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Spiegel und Zerrspiegel

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Die Betrachtungen und Spekulationen über den Aufstand eines Teiles der jungen Generation haben hauptsächlich mit den Ereignissen in Frankreich im Monat Mai 1968 brennende Aktualität erhalten. Seit dieser Zeit besteht ein Überangebot an Erklärungen, die allzu oft das Wesentliche mit Nebensächlichkeiten vermischen und dadurch das Bild trüben — eine nicht ungefährliche Entwicklung. Es ist nämlich vielmehr absolut geboten, mit der größter Sachlichkeit ein Phänomen zu untersuchen welches besondere Bedeutung für die kommen' den Jahrzehnte haben muß, auch dann, wem man sich vor Augen hält, daß es immer Spannungen zwischen den Generationen gegeben hat und daß der Zustand „Jugend“ leider eine der kürzesten und vergänglichsten Phasen des menschlichen Lebens ist.

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Die Betrachtungen und Spekulationen über den Aufstand eines Teiles der jungen Generation haben hauptsächlich mit den Ereignissen in Frankreich im Monat Mai 1968 brennende Aktualität erhalten. Seit dieser Zeit besteht ein Überangebot an Erklärungen, die allzu oft das Wesentliche mit Nebensächlichkeiten vermischen und dadurch das Bild trüben — eine nicht ungefährliche Entwicklung. Es ist nämlich vielmehr absolut geboten, mit der größter Sachlichkeit ein Phänomen zu untersuchen welches besondere Bedeutung für die kommen' den Jahrzehnte haben muß, auch dann, wem man sich vor Augen hält, daß es immer Spannungen zwischen den Generationen gegeben hat und daß der Zustand „Jugend“ leider eine der kürzesten und vergänglichsten Phasen des menschlichen Lebens ist.

Die immer häufiger auftretende Gewalttätigkeit geht in sehr zahlreichen Fällen auf die Unfähigkeit zurück, die Informationsexplosion zu meistern. Unsere Zeit wird beherrscht vom Transistorradio und vom Fernsehen. Trotzdem gibt es noch immer keine wirkliche Politik der Information, keine hierfür geeigneten juristischen Kader. Das Fernsehen droht schon heute zu einem weltweiten Zerrspiegel zu werden, der uns eine den Tatsachen entrückte Realität zeigt. Das ist um so gefährlicher, als die Menschen, die heute schon eine Immunität gegen das gedruckte Wort entwickelt haben, noch keinen wirksamen Verteidigungsmechanismus gegen das Bild besitzen. Letzteres hat daher einen Glaubwürdigkedtsquotienten, der sich in Wirklichkeit nicht rechtfertigen läßt.

Die Programme, die uns in der Regel vorgeführt werden, zeigen im allgemeinen niemals die Rückseite der Medaille, den tieferen Grund einer Entwicklung, oder den Preis, den man für diese zahlen muß. Das Fernsehen ist fähig, Helden und Negativsymbole zu schaffen, auch dann, wenn im praktischen Leben weder der eine noch das andere jemals in Reinkultur zu finden sind. Es ist ein Instrument der schrecklichsten Vereinfachung. Der menschliche Faktor tritt in den Hintergrund und wird durch eine Traumwelt ersetzt. Ein Student, der studiert und ein Arbeiter, der arbeitet, ist für die Massenmedien uninteressant. Wenn aber ein mehr oder weniger Junger aufhört, sich zu rasieren, sich jahrelang nicht wäscht, das Mobilar seiner Universität zertrümmert, oder seine Professoren mit Farbe beschmiert, ist er geradezu vorbestimmt und auserlesen, auf dem Bildschirm zu erscheinen. Er wird dann nicht nur auf frischer Tat der staunenden Umwelt vorgeführt, sondern ist auch offensichtlich dazu berufen, bei späteren Diskussionen über was immer für ein Thema als aussagekräftiger Partner mitzuwirken.

Das Bizarre, das Ausgefallene wird in den Massenmedien zur Regel. Der falsche Eindruck wird erweckt, daß die Ausnahmen viel häufiger und zahlreicher auftreten als dies in Wirklichkeit der Fall ist. Zu dieser ersten Tatsache gesellt sich die moralische Abdankung dessen, was die Rebellen das „Establishment“ nennen. Man kann hier mit Recht von einer Autoritätskrise sprechen, die hauptsächlich aus dem schlechten Gewissen derer stammt, die die Macht innehaben. Das ist nicht nur Ausdruck einer strukturellen Schwäche, sondern auch eine ferne Folge des zweiten Weltkrieges. Die Menschen, die sich heute an der Macht befinden, haben die Jahre ihrer Ausbildung im Schatten des Dritten Reiches verbracht, ganz gleich, ob sie ihm nun gedient, oder es bekämpft haben. Seit jener Zeit sind sie in der Defensive, da das System von Nürnberg den Begriff der Kollektivschuld und der Widerstandspflicht auch bei schwerstem persönlichen Risiko geschaffen hat. Daß dies eine pseudojuristische Spiegelfechterei ist, die mit den Tatsachen überhaupt nichts zu tun hat, wird nur allzu selten verstanden. Man muß es sagen, weil es wahr ist, daß die Großtat der Geschwister Scholl oder die Verweigerung eines Befehles in dem Augenblick, da dies akute Lebensgefahr bedeutet, von niemandem erwartet werden kann; so außergewöhnliche Entschlüsse werden immer nur einigen Märtyrern vorbehalten bleiben. Die Tatsache aber, daß man der Mehrheit in höchst heuchlerischer Weise übermenschliche Maßstäbe anlegt, verbreitet Furcht und schafft Gewissensfälle dort, wo sie überhaupt nicht am Platz sind.

Man spricht viel von den Gedanken des Professors Herbert Marcuse. Das vermeintlich neue Konzept des greisen Philosophen ist eine utopische Gesellschaft, in der es keinerlei Autorität mehr gäbe, die „rollenlose Gesellschaft“ nach der Definition von Professor Wilhelm Weber. Diese Lehre ist allerdings nichts anderes als eine Neuauflage der marxistischen Utopie des 19. Jahrhunderts, glasiert mit einem nur wenig gewandelten Aufguß. Da die Klassen heute weitgehend nicht mehr bestehen, wenn wir von den wenig entwickelten Ländern absehen, werden sie durch den Begriff der Rollen ersetzt. Unterdrücker ist nicht mehr der Kapitalist, der in der Zwischenzeit bereits ein Papiertiger geworden ist, sondern jeder, der Autorität vertritt, ganz gleich, welchen Ursprungs sie sein möge. Man kritisiert also nicht mehr diese oder jene Tat, nicht die Ausübung der Macht, sondern die Macht selbst. Auf die Frage, was nun zu tun sei, auf die Frage also nach der Alternative zur gegenwärtigen Ordnung — gibt es keine Antwort. Man nimmt daher Zuflucht zu der gewagten und durch nichts bewiesenen Behauptung, daß die Revolution selbst durch den revolutionären Akt die neuen Formen schaffen werde — betrachtet also die Zerstörung als Element des Aufbaues.

Wenn es Marcuse und seinen Kollegen gelang, aus der wohltätigen Dunkelheit hervorzutreten, so geschah es nur, weil die objektiven Elemente der Herausforderung vor und neben ihnen schon längst bestanden. Man muß ihre leeren Spekulationen bewußt beiseite lassen, um zu dem vorzudringen, was an dem heutigen Jugendproblem tatsächlich von Bedeutung ist.

Die wesentlichste Charakteristik unserer Tage ist zweifellos die Tatsache, daß die Macht ihre natürlichen Grenzen verloren hat. Noch vor einem Jahrzehnt hatte auch der gewaltigste Tyrann nicht die Mittel, die ganze Welt gleichzeitig und überall zu bedrohen. Seine Wirkungsmogiichiceit war durch den Aktionsradius seiner Zerstörungsinstrumente und durch die Unfähigkeit seiner Polizei, in den Hirnen der Menschen zu lesen, beschränkt. Mit dem Auftreten der Interkontinentalraketen liegt nunmehr die ganze Welt in Tragweite der Waffen. Louis Armand, der große französische Denker, hat mit Recht gesagt, eines der wichtigsten zeitgenössischen Ereignisse sei die Tatsache, daß jeder Mensch zu jeder Zeit und an jedem Ort gesehen und getötet werden könne. Was gar die neuen Techniken der Manipulierung durch Information und Gehirnwäsche betrifft, so haben diese bereits heute jenen Punkt erreicht, an dem eine Polizei, die weder durch Gesetze noch durch

Moral eingeschränkt wird, die Mittel besitzt, um den Ausdruck der Gedanken so weit zu kontrollieren, daß man mit Recht von einer wahren Umformung und entscheidenden Beeinflussung der Seelen sprechen kann.

Der bisher so häufig auftretende Mißbrauch der technischen Mittel erweckt berechtigterweise die Unruhe duen betrachten und nicht im Kollektiv untertauchen wollen. Diese an sich gesunde Reaktion übersteigt oft, in Ermangelung richtiger Information, die Grenzen des Vernünftigen, um sich im utopischen Anarchismus der sinnlosen Gewalt, oder auch in der absurden Verneinung des Bestehenden, wie bei den Hippies, zu verlieren. In diesem Zusammenhang sei auf die bezeichnende Tatsache hingewiesen, daß die lautstärksten Protestler in ihrer großen Mehrheit nicht etwa aus dem industriellen Arbeiterstand kommen, sondern aus dem höheren oder mittleren Bürgertum — einer Schichte, die vielleicht mehr als andere heute schon ihren eigenen Verfall unter dem Druck des gleichmachenden bürokratischen Systems, also des Herabminderns auf das kleinste gemeinsame Vielfache zu fühlen bekommt. Daran ändert auch der bewußte marxistisch-linke Jargon nichts, der genauso Folklore oder Romantik ist, wie die Häufung von Fremdwörtern bei den Politologen

Es sei hier auch festgehalten, daß es in der Regel nicht die wirklich Jungen sind, die Revolution machen. Vielmehr sind es fast immer Menschen mittleren Alters, die bereits ihre Jugend hinter sich haben und sich nun vor dem Älterwerden und den Verantwortungen des Lebens fürchten. Man könnte beinahe von einer verfrühten Torschlußpanik sprechen.

Zu dieser vielfach unbewußten Existenzangst gesellt sich eine instinktive Ablehnung der gewaltigen Unterschiede, die zwischen Theorie und Praxis unseres öffentlichen Lebens bestehen.

Unter dem Eindruck der Ereignisse des aweiten Weltkrieges hat man so ziemlich überall im Westen die Vorteile der Demokratie zum Dogma erhoben und diesen Begriff unberechtigterweise auf bestehende Instituio-nen und deren Machthaber ausgedehnt. Ein ähnliches Phänomen läßt sich auch in den kommunistischen Ländern beobachten. Die Jungen glauben, solange sie die Schule besuchen und bevor sie noch das Leben wirklich kennengelernt haben, zum großen Teil, was man ihnen erzählt, also die offizielle Theorie. Werden sie aber einmal mit der Welt, so wie sie ist, konfrontiert, muß der ungeheure Unterschied der die Tatsachen

Vrnn Hpn QrVinnpn Wnrfpn trpnn+ sip zutiefst erschüttern. Der Schlag ist um so härter, als er einem Glaubenssatz zugefügt wird, den man ermangelt hatte, in die Perspektive des Menschlichen zu stellen, in die Perspektive der Tatsache nämlich, daß

jedes politische System nur ein Idealziel sein kann, das die Schwäche der Sterblichen kaum jemals zu erreichen vermag. Man ist daher nur zu leicht geneigt, an Verrat oder Heuchelei der Machthaber zu glauben — ein wichtiges Motiv für jene Reaktion gegen das Establishment, die eines der besonderen Kennzeichen der derzeitigen Revolte ist. Eine weitere typische Erscheinungsform unserer Tage verstärkt noch diese Einstellung: Dlsr Abgrund nämlich, der die sozialen und ökonomischen Tatsachen von den politischen Formen und Fonmeln in den Demokratien ebenso wie in den autoritären und kommunistischen Regimen trennt. Unser technischer Fortschritt und die Auswirkung der Wissensexplosion haben zur Folge, daß wir in den meisten Belangen im 20., ja sogar im 21. Jahrhundert leben, während unsere politischen Formen, die in ihrer Anpassung träge sind, fast ausnahmslos noch im 19. Jahrhundert wurzeln. Der Abstand von zumindest einer Generation zwischen Form und Wirklichkeit verhindert das richtige Funktionieren unserer Regierungen, unserer Parlamente, ja sogar unserer Verwaltungen. In einer Zeit der dynamischen Entwicklung muß diese Tatsache zu schweren Spannungen führen, die, wenn man sie nicht rechtzeitig abbaut, explosive Folgen haben werden.

In diesem Zusammenhang ist es interessant, zu beobachten, daß diese Spannung vor allem in jenen Ländern fühlbarer ist, in denen die Macht weithin ihr menschliches Antlitz verloren hat. Hier liegt der bezeichnende Zusammenhang zwischen dem Wahlrecht und dem Verhältnis der Jugend zur Macht. In Staaten, in denen das Nachrücken kraftvoller Persönlichkeiten durch das System der starren Listen und der proportionellen Vertretung weitgehend verhindert wird, ist diese Spannung in der Regel viel größer als dort, wo durch direkte Volkswahl der Parlamentarier zumindest in der Theorie allen Staatsbürgern gleiche Chancen geboten werden. In den Ländern mit reinem Proporz wird wohl viel vom Aufstieg der Jugend gesprochen, dieser Begriff aber über Gebühr ausgedehnt, so daß es sich dabei meist um Personen handelt, die das 30., ja sogar das 40. Lebensjahr überschritten haben. Interessanterweise wirkt sich dieses parteiendemokratische System auch bei den Alten negativ aus. Es obliegt nämlich nicht den Parteien oder ihren oftmals anonymen Führungsgremien, zu bestimmen, wann und wie lange einer im öffentlichen Leben dienen kann und darf: Das ist das ausschließliche Recht des souveränen Wählers. Durch die Anwendung des Altersparagraphen wie bei Hofräten, verwandelt man die Abgeordneten in einfache Beamte, wodurch ihre Funktion als Volksvertreter zugunsten derjenigen des Funktionärs in den Hintergrund tritt. Dieselbe Spannung zwischen Jungen und Establishment läßt sich auf den Universitäten verfolgen, die oft den heutigen Bedürfnissen nicht mehr entsprechen. Man wird sachlich anerkennen müssen, daß viele ihrer Schwächen die beinahe unvermeidliche Folge einer allzu schnellen Entwicklung sind, deren Dynamik die Mittel, die Menschen und Staaten zur Verfügung stellen können oder wollen, übersteigt.

Dazu kommen vielfach Studienpläne und Orientationen, die keineswegs dem Gedanken entsprechen, daß die Universität den Menschen auf sein späteres Leben vorbereiten sollte. Wenn wir die übermäßige Förderung beobachten, die etwa das Studium der Politologie, der Soziologie oder Philosophie erhält, und dies zu einer Zeit, in der bekanntermaßen nur ein verschwindender Hundertsatz der Hörer, die solche Kurse belegen, jemals die Gelegenheit haben wird, seine damit erworbenen Kenntnisse praktisch anzuwenden — so wird man auch verstehen, warum gerade diesen Fakultäten die radikalsten Rebellen entstammen. Diese wenig sinnvolle Politik ist um so unverständlicher, als in den Naturwissenschaften, in Physik, Mathematik und Technik wachsender Mangel an gut vorbereiteten Kräften herrscht.

Man spricht oft von einer Reaktion gegen unsere Konsumgesellschaft. Die Kritik einiger Jugendlicher, die sich als Generalbevollmächtigte ihrer Altersstufe bezeichnen, irritiert gewaltig die Generation' von 1945, deren größte und stolzeste Leistung der Aufbau nach den Verwüstungen eines zerstörenden Krieges gewesen ist. Franz von Assissi hätte das Recht, gegen unseren Lebensstandard zu predigen; unsere unersättlichen Nutznießer haben es nicht. Dabei gibt es vieles an unserem Wirtschaftswunder, das alles, nur nicht bewundernswert ist. Gemeint sind hier besonders die Folgen jenes Egoismus, der dazu führt, daß wir alles selber genießen wollen und nur zu selten gewillt sind, einen gerechten Teil für die Zukunft unserer Kinder bereitzustellen. Diese Konsumwut — übrigens keineswegs ausschließlich eine Eigenschaft der Reichen — ist weitgehend die Ursache des wirtschaftlich-technischen Verfalles Europas, welchen die Jungen bewußt oder unbewußt erkennen und gegen den sie sich aufbäumen. In den Überlegungen der aufsteigenden Generation spielt der Rückstand unseres Erdteiles eine bedeutende Rolle. Man vergesse nicht, daß 91 Prozent aller Touristen, die jemals im Laufe der Menschheitsgeschichte eine Grenze überschritten haben, heute leben und unsere Zeitgenossen sind. Immer mehr nimmt die Freizügigkeit zu, so daß es nur noch ganz Wenige gibt, die ihr Vaterland und damit auch ihren Erdteil nicht schon von außen gesehen hätten. Die Junigen erkennen sehr rasch die schwere Schuld der heute führenden Generation, deren reaktionärer Geist und deren Egoismus es verabsäumt hat, die längst überfällige Einigung des Erdteiles durchzuführen.

In letzter Zeit, von den Massenmedien meist übersehen, unternahmen in mehreren Ländern Europas ernstzunehmende, wissenschaftlich geführte Meinungsforscher den Versuch, einmal ein Bild von der Jugend zu gewinnen, wie diese wirklich ist. Die heraufkommende Generation, wie sie sich in den nüchternen Ziffern darstellt, ist vor allem europäisch gesinnt. Eine Studie, die alle sechs Staaten des Gemeinsamen Marktes umfaßte, hat ergeben, daß 60 Prozent der Gesamtbevöikerung ein integriertes Europa herbeisehen. Dabei liegt der Prozentsatz bei den Jüngeren noch wesentlich günstiger. Am meisten ermutigt die Untersuchung der französischen Jugend, bei der sich ergab, daß 66 Prozent der jungen Franzosen bereit wären, im Falle der Wahl eines Europapräsidenten einem Ausländer, mit dem sie politisch übereinstimmen, sogar gegen einen französischen Kandidaten ihre Stimme zu geben. Auch innenpolitisch ist diese Jugend erstaunlich reif. Im Durchschnitt der untersuchten Staaten haben etwa 40 Prozent der Jugendlichen sich politisch als Liberale bezeichnet, wobei festzuhalten ist, daß in diesem Fall „liberal“ nicht parteipolitisch, sondern als freiheitlich in höherem Sinn zu verstehen ist. Auf moralisch-religiöser Ebene ist das Bild der neuen Generation ebenfalls ein ganz anderes, als das von den Massenmedien verbreitete. In Frankreich bejahen, gemäß der erwähnten Untersuchung, 81 Prozent der Jugendlichen die Ehe als die normale Form des Zusammenlebens der Menschen, während 46 Prozent auch heute noch jedes künstliche Verhütungsmittel ablehnen. Trotz der weiten Verbreitung religfonsfeindlicher Schulen glauben 65 Prozent fest an Gott.

Die Jugend, die heute heraufkommt, die neue europäische Generation, entpuppt sich somit als eine durchaus positive Kraft. Sie hat den Willen, sie hat das Wissen, sie hat die Bereitschaft, Großes zu leisten. Sie ist, so paradox es klingen mag, wesentlich mäßiger und ruhiger als viele Ältere. Sie ist durchaus vertrauenswürdig.

Diese Haltung der Jugend ist eine echte Herausforderung an jene, die heute an der Macht sind. Die Jugend ist bereit, von den Alten Aufgaben zu übernehmen und diese auch in der Praxis durchzuführen. Werden die entsprechenden Vorbedingungen heute erfüllt, wird sie fähig sein, aus diesem Europa eine friedliche Weltmacht zu schaffen. Dazu ist es allerdings notwendig, daß diejenigen, die heute noch die Verantwortung tragen, sich ihrer mehr als bisher bewußt werden und dementsprechend handeln. In einer Zeit, in der im wahrsten Sinne des Wortes die Weichen für die Zukunft gestellt werden, hat unsere Jugend das Recht, von uns Älteren eine Handlungsweise in und für Europa zu fordern, die es uns erlauben wird, dereinst diesen Erdteil beruhigt der nachkommenden Generation zu übergeben, in dem Gefühl nämlich, daß wir das große auf uns überkommene Erbe gemehrt und nicht vergeudet haben.

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