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Noch hält in Österreich der Damm..;

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Bundesminister Horst Ehmke, Bonn, SPD: „Wir werden nicht abwarten, bis wir in der Bundesrepublik in bezug auf Rauschgiftdelikte zu Zahlen kommen, wie sie Amerika und Schweden aufweisen.“ Dezember 1969. Sitzungssaal des Wiener Gemeinde-rats. Debatte über den Voranschlag der Stadt Wien für 1970. Am Wort ist der Amtsführende Stadträt für das Gesundheitswesen, Dr. Otto Glück. Im Zusammenhang mit der schulärztlichen Betreuung, spricht der Stadtrat auch über das, was er, wertneutral, Rauschgiftkonsumation nennt.

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Bundesminister Horst Ehmke, Bonn, SPD: „Wir werden nicht abwarten, bis wir in der Bundesrepublik in bezug auf Rauschgiftdelikte zu Zahlen kommen, wie sie Amerika und Schweden aufweisen.“ Dezember 1969. Sitzungssaal des Wiener Gemeinde-rats. Debatte über den Voranschlag der Stadt Wien für 1970. Am Wort ist der Amtsführende Stadträt für das Gesundheitswesen, Dr. Otto Glück. Im Zusammenhang mit der schulärztlichen Betreuung, spricht der Stadtrat auch über das, was er, wertneutral, Rauschgiftkonsumation nennt.

Er macht darauf aufmerksam, daß es sich dabei um ein Problem handelt, das die gleiche Aktualität hat wie Ju-gendalkoiholismus. Im Laufe des Jahres 1969 haben sich nachweislich 104 Jugendliche der Rundeshauptstadt Opium injiziert. Der Stadtrat rechnet damit, daß bei einer anzunehmenden Dunkelziffer von eins zu zehn, also im Hinblick auf die der Behörde unbekannt bleibenden Fälle, im letzten Jahr rund 1000 Jugendliche diesem Gift verfielen. Der Bericht des Stadtrates wirkte nicht alarmierend. Opium gehört wie Kokain und Heroin zu den „klassischen Rauschgiftmitteln“ und man weiß, daß man hierzulande den Mißbrauch dieser Gifte stets unter Kontrolle und in engen Grenzen gehalten hat. Das Problem Opium hat sich aber geändert. Es gehört zu den Drogen, die man jetzt die „harten“ nennt und von denen man befürchtet, daß im Verlauf der vom Westen her übergreifenden Drogengefährdung und Drogerahäufigkeit immer mehr „moderne Menschen“ und vor allem junge Menschen danach greifen. Hinweise auf die Tatsache, daß nicht wenige Haschischkonsumenten später auf harte Drogen „umsteigen“, wurden zunächst auf Grund vorläufiger Statistiken nicht überschätzt. Man hoffte, die Quote der Umsteiger unter Kontrolle zu bekommen und den Konsum „harter Drogen“ in Grenzen zu halten. Und schließlich leben wir nicht in New York, wo der Rauschgiftgenuß mehr Opfer fordert als der Straßenverkehr. Manche meinen, daß man mit Reden die Sache nicht besser mache. Rauschgiftprobleme sind nach Ansicht vieler Österreicher Probleme europäischer Länder wie England, Skandinavien, BRD, Italien oder aber außereuropäischer, wie USA und Japan. Und schließlich: Haben nicht Universitätsprofessoren, Künstler, Intellektuelle, selbst Priester den Sinn einer „Rauchsgift-philosophie“ ernstlich zur Diskussion gestellt? Wollte nicht unlängst ein weltberühmter Dirigent diesen „Schlüssel zur Erweiterung des Bewußtseins“ für das Tor benutzen, hinter dem sich eine neue Welt eröffnet?

Herbst 1967. Schwedische Woche in einer Wiener Volkshochschule. Vor den eingewöhnten Besuchern spricht ein schwedischer Gastredner über die aktuelle Kulturdebatte in Schweden. Es geht um den heutigen Arati-konformismus und, im Zusammenhang damit, um die alte Frage, wieweit die Freiheit, die spielerische Haltung und das Hinausschieben der Grenze des Verantwortbaren getrieben werden können, ohne „ernsten Schaden anzurichten“. Nacheinander prüft der Vortragende von einem sehr liberalen Standpunkt aus die Legalisierung einer unbegrenzten Wahlfreiheit der sexuellen Beziehungen, die Veränderung der menschlicheni Bewußtseinsinhalte durch Mittel der Medizin und dann die Rauschgiftphilosophie, die der Schwede „populär“ nennt. Er weist auf neue Erlebnisse jenseits der banalen Welt der Alltagserfahrung hin; auf die Freiheit der Wahl der Mitte1!, die dem Menschen eingeräumt werden müsse und auf den Grenzfall, bis zu dem eine solche Philosophie und die daraus gezogene Praxis für eine organisierte Gesellschaft tragbar bleibe. Schon vorher hatte der Vortragende darauf hingewiesen, daß die schwedische Kultur heute vielleicht mehr „amerikanisiert“ ist als die amerikanische. Inzwischen ist Schweden in vieler Hinsicht das ideale Vorbild vieler Österreicher geworden, österreichische Intellektuelle und Künstler, die /Uesen Grad der Amerikanisierung Österreichs vermissen, verlassen fluchend das Land und klagen seine Rückständigkeit nicht nur aus dem Ausland, sondern auch in österreichischen Gerichtssälen — H. C. Artmann zum Beispiel — an. In Wien und Österreich wußte man bis unlängst im allgemeinen wenig von all dem. Die Unruhe der Studenten und Intellektuellen war erst im Kommen. Wer kannte damals Timothy Leary, Professor der hochberühmten Harvard-Universität, der seine Stelle verlor, weil er seinen Schülern den Genuß von LSD 25 empfahl. Noch fehlte in den Lexika der Hinweis auf dieses Kunstprodukt der modernen Pharmakologie, dessen Genuß in den USA bereits eine rasante Verbreitung fand. Leary gründete eine „League for Spiritual Discovery“, in deren Namen die Anfangsbuchstaben LSD vorkommen, und eine Zeitschrift, die „Psychode-lic-Revue'. Seither sind solche Bünde und Magazine Legion geworden. Aber Leary war Pionier und zugleich Revolutionär. Er fand die „gehässigen Reaktionen“ gegen LSD 25 deswegen verständlich, weil die Gefahr der Droge für das Establishment weniger physischer oder psychischer Natur sei als sozialpolitischer. LSD soll die Vorstellungen von der menschlichen Natur, der menschlichen Existenz und / den menschlichen Fähigkeiten verändern. Und also wird sie alles „umkrempeln“, auch das politische, gesetzgebende und soziale System. Zu den bekannten vier Freiheiten verkündet Leary eine fünfte: diejenige, welche die Erweiterung des Bewußtseins bietet. Leary lancierte seinen Angriff auf das Establishment fast gleichzeitig mit Herbert Marcuse, als dieser seine Revolution, primär als eine sexuelle, ausrief. So verliefen die Rauschgiftwelle und die Welle der neuen politischen Linken sehr bald synchron. Versuche linker Aktivisten, die Rauschgiftphilosophie und überhaupt jede Drogenabhängigkeit als „Schwächung des revolutionären Kampfwillens“ zu denunzieren, schlugen ebenso fehl wie die spät improvisierten Abwehreinrichtungen des Staates, der Wissenschaft und der Pädagogik.

Die Rauschgiftphilosophie erwies sich allerdings weniger als Schlüssel zur. Erweiterung des Bewußtseins oder der politischen Sprengmittel, denn als Ersatzreligion derer, denen die Lebensleere eine Lösung aufzwingt.

Politiker mit den Methoden der Gefälligkeitsdemokratie, Schriftsteller, Publizisten, Künstler und in größter

Zahl jugendliche Intellektuelle riefen und rufen in verschiedenen Staaten danach, die gesetzlichen Hindernisse gegen die Ausbreitung des Rauschgiftkomsums aufzuheben. Sie sagen, solche Verbote würden mehr schaden als nützen und der Staat, der aus Alkohol- und Nikotingenuß seinen Nutzen zieht, habe nicht das Recht, gewisse Rauschgifte zu tolerieren, andere zu diskriminieren. Und schließlich sei es jedermanns eigene Sache, was er mit seinem Körper treibe.

Das war die Zeit, als die Hippies noch als junge Menschen akzeptiert wurden, deren exzentrisches Äußeres und Auftreten geeignet zu sein schien, die Menschen auf eine bürgerliche, etablierte Gesellschaft aufmerksam zu machen, deren Moral, Denkweise und Normen auch anderen Anlaß zur Kritik gibt. Die Massenmeetings der Hippies in den USA und in Westeuropa, die immer mehr in den Griff der großen Geschäftemacher geraten, vor allem aber schwere Kriminaldelikte, wie der Massenmord der Hippiefamilie Man-son, der auch die Zusammenhänge mit dem um sich greifenden Satanis-mus sichtbar macht, beginnen die blumengeschmückte Szenerie zu um-düstern. Junge Menschen fingen an — wie ein entsetzter Psychiater an seinem eigenen Kind wahrnehmen mußte — „bunte Pillen“ zu nehmen, dazu Haschisch, LSD, Heroin, kurzum alles, was greifbar ist und geldlich erschwinglich. So werden die Drogenabhängigen das beste jugendliche Kaufpublikum seit dem Geschäft mit der Teenagermode. In der Bundesrepublik Deutschland wurde in diesem Jahr eine Expertenkommission über Drogengefährdung und Drogenabhängigkeit Jugendlicher geschaffen. Bundesminister Ehmke (Bonn) drückt es klar aus, worum es in der jetzigen Situation geht: Aus Erfahrungen anderer Länder rechtzeitig zu lernen. Der Gebrauch und der Austausch von Erfahrungen wird die behördlichen Bemühungen koordinieren, vor allem zwischen den am meisten betroffenen Ländern USA, England, Schweden, Japan.

Inzwischen ist allerdings klargeworden, daß weder die bisherigen üblichen Mittel und Methoden des Sozialstaates noch die Anstrengungen privater Hilfsbereitschaft weder die gewohnten Aufklärungsaktionen noch der schwächliche Widerstand gegen die Rauschgiftphilosophie haltbare Dämme errichten konnten. Vor allem aber sind die Erfahrungen entmutigend, die in Entwöhnungsanstalten gemacht werden. Es ist jetzt nicht die Stunde, auf Schuldige mit Fingern zu zeigen oder Moralin zu. verspritzen. Dennoch ist die Feststellung medizinischer Experten alarmierend, daß die bisher gegenüber Haschisch geübte Toleranz höchst fragwürdig geworden ist. Es ist in diesem Zusammenhang nicht ausschlaggebend, wenn vielleicht bessere Statistiken es ergeben werden, ob tatsächlich 10 Prozent der „Hascher“ auf harte Drogen „umsteigen“ oder ob es 8 Prozent oder 15 Prozent sind. Wenn junge Menschen in die Drogengefährdüng geraten, dann sind sie meistens gar nicht imstande, zwischen harten Drogen und anderen zu unterscheiden.

In Ländern, in denen die Rauschgif tsucht neben dem Ansteigen der Zahl der schweren Verbrechen nationaler Notstand Nummer eins ist, ist die — wenn auch vielfache späte — Einsicht da, daß die Drogenwelle ein sehr vielschichtiges Problem schafft; nicht nur ein medizinisches, ein soziales, ein kriminologisches, ein staabspolitisches, sondern ein Polygon vieler Probleme und mehr als alle zusammen. -

Die Hippies behaupten, Gott sei tot. Millionen sagen diesen-Satz bereits nach. Aber auch Theologen drücken es nicht viel anderes aus; in einer „Theologie ohne Gott“, . in einer „Theologie nach dem Tode Gottes“. Im Vulgärgebrauch sind das praktische Formeln; sie bedeuten, daß man immer weniger an einen persönlichen Gott glaubt, dafür aber immer mehr an „irgendetwas“. Zur gleichen Zeit, in der Leary in Harvard seine Rauschgiftphüosophie verkündete und Herbert Mareuse diesseijs und jenseits der Ozeane die Revolution zur totalen Zerstörung der jetzigen Gesellschaft ausrief, verlangte ein katholischer Professor der Universität Toronto, die Menschen müßten sich ihr eigenes Gottesreich schaffen, anstatt daran zu glauben.

Wo es sich um Süchtigkeit handelt, hat der Mediziner das letzte Wort. Ich sage: leider das letzte Wort, weil damit die Klinik nach dem jetzigen Stand der Dinge nicht nur Punkt der Entscheidung, sondern Endstation wird. Jedenfalls darf dieses Lebensproblem, dessen Bewältigung über die Kräfte des einzelnen, zumal des jungen Menschen hinausgeht, nicht dem einzelnen aufgebürdet werden, wie es die Gegner der Gesetze gegen den Rauschgiftkonsum gewollt oder ungewollt tun. Vielmehr muß die Allgemeinheit überzeugt werden, daß hierin der Perfektionismus des jetzigen Wohlfahrtsstaates schleißig ist und neue Verantwortlichkeiten neue und anders geartete Einrichtungen, vor allem aber Menschen verlangt, die solche Aufgaben auf sich nehmen. Die strafrechtliche Verfolgung der Geschäftemacher im Rauschgifthandel ist besser instand zu setzen. Nichts ist bezeichnender als die Tatsache, daß in einzelnen Ländern die Rauschgifthändler das Verbot und die Strafverfolgung verlangen, weil sie danach das Entgelt für das „Unternehmerrisiko“ auf den Preis aufschlagen, im übrigen aber überzeugt sind, daß ihre Taktik jener der staatlichen Exekutive überlegen ist. Notwendiger ist die Heranziehung der jungen Menschen bei der Lokalisierung und Lösung des Problems, das für viele unter ihnen ein Experiment auf Leben und Tod ist. Dabei handelt es sich weniger um organisatorische Dinge, wie dies jetzt allgemein üblich ist, als um ein Gemeinschaftserlebnis, in dessen Mittelpunkt mehr steht als eine Rausch-giftphilosopKie oder ähnliches.

Die Jugend, seit 1945 vielfach entwöhnt, das Erlebnis ihres Jungseins zu gestalten, ist hierin von Eltern und Erziehern, Lehrern und Priestern, Politikern und Interessenvertretern aller Richtungen zu ermutigen. Hier geht es nicht um Gemeinschaftsformen, die den Romantizis-muis der Alten anregen, sondern um solche, in denen junge Menschen Lebensregeln erfahren und Vertrauen in Menschen gewinnen, die sich bemühen, ihnen Zugang und Einstieg in die Gesellschaft aufzuzeigen,

Aber noch ist der Rauschgifthandel ein gutes Geschäft und die Folgen der Drogenabhängigkeit werden es zu einem noch viel besseren machen. Auf dem Rauschgiftmarkt Österreichs ist die Tendenz, wie einzelne Bundespolizeidirektionen vermerken, steigend. Und zwar nicht nur in den traditionellen Brennpunkten des Undergrounds, sondern auch dort, wo bisher die „natürliche Lebensweise“, weil naturnäher, zu Hause war.

Die Public Relations berichten über all das; oft zu sehr im sensationellen Stil des Boulevardismus und in einer Schreibweise, welche die Lese-gewohnheiten auf „alltägliches Geschahen“ pinschleift- So wird die gegen die Sucht geführte „Aufklärung“ oft als langweilig empfunden. Das aber erzeugt den Fatalismus, der schon im Falle des steigenden Alkoholmißbrauchs so ernste Folgen hat. Aber: man vergesse angesichts der im Untergrund ertappten Rauschgif tihändler nicht das bereits in Schwung gekommene „saubere Geschäft“ der „anständigen Geschäftsleute“. Eine als seriös geltende Tageszeitung, die in der Bundesrepublik Deutschland erscheint, veröffentlichte unlängst ein Inserat, das für Kapitalsbeteiligungen bei einem Konsortium zur Schaffung einer modernen Entwöhnungsanstalt wirbt. Standort: Schweiz. Künftige Rendite: Gut, da, wie das Inserat korrekt bedauernd vermerkt, die Drogengefährdung steigt.

Entscheidungen stehen an: Rauschgiftdelikte straffrei oder, was den Handel betrifft, schärfer verfolgt? Sucht als Erlebnis der individuellen Freiheit oder Anlaß zur Mitverantwortung der Gemeinschaft? Rauschgiftsphilosophie Experiment esoterischer Intellektuellenzirkel oder weltanschauliches, letzten Endes religiöses Problem?

Der Ausschuß, der den Drogenmißbrauch in den US-Streitkräften untersucht, stieß nicht nur auf die alarmierende Tatsache, daß dort zahlreiche junge Menschen während der Wehrdienstzeit drogenabhängig werden. Es entstand der ernste Verdacht, daß Atombomber von Piloten geflogen werden, die unter dem Einfluß von Drogen stehen. Noch leben wir in Österreich hinter Dämmen, die bei uns Probleme derartiger Proportionen unsichtbar machen. Das ist die Zeit für die Menschen, die genügend Wissen, Verantwortungsbewußtsein und Verantwortung besitzen, um das Problem aufzugreifen. Ehe es ein Gegenstand für Horror und Thriller wird.

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