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Glaube an Christus heute?

Zwar scheint das Phänomen „Kirche” selbst den religiösen Zeitgenossen noch weitaus fremder zu sein; denn immerhin ist die Ent- kirchlichuing schon seit der Reformationszeit (bis tief in das Mittelalter hinein) im Gange. Aber auch die Entchristlichung, die Leugnung von Offenbarung samt ihrem Höhepunkt Jesus Christus, hat schon mindest zwei Jahrhunderte Zeit, in das Bewußtsein auch der breiten Massen einzusickern. Die Frage, wie man heute an Christus glauben könne, ist demnach aktuell — und ernst.

Hindernisse zum Glauben

Ein erstes Hindernis ist so alt wie die abendländische Geistigkeit. Schon dem Pythagoras (t 497/96 vor Christus) schreibt man ein Gleichnis zu, wonach das Leben ein Festspiel sei, während die einen in der Arena kämpfen, andere Geschäfte machen, seien die Besten, nämlich die Philosophen, nur Zuschauer. Dahinter steht die Überzeugung, daß die rein geistige Spekulation („Beschauung”), aus der „objektiven” Entfernung getätigt, zur tiefsten Erkenntnis führe. Das biblische Denken aber ist umfassender, menschlicher: Die Besten sind die Kämpfer in der Arena. Die volle Wahrheit erschließt sich im Tun, im Engagement, in der Hingabe an das Du in ganzer Liebe. Die tiefste Christuserkenntnis stammt demnach aus der Nachfolge, aus gelebter Jüngerschaft und aus der daraus entspringenden Geistesverwandtschaft, In welcher miterkannt wird, wer Christus eigentlich ist: „Wenn jemand Seinen (= des Vaters) Willen entschieden tun will, wird er innewerden, ob Meine Lehre aus Gott ist oder Ich von Mir aus rede” (Jo 7, 17). Großmütiger Einsatz von Bereitschaft und Vertrauen gegenüber dem Evangelium schenkt ein höheres Maß von Einsicht: „Mit dem Maße, mit dem ihr meßt, wird auch euch gemessen” (Mk 4, 23 f.).

Der „Uhrmachergott” der Aufklärung

Ein zweiter Block von Hindernissen, die ein Glauben an Christus erschweren oder gar verwehren, kam in der Neuzeit im 17./18. Jahrhundert zutage, in der sogenannten Aufklärung. Es wird sich zeigen, daß diese Epoche nur dem Namen nach vergangen ist, nicht aber in ihrer Wirksamkeit. Tatsächlich stehen wir in ihrem einstweiligen Höhepunkt.

Was wollte die Aufklärung, was hat sie mit dem Christusglauben zu tun? Aus dem Schöpfungsglauben folgt logisch, daß die Welt (und in ihr der Mensch in ausgezeichneter Weise) einen echten Selbstand hat: Wenn dieser Selbstand auch kein absoluter wie der Selbstand Gottes ist, so ist es doch ein echter Selbstand. Bereits Thomas von Aquin

Der zerstörte Dialog

Das aufklärerische Vorurteil, nämlich die Verabsolutierung der Welt mit dem praktisch unwirksamen Rest eines Gottesbezuges, der zerstörte Dialog also, wirkt sich noch in einer weiteren Folge für den Christusglauben hemmend aus. Ein solcher autonomer Mensch ‘ steht jeglicher Autorität kritisch gegenüber. Die Christusbotschaft aber muß aus ihrer innersten Bedeutsamkeit heraus autoritativ, das heißt, Glauben fordernd, verkündet werden, nicht nur informativ. (Dies schließt selbstredend die kritische Prüfung nicht (t 1274) hat darin die Ebenbildlichkeit des Geschöpfes mit seinem Schöpfer am deutlichsten ausgeprägt gesehen. Es konnte nicht ausbleiben, daß sich die Welt dieses Selbstandes immer deutlicher bewußt wurde. Das ist durchaus nichts Böses; denn der Schöpfer hat Sein Geschöpf zu echter Eigenikausalität befähigt. In der Aufkläruingszeit nun erreichte dieses Bewußtsein des Menschen, auf eigenen Füßen ZJU stehen, dies insbesondere im Gebrauche seiner Vernunft, einen solchen Grad, daß die Grenze zum Irrtum bereits überschritten war. Man anerkannte Gott zwar noch als Schöpfer, aber nur noch als einen entfernten „Uhrmachergott”. Praktisch verstand sich die Welt als autark. Man hatte vergessen, daß die Welt ihren Selbstand vom Schöpfer dazu empfangen hatte, um Ihm ein echter Partner sein zu können, dazu geschaffen, um von Ihm in Liebe angesprochen und mit Seiner personalen Selbstmitteilung beschenkt zu werden. Die Konsequenz aus diesem Vergessen war: Es gibt keine Offenbarung Gottes. Es gibt nichts, was der Welt, die folgerichtig als schlechthin vollkommen angesehen wurde, noch mitgeteilt werden könnte. Christus, von der Botschaft des Christentums als Höhepunkt der Offenbarung verkündet, muß zum innerweltlichen Tugendvorbild für das moralische Leben, höchstens noch zu einem religiösen Genie verkürzt werden. Das Wunder Gottes, die Gestalt Christi samt ihrer Vor- und Nachgeschichte, das gesamte Heilswerk Gottes also, muß „neu interpretiert”, nämlich auf ein innerweltliches Maß reduziert werden. Der moderne Mensch lebt in diesem Klima einer völlig vom göttlichen Urgrund gelösten Welt, die den Anschein und den Anspruch erhebt, selber das Absolute zu sein, insbesondere seit Fr. Nietzsche (t 1900) die Entfernung Gottes bis zum Tode Gottes weitergetrieben hat. Glauben an Christus als an den Offenbarer Gottes ist dem heutigen Menschen nur dann möglich, wenn er durch das Licht der Gnade diesen Trug zu durchschauen vermag. Wie soll er sonst sehen, wozu Christus und Offenbarung überhaupt gut sein sollen? Er hat keinen Platz dafür in seiner verengten Wirklichkeitsschau.

Hand in Hand mit dieser Ver-selb- ständigung geht die Hypertrophie des Wissens und die Diskriminierung des Glaubens. Zumindest wird das Glauben zu einem Wissen um Gott und göttliche Dinge degradiert. Die Gestalt Christi wird in einige Wahrheiten aufgelöst, die zum „Führwahrhalten” bestimmt sind. Von einer blutvollen Bindung der ganzen Person an den Offenbarer Gottes als das heilgewährende Du unseres Daseins kann unter diesen Voraussetzungen nicht mehr die Rede sein. aus, ob diese Autorität legitim und glaubwürdig ist.) Verhängnisvoll aber ist, daß sich ein solcher autonomer Mensch zutiefst nicht als Hörender, sondern als Verfügender versteht. Darum liebt er so sehr etwa naturwissenschaftliche Sachverhalte; über sie kann er forschend am besten verfügen, denn sie sind ihm zuhanden. Ganz anders aber geschichtliche Sachverhalte. Sie sind ihm entzogen. Die Aufklärung ist. daher zugleich auch der großangelegte Versuch, sich der Geschichte zu entlasten; zumal die Vergangenheit, die als Tradition zu uns kommt, auch eine Autorität ist, die den autonomen Menschen zu bevormunden droht. Das Christusereignis ist nun aber seiner innersten Natur nach kein Ereignis der Naturgeschichte, sondern der Geschichte. Wenn es dabei wenigstens nur um die einigermaßen exakt feststellbaren Äußerungen ginge, um Worte und Taten! Aber das eben verschärft den „Skandal”, daß es in unserem Fall auf das so „unexakte” personale Geheimnis eines Menschen ankommt, nämlich Christi! Denn unsere Frage, die gottlob auch schon die Frage Seiner Zeitgenossen war, ist immer nur: „Wer 1st Jesus von Nazareth?” Aber schon stört uns wieder das scheinbar selbstverständliche Vorurteil, daß die Person Jesu durch die in die Evangelien eingeflossene interpretierende

Tradition nicht aufgedeckt, sondern „unwissenschaftlich” verdeckt worden sei.

In unserer Zeit hat der evangelische Theologe Rudolf Bultmann (geboren 1884) versucht, dieser Glaubensschwierigkeit des modernen Menschen entgegenzukommen. Den „Skandal” der Geschichte beseitigt er durch „Ent-zeit-lichung” der Christusbotschaft: Alles Historische wird als bedeutungslos für den Glauben erklärt und das in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sich erstrek- kende Heilshandeln Gottes ins Jetzt zusammengezogen. Den „Skandal”, daß die Autonomie der Welt durch göttliche „Einbrüche” gestört würde, beseitigt er dadurch, daß er ein solches Wirken Gottes (das heißt alles Wunderbare) zum „Mythos” degradiert, der lediglich damals zeitgemäße Einkleidung war.

Leider wird hier die von den Erstzeugen überkommene Christusbotschaft gewalttätig verstümmelt, damit sie im Pokrustesbett der abendländischen und speziell der neuzeitlichen Denkverengungen anstandlos Platz finde. Die Entstellung zur Unkenntlichkeit und erst recht zur Unglaubwürdigkeit ist die Folge.

Wie kann man heute an Christus glauben? Es bietet sich von den Hindernissen her bereits eine Antwort an: Nicht die Christusbotschaft ist zu reduzieren, sondern der Horizont unseres Denkens ist wirklichkeitsgetreu zu weiten. Wir sind zutiefst Hörende, Empfangende, nicht Verfügende: „Wir müssen wohl nur wissen, ob wir überhaupt Gott hören wollen. Nicht da, wo wir Ihn zu hören wünschen, sondern da, wo Er wirklich zu uns spricht” (C. F. von Weizsäcker).

Aus den bisherigen Überlegungen hat sich zumindest ergeben, daß Christus nicht einfach von außen wie ein Fremdkörper an den Menschen, schon gar nicht an den heutigen, herangebracht werden kann. Er würde entgegnen: „Was geht mich eie Ereignis an, das vor 2000 Jahren in irgendeinem Winkel der weiten Erde passiert ist?” Zu antworten, daß man vor dem, was ist oder geschehen ist, nicht einfach wie ein Vogel Strauß die Augen schließen dürfe, weil es höchst gefährlich sein könnte, genügt nicht; die Frage nach der Bedeutsamkeit Christi für mich stellt sich so nur noch dringender.

In Wirklichkeit aber braucht die Christusbotschaft dem Menschen gar nicht gewaltsam übergestülpt zu werden; ja es ist nicht einmal eine künstliche „Bedarfsweckung” nötig, über die schon genug — und zu Recht — gespottet wurde: Erst dem Menschen unter einer künstlichen Propagandaglocke e inreden, welch „dreckiger Madensack” von einem Sünder er sei, um ihm dann gnädiglich den Erlöser anzubieten. Insbesondere das reformatorische Christentum dürfte hierin des Guten bestimmt nicht zuwenig getan haben.

Der Weg zum Glauben

Was aber ist im Menschen, das immer schon von selbst nach einer solchen Botschaft Ausschau hält und ihr entgegenkommt? So daß aus der Fremdbotschaft eine zuinnerst ersehnte Frohbotschaft wird?

Diese Aufbruchstelle im Menschen ist seine Sehnsucht nach Heil, ihm ebenso wesentlich wie innerweltlich unerfüllbar. Aber was ist das eigentlich, Heil? Heil ist Ganzsein, einmal restlos und radikal und unzerstörbar „ganz” sein, nichts wie sein, existieren! Einstweilen ist unser Dasein nur eine „halbe” Sache, wenn nicht noch weniger. Unermeßlich existieren und darin ganz glücklich sein, ohne jede Begrenzung, dahin zielt die innerste Dynamik des Menschen. Sonst würden wir nicht so schmerzlich jede noch so große Erfüllung als begrenzt und einstweilig erfahren. Wir könnten sonst überhaupt nicht die Grenze als Grenze erkennen.

Innerweltlich wird diese Sehnsucht nie gestillt, kommt diese Dynamik nie zur Erfüllung. Der Mensch gelangt nicht aus eigener Kraft zum Heil, aber auch nicht durch die Anstrengung der ganzen Menschheit. Spätestens der Tod zerstört jeden Traum von einer innerweltlichen Erfüllung. Wenn es also überhaupt eine Erfüllung gibt (und es muß sie geben, wenn nicht das Dasein eine einzige große Sinnlosigkeit und Vergeblichkeit sein soll!), dann könnte sie nur aus jenem unermeßlich reichen Abgrund kommen, den wir Gott nennen: als Gabe (das heißt als Gnade), indem Gott Sein Selbst mit uns teilt. (Man würde dies Offenbarung nennen.) Es gibt keine andere Möglichkeit.

Glaubenserfahrung im Leben

Tatsächlich erfahren wir, daß mindestens ein Schimmer von echtem Heilsein in begnadeten Augenblicken in unser Leben hereinleuchtet. Ab und zu begegnet uns völlig unerwartet und gänzlich ungeschuldet ein Glück wie eine reine Huld. Ich weiß dann zutiefst, ohne es einem anderen beweisen zu können, daß ein letzter Gegenüber meines Daseins mir gut ist — daß ich von einer umgreifenden Huld umfangen bin. Aber ich erfahre auch das genaue Gegenteil als ebenso unerwartete und unverdiente Schickung einer hintergründigen Instanz. Es gibt also tatsächlich Heil — und es gibt tatsächlich Unheil. Wie ist Gott wirklich? Ist Er zuletzt Heil oder Unheil? Aus der Erfahrung meiner eigenen Geschichte könnte ich die Frage kaum entscheiden. Ich muß in einem größeren Horizont suchen: in der Geschichte der ganzen Menschheit. Ist irgendwo und irgendwann Gott eindeutig ans Licht gekommen? Hat Er irgendwo und irgendwann Sein letztes Wort gesprochen?

Wenn mir nun die Botschaft verkündet wird, daß dieses Ereignis stattgefunden hat, eben die „Heilsgeschichte” mit dem Christusereignis als unüberbietbar deutlichem Höhepunkt, dann müßte ihr um meines Heiles willen mein vitalstes Interesse gehören, denn es könnte wirklich für mich das ersehnte Heil sein, mein Glück, meine Schuldvergebung, meine Ruhe und Sinnerfüllung, Befreiung von der lähmenden Aussichtslosigkeit — wenn diese Botschaft glaubwürdig ist.

Diese Glaubwürdigkeit läßt sich prüfen. Da es sich im Christusereignis um ein Ereignis der Geschichte handelt, muß man sich auf die Weise des geschichtlichen Erkennens einlassen. Die Glaubwürdigkeit häng! hier ab von der Unverfälschtheit der Überlieferung und von der Glaubwürdigkeit der Erstzeugen. Der Überlieferungsstrang ist von einmaliger Art, die Kirche nämlich. Sie hat sich bereits in ihrer ersten Zeit aufgeschrieben, was die Urzeugen im jahrelangen Umgang mit Jesus von Nazareth erkannt haben, um es treu zu bewahren und nie mehr vergessen zu können. Es sind die 27 Schriften des Neuen Testamentes. Diesen Umgangszeugen — konkret sind es die zwölf Apostel — hatte sich Jesus durch Sein Mitsein mit ihnen deutlich „zum Erkennen gegeben”: in Seinem Selbstzeugnis, wenn. Er Sein Ich an die Stelle Gottes setzte, und in der Heiligkeit Seines Lebens; aber auch im Zeugnis Gottes für Ihn: in den Wundern und vor allem in Seiner Auferstehung. Diese Zeugen hatten Gelegenheit, in gewaltigen Einbrüchen das Wunder der Gestalt Jesu immer deutlicher zu erkennen und immer besser zu artikulieren. Spätestens mit der Auferstehung wurde ihnen klar, daß dieser Jesus mehr als nur ein Kenner Gottes und der Menschen war, mehr als ein Prophet: daß Er nämlich zu Gott ein derart einmaliges Verhältnis hatte, daß man es nur mit SOHN oder WORT bezeichnen kann. Er ist die Offenbarung Gottes leibhaftig in Person; Er ist der „Ausdruck” der Gottwirklichkeit (Hebr 1, 3), der „Eingeborene vom Vater her” (Jo 1, 14), die „Ikone (das Bild) des unsichtbaren Gottes” (Kol 1, 15); wer Ihn sieht, sieht den Vater (Jo 12, 45; 14, 9); Er ist der „Gott-mit-uns” (das heißt Emmanuel; Mt 1, 23): das ist apostolische Überzeugung!

Das ausgeprägte Zeugenbewußtsein der Apostel, wie es sich bei der Wahl des Matthias (Apg 1, 21—25) und in ihrem Blutzeugnis ausdrückt, macht es intellektuell absolut redlich, sich glaubend an Jesus Christus als den Heilsmittler zu binden. Es ist kein anderer, zu dem wir gehen könnten (Jo 6, 68).

(Ans „Der nächste Schritt”, 14. Jg., Heft 5)

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