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VON NEUEN BÜCHERN

1910 hat W. Schmidts Pygmäenbuch die menschheitsgeschichtliche Bedeutung der Zwergvölker dargelegt und zu ihrer Erforschung aufgerufen. Der diesen Ruf verstand und seine Erfüllung als sein Lebenswerk aufnahm, ist der Verfasser des Buches „Menschen ohne Geschichte“1'. P. Schebesta ist der heute beste Kenner der Zwergvölker der Erde, Afrikas sowohl wie Asiens. Das Buch, kriegsbedingt sechs Jahre nach der Abfassung des Manuskripts erschienen, will Bericht erstatten über eine unmittelbar noch vor Ausbruch des letzten Weltkrieges unternommene Forschungsfahrt nach den Philippinen und nach der Halbinsel Malakka. Einmal schon, 1925, hatte der Forscher längere Zeit bei den Semang-Pygmäen Malayas zugebracht, zweimal dann die Bambuti Zwerge im Ituri-Kongo-Ge-biet Afrikas aufgesucht. Diesmal galt sein Interesse den Aeta (Negrito) der Philippinen, über deren materielle Kultur nur sehr wenig, über deren geistig-religiöse Welt (abgesehen von einigen im „Anthropos“ veröffentlichten Studien des Forschermissionars P. Vanoverbergh) bisher so gut wie nichts bekannt war. Die Negrito („Zwergnegerchen“), auch Aeta („Schwarze“) genannt, gehören zu den älttsten uns erfaßbaren, den „Urvölkern“ der Erdet Wohl sind si« „Menschen ohne Geschichte“, das heißt ohne geschriebene Geschichte; aber sie haben eine über viele Jahrtausende zurückreidiende Geschichte niedergelegt in ihrem materiellen wie geistigen Kulturbesitz und aus ihm in sorgsamer methodischer Forschungsarbeit rekonstruierbar. Neben und nach diesen Negritos nahm die Aufmerksamkeit des Forschers im besonderen in Anspruch „ein Völkchen, das zu den scheuesten und darum unbekanntesten der Erde gehört“, die Magyanen der Insel Mindoro. Was der Verfasser — im vorliegenden Reisebuch nur in einigen knappen Skizzen — uns an Einblicken in die Religion der Aeta und Mrngyanen erschließt, wird in der religionsgeschichtlichen Forschung

Eine Forschungsreise zu den Wildvölkern der Philippinen und Malayas 1938/39. Von Paul Schebesta. Verlag der Missionsdruckerei St. Gabriel, Mödling 1947.

noch eine bedeutsame Rolle zu spielen berufen sein. Das Buch führt uns hinein in einen Kulturbereich, der bis heute als fast gänzlich uner-schlossen gelten mußte, der auch dem Völkerforscher Rätsel zu erschließen gibt wie wenige andere Gebiete der Erde. Nach Durchforschung mehrerer Negrito-Stämme und einiger anderer Primitivstämme der Philippinen ging Schebesta hinüber zu den Orang Utan (Urwahimenschen) von Malaya, um dort seine 1925 gewonnenen Forschungsergebnisse zu ergänzen, gegebenenfalls zu berichtigen, ein Vorhaben, das — wie er mit Genugtuung feststellen kann — ausgezeichnete Früchte zeitigte. Allerdings, seine „kleinen Freunde“ traf er nicht mehr wie 15 Jahre zuvor; die Zivilisation hatte inzwischen auch hier im Urwald nicht haltgemacht, unter den Semang hatten Hunger, Elend und Seuchen verheerend gewütet. Beim Abschied tröstete er sie nicht mehr auf ein Wiedersehen. — Um seine umfassenden Kenntnisse der Pygmäen lückenlos zu vervollständigen, hatte der Forscher noch eine Fahrt zu den Andamanen geplant. Der Ausbruch des Krieges machte die Durchführung dieser Expedition unmöglich. — Mit Lebendigkeit und Anschaulichkeit, dabei unbedingter Zuverlässigkeit spricht in dem Buch ein Forscher zu uns, der unter tausend Mühen und Gefahren seinen Zwergen bis in die entlegensten Lagerplätze und Behausungen des Urwaldes und Gebirges nachgegangen ist, denn nur dort wollte er sie sehen, nur so konnte er sie studieren. Das Erlebte und Geschaute wird hier in die Form des Reisebuches gebracht, der wissenschaftliche Ertrag soll in späteren Publikationen der Fachwelt zugänglich gemacht werden. Sdiebestas Buch wird weithin Interesse finden. Viele werden es dankbar begrüßen, hier nicht in sensationell-abenteuerlichen Erzählungen, sondern an bewährter und fachkundiger Hand, unter gemütvoil-feinbeseelten Schilderungen in die romantische Welt ältester Menschheitskultur hineingeführt zu werden. Die Abbildungen des Buches verdienen hohe Anerkennung. P. Sdiebesta hat uns wieder einmal eine ganz köstliche Gabe auf den Büehertisdi gelegc.

Christus kam nur bis Eboli. Von Carlo L e v L Europa-Verlag, Züridi-Wien.

Allmählich werden die wichtigen geistigen Ergebnisse des- letzten Jahrzehnts der Öffentlichkeit bekannt und auch für Österreich zugänglich. Man staunt über die dichterische Glut und den geistigen Reichtum, die von den Marschtritten des italienischen Faschismus nicht zertreten wer-.den konnten. Die wahren Dichter versenkten sich nur noch mehr in das Leben und Leid ihres Volkes, entdeckten manche feine Züge des täglichen Geschehens und legten darüber auch Rechensdiaft ab. Carlo Levi, ein Arzt aus dem Norden Italiens, wurde wegen seiner sozialistischen Gesinnung und illegaler Betätigung nach dem Süden, nach Lukanien, verbracht und in einem malariaverseuditen Dorf konfiniert. Er lebte dort unter Bauern, denen das äußere Gesdiehen fremd blieb. Sie folgten geistigen

Gesetzen, die mit dem bestehenden und augenblicklichen System nichts gemeinsam hatten. Von daher wird der Titel des Buches erklärbar. Sie fühlen sich nicht einmal als Christen: „Wir sind keine Christen“, sagten sie, „Christus ist nur bis Eboli gekommen.“ Dieses Leben ist keine geistige Realität und ist kein christliches Dasein, nidit einmal das eines richtigen Menschen, sondern das von Tieren, Lasttieren, Koboldwesen. Aber es gilt diese Behauptung des Autors auch von der Trostlosigkeit der Landschaft, ihrer ausgeprägten Armut, die von diesem Landstrich nie genommen wurde, indessen seit Jahrtausenden hier die Menschen die gleiche Mühsal bedrängt. Der Autor spricht deshalb von einer „hals, starrigen“ Armut, die von irdischem Leid über und über belastet ist. Mit sorgsamen Händen werden diese Welten, die auf engem Raum zusammenstoßen, gezeichnet, ohne daß der Autor dabei in eine Schwarzweißmalerei verfällt, während das Typische doch eine tiefe Deutung findet. Auch der Pfarrer ist herabgekommen und fast verkommen, und doch haften ihm viele menschliche Züge an, die an Franziskus gemahnen. Den Grundton dieses Buches jedoch gibt die Haltung eines unerlösten Heidentums an, das all diese Menschen umfängt und eigentlich trägt, als wäre Christus wirklich noch nicht in ihr Dorf gekommen, obwohl er mitten unter ihnen ist und aiith die frohe Botschaft ihnen gilt. Mit diesem Problem aber weiß der Autor nicht viel anzufangen. Er selbst wird aus dieser Umgebung befreit und überläßt dieses Dorf dem Schicksal. So trefflich die Bangnis und Qual dieser unerlösten Menschen mit ernsten und tiefen Worten geschildert wird, auf die letzten Fragen wird keine Antwort gegeben. Dazu war er wohl vom Standpunkt seiner Weltanschauung nicht imstande.

Dr. Leopold L e n t n e r

Sprache und Körperbau. Von Ernst Jünger. Verlag der Arche, Zür'di 1947. 61 Seiten.

Hier wird auf wenigen Seiten ein schillernder Beitrag zur Anthropologie geliefert. Dieser kleine Versuch gehört zu den Bemühungen, aus der Zerrissenheit der Gegenwart zu etwas Einigendem, zu dem gemeinsamen Menschenbilde zu finden. Es wird darauf hingewiesen, daß zwischen Sprache und Körperbau eine unmittelbare Beziehung bestehe, daß „beide durch schöpferische Kraft einander zugeordnet sind“. So verstanden, „ist der Körper Werkzeug, die Sprache Element“. Das Buch bietet geistvolle, aber nicht immer ganz einleuchtende Untersuchungen über sprachlidi körperliche Zuordnungen der Hand, von Kopf und Fuß und von den fünf Sinnen. Die Fülle der Symboldeutungen regt zum Besinnen, aber auch zum Widerspruch an. Diese Symbolfindungen machen das Werkchen zu einem nachdenklich stimmenden Zeitvertreib. Es muß aber darauf hingewiesen werden, daß sie, besonders was die religiöse Ableitung betrifft, ganz subjektivistisch und fast durchwegs abzulehnen sind (siehe Schöpfungstheorien, Seite 15/16). — Für den Kenner der Werke Ernst Jüngers ist diese kleine Schrift ein Beweis, daß der Verfasser von der Annahme des mechanistischen Weltbildes abgerückt ist. Der sprachlich und menschenkundlich Interessierte wird aus der gebotenen Auswahl eine Auswahl treffen und zur Ergänzung, zum Teil auch zur Berichtigung der vorgelegten Gedanken angeregt werden. Nicht aber erschließt diese Arbeit dem religiösen Menschen etwa das Geheimnis der christlichen Existenz, die Ebenbildlichkeit Gottes. Die sich überschneidenden und überstürzenden Symbole, die nichts mit der Auffassung der Kirche zu tun haben, sind eher dazu angetan, die Klarheit und Eindeutigkeit, von Gottes Schöpfung zu verschleiern.

Dr. Eva Firkel

Die schönsten Novellen Theodor Storms.

Verlag Alfred Scherz, Bern. 352 Seiten.

Der gemütvolle Erzähler Theodor Storm ist eine der sympathischesten deutschen Dichter-ersdieinungen des 19. Jahrhunderts. Ein „Pole Poppenspäler“ und sein von fast unheimlicher Romantik umwobener „Schimmelreiter“ sind in zahlreichen Ausgaben Gemeingut weiter Volkskreise geworden. In dieser schönen Ausgabe finden sich diese beiden Meisternovellen wieder und ebenso die herzgewinnenden Erzählungen „Immensee“, „Viola Tricolor“ und „Aquis submersis“. Die norddeutsche Deichlandschaft, ihre Menschen, noch geformt von einem patriarchalischen Dasein und einer gesunden protestantischen Frömmigkeit, werden auch dem mitteleuropäischen Leser dank der Darstellung eines wahren Künstlers rasch vertraut. Die letzte Storm-Ausgabe, bei Habbel in Regensburg erschienen, ist längst vergriffen. So füllt die vorliegende Ausgabe eine Lücke. f.

Der Stärkere. Ein Roman aus den Bergen. Von M. Kammerlander. Festungsverlag, Salzburg 1947.

Ein Buch von triebhafter Unbekürnmertheit, wie sie im Leben der Landbevölkerung in der engen, oft auch kampfreichen Verbundenheit mit der Natur häufige Erscheinung ist. Die Problemstellung ist nicht neu, aber immer wieder ansprechend: die Liebe und das Ringen um das angestammte Erbe, hier verkörpert in einer Frau, die dem Väterhof zuliebe ein Leben des Elends auf sich nimmt und dadurch den, der, ohne es zu wissen, von den gleichen starken Impulsen erfüllt ist, immer wieder herholt zum selbstlosen Dienst an der Heimatscholle; knapp an Schuld vorbei geht der Weg zur Lösung. Die psychologische Durchze'chnung der. Gestalten ist kräftig skizziert, manchmal vielleicht etwas zu grob, das rein körperliche Heldentum steht begreiflicherweise in der Wertschätzung von heute nicht allzuhoch im Kurs, und der Schluß (der große Wohltäter, der alles zum guten Ende bringt) mutet ein wenig romantisch an. Aber die Geschichte ist gut erzählt, die Handlung in“ spannender Steigerung aufgebaut, die Leserwelt wird das Buch bestimmt sehr freundlich aufnehmen. Dr. Alma M o t z k o

Torgarten und das Kind. Von Wilhelm Braß. Ullstein-Verlag. 168 Seiten.

Das Buch verspricht zunächst mehr, als es hält. Die erste der drei Novellen ist in Tagebuchform geschrieben und mit vielen Land-sdiafts- und Stimmungsschilderungen ausgeschmückt, die fein beobachtet und gezeichnet sind. Die Menschen hingegen sind alle kraft- und haltlos; der einzige, der Charakter hat, geht daran zugrunde. Die Umwelt stürmt auf sie mit einer Vielzahl von Bildern und Ausschnitten aus Einzelschicksalen ein, mit denen sie nicht fertig werden. Bezeichnend ist, daß in jeder der Geschichten ein Pfarrer vorkommt. Es mag irgendwo einen Gott geben, aber auch er kann keinen gangbaren Weg zeigen und ist ebenso unverständlich wie der plötzliche Tod eines kleinen Mädchens bei einem Eisenbahnunglück. Das Gefährliche an dem Buch ist seine dekadente Tendenz, die hinter farbigen, malerisch empfundenen Bildern verborgen liegt. Irgend etwas von dem Grundsatz, daß alles Schöne auch gut ist, schwingt in jeder Zeile mit, und so löst es auf, statt die großen Zusammenhänge zu sehen und zu einem festen Weltbild zu knüpfen.

Peter B e r n e r

Unter dem Drachenbaum. Legenden und Überlieferungen von den Kanarischen Inseln. Von Horst U d e n. Johann Schönleiter-Verlag, Aieh-kirchen, Wien-Leipzig.

Um die alte Heraklessage von dem Raub der Äpfel und der Metamorphose der Bäume zu unheimlichen Wächtern der „Glücklichen Inseln“ schlingt sich auf Teneriffa, Gran Canaria, La Palma und den kleineren Schwesterinseln ein exotisch leuchtender und duftender Kranz von älteren und neueren Legenden und Berichten, die der weitgereiste Verfasser in schöner, sprachkultivierter Form neu belebt. Vereinzelte blas-phemische Entgleisungen („Der Regenheilige“) hätten, ohne eine Lücke zu hinterlassen, unterbleiben können. Im ganzen ein Buch von Gehalt und Gestalt, voll gesunder Abenteueratmosphäre und eigenartigem Reiz des Kolorits.

Dr. Roman Herle

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