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Wie icli suchte und ~ gefunden Jtat

Wenn alle, die zur katholischen Kirche heifcgefunden haben, ihren Weg schildern sollten, würde es sich vielleicht zeigen, daß auch nicht zwei die gleiche Straße zogen. Uns, die wir der Kirche Gegebenheit als den „Grund- und Eckstein der Wahrheit“ angenommen haben, kann es nicht wundernehmen, daß eben-80 viele Wege nach Rom führen, als es Menschenmeinungen gibt.

Nun sind wohl die wenigsten Konvertiten imstande, ihre eigene Umwendung zu erklären, wie ihr Widerstand gegen Ihn, der „Weg, Wahrheit und Leben“ ist — ein Widerstand, aus Furcht und Mißtrauen geboren —, überwunden wurde. Denn das geschah nur unter Mitwirkung einer geheimnisvollen, übernatürlichen Kraft; die Gottesgelehrten nennen es: aus Gnade.

Wir selbst vermögen höchstens auszusagen, wie es kam, daß wir eines Tages unseren Widerstand als unberechtigt erkannten. Denn einerseits haben wir ein felsenfestes Mißtrauen gegen alle Autorität, die von dieser Welt ist, und andererseits krankt die Menschenseele an einem unstillbaren Hunger — eben nach Autoritäten!

„Ihr müßt selbst denken ...“, ward in der Schule, die ich besuchte, ständig zu uns Kindern gesagt. Wenn ich aber diesen Rat, so gut ich konnte, beherzigte, und wenn ich dann anders dachte, als ich nach Meinung der Großen denken sollte, waren die Lehrer ungemein überrascht. Anderer Meinung sein konnte ich doch wohl nur aus Widerspruchsgeist, Unbe-6cheidenheit oder weil beschränkte, unwissende oder unwahrhaftige Leute, die nicht glaubten und meinten, wie die Lehrer meinten, mir den Kopf verdreht hatten! Die Vorsteherin gehörte zu den Vorkämpferinnen der Frauenfrage in unserem Lande, der Geist der Schule entsprach dem Liberalismus der neunziger Jahre, .geistige Freiheit, Fortschritt, Aufklärung“ waren die Programmpunkte, Wergeland und Björnson die Schutzpatrone der Bewegung.

Für manche Menschen jener Geistesrichtung hatte — und habe ich heute noch —■ viel übrig, für ihren Idealismus, ihren Drang, dem Vaterland, ihrem Geschlecht, ihrer Gesellschaftsklasse oder der weiteren Menschheit zu dienen! Aber lange, ehe ich erwachsen war, hatte ich auch schon begriffen, daß Menschen, die sich selbst vorurteilslos, modern oder gar radikal bezeichnen, oft unfaßlich eng sein können.

Möglicherweise herrschte damals auch in „konservativen“ Kreisen viel Engherzigkeit. Aber in meiner Entwicklung waren die Konservativen doch etwas wie ein Fremdkörper. Und die, welche ich 6päter begegnete, etwa damals, als ich Kontoristin war, sprachen mich nicht so an, daß es sich gelohnt hätte, ihre Bekanntschaft zu machen.

Der erste, der mich die damalige Lebensanschauung im Zusammenhang erkennen ließ, war der Geistliche, welcher mich konfirmierte. Das wirkte sehr niederschlagend auf mich. Gott schien mir — wenigstens in jener Gemeinde und besonders von uns Mädchen — außer hauswirtschaftlichen Fähigkeiten höchstens die Pflege negativer Eignungen zu fördern. Ganz aufgewühlt hat mich innerlich die Besprechung des sechsten Gebots. Eigentlich wandte der Pfarrer sich nur an die Mädchen der Volksschule. Er warnte sie davor, an Freinachmittagen mit Herren auszugehen oder sich von ihnen freihalten zu lassen; dazu wußte er eine erschütternde Begebenheit zu erzählen von einem jungen Mädchen, das er letzthin im Krankenhaus besucht hatte: .Da

lag sie — gebrochen fürs Leben — um eines einzigen Kusses willen!“ Ich dachte verärgert bei mir, daß das Mädchen doch wohl nicht so sehr zu verdammen sei — dagegen er! der Verführer! Wußte ich doch schon ganz gut, daß die Damen der „guten Gesellschaft“ oft viel schlimmer sündigten; ich wußte von Ehebruch und Mitgiftjägerei oder hörte, daß die sogenannte „Partie“ ein körperlich Siecher, ein gewissenloser, kaltherziger Geschäftsmann war!

religiös eingestellte Protestant, den ich traf, seine „persönliche Uberzeugung“ und seine „selbständige Auffassung“ davon hatte, was Christ sein heißt. So zum Beispiel war das Christusbild, das mein Religionslehrer vor uns entwarf, viel liebenswerter als das, welches der zuständige Pfarrer jenes vornehmen Westens gab; es war human, echt menschlich — aber doch nicht menschlicher als die edelste Menschlichkeit, die ich mir vorzustellen vermochte; weise, aber nicht weise „über alle Vernunft“.

Mit dem größten Teil der Jugend des liberalen Zeitalters teilte ich die Auffassung, als ob der Glaube Privatangelegenheit oder gar Geschmackssache sei.

Zeichnung: Rudolf Wemlcke, aua: .Der Wundervogel“, Roman von Franz Karl Ginzkey, Oberösterreichischer Landesverleg 1951. (Vergleiche die Besprechung im heutigen Bücherteil.)

FRANZ KARL GINZKEY

der Senior unter den österreichischen Lyrikern und Romanciers, von deutschböhmischer Abstammung, in Pola geboren, aktiver Offizier der alten Armee, Staatsrat a. D. und Ehrendoktor der Wiener Universität, seit Jahren in Seewalchen am Attersee lebend, wird am 8. September 80 Jahre alt. Sein umfangreiches Werk an Lyrik („Das heimliche Läuten“, „Balladen und Lieder“, „Befreite Stunde“), Prosa („Der von der Vogelweide“, „Der Wundervogel“ u. v. a.) und unvergänglichen Kinderdichtungen atmet die ritterliche Grandezza des altösterreichischen Offiziers und die liebenswürdige Ironie eines echten letzten Romantikers,

Daß jener Geistliche von der Wahrheit seiner Anschauungen überzeugt wäre, daß er für seinen so wenig anziehenden Gottesbegriff gegebenenfalls zu leiden und sich zu opfern bereit wäre, daran zweifelte ich keinen Augenblick! Es wollte mir aber auch nicht in den Sinn, daß seine Auffassung des Christentums berechtigter sei als einige andere Versionen, auf die ich schon gestoßen war. Indessen kam ich durch den Konfirmandenunterricht zu einer Klarheit: ich glaubte nicht an diese Religion, wiewohl ich eine blasse Vorstellung davon behielt, als ob ich in meiner Kindheit und Jugend trotz allem einen losen Zusammenhang mit ihr gehabt hätte.

Es war das Verhältnis des Luthertums, so wie ich es kennenlernte, daß jeder

Und so hatte ich auch meinen besonderen Glauben, allein ich machte zu jener Zeit wenig Gebrauch von meinem Gott, der zu nichts weiter diente, als ja zu sagen zu meinen Ideen von Unrecht oder Recht, von Würdelosigkeit oder Wohlanständigkeit, zu meinen Idealen oder Vorurteilen. Daß diese im Grund aus meiner Natur und Erziehung sich ergaben, ging mir schon auf; ich hatte selbst für sie einzustehen und brauchte mir nicht erst einen Gott zu konstruieren, dessen Billigung mir von vornherein gewiß war. Gott, als den „absolut Anderen“ und der sich dennoch zu mir herabneigt, dessen Wege nicht meine Wege sind, dessen Wille sich haarscharf von meinem Willen scheidet und der dennoch meine Wege einmünden lassen kann in Seine Wege und

meinen Willen in Einklang bringen mit Seinem heiligsten Willen, diesen Gott wagte ich noch nicht mir vorzustellen.

Es hatten ja jene, die im Namen des Christentums zu uns redeten, nicht nur mit diesem Namen ihre eigene eingewurzelte Denkweise und ihre Ideale zu bemänteln gesucht; viele.von ihnen hatten bereits das historische Christentum als unhaltbar abgelehnt, wiewohl sie sich aus rein gefühlsmäßiger Erwägung von einer christlich „gefärbten“ Sitte noch nicht trennen konnten. Den Glauben an Jesus Christus, „den wahren Mensch und wahren Gott“, hatten sie über Bord geworfen — Jesus den Zimmermannssohn stellten sie doch als Idealmenschen oder menschliches Ideal hin. Dogmen, überirdisch inspirierte, wiewohl in menschlichen Zungen formulierte Wahrheiten, vermochten sie nicht als wahr anzunehmen, wohl aber glaubten sie an religiöse Einfühlungskraft, Intuition und religiöses Genie bei Menschen!

Ich war durchaus nicht und in keiner Form zu Menschenverherrlichung zu bringen; ich wollte nicht an religiöse Eingebungen glauben, nicht einmal bei Ihm, der gesagt hatte: „Ich bin sanftmütig und vom Herzen demütig“ ... denn es schien mir mindestens anmaßend, solche Sprache gegen Widersacher zu führen, wofern der, der sie gebrauchte, nicht mehr als ein Genie war! Daß der historische Jesus mit genialer Eingebung den menschlichen Gottesbegriff ein gut Stück in seiner Entwicklung vorwärtsgebracht hatte, wollte ich als „bewiesen“ unterstellen (ohne nach Beweisen zu fragen). Und in jenen Tagen nahm man, wenigstens wenn man nicht weiter nachdachte, allgemein an, daß EntwTcklung gleichbedeutend mit Fortschritt sei. Ich persönlich brauchte doch wohl nicht Stellung dazu zu nehmen, ob vor 1900 Jahren ein junger Hebräer umhergewandelt war, um dem Volk zu versichern, seine Sünden seien ihm vergeben. Dazu hatte er noch die Frage gestellt: „Wer kann mich einer Sünde zeihen?“ Aus eigener Erfahrung konnte Er dann ja nicht wissen, wie es tut, wenn man dem anderen etwas zugefügt hat, das man um jeden Preis der Welt gern ungeschehen machen möchte — oder wie es ist, wenn die besten Vorsätze zusammengebrochen sind und man sich selbst etwas schier nimmer verzeihen kann! Ich, ich wußte, was es heißt, Herzenskälte gegen andere zu bereuen, heimliche Feigheit, Nachlässigkeit, wo Nachlässigkeit unverzeihlich war, ... denn meine humanistische Privatreligion hatte mir selbstverständlich nicht geholfen, das Leben so zu leben, daß ich Freude an mir gehabt hätte. Und mit anderen, die sich das Dasein scheinbar leichter machten, wollte ich mich auch nicht vergleichen. Einmal kannte ich ja ihr Inneres nicht, und es stand mir nicht an, sie zu beurteilen. Und dann: soviel mir bekannt war, hatten sie sich nie gleich mir aufs hohe Pferd gesetzt! — si non est deus, non est bonus —; ich ahnte da noch nicht, daß vor langer Zeit jemand diesen Ausspruch getan hatte, aber so gut kannte ich die Weltgeschichte, daß ich wußte, das historische Christentum lehrte einen Jesus, der Sünden erlassen darf, dieweil Er zugleich auch Gott und Schöpfer ist, und weil alles, was wir gegen uns rnd andere sündigen, in erster Linie gesündigt ist gegen — Ihn! Er kann Sünden erlassen, denn „Ihm ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden“, selbst Macht, unsere Verfehlungen gegen andere noch in Gutes zu verkehren.

Und doch ließ mich erst Renans „Leben Jesu“ und eine Reihe anderer Versuche, Christus zu einem bloß historischen Jesus zu verkleinern, begreifen, wie unwahrscheinlich das war, daß einer, der all diesen Phantasiegebilden doch so unendlich wenig glich, seine hinterbliebenen Freunde zu einem Abenteuer auf Tod

und Leben, wie wir die Apostelgeschichte empfinden, ermutigt haben sollte! Daß Jesus Gott in Menschenhülle war und Sein Leib die Kirche, in welcher Sein vor 1900 Jahren am Kreuz vollbrachtes Erlösungswerk immer neu von Geschlecht zu Geschlecht erlebt werden sollte, solches zu glauben war ich noch weit entfernt. Aber was ich schon bis zu einem gewissen Grade aufgefaßt hatte, sah ich nun klarer: daß die neuen Religionssysteme, die sich entweder auf G o t t-I o s i g k e i t e n aufbauten, oder aber auf einer Art vergöttlichter Menschlichkeit, ebensowenig wie die alten Religionen wissenschaftlich untermauert waren.

Im Gegenteil arbeiteten sie noch viel mehr mit nur angenommenen Größen, in weit höherem Grade waren sie Modesache. Manche Behauptung, die zur Zeit gang und gäbe war, und die ich kritiklos

zu einem Ohr hineingehen ließ — leider nicht zum anderen hinaus —, war ganz bedeutungslos oder der Zeitströmung und den jeweiligen geistigen Bedürfnissen angepaßt.

Ich weiß zum Beispiel nicht, wie oft ich sagen hörte: Gott ist ein Wunschbild... oder die Voraussetzung eines Fortlebens nach dem Tode ist nur eingegeben von dem Hunger nach mehr Leben, als die Natur jedem einzelnen zugemessen hat. Ich begriff, daß die erstere Behauptung ein zweischneidiges Schwert war; ich glaubte nämlich von den meisten mir bekannten Freidenkern nicht, daß sie sich einen Gott wünschten — im Gegenteil, die meisten litten förmlich an Gottfeindlichkeit. Im stillen gab ich zu, daß es mir oft nicht anders gegangen war.

Und ferner: Ich wußte, daß Menschen an eine Existenz nach dem Tode unter dem reizvollen Bilde der Hei- und Hadesvorstellung geglaubt hatten; notgedrungen, weil sie sich mit dem Sterben abfinden mußten. Ich selbst konnte mir keine Form von Ewigkeitshoffnung vorstellen, die nicht auf die Dauer langweilig würde — wie alle Güter dieser Erde ihren Reiz auf uns doch nur darum ausüben, weil wir ihre Flüchtigkeit kennen.

Es war die alte Geschichte; den Glauben und den Aberglauben der andern hatte ich als Idiosynkrasie abgelehnt. Und sah doch ein, daß meine eigenen Meinungen nicht viel mehr wert waren. Natürlich konnte ich auf .meine eigene Kraft und Stärke“ bauen, ob ich gleich wußte, daß nicht viel davon in mir zu finden war, Und die, welche in alter Zeit mit solch dürftigem Glauben ausgekommen waren, hatten ihn doch nur als Notbehelf ergriffen, um sich schlecht und recht durch diese kurze Erdenspanne durchzuschlagen. Sicher haben sie diese Art Gottesfurcht nicht sehr hoch geschätzt, aber sie heuchelten wenigstens nicht, daß sie an Brüderlichkeit glaubten, weder im Spiel noch in der Liebe oder im Kampf.

Jedoch wurde ich das Gefühl nicht los, daß, wer dergestalt nur auf sich selbst gestellt lebt, irgendwie ein Verräter ist

— obgleich ich nicht erklären konnte, worin der Verrat bestand und gegen wen er geübt ward. Denn ich — ich glaubte an Brüderlichkeit unter Menschen, obgleich ich sie durchaus nicht für vollkommen halten konnte — teilte ich sie doch kurzerhand in Beschränkte und Intelligente, in Gütige und Bösartige, in Mutige und Feiglinge ein, und für unzuverlässig von Natur hielt ich alle.

Nur wenigen aus der ganzen Menge vertraute ich; aber ich fühlte, wenn das wahr wäre, was einst unser Kindermädchen, die Heilsarmeesoldatin, gesagt hatte: .Je größer der Sünder, desto teurer in Gottes Augen.. “, so mußte Er jene — menschlich betrachtet, vollkommensten Seelen am meisten lieben, standen sie doch immer in Gefahr, mit Herz und Hirn schlimmer zu sündigen, als gewöhnliche Zöllner und Sünder sich träumen ließen.

Die einzige Solidarität der Menschheit besteht darin, daß wir alle Miterben in einem Fallitunternehmen sind — dem Konkurs nach dem Sündenfalll Und die seitdem allen gemeinsame Unfähigkeit, in unserem Tun und Lassen über einen gewissen toten Punkt zu kommen, macht es jedem unmöglich, seine Mitmenschen recht zu leiten. Da muß eine höhere Macht eingreifen und erlösen. Die christliche Kirche lehrt, daß Christus diese höhere Macht sei: Gott, geboren von einem

Weibe, in unsere Natur eingegangen; und indem Er sein Leben für unserer Sünden Schuld in den Tod gab, bahnte Er uns den Weg zum ewigen Leben. — Nicht zu einem Dasein im Zwischenreich oder in der Unterwelt, das die Menschen nur widerstrebend und furchtsam sich vorzustellen vermochten; nein, zu einem Leben in und mit Gott; selige Ewigkeit — unvorstellbar — unbegreiflich! ... Aber soviel dürfen wir schon hie-nieden vom Einklang mit dem Göttlichen erfahren, daß wir nämlidi des Lebens gewiß sind. Auch ein Leben ohne ein Ende — kann Glückseligkeit sein, sobald wir nur unablässig unserer Seele Kraft zuführen aus der Kraftquelle, aus der alles Leben der Welt seinen Ursprung zieht.

So weit war ich nun gekommen, daß ich einsah: auf meine eigenen, falschen Vorstellungen war kein Verlaß, aber — an Gott glaubte ich auch nicht. Von Beweisen, die einen gegen seinen Willen zwingen können, das Christentum anzunehmen, wie man zum Beispiel in der Botanik einen demonstrierten Pflanzenstammbaum hinnimmt, konnte keine Rede sein. Wie hätte denn Christus sonst sagen können: „Wer glaubt und sich taufen läßt, wird gerettet werden, wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden“ (Mark, 16, 16).

Das setzt nicht voraus, daß der Mensch sich' nicht seiner Urteilskraft bedienen soll, sondern vielmehr, daß man letzten Endes mit freiem Willen wählt: ob man sich in sein eigenes Ich verkapselt und in der Hölle des Egoismus umkommt oder ob man sich von Gott erlösen läßt, von den Banden der Ichsucht zu ewigen Entwicklungsmöglichkeiten hin. —

Es blieb mir nichts anderes übrig, als zu einem Geistlichen zu gehen und ihn zu bitten, daß er mich über alles unterrichten möge, was die katholische Kirche lehre. Daß sie die Kirche war, die Christus gestiftet hatte, bezweifelte ich nicht. Die Frage nach der Vollmacht der katholischen Kirche bedeutete mir zugleich auch die Frage nach Christi Vollmacht. Die Reformationsgeschichte war mir immer, wie der Bericht von einem Auf-ruhr gegen das Christentum erschienen, ein Aufruhr gläubiger Seelen, die in subjektiver Frömmigkeit erhofften, daß es ein wahres Christentum gäbe, welches besser zu ihrem eigenwilligen Christusideal stimmte als die vorhandene Kirche, so wie sie sich ihnen darstellte in einer Welt, in der das Heilige nicht selten Gewalt leidet in unheiligen Menschenhänden.

Die landläufigen Einwendungen gegen die katholische Kirche, wie ich sie gehört hatte, machten nie Eindruck auf mich, wiewohl ich eine unbestimmte Vorstellung davon hatte, daß an den weitverbreiteten Vorurteilen gegen diese

Kirche etwas Wahres sein müsse. Und das ist auch der Fall, in doppelter Hinsicht. Einmal empfinden wir Unlust, unsere Lieblingsillusionen aufzugeben, die man sich von einer autoritären Kirche nicht gern zerstören läßt. Und dann das Ärgernis, das zu allen Zeiten mangelhafte Katholiken gegeben habenl Das letztere ist der dunkle Hintergrund, auf dem sich leuchtend das Dogma von der .Gemeinschaft der Heiligen“ abhebt.

Gewissenszwang, Gewissensfreiheit? Mir schienen die, welche Gewissensfreiheit am laufesten preisen, oft gerade diejenigen zu sein, denen es recht gut bekommen wäre, wenn jemand ihr weites Gewissen mit starker Hand gezügelt hätte. Mancher nimmt sich Freiheiten, mit seines Nächsten gutem Namen zu spielen, wie ich's mir auch in den Zeiten meines Heidentums nicht erlaubt hätte. Ob da nun mein Gewissen sprach, oder was sonst die Eltern in mir großgezogen hatten — wer weiß es? Mir wurde immer, eingeprägt, daß jeder Mensch doch 'hur wenig von seinem Mitmenschen wisse, so daß man höchstens antworten dürfe, „das würde sich wohl anders verhalten“. Sensationslüsterne sind stets „Arme im Geiste“ — und wie so oft den Geistesschwachen, geht auch ihnen ein gewisses Gefühl für Sauberkeit ab. Ihnen Gutgläubigkeit und Gewissen abzusprechen, habe ich nie gewagt.

Beiläufig — was haben Menschen nicht schon Menschen alles zugefügt! Soll ich da behaupten dürfen, daß sie sich soviel Leid gegen ihre Uberzeugung antaten? Aber eben, wenn ich so wenig Zutrauen dazu habe, ob andern Menschen ihr Gewissen das Rechte auf die Zunge legt, soll ich mich da vermessen, zu glauben, daß das menschliche Gewissen ohne höhere Leitung auskommen kann?

Dieweil ich glaube, Jesus Christus sei Gott und Schöpfer, glaube ich auch, daß Er Seine Kirche so gebaut hat, wie es den Menschen gut ist.

Schwierig ist in Worten auszudrücken, was m i r Gott durch seine Kirche gegeben hat. Er selbst sagte, daß Er uns Seinen Frieden gibt, anders als die Welt ihn gibt. Denn Sein Friede ist wie die absolute Stille, die in der Tiefe der See ruht. Gut Wetter und Wind, die die Oberfläche kräuseln, berühren diese Stille nicht, auch nicht der Daseinskampf der Geschöpfe am Meeresboden. So ruht Gottes Reich tief innen in uns, umspült von den Strömungen des eigenen unruhigen Selbst, das halb Wirklichkeit, halb Wunschtraum ist. Wir können aber praktisch erfahren, daß Gott auf ungeahnte Weise ewig in uns wohnt und in uns Sein Reich befestigt — selbst gegen unsere eigenen Angriffe, ob wir gleich selbst dagegen Sturm laufen. Aus „Stimmen der Zeit“, 133. Band, Verlag Herder, Freiburg.

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