und rief Gott um die Erkenntnis seiner Wirklichkeit an.

Aber sein Herz gab nicht nach, er „fühlte” noch nichts, dennoch blieb er demütig knien und bekreuzte sich, als der Pfarrer den Kelch zeigte.

Da löste sich die Flut der Farben und Lichter herrlich: Gesammelt in den bunten Fenstern über dem Altar, rauschten jäh alle Ströme nieder, die gläsernen Dämme brachen ein und St. Christophorus im Mittelfenster schritt mächtig die gewaltigen Wogen hindurch, obgleich er Mühe hatte, sich mit dem Kind zu halten.

Herr Direktor Müller erschrak: War das StA Christophorus, war es Hermann Waldner? Er versuchte sich gegen die sanfte Verwirrung zu wehren, doch sonderbar, da wandelte sich das Wunder neuerdings und er schritt seihst durch den Strom, das Kind auf den Schultern. (Ende)

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