6819909-1973_29_09.jpg
Digital In Arbeit

Rettung durch das Kreuz

19451960198020002020

Die Tatsache, daß das Absinken der Priesterberufe am stärksten die Situation der Kirche zeichnet, läßt bereits in aller Deutlichkeit erkennen, was in Wirklichkeit die Ursache des Zurückgehens der Priesterberufe wie der geistlichen Berufe allgemein ist. Die tiefste Ursache ist die nach dem IL Vatikanischen Konzil ausgebrochene und so überstürzt deutlich gewordene Glaubenskrise.

19451960198020002020

Die Tatsache, daß das Absinken der Priesterberufe am stärksten die Situation der Kirche zeichnet, läßt bereits in aller Deutlichkeit erkennen, was in Wirklichkeit die Ursache des Zurückgehens der Priesterberufe wie der geistlichen Berufe allgemein ist. Die tiefste Ursache ist die nach dem IL Vatikanischen Konzil ausgebrochene und so überstürzt deutlich gewordene Glaubenskrise.

Nun hat ja auch die Glaubenskrise in der nachkonziliaren katholischen Kirche ihre mehrfachen Gründe. Und wie es für die Behandlung und Heilung physischer Krankheitserscheinungen von ausschlaggebender Bedeutung ist, daß die Krankheitsursache gefunden wird, so müssen auch für die gegenwärtige und für die in der Zukunft bedrohliche Krise der geistlichen und Priesterberufe die Gründe und Ursachen erkannt und festgehalten werden.

Diese Ursachen liegen einmal in der Wohlstandsgesellschaft von heute. Damit hängt ein Absinken und Absterben des Opfergedankens, der Opfergesinnung und der Opfertat eng zusammen.

Eine weitere Ursache der zurückgehenden geistlichen und Priesterberufe liegt in der absinkenden Moral, wie sie in der wachsenden Geltendmachung des Sexuellen sich darbietet. Dazu kommt, daß heute die Beispiele wahrhaft priesterlichen Geistes und Wirkens immer seltener werden, und zwar sowohl im Welt-wie im Ordensklerus. Daß auch in vielen Frauenklöstern der Weltgeist im Wachsen und der Ordensgeist am Absterben ist, sei hier nur nebenbei erwähnt.

Die Wohlstandsgesellschaft bringt es mit sich, daß Besitzen und Genießen — bewußt und unbewußt — sich des Menschen bemächtigen. Die Wejt gewinnt an Gewicht und im selben Maß und Verhältnis tritt die Überwelt, Seele und Gnade, Jenseits und Ewigkeit, in den Hintergrund.

Davon wird zwangsläufig schon auch die heranwachsende Jugend berührt — wenn nicht (was selten ist) selbständiges Denken und höheres Wollen den jugendlichen Menschen erfassen und erfüllen und ihn gegen den Ungeist schützen.

Mitten in diesen Geist der Verweltlichung ist das Wort „Aggiorna-mento“ geworfen worden, tragischerweise von Papst Johannes XXIII., der nicht ahnen konnte und jedenfalls nicht geahnt hat, wie mächtig und rasch dieses Wort vom „Sich-der-Welt-Zuwenden“ in der katholischen Christenheit zünden werde.

Pius XII. hat vor seinem Sterben das Verhängnis über der Kirche schweben gesehen. Das nicht verstandene und dazu mißdeutete und mißbrauchte Aggiornamento hat eiternde Geschwüre in der Kirche nicht geheilt, sondern zum alles erfassenden Überwuchern gebracht. Glaube, Moral, Ordnung und Autorität sind gesunken und haben einen Zustand erreicht, den Papst Paul VI. als „Selbstzersetzung“ bezeichnet hat.

Nun hat der Modernismus-Pro-gressismus dies alles verharmlosen, ja beschönigen wollen und den Mantel seiner „humanitären Liebe“ darüber geworfen. Liebe wäre gut, würde sie hier nicht zur Farce und Maske, und — würden dieser Liebe nicht die heiligsten Werte: Wahrheit und Sittlichkeit, Gnade und Seele geopfert.

Die Schreier und Schreiber der sogenannten humanitären Liebe haben im heiligsten Bereich des Menschen, in der Religion, mit Berufung auf Entwicklung und Fortschritt geradezu barbarisch gehaust.

Der Glaube an die Gottheit Christi, die Verehrung der Mutter Jesu, die Ehrfurcht vor dem eucha-ristischen Gott, Kreuz und Erlösung, Engel und Heilige, Gebet und Gnade wurden und werden verunsichert, abgeschafft, verworfen, vergessen und mißachtet. Auf solchem Boden -SolTen Priesterberufe Wurzel fassen, gedeihen und zu jenem Geist und Eifer emporwachsen, wie sie die Seelsorger der Vergangenheit in der Nachfolge Christi zu verwirklichen gesucht haben? (~) |

Die Religion Christi ist die Religion des Kreuzes., Der Priester als Diener Christi muß sich dessen vor allem bewußt sein. Nur wer sein Kreuz seinem Meister, Christus, nachträgt, ist seiner wert. Wie Christus der einmalige göttliche Opferer für die Menschheit war, so soll auch der Priester Opferer sein — nicht nur in der heiligsten Stunde seines Tagewerkes am Altar, sondern im

Alltag der Hingabe an die seelischen und leiblichen Anliegen, Nöte und Fragen der ihm anvertrauten Mitmenschen.

„Das Evangelium“, sagte Papst Paul zum Welttag der geistlichen Berufe 1973, „muß allen verkündet werden. An die Armen von gestern schließen sich die von morgen an. Da gibt und da wird es die Hungernden geben, die Dürstenden, die Gefangenen, die Kranken an Leib und Geist. Sie warten auf euch: in ihnen erwartet euch Christus.“ Was aber, wenn die Jugend, wenn ein junger Mensch in einer Atmosphäre und Umgebung, in einer Welt aufwächst, welcher der'Geist des Opfers, die Kreuzpsgesinnung verloren gegangen ist Was dann, wenn diese Welt und Umgebung lieber das Leben genießen als es opfern will — wie Christus, der göttliche Hohepriester, es geopfert hat? Was, wenn in den Familien der Sinn und die Übung des Gebetes vernachlässigt wird oder schon abhanden gekommen ist? Soll in solcher Atmosphäre ein von Gott berufener junger Mensch das Verlangen nach dem Priestertum retten und den Weg zu ihm finden?

In diesem Zusammenhang ist eines so sehr zu beklagen: das Fehlen wahrhaft priesterlicher Beispiele. Vormals haben Knaben in ihrem Seelsorger ein Vorbild tiefen Glaubens und echter Frömmigkeit gesehen. Heute sind solche Priester seltener geworden, nicht nur, was ihr Äußeres, sondern vielmehr noch, was ihr Inneres betrifft. Schon das Kind hat ein feines Gespür. Man täusche sich nicht.

Wie viele Priester tragen und bewahren in sich heute noch den Glauben an das Blut und an den Leib des Herrn im sakramentalen Opfer? Wie viele Priester kümmert es noch, ob Sakrilegien beim Bereiten und Austeilen der heiligen Gestalten geschehen? Das Wort von den „Brotresten“ besagt alles, ganz zu schweigen von den Blasphemien, die da und dort in wild gestalteten Feiern vom Bankrott des eucharisti-schen Glaubens zeugen.

Seit dem II. Vatikanischen Konzil hat sich eine sogenannte „neue“

Moral in die Kirche eingedrängt. Vor allem ging und geht es dabei um das Sechste Gebot, und zwar um die Verharmlosung der Sünden wider dieses Gebot. Während die katholische Kirche daran festhält, daß das sechste Gebot des Dekalogs ein sehr ernstes ist, will die neue Moral wissen, daß weder vorehelicher Verkehr noch Homosexualität noch Selbstbefriedigung Sünde sei. In der Ehe wird der geschlechtlichen Liebesbetätigung der Vorrang eingeräumt.

Die Ehelosigkeit um eines höheren Zweckes willen (wie etwa der Hingabe an Gott und für die unsterblichen Seelen) wird gering geschätzt und darum der Kampf gegen den priesterlichen Zölibat geführt und gefordert.

Bei einer solchen Mentalität und bei solcher Abwertung sittlicher Reinheit ist der Boden für das

Entstehen und Wachsen priesterlicher Berufe nicht geeignet. Dazu kommen die heute in allen Ländern zunehmenden Rücktritte vom priesterlichen Amt und die Priesterheiraten.

Wilhelm Schamoni schreibt: „Man ist bezüglich Sex so enttabuisiert, daß Sünden gegen das sechste Gebot kaum noch gebeichtet werden. Viele beanspruchen ein Recht auf Sex, dessen Beschränkung ein Schaden beim Partner wäre. Mit dieser Auffassung ist man nicht mehr katholisch, auch wenn man noch so katholisch tut. Die Sakramente werden dann fruchtlos oder unwürdig empfangen. Schnell schwindet der Sinn für Gott. Das Beten hört auf. Die Sonntagsmesse wird immer seltener besucht. Der Glaube verdorrt und wird vom Unglauben verdrängt. Darüber redet die Statistik eine furchtbare Sprache.“ Die Krise in der Moral und das Absinken der Moral gehen letztlich auf die Krise, die Abwertung und den Verlust des Glaubens zurück.

Dem trägt derselbe Theologe Rechnung, wenn er angesichts des Rückganges der Priesterberufe an derselben Stelle schreibt: „Daß sehr viel mehr junge Männer als heute sich für den Priesterberuf entscheiden, ist nur bei einer Änderung unseres Glaubensbewußtseins, ' nach heutiger Sprechweise: bei einer Mentalitätsänderung in der Kirche, möglich. Die gegenwärtige Mentalität ist fixiert durch dieses: Wir kommen ohnedies alle in den Himmel. Die Hölle gibt es zwar, aber es dürfte kaum jemand hineinkommen. Man braucht sich also nicht für den Himmel einzusetzen, sondern muß sich für die Erde engagieren.“

Ich füge dem bei: es steht in Wirklichkeit viel schlimmer um den Glauben, auf den es am Anfang und am Ende jeder Religion, vor allem aber im Christentum, ankommt.

Das Bewußtsein von Seele und Jenseits, der Glaube an Gott, Sündenfall und Erlösung ist in weiten Kreisen der Christenheit verblaßt oder schon erstorben, ja immer mehr Priester — ich sage Priester — reden sich auf Mitmenschlichkeit hinaus und kümmern sich kaum mehr um ihr eigenes Seelenheil, geschweige denn um die Sorge für die ihnen anvertrauten Gläubigen.

Angesichts dieser Tatsache schwindet die Hoffnung auf ein Wiedererwecken von Priesterberufen. Wer aber glaubt, durch Aufhebung des Zölibates, der Ehelosigkeit des Priesters, würden verheiratete Pfarrer die Rettung bringen, begibt sich auf einen gefährlichen Irrweg. Nur die Rückkehr zum Kreuz, zum Glauben an den Gekreuzigten, zur Liebe des Gekreuzigten, kann die Rettung bringen, niemals der Priester, der das Kreuz seiner Berufung abgeworfen hat.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau