6599646-1953_29_08.jpg
Digital In Arbeit

Papini über Michelangelo

Es ist heutzutage nur mehr Schriftstellern von großem Format und Forschern mit besonders glücklichem Instinkt für das Aufspüren neuer Quellen vorbehalten, ein beachtenswertes, unsere Kenntnisse bereicherndes Buch über Michelangiolo [(Florentiner Schreibweise) dem bisher schon Gebotenen anzureihen. Man möchte bei der klar geformten Wesensart Papinis zunächst in dem vorliegenden dickleibigen Bande eine Folge von geistvollen Essais erwarten, Ansichten, funkelnd von originellen Gedanken, reich an aufwühlenden Paradoxen. Dem ist aber keineswegs so. Der Schriftsteller tritt hinter dem Forscher zurück. Wenn es auch keine wissenschaftliche Lebensgeschichte in üblicher Aufmachung werden sollte, so noch weniger ein Lebensroman. Nicht „wie Ich sehe“ will uns Papini Michelangelo offenbaren, sondern ganz objektiv, wie der Altmeister wirklich war und wie er seine Zeitgenossen und sie ihn beurteilt haben. Der Verfasser hat dafür jahrelange gewissenhafteste Vorstudien gemacht. Der ungeheure Stoff an schon veröffentlichten Quellen, die genauestens verarbeitet sind, wurde noch au&-giebig vermehrt durch glückliche Neufunde in entlegenen Archiven, durch Einbeziehung einer kaum verwerteten Memoiren- und Tagebücherliteratur. Dabei werden vielfach Fehlurteile, die in der bisherigen Forschung fast schon kanonischen Wert erlangt haben, mit gründlichen Gegenbeweisen korrigiert, und weite Gebiete, die noch unbetreut blieben, neu erschlossen. Das Leben des Meisters ist wohl das Hauptthema, aber von ganz besonderem Wert sind die Charakteristiken aller jener, die mit dem großen Florentiner in irgend einer Beziehung gestanden sind. Die Ahnen, die Familienmitglieder, Auftraggeber und Schüler, Freunde und Widersacher, sonst berühmte Zeitgenossen, ja selbst die Dienerschaft, sie alle werden vor allem mit reichster Verwendung und wörtlicher Zitierung einschlägiger Briefstellen ganz sachlich charakterisiert, wobei vieles zutage kommt, was bisher verborgen war, und vieles aus falscher Beleuchtung ins rechte Licht gerückt wird. Besonders aufschlußreich die Kapitel: Savonarola, die Vorlesungen des Kopernikus, Macchiavelli, Michelangelo und Luther, Aretino als Ratgeber, Ignatius von Loyola, der hl. Karl Borromäus, die Leichenfeiern. Diese Auffassung hält die richtige Mitte zwischen jenen Biographen, die wie etwa Henry Thode Michelangelo heroisieren und Romain Rolland, der in dem Meister das Großbeispiel des Künstlers sieht, den sein dämonischer Genius und sein christlicher Pessimismus überwältigt und in unheilbarem Gegensatz zu seinem außerkünstlerischen Ich und zum wirklichen Leben bringt. Diese nach Form und Inhalt so sachlich gebändigten Ausführungen sind aber dem Autor mehr als eine bloß wissenschaftliche Aufgabe gewesen, ein wahres Herzensbedürfnis, dem von Jugend an hochverehrten Meister eine würdige Gabe pietätvoller Hingabe zu weihen. Mit den Ergebnissen anderer Forscher geht er manchmal darin etwas zu scharf ins Gericht, daß sie manch eine Nebenfigur im Umkreis des Meisters, z. B. seinen getreuen Arzt Baccio Rontini, nicht genügend gewürdigt hätten, was doch wohl nicht im Sinne ihrer Arbeit lag. Papinis in der Vorrede angekündigte Absicht, bei Abfassung des Werkes das Leben Michelangelos „lebendiger, umfassender und zutreffender“ als bisher geschehen darzustellen, ist restlos verwirklicht worden, freilich ohne „anspruchsvolle Erörterungen formaler oder kabbalistischer Aesthetik“.

Auch in den Bildbeigaben werden die immer wieder reproduzierten Beispiele tunlichst vermie-

den, dafür einige Darstellungen erstmalig veröffentlicht. Es wird in Zukunft nicht möglich sein, sich mit dem Leben und Schaffen Michelangelos näher zu beschäftigen, ohne dieses Werk eingehend zu Rate gezogen zu haben.

Univ.-Prof. Dr. J. Anselm Weißenhofer *

Oesterreich und das Abendland in der Wende des XIX. Jahrhunderts. Von Dr. juris Clemens Graf Brandis. Inn-Verlag, Innsbruck, 1953. 141 Seiten. Preis 48 S.

Nach einem recht befriedigenden Anfang weicht der Autor vom eigentlichen Thema so weit ab, daß man den Titel seiner Arbeit vergißt. Er läßt im weiteren Oesterreich Gerechtigkeit widerfahren, obwohl man mit seiner Ueberschätzung Metternichs sich nicht recht einverstanden erklären kann. In seinen Exkursen in die Geschichte der anderen Staaten, besonders der Frankreichs, zeigt sich Brandis mit dieser Materie wenig vertraut. So stellt er die Erschießung des Herzogs von Enghien und die Rollen Napoleons III. und Bismarcks in der Krise von 1870 als analoge Fälle hin. Dem Autor bleibt es auch vorbehalten uns zu erklären, wie der 1865 verstorbene General Lamoriciere den von „beiden Mächten“ (welchen?) geräumten Kirchenstaat im September 1870 gegen die Truppen Victor Emanuels verteidigen konnte. Die Kapitel (Vormärz, Risorgitnento, römische Frage, Europa unmittelbar vor der Revolution von 1848) behandeln geschichtliche Ereignisse, zwischen denen und der Jahrhundertwende kein unmittelbarer Zusammenhang besteht.

Eugen Marian

Die Sagen und Legenden der Stadt Wien. Von Gustav G u g i t z. Verlag Brüder Hollinek, Wien 1952. 237 Seiten.

In der Vorrede zu den deutschen Volkssagen haben die Brüder Grimm am- 14. März 1816 von dem „leichten Aufheben der Blätter“ geschrieben, von dem „behutsamen Wegbiegen der Zweige, um das Volk nicht zu stören“. Gugitz, der bekannte Autor vieler Viennensia, versteht sich auf diese Zartheit. So bedauerlich und leider wahr es ist, daß diese Wiener Sagen (im Gegensatz zu anderen) ihr Leben nur noch in Lesebüchern fristen, so dringlich ist ihre Pflege, das heißt vornehmlich Säuberung. Abstand ist genommen von Bermann -und Gefolge, näher ist Erweisliches, quellenmäßig Belegtes — wie überhaupt die Quellenangaben in ihrer Genauigkeit an des Verfassers Wiener Buch vom Kaffeehaus (1940) gemahnen. 80 Seiten hierfür, Chronologie und dreifaches Register machen die Benützung dieses Buches zu einem Vergnügen. Ein Stein mehr für den Bau einer historisch-kritischen österreichischen Sagenausgabe!

Hanns Salaschek

*

Einführung in die Keltische Münzenkunde mit besonderer Berücksichtigung Oesterreichs. Von Karl Pink. Verlag Franz Deuticke, Wien. 55 Seiten, 8 Tafeln und 1 Fundkarte (Archaeologia Austriaca, Heft 6).

Keltische Münzkunde ist infolge der mannigfachen Eigenwilligkeiten, die das keltische Münzwesen kennzeichnen, eines der schwierigsten Kapitel antiker Numismatik. Kein Wunder darum, daß es an einer modernen Darstellung dieses für den Historiker so wichtigen Teilgebietes der Geldgeschichte mangelte. Nun liegt sie in der Arbeit von K. Pink vor. Der Verfasser, der seit Jahren als Professor für antike Numismatik an der Wiener Universität wirkt und auf Grund zahlreicher richtungweisender Veröffentlichungen internationales Ansehen genießt, hat hierzu bereits 1936, 1937 und 1939 eindringliche Untersuchungen publiziert. Seiner profunden Materialkenntnis und seiner nüchternen, stets auf das Wesentliche

bedachten Darstellungsweise ist es zu danken, daß das Thema jetzt in einer komprimierten Zusammenfassung vorliegt. Denn wenn auch die eigentliche keltische Münzung nicht viel mehr als ein Jahrhundert umfaßt (etwa 150 bis 50 v. Chr.), so liegt die große Gefahr aber in der verwirrenden Fülle des Materials. Pink hat es mit klarem Ordnungssinn gemeistert und legt es in übersichtlicher Disposition vor. Freilich erfordert sein sehr knapper Stil einen geduldigen Leser, der bereit ist, sich Wissensstoff zu erarbeiten. Da das Buch nicht nur einen Ueberblick über die getarnte keltische Münzprägung Europas vermittelt, sondern auch das Keltengeld Oesterreichs eingehend behandelt und durch vorzügliche Abbildungen illustriert, ist es für den Numismatiker und Historiker unentbehrlich.

Dr. Rudolf Noll

Hier ist Afrika. Von Attilio und Ellen G a 11 i. 158 Seiten. — Auf Jagd in Grönland. Von Alwin Pedersen. 158 Seiten. Beide im Ullstein-Verlag, Wien.

Die Erzählerkunst des Forscherpaares Gatti, die einer zahlreichen Lesergemeinde besonders aus dem glänzend geschriebenen Expeditionsbericht „Ich ging nur mit...“ in bester Erinnerung ist, kommt auch in „Hier ist Afrika“ voll zur Geltung. Das Buch führt uns von den Mittelmeergebieten des Schwarzen Kontinents bis hinunter in die Südafrikanische Union; eine Fahrt, die sich unter der kundigen Leitung Attilio Gattis und seiner in Afrika so wohlbewanderten amerikanischen Frau durch zahlreiche Exkursionen in den Bereich der Ethnologie, der Geschichte, der Wirtschaft und Kultur, und auch der aktuellen Politik, äußerst anregend und eindrückereich gestaltet. Gut gewählte Photographien vervollständigen den Text dieses wertvollen kleinen Werkes.

Auch Pedersens Buch bietet, vor allem dem Waidmann und Naturfreund, eine fesselnde Lektüre, wenngleich die Erlebnisse, die hier geschildert werden, zum Teil schon fast dreißig Jahre zurückliegen und keinen Einblick in die Veränderungen geben, die seit dem letzten Krieg selbst in manchen der entlegensten Gebiete Grönlands eingetreten sind. Kurt Strachwitz *

Flackernder Halbmond. Hintergrund der islamischen Unruhe. Von Friedrich Wilhelm F c r n a u. Verlag Eugen Rentsch, Zürich-Erlenbach. 319 Seiten mit 13 Karten.

Zwischen Europa und den traditionellen südlichen und östlichen Kolonialländern liegt die Zone der 350 Millionen Mohammedaner: Brücke und Bindeglied zwischen Ost und West. Je unsicherer die Beziehung Europas zum „Fernen“ Osten wird, um so mehr gewinnt für uns der „Nahe“ an Bedeutung. Die Relation Europas zum Mohammedanismus, durch Jahrhunderte statisch, ist indes so veränderlich geworden, wie die Lage in den islamischen Ländern selbst, die einen soziologischen, politischen und wirtschaftlichen Umformungsprozeß durchmachen, dessen Ergebnis sich nicht voraussagen läßt, der aber dauernder ernster und sachkundiger Prüfung bedarf. Ob hier eine Europa zu- oder abgewendete Welt entsteht ist für uns von höchster und vielleicht einmal ausschlaggebender Bedeutung. Es wäre tief zu beklagen, wenn die bestehenden, oft unterschätzten Gemeinsamkeiten, die der Sultan von Marokko erst kürzlich französischen Katholiken gegenüber betont hat, durch Feindseligkeiten einer Ueber-gangsperiode verschüttet würden. Fernau hat zu dieser komplexen und weitgespannten Problematik aus langjähriger persönlicher Erfahrung Beobachtungen und Erkenntnisse gesammelt und in einem aufschlußreichen Buch niedergelegt. Der Weg zu einem friedlichen und freundschaftlichen Zusammenleben führt über die Erkenntnis der Position des Partners. Fernaus Buch ist ein wertvoller Beitrag zu einem solchen Verständnis.

Carl Peez

Ruf der Wüste. Das Leben Charles de Fou-caulds. Von Anne Fremantle. Benziger Verlag, Einsiedeln, 1953. 336 Seiten. Preis 46.15 sfr.

Der Verlag Benziger bietet uns im vorliegenden Werk die Uebersetzung eines im Jahre 1945 in New York erschienenen Buches, dessen Titel lautet: Desert Calling. Es ist die Biographie Charles de Foucaulds, dessen Seligsprechungsprozeß bereits im Jahre 1927 eingeleitet wurde. Charles de Foucauld ist eine der interessantesten Erscheinungen in der neueren Kirchengeschichte. Nicht nur sein äußerer Lebensweg vom Offizier zum Afrikaforscher von Namen und von da zu seiner Bekehrung, zum Eintritt in den Trappistenorden, den er aber wieder verläßt, um einen neuen Orden zu gründen, sondern auch das Emporwachsen bis zur höchsten Christusmystik, wird in dieser Biographie lebendig dargestellt. Da aber alle Versuche fehlschlagen und alle Freunde abraten, wählt Foucauld das Einsiedlerleben in der Sahara. In seiner Einsiedelei in Tamrasset, die aber inzwischen zur Zufluchtstätte vieler Einheimischer und noch mehr der französischen Kolonialsoldaten geworden war, wurde er am 1. Dezember 1916 von Einheimischen ermordet. Alle Versuche, Brüder zu sammeln, die sein Leben äußerster Armut teilen sollten, schlugen bis zum Ende seines Lebens fehl. Trotzdem gab er diesen Gedanken nie auf. Erst wenige Jahre vor seinem Tode gewann seine Idee konkrete Gestalt in der Gründung einer Art Dritten Ordens zur Bekehrung Ungläubiger. Bei seinem Tode zählte die junge Gemeinschaft 49 Mitglieder. Erst nach seinem Tode wurden die von ihm selbst entworfenen Richtlinien von seinem ersten Getreuen, M. Massignon, veröffentlicht. Nach der Regel arbeiten die Brüder im verborgenen und in Verkleidung, wo sie es nicht offen tun können. Sie betätigen sich ärztlich, kulturell oder humanitär. Zwei Frauengenossenschaften, die erst

1933 gegründet wurden, wenden diese Grund. Sätze eines Lebens äußerster Armut und Niedrigkeit und der Kontemplation, die Foucauld in fünfzehn und mehr Stunden vor dem heiligsten Altarsakrament zubrachte, der werktätigen Liebe eine „Bruders aller Menschen“ unter den Stämmen in der Wüste auf die Verhältnisse ihrer Umgebung an. Sie gehen nicht nur nach Afrika, sie siedeln sich auch in religiös vollkommen entwurzelten Gegenden Frankreichs, auf dem Lande oder in Industriegegenden, an und wirken dort, sich ganz in ihre Umgebung einfügend. Sie wollen durch das Zeugnis ihres Lebens in der Armut wirken.

Das eigenartige Leben diese großen Franzosen ist also zum Wegweiser eines neuzeitlichen Vollkommenheitsideales und Apostolates geworden. Darin liegt die große Bedeutung Charles de Foucaulds. Die sehr ausführliche, historisch peinlich genaue und gut geschriebene Biographie enthüllt uns aber auch die selten große Seele dieses neuzeitlichen Diener Gottes. Man kann an diesem Leben nicht vorbeigehen, ohne von Ehrfurcht ergriffen zu werden. Dem Verlag und der Ueber-setzerin gebührt unser Dank dafür, daß sie uns diese wertvolle Biographie zugänglich gemacht haben.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau