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Problematischer religiöser Roman

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Paulus aus Taisos. Roman von Gerhart Ellert. F. Speidelsche Verlagsbuchhandlung, Wien 1951

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Paulus aus Taisos. Roman von Gerhart Ellert. F. Speidelsche Verlagsbuchhandlung, Wien 1951

Die Nachdichtung eines Lebensdramas muß vor allem von innerem Verstehen des „Helden“ getragen sein, denn das seelische Drama ist es, das dem äußeren seinen Sinn über alles bloße „Schicksal“ oder Abenteuer hinaus gibt. Die Stärke der vorliegenden romanhaften Nachdichtung liegt nun zweifellos in der Milieuzeichnung, gleichsam im „Bühnenbild“ dieses Dramas. Es ist nicht nur gewandte Routine, sondern nicht selten eine wahrhaft künstlerische Empfindsamkeit, welche die Stimmungen und Reize ebenso der Landschaften wie mancher einzelnen Szenen erspürt. Längeres Feilen an dem Roman hätte bei solcher Begabung gewiß auch jene umständlichen und schleppenden Sätze ausgemerzt, die des öfteren den Schwung der Darstellung abfangen und unterbrechen, und die Gefahr allzu idyllischer Genremalereien, wie sie zu einem Paulusleben nicht passen, gebannt. Sind aber die Einwände gegen das „Bühnenbild“ noch verhältnismäßig geringfügig, so müssen wir gegen die Zeichnung des „Hauptdarstellers“, nämlich des Apostels Paulus, schwere Beden- chen anmelden. Was wir grundsätzlich vermissen, ist ein tiefes Verstehen der religiösen Gestalt und Sendung dieses Mannes überhaupt. Seine religiöse, ja mystische Erlebniswelt wird einer Romanpsychologie überantwortet, die dünn und pathetisch wirkt. Wenn Ellert den Apostel sagen läßt, er hätte seine führende Stellung inne, „seit ich fühle, daß Christus in mir lebt, stärker und glühender und ausschließlicher als in euch" (S. 163), oder ihn ausrufen läßt: „Wir werden Rom erobern und Rom erobert die Welt! Dann siegt der Geist!“ (S. 347), so mag man dies billig finden, aber schließlich noch irgendwie gelten lassen. Wenn aber Paulus Worte in den Mund gelegt werden, die das Christentum mißverstehen, so wird sein Bild verzerrt. So heißt es etwa: „Dazu sind wir gesandt, … die verzweifelte Gleichgültigkeit gegen das Schicksal emporzuheben auf die Höhe jener souveränen Gleichgültigkeit, die das Erdendasein jedes Schmerzes entkleidet! Das ist unsere Aufgabe! Das ist die Botschaft, die wir zu verkünden haben!“ (S. 147). Zu Petrus sagt Paulus: „So müssen wir ein neues Fundament bauen' (S. 199), und später fragt er sich: „Wie kann ich sie schaffen, diese Kirche… mit meinen Häijden, mit meiner schwachen Stimme?' (S. 285) — als hätte er der Erbauer der Kirche sein wollen. Das Befremden wächst, wenn eine Abendmahlsszene in einer kretischen Kantine so beginnt: „Und Saul nahm das Brot, tauchte es in den verschütteten (!) Wein, brach es und sagte: „Dies tun wir zu seinem Andenken'' (S. 151); wenn es ferner dem Apostel „nicht sündhaft erscheint, dem Aberglauben Bedeutung beizumessen' (S. 189), oder wenn er einmal ausruft: „O Christus, wie unerfüllbar hart ist dein Gebot!' (S. 238). Wenn sein Denken und Reden oft durchaus johanneisch geprägt ist (was man im gesamten noch als den geringsten Einwand empfinden mag); wenn Paulus aber gar als ungeduldig und zornmütig geschildert wird, als einer, der haßt und nicht vergibt, als ein Mann mit einem Selbstbewußtsein, das primitiv erscheint, und der keinen Tadel verträgt; wenn schließlich auch das äußere Drama seines Leidenslebens zurückgedrängt, ja da und dort verharmlost wird: so fragt man sich, was von der geistigen und religiösen Gestalt des Heiligen noch an Echtheit übrigbleibt Daß in diesem Zusammenhängen die Beziehung von Glaube und Wunder, das Wesen der Gnade und überhaupt die theologischen Fragen entweder verzeichnet oder allzusehr vereinfacht werden, kann nicht verwundern. Der Mangel an innerem Verstehen erklärt wohl auch die Willkür in der sonstigen Darstellung, die immer wieder auffällt: so in der Zeichnung des jüngeren Jakobus, der mehr Jude als Christ zu sein scheint, des jungen Markus als engen und spöttischen Charakters, des Petrus als des ewig idyllischen Fischers — aber auch in geschichtlichen Details (so wenn zum Beispiel Paulus dem Sklaven Onesimus in Ephesus statt in Rom begegnet). — Nicht das schriftstellerische Können Ellerts soll mit dieser Besprechung in Frage gestellt werden, sondern allein, ob der Roman die hohen Anforderungen, die eine Gestalt wie Paulus stellen muß, erfüllt. Eine dreifache Grenze scheint uns überschritten zu sein: einmal die Grenze der Dichtkunst überhaupt; denn wo Gott mit seiner Gnade und Berufung am dichtesen wirkt, in dem er den Heiligen schafft, muß jede menschliche Nachdichtung, und schon gar die psychologisie- rende, fragwürdig erscheinen, ja im letzten mißlingen. Besonders unbedachtsam aber wird diese Grenze in der Lebensbeschreibung des Apostels Paulus überschritten: große Theologen — unter ihnen auch Dichtertheologen — haben sich nur mit Bangen an ein solches Unternehmen herangewagt und sind sich immer bewußt geblieben, daß kein Buch ein Paulusleben in seine Seiten zu bannen vermag. Ferner wird die Grenze jener Diskretion und Ehrfurcht verletzt, die jede geschichtliche Gestalt, besonders aber eine Heiligengestalt in Anspruch nehmen muß. Wenn endlich fast jede Seite dieses Buches die Hand der Frau verrät, so wird man des vergeblichen Versuches inne, mit einem männlichen Pseudonym jene Grenzen zu verdecken, die in der Schilderung des so männlichen Pauluslebens fast notwendig einer Frau gesetzt sein müssen. — Man möge unsere Kritik nicht mißverstehen: nicht ist das Können Ellerts gering, sondern das Thema des Pauluslebens war zu groß.

Dr. Georg Josef Strangfeld S. J.

Welt im Spiegel. Von Ernst Zahn. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1951. 166 Seiten.

Unnötig, besonders darzulegen, wer Zahn ist. Zu mehr als drei Millionen Stück sind, flüchtig gezählt, seine 29 Romane, 24 Novellen, 11 Einzelerzählungen, 6 Bühnenstücke, 4 Gediichtbände und 2 Epen verbreitet, ins Englische, Französische, Spanische, Schwedische, Norwegische, Holländische, Ungarische, Polnische und Serbische übersetzt. Das neue Werk des am 24. Jänner fünfundachtzigjährigen Dichters entwickelt aus einer einfachen Fabel, der Planung eines Stausees in einem Schweizer Hochtal, wirklich eįne Welt im Spiegel. Neben der Fülle und Lebensechtheit der Charaktere bleibt nichts Beiwerk; wie von den Hängen die Achen zum Strom münden, die Wasser der Geschicke in den bezwingenden Gedanken der Leidüberwindung, über fremdes Glück hinaus, ja, für dieses im stillen sich opfernd. Es ist bewundernswert, mit welcher sparsamen Linienführung ein derartiges Gemälde entstehen kann: ein fingerschmaler Band — aber in dieser Verdichtung zeigt sich erst Erzählerkunst und Gewicht. Eines der wenigen Bücher, für die es sich heutzutage lohnt, Geld auszugeben.

Hanns Salaschek

Der schwarze Panther. Von Walter v a n T i 1- burg-Clark. (Aus dem Amerikanischen von Edmund Kauer. Originaltitel: The track of the cat.) Humboldtverlag, Wien-Stuttgart. 513 Seiten.

In einem einsamen Hochtal von Nevada wird die abgelegene Ranch durch einen Berglöwen in Angst und Schrecken versetzt. Die beiden ältesten Söhne des Bauern ziehen aus, das Tier zu erlegen, und fallen ihm kurz nacheinander zum Opfer. Das geheimnisvolle Dasein der Bestie bringt in der Familie alten Zwist, schwelende Unrast, Leidenschaft und erstickte Haßgefühle zum Ausbruch und Austrag, so daß jeder der Beteiligten nicht nur auf seine Unerschrockenheit, sondern auf sein ganzes menschliches Sein hin geprüft und gewogen wird. Dabei wird nicht vielleicht moralisiert oder typisiert, sondern jeder der Charaktere ist lebendig und scharf umrissen. Das Buch vermeidet alle billigen Konzessionen an den Publikumsgeschmack, ja es zeigt sogar ein gewisse Sprödigkeit, und seine .nach innen“ verlegte Handlung wird enrangierte »Wild - West' - Leser vielleicht sogar enttäuschen, obwohl das äußere Geschehen des Spannungsmoments keineswegs entbehrt. Doch ist es nicht das wesentliche Anliegen des Autors, der vielmehr hinter allen Dingen und Vorfällen einen tieferen, hintergründigen .Sinn“ aufzuspüren sucht, wenn dies auch natürlich nicht im flach allegorischen oder moralischen Sinn verstanden werden darf. Darin liegt der Anspruch des Buches, das seinerseits auch einen anspruchsvollen und geduldigen Leser voraussetzt, der eine Dichtung — denn eine solche liegt hier vor — zu würdigen weiß. In der Exaktheit der Schilderung erinnert der Stil an Hemingway, ohne daß von einer Nachahmung oder Abhängigkeit gesprochen werden könnte. Leider vermag die Übersetzung die Feinfühligkeit und atmosphärische Dichte des Originals nicht wiederzugeben; neben einer gewissen Flüchtigkeit der deutschen Bearbeitung mag dabei auch der Umstand mitsprechen, daß ein hochwertiger Text eben viel mehr aus der Originalsprache lebt und daher schwerer zu übertragen ist als ein Durchschnittserzeugnis. Den Autor selbst wird man im Auge behalten müssen. Dr. Gertrud Vetter

Das kurze Glück des Franęois Villon. Roman. Von John Erskine. Paul-Neff-Verlag, Wien-Berlin 1950. 315 Seiten.

Ein so abenteuerliches und von Geheimnissen umgebenes Leben wie das des französischen Dichters Villon, muß auf einen Autor eine starke Anziehungskraft ausüben, um so mehr als seine Phantasie dort ergänzen kann, wo die Forschung auf viele Fragen keine Antwort zu geben vermag. Der Roman des Amerikaners Erskine, der nun neu aufgelegt wurde, hält sich in einem kurzen Einleitungskapitel über Kindheit und Jugend Villons ungefähr an die wenigen überlieferten biographischen Daten, dann wird die Handlung zumeist in freier Erfindung weitergeführt. Villon, der geniale Außenseiter in der französischen Literatur des 15. Jahrhunderts, der Schöpfer des großen und des kleinen „Testaments" und der Balladen, ist ein Schürzenjäger und Mitglied einer Diebsbande, immer auf der Flucht vor Häschern. Die echte Liebe zu einem schönen, adeligen Mädchen wandelt Villon innerlich, er sehnt sich nach einem anständigen Leben, aber die schlimmen Folgen der Vergangenheit treiben ihn wieder in das gehetzte Vagantendasein. Schließlich gelingt es ihm doch, nachdem ihn Ludwig XI. begnadigt hat, im südlichen Frankreich einen Zufluchtsort zu finden und durch ehrliche Arbeit ein geachteter Mann zu werden. Aber er muß erkennen, daß sein eigenes unstetes Blut in seiner Tochter wieder erwacht. Erskine erzählt mit Routine, aber dringt selten unter die Oberfläche und man glaubt seinem Villon mehr den Vaganten als den genialen Dichter. Verse Villons in der Übersetzung von Martin Löpelmann sind den Kapiteln vorangestellt.

Dr. Theo Trümmer

Der Glaube der Wüste. Von T. E. Lawrence. Sein Leben in Selbstzeugnissen. Arche-Verlag, Zürich. 159 Seiten.

Es mag dahingestellt bleiben, ob T. E. Lawrence die letzten Geheimnisse der arabischen Seele so gründlich erforscht und gekannt hat, wie er es verstand, die Söhne der Wüste mit einem blinden Vertrauen in seine Führung und in die Selbstlosigkeit seiner Hingabe an ihre Sache zu erfüllen. So mag es auch sein, daß er die vitale Kraft unterschätzt hat, die dem islamitischen Glauben noch immer innewohnt und die auch in unserer Zeit noch sehr viele seiner Anhänger dazu bringt, das Gebot des Propheten, das die Vernichtung der „Ungläubigen befahl, nacht weniger wörtlich zu nehmen, als dies vor tausend Jahren geschah. Sicher aber ist es, daß zumindest die Lage im Nahen Orient, und überhaupt die

Einstellung der arabischen Welt zum Westen, heute eine wesentlich andere sein würde, wären nach dem ersten Weltkrieg nicht die kurzsichtigen Projekte der Stümper und der Böswilligen durchgedrungen, sondern die wahrhaft staatsmännischen Pläne, die das umfassende Genie und die unbändige Tatkraft des Obersten Lawrence of Arabia mitsamt ihren Voraussetzungen geschaffen und zur Verwirklichung bereitgestellt hatten.

Der vorliegende Band bietet eine Sammlung von charakteristischen Briefen des Mannes, den Winston Churchill selbst als einen der größten unserer Zeitgenossen bezeichnet hat, und der auch in psychologischer Beziehung eine der ungewöhnlichsten Gestalten war; das Rätsel seiner Flucht aus welthistorischem Tun in die Anonymität eines Soldaten ohne Chargengrad wird wohl für immer ein ungelöstes bleiben. Ein Lebensbild aus der Feder Gottlob Winklers und eine Bibliographie vervollständigen den wertvollen Inhalt des Buches, dem im Hinblick auf die heutige Entwicklung im Nahen Osten auch eine besondere Aktualität zuzusprechen ist.

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