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Epos einer tragischen Zeit

In diesem monumentalen, in sich geschlossenen Epos führt Martin du Gard seine berühmt gewordene Geschichte der Thibaults zu Ende. Er läßt uns teilnehmen, nein, er zwingt uns zur gespanntesten Anteilnahme an den Schicksalen der beiden letzten dieser tragischen Familie, Jacques', des idealistischen und so verworrenen Revolutionärs, und seines Bruders Antoine, des ordnungsliebenden, strebsamen, seinem Beruf ergebenen Arztes, die beide das Äußerste opfern für die Ziele, in denen sie ihre Pflicht erkennen Ihre Schicksale sind unentrinnbar verknüpft mit der weltweiten Katastrophe, die durch die Schüsse von Sarajevo ausgelöst, aber nicht verursacht worden ist.

Jener langwierige, verwickelte Krankheitsprozeß, der schließlich zum ersten Weltkrieg geführt hat, wird hier grell beleuchtet und in packender Bildhaftigkeit entrollt. Martin entgeht der naheliegenden Versuchung, nach dem Ereignis klug sein zu wollen; er läßt seine

Akteure nicht Dinge wissen, die damals, in den kritischen Tagen des Sommers 1914, nicht so ziemlich jedem aufmerksamen Beobachter des Zeitgeschehens bekannt sein konnten. Und sie waren höchst aufmerksame Beobachter, Jacques und seine revolutionären Freunde der verschiedensten Schattierungen, die da in Genf, dem alten Zufluchtsort der Entwurzelten, beisammen saßen und ihre Komplotte schmiedeten. Alles kam unter ihre Lupe: die imperialistischen Ambitionen und nationalistischen Überheblichkeiten, die geheimen Ränke und wieder die unbegreifliche Planlosigkeit der verschiedeneen Regierungen, ;hr Schwanken zwischen Mißtrauen, Angriffslust und Furcht, die merkantilistische Raffgier und der Hochmut der Besitzenden, der persönliche Geltungsdrang und die mangelnde Staatskunst der führenden Männer, ihre oft verfehlten Begriffe von Ehre, Prestige und Bündnislreue, und all die Imponderabilien, die sonst noch mitgewirkt hatten, um dem Verhängnis freie Bahn zu schaffen.

Und noch ein anderer Konflikt wird da von Meisterhand gezeichnet: der ideologische Konflikt zwischen den human fühlenden Evolutio-nisten, wie Jacques einer ist, die nicht glauben können, daß es möglich ist, auf dem Trümmerfeld einer blutigen Revolution mit ihrer Verleugnung aller ethischen Werte, mit ihren Gewalttaten und ihrer brutalen Tyrannei, das Reich der Gerechtigkeit und Brüderlichkeit zu errichten, und den anderen, den .echten“ Revolutionären, die, wie Meynestrel, kein Bedenken tragen würden, ihren chilia-stischen Träumen unübersehbare Hekatomben Schuldloser zum Opfer fallen zu sehen.

Der Autor nimmt nicht Partei; seine Sympathien, das ist kaum zu bezweifeln, liegen sehr weit .links“, aber es bleibt dem Leser überlassen, sich sein Urteil selbst zu bilden. Auch in der Darstellung historischer Gestalten und der Rolle, die sie spielten, ist die Objektivität des Autors bemerkenswert, und seine Porträtskizzen, etwa eines Poincare, eines Jaures und anderer, sind als geradezu klassisch zu bezeichnen. Damit kommt diesem faszinierenden Roman auch eine nicht geringe historische Bedeutung zu, und es ist bedauerlieh, daß sich einige sachliche Irrtümer eingeschlichen haben, die leicht zu vermeiden gewesen wären. Osterreich kann schwerlich geplant haben, mit Rumänien und Bulgarien (l) einen antislawischen Block zu bildent Berchtold hatte weder zur Zeit des Belgrader Königsmordes noch während der Balkankriege, irgendeinen Einfluß auf Österreichs Balkanpolitik; daß ein österreichischer Oberst in den kritischen Julitagen zu dem Zweck nach Berlin geschickt worden sei, um mit dem deutschen Generalstab einen Plan auszuhecken, wie Rußland und dadurch indirekt auch Deutschland zur Mobilisierung gezwungen und der Kriegsausbruch damit unvermeidlich gemacht werden könne, ist natürlich glatter Unsinn; und, ein keineswes belangloses Detail, der 23. Juli 1914 war nicht ein Dienstag, sondern jener Donnerstag, an dem das österreichische Ultimatum in Belgrad überreicht wurde.

Die Ubersetzung ist im allgemeinen sehr gut, nur bei der Wiedergabe gewisser technischer Bezeichnungen ist der Ubersetzer, durch allzu ängstliches Kleben am französischen Text, auf ärgerliche Untiefen geraten. So nennt man den französischen President du Conseil auf deutsch

Gedichte um den Dekalog

Der Dekalog, zehn Oden. Von Rudolf B a y r. Verlag Dr. G. Borotha-Schoeler, Wien. 38 Seiten.

Die Grazer Aufführung der „Köndgslegende* hat dem 1919 geborenen und durch Nachdichtungen griechischer Tragödien bekanntgewordenen Dichter und Essayisten viel Lob und Ermunterung eingebracht. Nun bekräftigt er sein Dichtertum durch ein Versbuch eigener Art. Die Kühnheit, in Österreich auf das Lied zu verzichten und über jede Versidyllik hinaus ins Geistige vorzustoßen, zeugt für Eigenart. Noch mehr die noch größere Kühnheit, sich an eines der ewigen Themen heranzuwagen, an eines der wenigen ganz großen, die die Welt zu vergeben hat: Gedichte um den Dekalog.

Schon das Beginnen allein erfordert unsere Aufmerksamkeit und Ermunterung. Freilich legen wir an das große Vorhaben auch sogleich den strengen Maßstab. Vielleicht erwartet einer, daß nun um die Zehn Gebote, die herrlichste Gesetzestafel der Menschheit, eine gewaltige Epopöe aufgebaut wäre. So weit geht der Dichter nicht. Er kennt seine Grenzen — das spricht für seine innere Wahrhaftigkeit —, er erfüllt das zeitlose Thema nicht mit Zeit — das weist auf eine mehr ästhetische, denn die Auseinandersetzung und Entscheidung suchende Natur —, er bescheidet sich mit einer poetisch bildhaften Umschreibung — das rückt sein Werk in jenes Helldunkel, darin echte und reine Verse zu leuchten anheben.

Als Beispiel sei hingewiesen auf den Abschluß des achten Gebotes, wie hier gerade in dem Schlüsse, ohne daß der Anruf schematisch oder eintönig wird, vom Sprachlichen her sich alles rundet und dicht wird, wie der freie Vers in die höhere Gebundenheit findet und in dieser Gebundenheit Aussage, Bild und Nutzanwendung, ein dichterisches Ganzes, wird.

So kommt es wohl nicht zu einer letzten gültigen dichterischen Deutung, die sucht der Dichter auch gar nicht, und wenn er sie nicht will, können wir sie ihm auch nicht abfordern, wohl aber zu einer interessanten und in den selbstgesteckten Grenzen mit Erfolg gewagten Paraphrase, die der hohen christlichen Dichtung sich nähert. Dafür und schon allein für den Wurf, für das Wagnis inmitten so vieler wagemutlosen Gedichtbücher sei dem Dichter Dank.

Ministerpräsident und nicht .Präsident des Rates“; der französische adjudant ist unter gar keinen Umständen ein .Adjutant“, sondern, nach der österreichischen Rangbezeichnung, ein Offizierstellvertreter; eine „Reiterkompagnie“ heißt bei uns Schwadron, und sie wird nicht von einem „Hauptmann der Kürassiers“ kommandiert, sondern von einem Rittmeister. Solche und ähnliche Fehler wären leichter verzeihlich, handelte es sich hier nicht um eines der hervorragendsten Werke der modernen Weltliteratur. Im übrigen hat der Verlag durch eine besonders gediegene Ausstattung des Buches seinem hohen Rang Rechnung getragen, Kurt S t r a c h w i tz

Uns ward ein Kind geboren. Eine Weihnachtslegende .von Georg Teriamare. Osterreichische Verlagsanstalt, Innsbruck 1951. 120 Seiten.

Schon öfter als einmal haben Dichter den Versuch unternommen, den Schauplatz der Geburt Christi in ihr Heimatland zu verlegen. Georg Terramare, der 1948 in La Paz verstorbene Wiener, hat kurz vor seinem Tode den Boden seiner Vaterstadt dazu ausersehen, an die Stelle von Bethlehem zu treten, angeregt durch »Die Flucht nach Ägypten“, die im Schottenstift hängt. Als Rahmen für das heilige Geschehen wird das liebenswürdige Wiener Vorstadtkolorit aufgeboten und in ernsten und gemütvollen Versen wird die für unsere Stadt typische Figurenweit beschworen. Was dem vom Verlag in guter Aufmachung herausgebrachten Buch besonderen Reiz verleiht, sind die von Prof. Ernst S c h r o m beigesteuerten Zweifarbenholzschnitte und Initialzeichnungen, die neuerdings vom Einfallsreichtum und feinen Formensinn dieses ausgezeichneten Künstlers beredtes Zeugnis ablegen. Josef R e i s i n g e r

Berghotel. Roman. Von Alma H o 1 g e r-sen. Paul-Zsolnay-Verlag, Wien 1951. 395 Seiten. (

Der Roman erzählt von der Entstehung eines Berghotels und von den Schicksalen der Menschen, die es bewohnen. Ein junger Mann namens Ferdinand, den Krankheit zum Aufenthalt im Gebirge nötigte, ist der Initiator und Leiter des Unternehmens, eine zwiespältige, haltlose Natur, ein Mensch, der fern von Gott lebt und von einem Liebesabenteuer zum anderen eilt, ohne innere Ruhe zu finden. Erst nach mancherlei Erlebnissen bereitet sich eine Wandlung zum Positiven in ihm vor. Auch die anderen Personen, die von ihren Trieben und Träumen beherrscht werden, darunter einige recht absonderliche Käuze, sind in vielem typische Kinder unserer Zeit. Den Ziellosen werden zwei gläubige Katholiken, ein Engländer und seine Braut, gegenübergestellt, doch wirken diese Gestalten ziemlich konstruiert. Der Roman bietet keine in sich geschlossene und klar entwickelte Handlung; er ist ein Mosaik aus vielen einzelnen Episoden, die häufig allzu breit geschildert werden. Die Autorin bemüht sich wohl, in seelische Tiefen zu loten und die geistige Krise des Menschen der Gegenwart zu beleuchten, doch wird mehr geredet als gestaltet, und die Darstellung bleibt im Detail stecken. Am besten gelangen jene Schilderungen, In denen die Landschaft in das Geschehen stärker einbezogen wird.

Dr. Theo Trümmer

Ruhe auf der Flucht. Roman von Lilly Sauter, österreichische Verlagsanstalt, Innsbruck, 198 Seiten.

Mit tiefem Verständnis für die Not der Verirrten und Entwurzelten, aber auch mit einem Scharfblick, der Sinn und Bedeutung des, Geschehens zu erfassen vermag, schildert Lilly Sauter die Erlebnisse Barbaras, eines jungen Mädchens, das die letzten Kriegstage und die folgenden Monate bei Verwandten in einer abgelegenen Ortschaft Tirols verbringt. Barbaras Freude über das Ende der bösen Zeit wird durch bittere Enttäuschung überschattet, denn .der Geist der Macht“, der jahrelang die Menschen in seinem Bann hielt, hat viele, Anhänger wie Gegner, im Innersten verhärtet. Und mit „der Befreiung“ ist noch nicht der Morgen wahrer Freiheit angebrochen. Jeder einzelne muß seelisch wieder gesunden, jeder einzelne muß, kurz gesagt, wieder Mensch werden. Das erkennt das Mädcnen Barbara auf Grund der Erfahrungen, die es in diesen Tagen mit Angehörigen der Besatzungsarmee, mit Einheimischen und Flüchtlingen immer wieder machen muß. In einem amerikanischen I Offizier findet Barbara einen verständnisvollen Helfer für ihr Bemühen. Verhetzte und Verschüchterte aus ihrer Erstarrung zu erwecken und vor weiteren Verirrungen zu bewahren. Sie entsagt, dieser Aufgabe zuliebe, ihrem Wunsch, sich fürs Leben mit dem Amerikaner zu verbinden. Er aber gibt ihr als Ortskommandant die Möglichkeit, den Knaben eines Jugendlagers, die nach dem Zusammenbruch ihrer Ideale jeden Halt verloren haben, Vertrauen einzuflößen und den Glauben an eine bessere, menschenwürdigere Zukunft zu schenken. Es ist ein Verdienst der Verfasserin, diesen Stoff unserer Tage dichterisch gestaltet und ebenso rücksichtsvoll wie eindringlich auf die letzte Ursache für alle Nöte der Kriegszeit und der folgenden Jahre hingewiesen zu haben.

Alfred Buttlar Moscon

Kaiser Friedrich Barbarossa. Eine Historie. Von Rudolph Wahl. Verlag „Das Silber-bott“, Salzburg. 403 Seiten.

Zwischen den fachwissenschaftlichen Darstellungen, nur einem beschränkten Kreis von Lesern zugänglich, und dem „historischen Roman“ ohne Wahrheitswert soll nach dem Willen des Autors eine dritte Spezies, eben die „Historie“, vermittelnd stehen, geschrieben für den einst breiten, heute leider im Rückgang begriffenen Kreis der historisch interessierten Laien. Gewiß eine höchs* wichtige Aufgabe, der sich die Fachleute nicht in genügendem Maß gewidmet haben. So ist es verständlich, daß sich der rheinische Großindustrielle Wahl aus seiner Liebe zur Geschichte heraus dazu berufen fühlte, „Historien“ Karls des Großen, Barbarossas und Friedrichs II. von Hohenstaufen zu schreiben. Er bringt dazu bedeutendes darstellerisches Geschick und das Wissen um die Bedürfnisse der Leserschicht mit, der er selbst entstammt.

Freilich ist es noch durchaus das wilhelmmische Deutschland, dessen Geschichtsanschauung aus jeder Zeile des Buches spricht: „Die Kurie versäumte keine Gelegenheit, ihre Souveränität (!) über die Krone (!) geltend zu machen und sich durch ihre Gesetze und Urteile, ihre Visitationen und Steuererhebungen im Reiche einzunisten. Dabei entstand vielfach ein heilloses Durcheinander, die unfehlbaren (!) Entscheidungen aus Rom widersprachen sich oft in der krassesten Form“ (S. 28) Die Taten der „gut staufisch“ Gesinnten einschließlich Reinalds von Dassel genießen dagegen stets unverhohlene Sympathie.

Das könnte noch hingehen, wären nicht auf fast jeder Seite grobe sachliche Mängel festzustellen. Einige Proben: Lothar III. ließ „die in Worms besiegelten Königsrechte .., fahren (S. 21): tatsächlich faßte er bald nach seiner Wahl schon diese Rechte schärfer als das Wormser Konkordat. Lothar führte den Papst nach Rom und „bekannte sich hier zum (?) Lehensmann seines Schützlings“ (S. 21). Was er leistete, war aber ein Sicher-heits-, kein Lehenseid, er tat nichts anderes als Heinrich V. und Konrad. Wahl hält die Weifensage für historische Wahrheit fS. 13), er meint, Otto von Freising sei in Cluny erzogen worden (richtiger wäre Klosterneuburg, S. 26) usw. Es sei Rudolph Wahl nicht verargt, daß ihm die Kenntnis der neueren Literatur zu seinem Thema mangelt: aber manches hätte sich schon nach Karl Hampes „Kaisergeschichte“ berichtigen lassen.

Univ.-Prof. Dr. Heinrich Fichtenau

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