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Pavian oder Spießer?

Die letzten, wissenschaftlich wohl-fundierten Hitlerbiographien haben uns gezeigt, daß dieser Mann kein Mephisto war, sondern einfach das, was die Franzosen den Homme moyen sensuel nennen, einen „Menschen wie du und ich“. Schon die „Tischgespräche“, die Dr. Henry Picker veröffentlicht hat, stellten uns einen Mann vor, der die banalsten Ansichten zum besten gab, einen Mann, der den absoluten Durchschnitt verkörperte. „Bruder Hitler — Big Brother!“ Mit Himmler ist es auch nicht anders gewesen. Diese Leute und ihre Schergen waren keine Riesen, keine Zwerge, keine Genies, keine Idioten, sondern ganz gewöhnliche, auf ihre Art recht fleißige Mitbürger, die allerdings die Worte Dostojewskis fürchterlich illustrierten: „Wenn es keinen Gott gibt, dann ist alles erlaubt!“

Nun aber segeln wir sehr offensichtlich in eine Situation hinein, die zwischen den überzeugten Christen und den „Anderen“ gar nicht so unerwartet und mit einiger Verspätung einen wahren Keil schiebt. In unseren Ländern entstehen deutlich zwei geistig-seelische Rassen, deren Mangel an einem gemeinsamen Nenner und einer gemeinsamen Sprache mit steigender Schmerzlichkeit und mit wachsendem Nichtverstehen jeden Tag offenbarer wird.

Mit anderen Worten: Es entsteht eine Situation, die uns an das Römische Weltreich erinnert, in dem die Christen nicht nur ein „lichtscheues Gesindel“ gescholten wurden, sondern sich mit ihren heidnischen Nachbarn außer über Banalitäten menschlich nicht mehr verständigen konnten. Nur hoch oben an der Spitze debattierten Philosophen und Theologen, die allerdings meistens aneinander vorbeiredeten.

Die Lage, die sich jetzt herauskristallisiert, ist natürlich nicht ganz dieselbe wie die gegen Ende des heidnisch-römischen Reichs. Einerseits war damals ein gewisses Stück altheidnischer Frömmigkeit immer noch lebendig, und die Philosophen Griechenlands und Roms verteidigten in ihrer Mehrheit die Tugend — arete, virtus. Anderseits war die Masse der Heiden von spezifisch christlichen Werten nicht beeinflußt, während heute christliches Gedankengut in rein weltlicher Gestaltung allenthalben zu finden ist. Es soll hier gar nicht in Zweifel gestellt werden, daß Aufklärung, Französische Revolution, Marxismus, Sozialismus, Kommunismus, Altliberalismus, Demokratismus in gewisser Hinsicht „christliche Häresien“ darstellen. Sie sind ohne christliche „Vorgeschichte“ kaum denkbar, was aber die Sache nicht besser macht; denn man muß sich immer den Satz des Aquinaten vor Augen halten, demzufolge die Verderbnis des Besten das größte Ausmaß des Schlechten bedeutet.

Das ist besonders offensichtlich im Kommunismus, der eine wahrhaft blutige Parodie des Mönchstums darstellt; denn hier werden Armut, Gehorsam und puritanisches Leben in einem Zwangskloster den Nichtberufenen aufgezwungen. Doch muß man im gleichen Atem hinzufügen, daß nicht der Sowjetismus der theisti-schen Ordnung diametral entgegengesetzt ist, sondern der (viel originellere und daher auch geistig respektablere) heidnische Existentialismus, der zur anarchischen Zerstörung in einem völlig sinnlosen und absurden Universum aufruft.

Wie dem auch immer sei, der Christ lebt heute in einer Gesellschaft, die nachchristlich ist, die also in stets geringer werdendem Umfang und mit schwindender Überzeugung christliche Werte proklamiert. Dieser Abbau und diese Auslaugung der christlichen Grandbegriffe hat aber nun ein Ausmaß erreicht, daß man den Abgrund zwischen den Gläubigen und den Ungläubigen nicht mehr übersehen kann. Das war freilich schon zur Zeit des Nationalsozialismus bei uns der Fall. Nach einer Übergangsperiode (der Programmpunkt des „positiven

Christentums“!) ließ er jedoch die Maske fallen, und dann predigte er nicht nur den biologischen Materialismus (im Namen der Wissenschaft!), sondern handelte auch danach.

Nachdem die Braune Welle durch die Bajonette einer siegreichen Koalition besiegt worden war und eine kurzlebige christliche Reaktion über die Szene rollte, wurde gerade jene Ordnung restauriert, die zur biologischen Tyrannis geführt hatte. Man fing noch einmal von vorne an. Die christliche Substanz unserer Völker verflüchtigte sich wieder weiter. Heute leben die Mehrheiten nur noch vom „Geruch einer leeren Flasche“, von der entschwindenden Erinnerung an christliche Doktrin und christliches Ethos, ohne sich aber (um mit Jacques Chardonne zu reden) den „schrecklichen christlichen Wahrheiten“ wirklich zu stellen.

Doch die christliche Minderheit — trotz theologischer Demimonde — ist immer noch da, und sie ist weiter noch das Salz der Erde. Von den anderen wird sie zu gleicher Zeit beneidet, verachtet, bewundert, angefeindet, verfolgt, beschimpft und bemitleidet. Die Reaktionen der Draußenstehenden sind höchst komplex. Denken wir aber an die Prophezeiung Wladimir Solowjows, der gesagt hat: „Ich habe eine dunkle Ahnung vom Kommen einer Zeit, in der die Christen sich wieder in Katakomben treffen werden, da ihr Glaube einer neuen Verfolgung ausgesetzt werden wird — einer Verfolgung, die vielleicht weniger brutal sein mag als in Neros Tagen, aber doch nicht weniger raffiniert in ihrer Gründlichkeit, gekennzeichnet durch Verlogenheit, dem Lächerlichmachen und der Heuchelei.“ Ich glaube, daß dieses Bild nur zum Teil zutreffend ist. Das Band des Spektrums ist breiter, denn die nationalen und die internationalen Sozialisten haben neroni-sche Methoden ganz offen praktiziert, und die Gefühle der sogenannten „Humanisten“ sind — wie wir andeuteten — höchst ambivalent.

Doch der Graben zwischen dem überzeugten Christen und dem Atheisten, Agnostiker und Antitheisten ist eine Realität, die immer mehr Menschen auf beiden Seiten des Abgrunds deutlich wird. Halten wir uns einmal kurz das Entsetzen vor Augen, das den Christen überkommt, wenn eine Frau ihr ungefoorenes Kind kaltblütig umbringt und dann womöglich noch die materielle Hilfe christlicher Mitbürger für den Mord an einem völlig hilflosen Wesen verlangt. Kann er ihr dann noch unbefangen gegenübertreten? Empfindet er ihr gegenüber nicht denselben physischen Ekel, den ihm ein nunmehr weißhaariger Henkersknecht aus den braunen Schlachthäusern immer noch einflößt? Und wo kann diesem Morden eine Grenze gezogen werden? Schon hat ein führender Kopf in der verflossenen britischen Abortuscampagne, Dr. Francis Crick, ein britischer Biologe von

Weltruf und Nobelpreisträger 1962, den Vorschlag gemacht, kein Kind vor dem zweiten Tag nach seiner Geburt als rechtlich lebend zu betrachten — und alle Menschen nach Vollendung des 80. Lebensjahres „human“ umzubringen; denn sie steuerten doch nichts für die Gemeinschaft bei. Man sieht da hübsch deutlich, wo die große Emanzipation vom Theismus hinführt. Nur ist die Lage heute insoweit umgekehrt, als es anfänglich die Esprits forts waren, die mit dem Christentum brachen, heute aber die Christen in ihrem Aufstand gegen „Zeit und Welt“ die starken Geister sind und auch ihrerseits den Abgrund vergrößern. Der Gegensatz zwischen Gläubigen und Ungläubigen zerreißt heute ganze Völker. Gerade weil er dem nackten Auge nicht unmittelbar sichtbar ist, hat dieser Riß etwas Dämonisches an sich. Stellen wir uns da ganz einfach den Wagen einer Untergrundbahn in irgendeiner Großstadt vor und richten wir unser Augenmerk auf zwei recht unauffällige Männer, die ganz friedlich nebeneinander sitzen. Äußerlich unterscheiden sie sich kaum voneinander; beide haben Anzüge aus Trevirastoff, beide keine Westen, aber dunkle Krawatte und weichen Hut. Beide sind sie glatt rasiert und tragen eine gefaltete Zeitung in der rechten Rocktasche — vielleicht sogar dieselbe Zeitung. Beide sind (wenn auch nicht im selben Ausmaß) denkende Wesen, und beide wollen sie glücklich sein — wenn auch ganz sicherlich nicht in derselben Art und Weise.

Wir könnten in der Aufzählung der Analogien noch etwas weiter gehen, aber nicht endlos weiter, denn der links Sitzende, der keineswegs unbedingt der „schlechtere Mensch“ sein muß, ist ganz und gar ein Ungläubiger. Er glaubt an das allgemeine geheime Wahlrecht, an die Nützlichkeit von Vitamin C, an die Reklame im Ersten Programm des Fernsehens, an Freud und den Edelmut des Vietkong, aber er glaubt nicht an Gott. (Von den modernen katholischen Romanciers wissen wir, daß alle Gottlosen unbewußte Heilige und alle Frommen ausnahmslos Erz-schurken sind, aber vielleicht übertreiben sie ein wenig.) Der rechts Sitzende ist ein gläubiger Christ. Und obwohl sie beide ganz eng zusammengerückt sind, ist der Abgrund, von dem wir sprachen, zwischen ihnen höchste Realität. Nennen wir sie Herrn Grau und Herrn Grün.

Herr Grau hat Sartre nicht gelesen, doch lebt er in einer völlig absurden Welt, in der die Existenz mit dem Tod endet, die Geschichte jedes einzelnen die eines Scheiterns ist, das Böse auf Erden belohnt und das Gute bestraft wird. Er fühlt sich mit dem Tierreich verwandt, sieht in den Orang-Utans seine Vettern, glaubt sich nur graduell von einem stichelhaarigen Zwergdackel verschieden und hätte sicherlich Gewissensbisse, ein Kätzchen zu zertreten. Das hält ihn aber nicht davon ab, seiner Freundin 1000 Mark zu geben, damit sie ihr Kind — sein Kind! — nach geschicktem Eingriff in der Kanalisierung verwesen läßt. Er liebt diese Freundin „auf seine Weise“ und ist sich bewußt, daß er Naturgesetzen unterworfen ist, also „ein Sexualleben braucht“ und diese Freundin, die ihm persönlich auch ganz sympathisch ist, ihm leibliche Genüsse verschafft. Er weiß zugleich, daß eines Tages diese „Bindung“ aufhören wird; denn der moderne Mensch hat nun einmal keine Bindungen. Wahrscheinlich wird er sich eine andere, jüngere Freundin suchen oder vielleicht selbst heiraten — im Standesamt mit Dokumenten, Zeugen und Unterschriften. Er liebt die Natur, fährt in die Alpen oder nach Griechenland, er wählt gegen eine Partei, die ihm nicht zu Gesicht steht, versucht, mehr zu verdienen, besser zu essen und zu schlafen, den Frauen mehr zu gefallen, interessante Bücher zu lesen und aufregende Filme zu sehen. Er ist aiso wirklich kein schlechter Mensch. Er beschenkt Bettler und hat auch loses Geld für wohltätige Zwecke übrig. Er weiß, daß sein Leben eines Tages ein Ende nimmt, daß er nicht immer sexuell und finanziell auf der Höhe sein wird, daß er mit zunehmendem Alter eine Brille braucht und auf seine „Linie“ achtgeben muß, daß seine liebe, alte Mutter bald sterben wird, daß Kriege in der Zukunft auch nicht ausgeschlossen sind und seine Neffen und Nichten dereinst einmal auf dem Mond, wenn nicht Mars ihre Wochenenden verbringen werden. Vielleicht zerplatzt aber dieser Planet eines schönen Tages dank irgendeines superatomaren Experiments, und dann wird nicht nur die Frankfurter Börse gesperrt bleiben, sondern auch der Protest der Menschenrechtskommission der UN würde zu spät kommen. Unter diesen Umständen ist es wohl das Vernünftigste, soviel Spaß als möglich aus dieser unerklärlichen und doch nicht sehr sinnvollen Existenz herauszuholen, „human“ zu sein und, wenn man schon vom Pfad der Tugend abweicht, nicht dabei ertappt zu werden. Morden, Lügen, Fälschen, Stehlen, jemandem die Ehre abschneiden sind häßliche und böse Dinge. Warum aber eigentlich? Das wüßte er selber nicht recht au sagen.

Der Mann, der neben ihm sitzt, Herr Grün, lebt in einer ganz, ganz anderen Welt. Er ist zwar kein Paradechrist, kein Heiliger und hat in seinem Leben üble Dinge getan, für die er sich heute schämt. Er hat sie bereut, aber nicht vergessen. Er weiß, daß dieses Leben nur eine Prüfung, ein Beginn ist und daß seine wirkliche Heimat woanders liegt. Dadurch ist alles, was er sieht, was er erfährt, was er ^durchmacht“, in einer gewissen Beziehung weitgehend relativiert. Seine Existenz ist „transzendent“, das heißt, die Wahrheit und der Sinn der Dinge um ihn herum übersteigt für ihn ihre unmittelbare Wirklichkeit. Und er weiß auch, daß er die Dinge hier unten „wie in einem dunklen Spiegel nur rätselhaft erkennt“ und sie erst später einmal voll erschauen wird. Ob er nun jemanden liebt, ein Kind zeugt, eine schöne Landschaft oder ein Bild betrachtet, einem Unglücklichen begegnet, so tut er dies in einem ganz anderen Geist als Herr Grau. Sein „Auge“ ist christlich verwandelt. Der Leib einer Frau ist für ihn eine Wiege, ist „gesegnet“ und kein Sarg, die Landschaft eine Signatur Gottes, das Gemälde ein göttlicher Ausfluß menschlicher Schöpfungskraft. Er leidet unter Umständen nicht weniger (vielleicht sogar mehr) als Herr Grau, aber alles Leiden ist für ihn sinnvoll — und nicht dumpfes, tierisches, sinnloses Leiden. Ein Autounfall, ein Abend, verbracht mit Freunden, eine Herzensneigung, ein Krieg, eine Bombennacht, eine Reise in fremde Länder, ein Kirchenbesuch, ein Roman oder ein Film — alles findet bei ihm eine weitgehend andere Erklärung, hat eine andere Bedeutung als bei seinem Nachbarn in der U-Bahn. Die beiden werden die Technik verschieden bewerten, dem besternten Nachthimmel anders gegenüberstehen, von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft abweichende Vorstellungen haben, psychologische und psychiatrische Probleme in recht anderem Lichte sehen. Ärger, Haß, Mißgunst, Liebe, Verehrung, Angst haben für beide jeweilig einen anderen existentiellen Inhalt — von Vaterschaft, Gattenverhältnis, Tod ganz zu schweigen. Diese Andersbewertung geht oft bis in die kleinsten Dinge hinein: das Verhältnis zu einem guten Käse, zu einem Glas Wein, zu Zufällen und Einfällen, die Herrn Grün zu bedeutsamen Fügungen werden, also zu einem Teil seines (oft schmerzlichen) Zwiegesprächs mit Gott, mit Christus, der ihm dereinst (um mit Pere Duval zu reden) „die Tränen einer ganzen Lebenszeit trocknen wird“.

Wie sieht Herr Grau Herrn Grün? Zweifelsohne als einen abergläubischen, zugleich aber viel zu selbstsicheren und arroganten, geistig zu bedauernden und rückschrittlichen, dann aber zu beneidenden Menschen, der es sich viel zu bequem gemacht hat. Und was denkt sich Herr Grün von Herrn Grau? Er betrachtet ihn als einen armen Hund, der zu bemitleiden ist, obwohl er dank seines „unüberwindlichen Unwissens“ vom Heil nicht ausgeschlossen ist, der aber in der Masse kollektiv In seinem Immanenzdenken zum Untergang unserer Kultur beiträgt; denn er verzichtet auf die Transzendenz

— genauso wie ein Ohrwurm, eine Wasserspitzmaus oder eine Blindschleiche. Und das ist tierisch-unmenschlich. Der Mensch ist nicht nur das Lebewesen, das verspricht, das Lebewesen, das seinen Großvater kennen mag, sondern auch das Lebewesen, das betet. Der Pavian und der Gottlose beten nicht.

Herr Grün mag ein Spießer sein, aber ein Christ ist nie restlos ein Spießer, denn er steht für das Übernatürliche. Viel eher ist es Herr Grau mit seinen materialistischen Illusionen; aber ein Spießer, der seine Illusionen nicht verloren hat, ist wie ein Nilpferd mit Libellenflügeln. Immerhin, er könnte auch ein „anonymer Christ“ sein. Kein Wunder, denn er ist in einer im Urgrund christlichen Kultur aufgewachsen und solange der Geruch der leeren Flasche noch anhält, hat er eine gute Chance, als solcher gelten zu können. Doch seine Abkömmlinge werden vergebens ihre Nasen in den Flakon hineinstecken; sie werden nichts mehr verspüren. Sie werden nicht nur ungeborenes, sondern auch anderes Leben „human“ vernichten. Sie werden vielleicht wieder Witwen verbrennen oder vergasen, Neugeborenen wie in Neuguinea den Schädel einschlagen, beim Autorasen lieber ein Kind zusammenfahren, anstatt am nächsten Baum zu zerschellen oder von einer Brücke interessiert zuschauen, wie jemand im Fluß ertrinkt — wie es eben Asiaten tun.

Hier nähern wir uns allerdings einem theologischen Problem, das den katholischen Christen mehr angeht als den evangelischen. Verschreckt vom Pessimismus des einen Genfers, Calvins, ist die katholische Theologie dem anderen, Rousseau, in die offenen Arme gelaufen. Der Mensch ist nun einmal von Natur aus nicht „gut“. Mit dem Begriff der „natürlich christlichen Seele“ kann man ebenso unversehens zu fatalen Fehlschlüssen kommen. Man muß einmal in der nichttheistischen Welt gelebt haben, um ihre diabolischen Schrecken so richtig zu kennen; das Bild, das wir da bekommen, ist bedeutend böser als das der Christenheit auf ihren Abwegen. Darum ist Herr Grau, so harmlos er auch persönlich scheinen mag, der Vorläufer und Vorkämpfer kommender Schrek-keh. Darum “ist der Abgrund, der ihn von seinem Nachbarn trennt, der Vorbote von riesigen Katastrophen. So hatte Wassilij Rozanow, bevor er im Roten Paradies verhungerte, in seiner „Apokalypse unserer Zeit'' geschrieben: „Der tiefste Grund dessen, was jetzt vorgeht, ist der, daß in der europäischen Menschheit kolossale Hohlräume entstanden sind, die vom entschwundenen Christentum herrühren, und in diese Hohlräume stürzt nun mit Macht alles hinein.“

Diese Hohlräume, diese Abgründe

— wir sehen sie jetzt deutlich vor uns, und diese grausame Sicht mag kompromißbereiten Naturen nicht behagen. Die praktischen Konsequenzen, die man ziehen müßte, sind ihnen zu groß, zu schwer. Doch für den radikalen Christen, der kein seelischer Spießer und kejn Prolet ist und dem der Stand der Dinge kein Geheimnis blieb, gilt das Wort von Anatole France: „Nur das Extreme ist erträglich.“ Und auch der Ausruf der großen Heiligen Therese: „Dios o narfa — Gott oder nichts!“

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