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Dichterporträts

Amerikanische Dichtung der Gegenwart, Von Julius B a b. Christian-Verlag, Berlin-Hamburg. 207 Seiten.

Was Julius Bab andern Darstellern dieses Stoffes voraus hat, ist die genaue Kenntnis der europäischen, insbesondere der neueren deutschen Literatur. Durch Hinweise und Vergleiche wird dem Leser der fremde Stoff, den er ja nur zum geringsten Teil aus eigener Anschauung kennt, gewissermaßen „ausgedeutscht“. Seine Urteile sind subjektiv und von erfreulicher Direktheit. Theodore Dreiser, deutscher Abkunft, erinnert Bab an Arno Holz. Dreißig Jahre nach dem europäischen Naturalismus geschrieben, ohne Musik und Hintergrund, erscheint ihm die „Amerikanische Tragödie“ — deren Titel viel zu hoch greift — wenig repräsentativ. Sehr wichtig auch der Hinweis auf die fließende Grenze zwischen Journalismus und Dichtung sowie auf die Tatsache, daß fast alle amerikanischen literarischen Bestseller verfilmt wurden. Der Upton-Sinclair-Mythus wird mit einigen wohlgezielten Sätzen zerstört: dieser Schriftsteller war echt nur in seinem Willen, die Welt zu verbessern, „aber er beherrscht sie als Künstler durchaus nicht“. Seine letzten Bücher wirken, als ob Edgar Wallace Parteisekretär geworden sei. So erscheint Sinclair als Vater der Reportage und Kolportage. Doch gibt es auch auf diesem Gebiet schriftstellerische Höchstleistungen wie John Herseys „Hiroshima“. Sehr kurz, auf einer knappen Seite, wird Thomas Wolfe behandelt — und scheint damit entschieden unterbewertet. Hart ist auch das Urteil über Faulkner; als Anführer der entfesselten Realisten erscheint nicht mehr der frühere Marxist Dos Passos, sondern Hemingway — äußerlich Clark Gable, im Wesen Jack London verwandt... *

Meine Freunde, die Poeten. Von Hermann Kesten. Mit 20 Bildern. Donauverlag, Wien-München. 248 Seiten, 62 S.

Der Autor, Jahrgang 1900, ist schon seit etwa 25 Jahren im Literaturbetrieb zu Hause und hat ein Dutzend Romane und ein halbes Dutzend Theaterstücke geschrieben, die in insgesamt 17 Sprachen übersetzt wurden. Von den 19 Schrift-steil.n. die porträtiert werden, kann Kesten fünfzehn als seine „Freunde“ bezeichnen; nur zwei von ihnen waren nicht in der Emigration: Hofmannsthal (der 1929 starb) und Erich Kästner. Hier die Namen der übrigen: Heinrich, Thomas und Klaus Mann, Polgar, Sternheim, Kaiser, Döblin, Hegemann, Stefan Zweig, Ernst Weiß, Toller, Joseph Roth, Anette Kolb, Irmgard Keun, Alfred Neumann und Walter Mehring. Nach Kestens Definition: „Humanisten, Weltbürger, rücksichtslose Apostel der Freiheit, Bekenner der Wahrheit, Feinde der Konvention.“ Ihre — und Kestens — Feinde sind „Feinde des Geistes und der Menschheit“. Nun, das stimmte da und dort, aber so verallgemeinert und apodiktisch wirkt es wenig überzeugend und ein bißchen aufdringlich. Mit höflichem Dank entnimmt der Leser den einzelnen Feuilletons ein paar Hinweise und Daten, die ihm unbekannt waren. Im übrigen aber wird er gut tun, sich auf sein eigenes Urteil zu verlassen. Als Stilprobe eine Charakteristik von Walter Mehrings Versen: „Diese Sprache ist unübersetzbar, wild und gezähmt zugleich, wütend und pretiös. Es ist barocke Lyrik mit aktuellen Gehalten, gedreht und vehement. Mehring ist eine witzige Kassandra.“ Und Kesten ihr Prophet.

Hugo von Hofmannsthal. Franz Kafka. Zwei Vorträge. Von Josef Mühlberger. Bechtle-Verlag, Eßlingen. 70 Seiten.

In diesen beiden selbständigen Vorträgen setzt der Autor die beiden Dichter Hofrnannsthal und Kafka als typische Vertreter zweier Seinsmöglichkeiten des Menschen in ein antithetisches Verhältnis. Hofmahnsthal erstrebte — und erreichte — das Gleichgewicht zwischen Gedanken und Leben, Schönheit und Ethos, Logos und Eros. Remedium gegen die „Zweiseelenkrankheit“ der Zeit sind: sein fühlendes Denken und sein denkendes Fühlen. Wichtig der Hinweis auf den Chandos-Brief und die Briefe des Zurückgekehrten als „existentielle“

Dokumente; weniger glücklich die Formel: „Verwirklichung der Ganzheit des Daseins durch den integren Menschen“. Mit dem Alleinsgefühl Hofmannsthals kontrastiert Kafkas Kontaktlosigkeit zur Welt, zum Du, zum Ich, aus dem die Liebe schwindet. Josef K. versucht sich über diese Situation hinwegzutäuschen, er fühlt sich „schuldlos“. Sein Schöpfer, der Dichter Franz K. freilich, wußte immer um seine „Schuld“, aber auch um das Unzerstörbare. Dem oberflächlichen Blick mag Kafka

dÜU Qleuttiehjtinuiien. zu beziehen durch die Buchhandlung „HEROLD“, Wien VIII, Strozzigasse 8 als Vertreter der „gespenstischen Seinsart“ erscheinen. Im Grunde aber ist er ein „religiöser Dichter“. — Man sieht: keine neuen Erkenntnisse, aber gute und wesentliche Gedanken über die beiden Dichter.

Thomas Mann. Eine Einführung in sein Werk. Von Hans E i c h n e r. Francke-Verlag, Bern. 123 Seiten. Preis 4.50 sfr.

Genau das, was der Titel verspricht, nebst Bibliographie der Schriften von und über Thomas Mann, beide in Auswahl. Durchaus in der üblichen Art der Darstellung: Leben und Werk in enger Verbindung, wie das ja bei diesem Dichter wirklich der Fall ist. Freilich hat es der Autor schwer, weil Thomas Mann sein bester Selbstinterpret ist. Einige Hinweise Eichners sind bemerkenswert: das Motiv des Hermes Psychopompos im „Tod in Venedig“ (Tadzio) kehrt wieder im Zauberberg und in den Joseph-Romanen; der Ersatz der „weißen Magie“ (Joyce, Kafka) durch Ironie; die Erinnerung an den „Appell an die Vernuft“ von 1930; der italienisch-faschistische Hintergrund der Erzählung „Mario und der Zauberer“. Auch kritische Anmerkungen finden sich, zumindest als „kritische Stimmen“ wiedergegeben: die Stilmischung und sprachliche Vielschichtigkeit der letzten Werke, Neigung zu Weitschweifigkeit und Polyhistorie sowie die etwas absichtliche Imitation Goethes. Daß aber gewisse fremde.Elemente, zum Beispiel Anglizismen, durch den 15jährigen Aufenthalt in den USA ins Werk Thomas Manns gekommen sein sollen, will uns wenig wahrscheinlich erscheinen. Erfreulich und vorbildlich sachlich, was der Autor. Professor an der Queen's Univer-sity Kingston (Kanada), über „innere und äußere Emigration“ sagt.

Frühe Kantilene. Von Josef Friedrich Fuchs. Amandus-Verlag. Wien. 99 Seiten, Preis 28 S.

Da geht ein Dichter „so vor sich hin“, und die Fülle zauberisch-erschreckender Wirklichkeit zwingt ihn, zu singen, singend etwas in Versen auszusagen, was so schwer zu fassen ist, wenn nicht das Herz mit seinem Schlag demütig die Vielfalt bejaht und den hohen Lösungen vertraut. Und wer braucht nicht solche Hilfe in seinem profanen Lebenstun, daß sein Weg nicht im Dunkeln bleibe? Wer mag das Licht der Kunst entbehren ? Grete Wiesenthal

Der Gefesselte. Erzählungen. Von Ilse A i c h i n-g e r. S.-Fischer-Verlag, Frankfurt. 102 Seiten.

Die zehn Geschichten sind nicht mehr neu (ein Teil ist sogar schon einmal in Buchform herausgekommen) und sehr ungleich im Wert. Einige prangen in überüppigen Gleichnissen, zum Beispiel „Die geöffnete Order“, so daß man dem erzählerisch gekonnten Ablauf nur mit Vorbehalt zu folgen vermag; andere sind eher knapp und verhalten in der Sprache, so die Titeletzählung, das beste Stück der kleinen Sammlung, die aber zuwenig an Ilse Aichinger und zuviel an Frans Kafka erinnert. Im ganzen: Tastversuche, die ein bedeutendes Talent ahnen lassen, aber noch zuwenig Reife zeigen, so daß sie mit den Literaturpreisen, die der Autorin dafür zuteil wurden, einigermaßen überdotiert erscheinen. Die dürften also auf „größere Hoffnung“ verliehen worden

Anton Pichler, der Heimatdichter. Von Martin Feichtlbauer. Salzburger Druckerei und Verlag, Salzburg. 93 Seiten.

Gedichte aus dem Nachlasse des 1943 verstorbenen Priesterdichters und Verfassers der Salzburger Landeshymne; aus Pichlers Versen spricht jene schlichte Religiosität, die sich nicht in gewollter Tiefsinnigkeit vergräbt, sondern mitten unter uns, im Leben, in der Natur die Gegenstände findet und die klare Sprache der Gott-

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