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VON NEUEN BÜCHERN

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Das verlorene Meer. Von Imma Bodmershof. Verlag Herold, Wien 1952. 196 Selten

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Das verlorene Meer. Von Imma Bodmershof. Verlag Herold, Wien 1952. 196 Selten

Mancher wurde von dem Bild der flandrischen Stadt schon gefangengenommen und versuchte seine Bildkraft an ihrem Schicksal, da die meerentfremdete, versandet und an Land geworfen, vereinsamte. Imma Bodmershof hat in diesem Buch, anders in einer frühen Fassung und nun in der jetzigen Gestaltung, einen Mann in diese Stadt eingehen lassen, der ihr von Kind auf in einer seltenen Liebe zugetan war. Aus der Wirklichkeit des Tages in eine andere, tiefere, eingehend, erlebt er es, daß die Stadt ihr Ge- sich auftut vor ihm, wie ein Toter, den ein belebender Hauch getroffen. Aus den Talgründen der ihm zugewandten Augen der Vergangenheit dieser toten Stadt brennt ihr Schicksal in großen Bildern empor. Aus ihnen ziehen sich die Fäden in die letzte Gegenwart und gleicherweise in das Schicksal dieses Mannes, des Historikers Cornelius, es mit den seltsam versponnenem Leben ihrer Bewohner eng verbindend.

Dieser Mensch findet sich in dieser Stadt als ihr anderes Bild noch einmal, wie ja Mensch und Stadt als ein Ebenbürtiges aus uraltbn Gleichnissen schon begegnen. So ist das verlorene Meer — in solchem Gleichnis weitergesehen — das verlorengegangene seelische Vermögen, da die Kanäle, die Meer und Land wie Seele und Zunächst-Mensch- liches verbinden, versandet wurden. — Hier hat Imma Bodmershof eineD forschenden Schritt in tiefe Schichten des Seins hinter dem Augenschein getan; vieler Farben in vielen Bildern, wie aus einer bald durchsichtigen, bald ungewiß sichtigen Flut heraufgespielt, bedient sie sich dabei, und es will uns scheinen, als ob jede Farbe noch einen bestimmten Symbolgehalt als Bild- werdung eines ganz gewissen, weil gewußten Seinsgehalts hätte: Finde jeder sein see-

Balzac. Von Ernst Robert Curtius. Francke-Verlag, Bern 1951. 423 Seiten.

Das bestens eingeführte, erstmals 1923 bei Cohen in Bonn erschienene Buch liegt nunmehr in zweiter Auflage vor. Ein Buch, dessen Wert zu betonen, Eulen nach Athen tragen hieße. Es sei vor allem aus methodischen Gründen der heutigen Generation besonders ans Herz gelegt. Es zeigt in mustergültiger Weise, wie das innere „System" eines Dichters skelettiert, beschrieben und in seinen Ordnungszusämmenhängen sichtbar gemacht werden kann. Es führt geradezu den klassischen Nachweis, daß dieses Verfahren uns ungleich besser gesicherte Ergebnisse zu lieferh vermag als das alte Schema „Der Mann und das Werk“, das heißt das übliche Nebeneinander von Biographie und Werkanalyse. Curtius geht weder vom Leben noch vom Werk als letzter Einheit aus, sondern schält die von ihm. erschauten Ideenkomplexe und Lebensmächte einzeln aus Mann und Werk heraus, stets den jeweiligen Fragenkomplex an Mann und Werk aufzeigend. So stößt der Verfasser allem Etikettentum trotzend ins Innere der einmaligen Wahrheit „Balzac“ vor, wobei denn der „Realist“ Balzac (im üblichen Sinne) auf dem. Platze bleibt. Ausführungen über den „Magisinus oder über die „Energetik“ Balzacs stellen diesen Dichter in den säkularen Rahmen des 19. Jahrhunderts. Querverbindungen zu Baudelaire und dessen „poésie du mal“ zu Nietzsche, zur Frage des ästhetischen Immoralismus, ja bis zu Th. Mann lassen sich von den aufgezeigten Problem aus leicht herst llen. Es ist kein Zufall, daß dièses Balzac-Buch mit einer Huldigung vor Hofmannsthal schließt. Dieser war der erste, der 1908 in seiner Einleitung zum Insel-Balzac den größeren Balzac geschaut hat, dem auch dieses Buch gewidmet ist. Heute ist mit Recht der Zeitpunkt gekommen, da die ganze Größe dieser klaren, ruhigen und dabei grandiosen überschau über Balzac richtig gewürdigt werden kann, mit der der geniale Romanist und Prankist Curtius Balzac ein Denkmal errichtet hat, das auf dem Felde der Literaturwissenschaft das ist, was Rodin auf plastischem Gebiete gegeben hat.

Univ.-Doz. Dr. Robert M ü h 1 h e r

Der alte Hut, ein fröhlicher Roman. Von Hane Homberg, österreichische Buchgemeinschaft, Wien. 232 Seiten.

Der Verfasser der nach dem ersten Weltkrieg mit großem Erfolg aufgeführten Komödie „Kirschen für Rom“ hat mit diesem amüsanten Werk gewissermaßen ein Gegenstück in Romanform geschaffen. Allerdings spielt die ‘Handlung nicht am Tiberstrand, sondern in einer Residenz von Anno dazumal, in einem Milieu, das Spitzweg gemalt haben könnte. Aber die Personen, die uns begegnen, weisen die Vorzüge und Schwächen unserer Zeitgenossen auf, und so bietet sich für dçn Autor eine Fülle von Anlässen, mit geistreichem Witz und treffenden Bemerkungen die Trägödie des Menschlichen zu enthüllen.

Alfred Butlar-Moscön lisches Vermögen wieder, der Sand des festen Daseins hat ihn abgeschnürt, die seligen Wasser schimmern nur noch ferne und entfernter Eine andere Dichterin weist das „Verlorene Meer“ aus, als die Dichterin der „Rosse des Urban Roithner“; nicht, im Wesen verschieden, dichterische Sinnbildlichkeit hier wie dort, nur die Palette anders genützt: In den „Rossen“ von den Farben des ScheBls hinein in den Kern der Dinge, im „Verlorenen Meer“ die Farben der Unendlichkeit herüberSpielend durch unser Dasein hindurch. — Dem sich in dieses neue Buch Von Imma Bodmershof Versenkenden senkt sich das Lot in den eigenen Gründ.

Dr. Albert M i t r i h g e f

An der Schwelle Ewigkeit. Roman. Von

Kate O’Brien. Paul-Zsolnay-Verlag, Wien 1952.

Die Verfasserin des bekannten Romans „Jene Dame" erzählt in dem neuen Werk Ereignisse aus dem Leben einer irischen Familie der viktorianischen Zeit. Eine todkranke Frau an der Schwelle der Ewigkeit, die pur durch die Kraft ihrer Mutterliebe noch aushält, ihr unglücklicher Sohn, ihre Töchter Agnes und Marie-Rose, Vincent, der Gatte von Marie-Rose, und eine junge Krankenpflegerin sind die Hauptpersonen, die an den Tagen Allerheiligen und Allerseelen die Zuspitzung, aber auch die Lösung ihrer inneren Konflikte erleben. Die leidenschaftliche Liebe, die Agnes, eine überzeugte Katholikin, mit ihrem Schwager Vincent verbindet, treibt beide in eine seelische Krise. Agnes ringt

Sich um ihrer Schwester willen zum Verzicht durch, Vihcent aber flieht in den Tod. In diesem kultiviert geschriebenen psychologischen Roman erweist sich Kate O’Brien wieder als eine sehr begabte Autorin und feine Seelenkennerin, die es ausgezeichnet vet- steht, in die Tiefe der Charaktere zu leuchten. Auch in kleinen Episoden gelingt es ihr, das Besondere einer Gestalt spürbar zu machen.

Dr. Theo Trümmer

Hinter Goldenen Gittern. Der Orient erzählt. Ahdermann-Verlag, München-Wien.

Die unbeschwerte Erzählerkunst ist in Europa im Aussterben begriffen. Die Gründe dafür sind zahlreiche, doch können Sie nicht ganz darüber hinwegtäuschen, daß ein leises, heimliches Verlangen zurückbleibt, ein Verlangen, da6 seltsamerweise mit einer gewissen Ungeduld gepaart ist, wenn das Verlangte dargeboten wird. Mit anderen Worten ist es nicht der Genuß, sondern da6 Genießenkönnen, nadi dem wir Heimweh empfinden. Von diesem circulus vitiosus sind vielleicht nur einige der schönsten Erzählungen aus „Tausendundeiner Nacht" ausgenommen. Sie in einem Band zu vereinen (dem ein zweiter folgen 6oll), eine Schriftstellerin ausfindig zu machen — Gerda Hagenau —, die nicht nur ein 6diönes, klares Deutsch schreibt, sondern auch Ägyptologin ist, und für entsprechende Illustration zu sorgen, 16t also 60 etwas wie ein vcrlegerische Tat, eine Tat, die notabene auch finanziell keine schlechtes Geschäft sein muß. Wir sagten „entsprechende Illustrationen .. . , als ob da6 60 einfach wäre! Der Orient, die Welt der Harems und Sklavenmärkte hat schon manchen Illustrator in böse Versuchung geführt. Türkischer Honig ist süß; da6 ist nun einmal 6ein Wesen, aber er darf nicht noch dazu parfümiert werden. Es i6t nicht die Sinne6freudigkeit, an der Anstoß zu nehmen ist, e6 i6t die Weglassung jenes Sinns für das Komische, Drastische, Lächerliche, die Weglassung des Salzes also. Die zweifelsohne 6ehr begabte deutsche Illustratorin Gudrun Keussen hat nicht all diesen Versuchungen widerstehen können, aber es spricht für sie, daß selbst dort, wo sie ihr Opfer geworden, ihr Talent nicht verborgen geblieben ist.

Heinrich Maria W a a s e n

Der Sohn Napoleons. Von Mathilde von M e t z r ä d t. Biederstein-Verlag, München.

Dieser pseudo-historische Roman, den seine Autorin im Nachwort als das Ergebnis eingehender Studien hinzustellen versucht, bringt an Neuem ausschließlich frei Erfundenes, das die auf dem Umschlag gepriesene „vorzügliche Kenntnis des historischen Dekors Und des historisch höfischen Zeremoniells“ sowie „die Genauigkeit der historischen Forschung fortlaufend vermissen läßt. Von sechsjährigen Quellenforschungen, wie es im Nachwort weiter heißt, kann nicht die Rede sein, da der Autorin einwandfrei nachzuweisen ist, daß sämtliche für eine Reichsstadt-Biographie in Betracht kommenden Archive und Dokumentensammlungen ihr nicht zur Verfügung standen. Die Gespräche des Prinzen und anderer Persönlichkeiten sind bis auf ganz vereinzelte nitht im mindesten „fast sämtlich dokumentarisch gestützt . Die meinen Arbeiten entnommenen sind dagegen in entstellter Form wiedergegeben. Meine im Nachwort mißbräuchlich erwähnte „bereitwillige Hilfe" und „ergänzenden Auskünfte" beschränken sich darauf, daß ich Frau von Metzradt einige Seriöse Werke empfahl und sie vor anderen Unseriösen warnte. lob Verwahre mich daher gegen die ungezählten Fehler und Travestierungen von Auszügen, die meist ih Widerspruch zu meinen dokumentarisch belegten Arbeiten sind. Alles in allem erinnert dieses Buch an die Kaiser-Joseph-Romane und die weiland Anton Langers, an denen sich zür Zeit unserer Großeltern naive Gemüter „delektierten". Jean de Bourgoing

Soziologie. Geschichte ihrer Probleme. Von Helmut Scho eck, Verlag Karl Alber. Freiburg und München 1952. X und 431 Seiten.

Der Verfasser, Professor am Fairmont State College in West-Virginia (USA), bietet einen Grundriß der Soziologie, ibrer Hauptanliegen und Schulen. Er behandelt 59 Soziologen ausführlich und 185 stichwörtlich. Ergänzt wird diese Tafel durch eine Umfassende Bibliographie. Eingelegt 6ind zahlreiche Dokumente, ausgewählte Textstellen, als „Lesebuch“. Kritisch sei angemerkt: Einige Gesichtspunkte der Stoffeinteilung sind unscharf, soziologiegeschichtlich unmotiviert. Zum Beispiel

Schlegel, Novalis, Fichte, Adam Müller unter dem Titel: „Goethe-Zeit und gesellschaftliches Problemdenken“ aufzu6tellen, ist unmöglich, zumal die Soziologieforschung dieser Zeit entsprechend bereits gültige Einteilungen

(Romantik!) traf. Ferner: Zu kurz kommt die antike und mittelalterliche „Soziologie“ und ihre Nach6chöpfung im modernen „Natur- recht“. Daß die päpstlichen Enzykliken

(RerUm novarum, Quadragesimo anno), die Wichtigsten Daten der kirchlichen Soziologie, nicht einmal genannt werden, ist gewiß ein großer Mangel, den eine Neuauflage beheben möge! Trotzdem darf das Buch in der derzeitigen Gestalt schon den Anspruch erheben, als Nachschlagewerk ein unentbehrlicher Behelf für jeden Soziologen zu sein.

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