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Um die Heimstatt des guten Buchs

In seinem Buch „The apostolate of the public opinion“ meint P. Felix Morlion, der belgische Initiator der heute vorwiegend in der Neuen Welt beheimateten Pro-Deo-Bewegung, daß Papier und Zelluloid die hauptsächlichsten Regenten des Ideenkampfes geworden seien. In der Tat haben Buch, Zeitung und Film eine Art von Weltherrschaft angetreten, wozu sich als vierter Kronprätendent der Rundfunk gesellt hat. Die zunehmende Vermassung hat die Breitenwirkung dieser Ideenmittler vermehrt. Die großen Gleichschaltungsvorgänge, die unser Jahrhundert zusehends kennzeichnen, ob nun diktatorisch und uniform gehandhabt oder mehr zivilisatorisch-demokratisch aus der vereinheitlichenden Macht einesstandardisierten, materialistischen Lebensgefühls hervorquellend — ich sage, die lauten wie die stillen seelischen Nivellie-rungsprozesse bedienen sich jener vier Schalttafeln in souveräner Weise. In dem einen Fall wird die Persönlichkeit, einstens der Mensohen höchstes Glück, eingestampft, in dem anderen stirbt sie allmählich ab. Der Geist, besser gesagt der methodisch verfahrende Intetllekt und die angewandte Psychologie, sind in den Dienst der Macht, der politischen wie der wirtschaftlichen, getreten und scheinen aus dieser Haft nicht bald mehr befreit werden zu können. Die Saat der Enzyklopädisten ist in einer Weise aufgegangen, daß die Väter der immerhin noch distinguierten Aufklärung ihr eigenes Kind in seiner heutigen Gestalt wohl nicht mehr wiedererkennen würden.

Einzig das Buch hat sich sein altes G e i s t e s a n 11 i t z noch am meisten bewahren können. Ihm ist darum auch neben der Breitenwirkung eine Tiefenwirkung verblieben, die schon äußerlich mit seiner relativen Dauerhaftigkeit, ber auch innerlich mit seiner größeren Dichte verknüpft ist Auch schaut das Buch auf eine viel ältere Geschichte seiner Kultur zurück und ist langsam und stetig herangewachsen, während Presse, Film und Funk noch recht junge Sprößlinge des bildenden Menschengeistes sind. Das Buch hat schon ganze Kulturzeitalter durchschritten, Reformation und Barock, Klassik und Romantik, Naturwissenschaft, Realismus und neu-abendlländische Transzendenz. Hingegen erweisen sich die Erzeugnisse der Rotationsmaschine oder der Elektronenröhre immer noch vorwiegend als typische Kinder des Industriezeitalters. Besonders haftet ihnen die Rastlosigkeit und Flüchtigkeit des technisierten Lebensstils an, in den wir alle mehr oder weniger eingefangen sind.

Es erscheint soweit verständlich, daß die christliche Volkserziehung zum Buch ein viel wärmeres Verhältnis eingegangen ist und sich diese innigere Beziehung unvermindert erhalten hat. An zweiter Stelle steht die religiös orientierte Publizistik, die sich besonders in der Form der Sonntagsblätter und der von gläubigem Impuls angetriebenen Wochen- und Monatsorgane einen breiten Kanal zwischen Evangelium und Welt gegraben hat. Auch schaut sie jetzt schon auf rund vier Menschenalter tapferer Bewährung, auf die Tage eines Görres, Gentz und Lamennais, zurück. Hiegegen ist die Verbindung zwischen der christlichen Vorstellungswelt einerseits und den Mächten von Fillm und Funk andererseits vorerst eine noch zage und mehr gelegentliche.

Sich über die Bedeutung des Buches zu verbreiten, hieße Eulen nach Athen tragen. Das Buch ist ein wesentlicher Maßstab für. die seelische Gesundheit einer Generation. „Auf dem Papier und mit den Buchstaben kämpfen Himmel und Hölle mitsammen.“ (Alban Stolz). Das Buch war in der jüngeren, aber auch in der ferneren Vergangenheit ein Wegbereiter der religiösen Entkernung und der allgemeinen Dämonisierung.

Zu den wesentlichen Aufbauschritten einer inneren Wiedergenesung unserer Zeit gehört das gute Buch. Um so schmerzlicher muß man seinen klaffenden Mangel in dieser Stunde empfinden. Das gilt besonders von der Jugend. Die nachwachsende Generation schreitet ohne Bücher ins Leben. Eltern und Erzieher, Berufsbildung und Volksbildung suchen nach dem guten Buch!

Die empfindliche Lücke resultiert nicht bloß aus den produktionstechnischen Schwierigkeiten einer verworrenen Übergangszeit in einem verarmten Land. Ein Blick *af den Schrifttumsjahrmarkt, der unsere Kioske und Buchläden beherrscht, beweist dies. Wir meinen nicht einmal die ausgesprochenen Schundprodukte. Vielmehr ist eine Inflation der Mittelmäßigkeit angebrochen. Die veriegerische Arbeit, vormals einer der wagnis- und kenntnisreichsten Berufszweige, ist zu einem Tummelplatz gewiegter Geschäftemacher geworden. Das ist zwar eine Nachkriegserscheinung, die wohl bald wieder vorübergeht, aber immerhin zwei schwerwiegende Schadenswirkungen hervorgerufen bat. Einmal ist der ohnedies so mühsam gewordene Weg des seriösen Schrifttums ungemein erschwert, teilweise gar produktionsmäßig blockiert, zum anderen hat diese billige (nicht im Preis) „Literatur“ eine wenig erfreuliche Visitkarte gegenüber der Umwelt abgegeben, einer Umwelt, die mit Österreich und seinem einst hochgeachteten Schrifttum allmählich wieder in kulturellen Austausch treten möchte!

Angesichts dieses kulturpolitischen Notstandes mag es um so erfreulicher erscheinen, daß sich Kräfte der Besinnung und Steuerung regen, um die so schwach gewordene Position des guten Buchs zu stützen, die seriöse Literatur zu ermuntern, das verlegerische Gewissen zu schärfen und den Markt für das stille, gediegene Schaffen zu sichern. Diese Aufgabe ist wohl weniger die des Staates, weil der Rückfall in Vorzensur und kulturelle Bevormundung zu nahe liegt. Vielmehr sollen die im Volk selbst verwurzelten großen Gesinnungsgemeinschaften solche ethische und organisatorische Hilfestellung leisten.

Hier liegt die hohe Bedeutung des in diesen Tagen neuerrichteten österreichischen Borro-mäuswerks. Unter dem Vorsitz des Fürsterzbischofs von Salzburg, Dr. Rohrache r, fanden sich die Vertreter der österreichischen Diözesen und der Wiener VolkslesehaÜle mit Verlegern und Bibliothekaren zusammen, um die seit dem Jahr 1938 ruhende Arbeit wieder aufzunehmen. Richtunggebende Referate von Stadtpfarrer Felix Königseder (Wels), dem Senior der österreichischen Borromäus-büchereiarbeit, Dr. Ignaz Zangerle (Innsbruck), Dr. Margarete Schmid von den Wiener Pfarrbüchereien und Verleger Otto Müller (Salzburg) boten die erforderlichen sachlichen Unterlagen. Eine lebhafte Aussprache der alten Praktiker mit den jungen Idealisten erwog iie realen Möglichkeiten eines unverzüglichen Wiederaufbaues.

Die vorhandene Erbschaft ist bitter. Die Pfarrbüchereien wurden 1938 durchwegs geschlossen, die christlich orientierten Bücher entfernt, die neutralen Titel in die Gemeindebüchereien verwiesen. Im Jahr 1940 gelang es, durch den Anschluß an die Zentrale des Borromäusvereins in Bonn, Te3 der Pfarrbüchereien wieder zu öffnen. Aber die Bücherlieferungen blieben langsam aus. Hinzu kamen die Kriegsverluste. Sie betrugen bei den deutschen Borromäus-Bibliotheken allein 2.5 Millionen Bände (die Verluste in Leipzig beziffern sich auf rund 50 Millionen Bücher). Die Bonner Zentrale konnte 80.000 Bände retten.

Dem örreichisohen Pfarrbibliotheken steht auch nicht ein kleiner Bruchteil dieser Menge zur Verfügung. Lediglich vereinzelte Funde treten zutage. In Oberösterreich sind bis jetzt 36 Pfarrbibliotheken wiedererstanden. Ihre Bestände sind bescheiden. Die Pfarrbücherei Ried im Innkreis besaß damals 10.000 Bände, 3000 sind übriggeblieben. In der Pfarrbücherei von Bad Ischl fanden sich 2000 Bände. In Frankenburg lautet der Bestand auf 400 Bücher — bei 200 Lesern. — In Steiermark ergibt sich ein Restbestand von etwa 7000 Bänden. Die Diözese Salzburg hat zur Stunde nur 14 Pfarrbüchereien, 77 (unter insgesamt 191 Pfarreien) wünschen die Wiedererrichtung einer Bücherei.

Der Hebel für den Wiederaufbau des Büchereiwesens liegt bei der Verlagsproduktion. Diese aber bietet, wie oben angedeutet, kein rosiges Bild. Dabei ist Österreich in der Büchererzeugung vorerst auf sich selbst angewiesen. Der Bücheraustausch mit der Schweiz leidet an dem Verredinungsschlüssel einerseits und der geringen Qualität unseres gegenwärtigen literarischen Angebots andererseits.

Deutschland fällt als Lieferant aus. Die dortige Papierknappheit ist noch größer als die hiesige. Verleger Müller wußte übrigens ein aufschlußreiches Bild von der Situation des deutschen Verlagswesens zu geben, wo trotz der ungleich größeren Schwierigkeiten eine erstaunlich hohe Qualität mit schlicht-gefälliger Ausstattung verbunden wird.

Dem Borromäuswerk fällt die Aufgabe zu, dem ernsten Verlagsschaffen den Rücken zu stärken. Alle Gutgesinnten müssen mitwirken, Ehre und Ansehen des österreichischen Schrifttums zu fördern. Das Buch muß au seiner gegenwärtig vorherrschenden Warenfunktion herauskommen. Es soll wieder ein Gefäß des Geistes werden, ein Träger des Guten und des Schönen. Solche Erziehungsarbeit ist vor allem beim Leser zu leisten, der in den letzten Jahren das Urteilsvermögen weithin verloren hat. Das hohe Fernziel heißt: die Leserschaft wieder zum Träger eines gesunden Literaturbewußtseins zu machen. Die Nahziele des Borromäuswerks lauten: Errichtung von leistungsfähigen Bibliotheken und Bildung von Hausbüchereien mit Hilfe der regelmäßigen Vereinsgaben.

Im Zuge solcher Volksbildungsarbeit liegt die verantwortungsbewußte Buchkritik. Gefälligkeitsrezensionen sind angesichts der gegenwärtigen Verfassung des österreichischen Schrifttums mehr denn je fehl am Platz; wir brauchen eine kundige literarische und gediegene fachliche Kritik. Die Borromäus-Vereinsarbeit bringt es mit sich, daß hiebei nicht ' loß ästhetische oder meritorische Gesichtspunkte obwalten. Vielmehr wird auch — und sogar vorab — zu prüfen sein, ob und wie weit ein Buch der inneren Bereicherung des Menschen dient. Wir brauchen verstärkte seeLsche Energien. Mögen diese nun aus dem stillen Kräftezuwachs erfließen,die aus der edlen Dichtung strömt, oder aber der spannungsgeladenen sittlichen Schicksalsmeisterung entspringen, wie sie in bedeutsamen Biographien oder in den Werken der Geschichtsschreibung oder etwa in aufrüttelnden Zeitbüchern ihre Verkörperung findet. Auch das erholsame und entspannende Buch gehört hieher. Das Unterhaltungsbuch sollte nicht eine Domäne des Nur-Geschäfts bleiben; es bedarf einer sorgsamen Pflege, oft mehr als eine andere Literaturgattung. Die Herausgabe guter Volksromane sollte den Ehrgeiz vieler Verleger wecken.

Zum besonderen Tätigkeitsfeld des Borro-mäumswerks gehört das aus christgläubigem Grund erwachsene Buch. Der Anteil.des religiösen und des weltanschaulich dem christlichem Geist verpflichteten Schrifttums ist noch gering. Die auf der Salzburger Tagung mitgeteilten Ziffern beleuchten die bescheidene Rolle, die das christlich orientierte Buch im Rahmen der Papierbewirtschaftung und der Produktionsgebarung spielt. Ähnlich steht es um die Publizistik. Auch formiert ich langsam und sicher wieder die literarische Front einer liberalistisch-glaubenslosen Welt, die auch den „kulturpolitischen Limes“ (ZanT gerle) erneut errichten möchte, der in dem Satz Ausdruck fand: „Catholica non legun-tur.“ Vorerst jedoch zehrt die äußere Geltung christlicher Bezeugung noch von dem hohen Ansehen, daß sich der stille und stete Widerstand gläubiger Menschen im den vergangenen Jahren des Gesinnungsterrors erworben hat. Auch ist die religiöse Sehnsucht der Zeit zu stark, um das Bedürfnis nach einer christlich geprägten Literatur nicht immer wieder offenkundig hervortreten zu lassen.

Die Forderung nach Qualität stellt sich indes auch beim religiösen Buch. Das neubelebte katholische Schrifttum zeigt nicht immer das wesenhafte Bild, das von der inneren Not der Zeit verlangt und das der Größe der Aufgabe gerecht wird. Zu viel Gelegenheitsarbeit drängt sich vor. Manche Schrift ist auch zu rasch zusammengezimmert. Auch vermißt man zuweilen die zeitgebotene Rangfolge. So lange noch diese notwendigen Grundwerke am Büchermarkt fehlen, beziehungsweise im Produktionsgang so schleppend voranschreiten, sollten die zu zahlreichen Detailschriften und literarischen Beiläufigkeiten zurückstehen. Konzentration auf das Wesentliche tut not, ohne daß dem freien Wachstumsspiel lästige Fesseln angelegt werden sollen. Aber solange beispielsweise noch keine Bibel oder kein Werk über die Lebenswerte des Alten Testaments vorliegt, nimmt sich eine profunde Spezialstudie über die Arche Noah zu isoliert aus. Ähnliches gilt, um ein Beispiel aus der Profanliteratur zu bringen, etwa von einer Schrift über die säkulare Perihelbewegung, nachdem noch kein Handbuch der Physik aufzutreiben ist. Ein weiterer Mißstand liegt im Auftreten von Doubletten, und zwar auch im seriösen Schrifttum. Die Encyclica Mystici corporis wurde dreifach publiziert und kommentiert. Eine gewisse Fühilungsnahme der Verleger zwecks - gegenseitiger Abstimmung der Produktion könnte nicht schaden. Das ist nicht leicht zu machen. Denn die Ideen sind das eigentliche Kapitel des Verlegers. Aber das Borromäuswerk will sich der delikaten Aufgabe behutsam unterziehen.

Das Erfordernis der Qualität bezieht sich nicht zuletzt auch auf das Kleinschrifttum. Dr. Margarete Schmid, Wien, wußte hier wertvolle Winke zu geben. Die Kleinschrift stellt eine moderne literarische Kunstform dar, die fernab von jeder dilettantischen Betriebsamkeit wirklich des Schweißes der berufenen Publizisten wert ist. Nicht ohne Grund war ihr vom vergangenen Regime der Kampf angesagt worden; seit 1941 waren diese Schriften überhaupt verboten. Zor Hebung dieser wiedererweckten wichtigen Schrifttumsgattung ist eine Fühlungnahme der hauptsächlich beteiligten Herausgeberstellen und Verlage im oben angedeuteten Sinne besonders empfehlenswert.

So sind es eine Reihe besonderer Aufgaben, die dem österreichischen Borromäuswerk erwachsen. Eine rege Bereitschaft zu ihrer Bewältigung ist zu verspüren. Wertvolle Ansatzpunkte aus der früheren Zeit sind noch vorhanden. Die stille, im Jahre 1938 allmählich dahinsinkende Arbeit war nicht umsonst. Nun gilt es, das Kärrnerwerk erneut aufzunehmen. Die Lage ist freilich denkbar ungünstig. Büchereien ohne Bücher aufzubauen, erscheint unmöglich. Aber durch eine Zusammenfassung aller hiefür vorhandenen Kräfte und Mittel soll der Versuch gemacht werden, einen Grundstock zu bilden und gleichzeitig eine zentrale Initiative zu erwecken, um den Gedanken des Borromäuswerks durch diese Notzeit hindurchzubringen, bis auch dem guten Buch einmal wieder freundlichere Lebensbedingungen winken. Es geht um ein wichtiges Stück seelischer Wiedergesundung. Quod Deus bene vertat!

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