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Shakespeare — neu übersetzt

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Von Richard Flatter. Walter Krieg Verlag, Wien, 1952. 572 Seiten.

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Von Richard Flatter. Walter Krieg Verlag, Wien, 1952. 572 Seiten.

„A man must be judged by his peers“ sagt ein altes Sprichwort. Es gilt, im weiteren Sinne, auch von den Uebersetzern Shakespeares. Vom Bemühen um Dantes „Divina commedia“ und, um die Epen Homers abgesehen, gibt es kein Beispiel in unserer Literatur, das derart vom Kampfe um getreue Uebertragung zeugte, wie es der Name des Briten beschwört. Von Wieland angefangen (seine Prosaübertragung hat der österreichische Theaterdichter Heufeld 1773 für die Burg zurechtgezimmert), über Schlegel, Tieck, Baudissin zu Herwegh, Bodenstedt, Heyse, Gundolf und Rothe — um nur einige, beileibe aber nicht alle zu nennen — reicht das Band. Ein Gerhart Hauptmann bemühte sich als Bearbeiter, und ein Otto Ludwig verlor den Glauben an seine dramatische Kunst im Ringen um die Dramaturgie Shakespeares. Ueber Wortsinn, Wortgebrauch ließe sich ebenso ein dickes Buch schreiben wie über die englischen Ausgaben, ihre Vorzüge und Mängel. Flatter, Absolvent der Regieschule am Reinhardt-Seminar in Wien, Verfasser dreier Bücher um das Werk des englischen Dramatikers, betrachtet sich als Fortsetzer Schlegels. Dieser vereinigte ja philologische Treue, Gefühl für Rhythmus und dichterischen Schwung mit formaler Geschmeidigkeit (ihm wurde sogar vorgeworfen, er glätte für den Vortrag mehr, als zuträglich) wie kein anderer vor ihm. Was Flat-ters Neuübersetzung besonders hervorhebt, ist, daß sie, zum ersten Male, als Grundlage nicht einen Mischtext von Folio und Quartos verwendet, wie ihn der übliche englische darstellt, sondern daß sie auf die erste Folioausgabe von 1623 zurückgeht. Der erste Band der auf sechs Bände berechnetem neuen Uebertragung bietet: „Othello“, „Macbeth“, „Ein Sommernachtstraum“ und „König Heinrich IV.“ (Bühnenbearbeitung: beide Teile in einem).

Der „Sommernachtstraum“ ist vom Burgtheater in Flatters Uebertragung mehr als achtzigmal aufgeführt worden; „Macbeth“ wieder zieht an, weil ein Vergleich des englischen Textes mit Herders Deutsch (1773), Schillers (1800), Dorothea Tiecks und Flatters naheliegt. Zeitgemäß zu sein; herb-holzschnittartig wie ein Blatt aus fernen Jahrhunderten; jeden Buchstaben und jedes Satzzeichen wagend, und doch nicht zu verzichten auf den dichterischen Schwung, das Metaphysisch-Unwägbare: das bleibt überall, soweit der erste Band erkennen läßt, Flatters erfolgreiches Streben. Es zu verfolgen, wird bei den kommenden Bänden Gelegenheit sein.

Indessen lassen wir uns von den „aufgeschlagenen ungeheuren Büchern des Schicksals“ bannen, wie es im „Wilhelm Meister“ steht, von jenen Büchern, in denen — denken wir nur an den „Macbeth“, diese Tragödie des Ehr- und Machtrausches — der „Sturmwin'd des bewegtesten Lebens saust und sie mit Gewalt hin und wider blättert“. Hanns Salaschek

Deutsches Literatur - Lexikon. Biographisches und bibliographisches Handbuch von Wilhelm K o s c h. 2., vollständig neu bearbeitete und stark erweiterte Auflage. Bern: A. Francke Verlag, 14. bis 19. Lieferung. 1951 bis 1953. Preis 8.40 sfr.

Die bereits bestens eingeführte Neufassung von Koschs „Deutschem Literatur-Lexikon“ beschließt mit den Lieferungen 14 bis 19 den zweiten Band. Sie umfassen die Buchstaben Kaufmann bis MüIJner (Laurenz) und weisen die in diesem Blatte bereits angeführten Vorzüge wieder in reichem Maße auf: Möglichste Vollständigkeit an Namen, Sachtiteln, anonymen Werktiteln, an Auflösungen von Pseudonymen, Uebersichten über die belletristische Behandlung von geographischen Begriffen (zum Beispiel sogar „Kurisches Haff und Kurische Nehrung“), vollständige Erfassung aller Germanisten und Sprachwissenschaftler sowie darüber hinaus vollständige Nennung aller irgendwie für die Germanistik bedeutsamen Namen, wie die von Gelehrten aller Fakultäten, soweit sie nur für die Germanistik noch von weiterer Bedeutung sein können. Damit vertritt dieses Literatur-Lexikon einen sehr weiten Begriff von Literatur, der nicht ängstlich vor der Belletristik Halt macht, sondern der die Literatur über den Begriff Dichtung hinaus erweitert. Die große Bedeutung dieses Werkes liegt auf der Hand: es ist heute schon das erste Werkzeug des Germanisten. Nach ihm greift man zuerst, wenn man sich lexikalische und bibliographische Auskunft holen will.

Die Genauigkeit dieses Lexikons geht so weit, daß es — nach Fertigstellung — auf jeden Fall das bibliographische Handbuch von Körner ersetzen wird und ebenso den üblichen Literaturlexika, wie zum Beispiel dem bisher für das 19. Jahrhundert unentbehrlichen „kleinen“ Brummer, den Rang abgelaufen haben wird. Einzig und allein der Goedeke wird sich daneben behaupten, sind doch die Ziele beider Werke nicht die gleichen. Als Arbeitswerkzeug aber wird der fertige „Kosch“ fortan der wichtigste Behelf des Neugermanisten für alle ersten Orientierungen sein.

Briefe in das Jenseits. Erzählung. Von Felix Braun. Verlag Otto Müller, Salzburg, 176 Seiten.

Wohl für jeden Menschen, dessen Leben die Mittagshöhe überschritten hat, kommen Tage und Stunden, in denen er sich wie ein von den Dahingeschiedenen verlassenes Kind fühlt und sich die Erinnerung an sie wie ein Bogen des Heimwehs nach ihnen über seinem Abend spannt. Dieser Stimmung des inneren Abschiedes vom Leben und des Im-Geiste-schon-Hinübergehens weiß Felix Braun in den vorliegenden „Briefen“, die voll der inhaltlichen und sprachlichen Symbolik sind, dichterischen Ausdruck zu geben. In oft versonnenem und träumendem Plauderton decken diese Briefe (oder Tagebuchaufzeichnungen) feinsinnig Weisheiten des reifgewordenen Lebens auf, beglücken immer wieder mit sprachlicher Schönheit und finden Trostworte, die rührend und voll Liebe sind. Diese vielen kleinen Kostbarkeiten entschädigen reichlich für alles, was ein strenger Maßstab vom Dichterischen her an diesen Briefen aussetzen könnte: daß sie des öfteren abgleiten ins allzu Einfältige, ja bisweilen ins sehr Gewöhnliche und Nichtssagende, und daß nicht alle sprachlichen Bilder gelungen sind. In ihrem bisweilen märchenartigen Mystizismus wird die hier sich offenbarende liebenswürdige kindliche Frömmigkeit eher weiche Seelen ansprechen, und wieweit die Verteidigung Rilkes hier wirklich gelungen ist, mag als Frage offen bleiben. Doch dürfen wir einen ernsteren Einwand nicht verschweigen: So weitherzig man für künstlerische Visionen und Ausdrucksweisen sein mag und sich von ihnen nicht einfach theologische Klarheit erwartet, so wirken doch einige Stellen mißverständlich im Sinne pantheisierender Jenseitsvorstellungen oder sie sind widersprüchlich, wie etwa der Hinweis auf die heilige Katharina von Genua (Seite 9), oder relativieren die Sittlichkeit in einem allzu billigen Laisser faire (Seite 19). — Im gesamten aber sind wir überzeugt, daß diese Briefe vielen Menschen Freude und Trost spenden werden.

Joseph und seine Brüder. Von Thomas Mann. (Die vier Romane in zwei Bänden.) Stockholmer Gesamtausgabe der Werke von Thomas Mann. S. Fischer Verlag, 1952. 2039 Seiten.

Durch die vorliegende Neuauflage wird dieses vor etwa 25 Jahren begonnene Werk erst allgemein zugänglich. Seine Geschichte gleicht der der „Buddenbrooks“, die als Familienchronik, als „Kaufmannsroman von allenfalls 250 Seiten“ geplant waren und der des „Zauberberges“, der als Sanatoriumsnovelle begonnen wurde und den Dichter zwölf Jahre in seinem Bann hielt. Den Anstoß zur Beschäftigung mit dem Joseph-Stoff gab die Bitte eines Münchner Malers um ein Vorwort für eine Bildermappe. Die Lektüre in der Familienbibel führte zunächst zum Plan einer Novelle „als Flügelstück eines historischen Tri-ptychons, dessen beide andere Bilder spanische und deutsche Gegenstände behandeln sollten“ (Thomas Mann in einem „Lebensabriß“ in „Die Neue Rundschau“, 41. Jahrgang, 1930, S. 732 ff.). Aus diesem Keim entwickelten sich die vier großen Romane: „Die Geschichten Jaakobs“, „Der junge Joseph“, „Joseph in Aegypten“ und „Joseph der Ernährer“. Mit ihrer Interpretation beschäftigten sich vor allem Käte Hamburger, Thomas Manns Roman „Joseph und seine Brüder“ (Bermann-Fischer-Verlag, Stockholm, 1945), Ferdinand Lion in „Thomas Manns Leben und Werk“ (Verlag Oprecht, Zürich, 1947), zuletzt: Robert Mühlher in seiner grundlegenden Studie „Thomas Mann

Katholische Farbstudenten — CV-Idee und Wirklichkeit. Von Robert Krasser. Druck Herold, Wien. Bezugstelle Wien II, Rathausplatz 3, Sekretariat des CV. Preis 15.20 S. 112 Seiten.

Um keine andere Gemeinschaft ist in Oestereich so viel gefabelt und tendenziös gefärbelt worden, aus Vorurteil und Feindseligkeit, öfter noch aus Unwissenheit und Modegeschwätz, wie um den CV, den „Cartellverband der katholischen farbentragenden Verbindungen“. Es ist gut, daß dieses Buch geschrieben wurde. Schon lange wäre es fällig gewesen. Denn eine Großkörperschaft von der Art des CV, der, weltanschaulich ausgerichtet, seine Mitgliedschaft aus allen akademischen Ständen zusammensetzt, vom Universitätsprofessor bis zum jüngsten Konzipisten einer Rechtsanwaltskanzlei, und in der Wissenschaft, Literatur, Kunst, im politischen Leben etwas zu sagen und vorzuweisen hat, steht nun einmal im Rampenlicht der Oeffentlichkeit, nicht allen erwünscht und bequem, dem Neid und dem Vorurteil und auch Schlimmerem ausgesetzt. Das wäre der Verband wahrscheinlich auch dann, wenn er seit dem Bestand

der Republik nicht sieben von den insgesamt vierzehn Kanzlerschaften aus seiner Mitte mit Persönlichkeiten besetzt hätte, die aus seiner Jungmannschaft herangewachsen waren. Man hat Verständnis dafür, daß schon allein eine solche Tatsache in dem und jenem Parteilager Malaise und eifersüchtiges Mißvergnügen erweckt. Denn wer liebt es denn auch, dem politischen und weltanschaulichen Gegner ein erhebliches geistiges Gewicht zuzugestehen? Mit Verwunderung hingegen muß man es registrieren, wenn Urteile über den CV laut werden, die nur erklärbar sind aus Unbeholfenheit, sich in unbequemen Wahrheiten zurechtzufinden, etwa wenn der namhafte Autor der „Politischen Geschichte der deutschen Hochschulen in Oesterreich von 1848 bis 1918“, Ober-

Lucrezia Borgia. Von Maria B e 110 n c i. PaulZsolnay-Verlag, Wien, 1952. 778 Seiten. 16 Kunstdrucktafeln.

Der Untertitel des nun neu aufgelegten Werkes „Nicht Teufel, nicht Engel, nur Weib“ bezeichnet die Absicht der Autorin, das Bild dieser berühmte und berüchtigten Frau der Renaissance von den Verzerrungen durch die Legende zu befreien und eine objektive Darstellung ihres Lebens zu geben. Dies geschah auf Grund eingehenden Studiums der historischen Quellen, darunter auch von Briefen, von denen eine Auswahl im Anhang des Buches publiziert wird. Die Biographie weitet sich zum imposanten kulturgeschichtlichen Gemälde einer leidenschaftlich bewegten Epoche voll Glanz und Verbrechen. Besonders interessant ist der Teil, der von den späteren Schicksalen der Lucrezia am Hofe von Ferrara handelt, wenngleich der Leser oft einige Mühe hat, sich durch die allzu breit ausgeführten Sittenschilderungen hindurchzuarbeiten. Können auch so manche dunkle Kapitel der Borgia-Geschichte nicht geklärt werden, so ist das Werk doch sehr lesenswert. — Einige stilistische Mängel der Uebersetzung fallen auf.

Fraüenfracht nach Java. Ein historischer Roman. Von Ary den A r t o g. Aus dem Holländischen übersetzt von Heinz P. K ö v a r i. Volksbuchverlag „Vorwärts“, Wien. 311 Seiten.

Dieses Buch könnte man einen Tendenzroman nennen, wie sie nach dem zweiten Weltkrieg Mode wurden, um den Europäern zu beweisen, mit welch kalt berechnendem Kaufmannsgeist und durch welch fragwürdige Figuren die „Kolonialherrschaft“ im früheren Niederländisch-Ostindien begründet wurde.

Allerdings gelingt dem Verfasser nur in den ersten Kapiteln des Buches, diese Linie durchzuhalten. Dann verläßt er plötzlich den dogmatischen Standpunkt seiner zweifellos marxistischen Weltanschauung und übrig bleibt nur mehr der hinreißend erzählende Holländer.

In lapidarem Stil, der in der deutschen Uebersetzung nichts von seiner Kraft verliert, schildert Artog um die zentrale Figur eines Amsterdamer Waisenmädchens, das in Djacarta heiratet, das Leben der rauhen, im Grunde aber mutigen und bewundernswerten holländischen Pioniere.

Am Ende des Buches angelangt, legt der Leser den Roman beiseite, zutiefst beeindruckt von der Tatsache, daß die alten Niederländer trotz ihrer Fehler durch Tugenden groß geworden sind, die gerade von gewissen Seiten immer wieder lächerlich gemacht wurden, ' nämlich Gottesglauben, einen hohen moralischen Standpunkt und eine unverwüstliche Arbeits- und Unternehmungslust.

Der letzte Rittmeister. Von Werner Bergen-g r u e n. Verlag Die Arche, Zürich. 367 Seiten.

In den Rahmen der freundschaftlichen Begegnung mit einem ehemaligen kaiserlich russischen Rittmeister ist eine Reihe von Erzählungen eingefügt, die vornehmlich um das Kavaliers- und Offiziersleben des zaristischen Rußland kreisen. Dem Altösterreicher, der sich noch des Abendglanzes seines eigenen Reiches erinnert, wird beim Lesen viel Gemeinsames deutlich. Eine verwandte Stimme spricht ihn an. Und wie dieser zaristische Offizier deutschbaltischer Herkunft loyal seinem Herrscherhause und verständnisvoll dem russischen Volke gegenübersteht, dafür hat auch die vielgestaltige k. u. k. Armee unzählige parallele Beispiele geboten. Ein stiller diskreter Reiz liegt über dieser liebenswerten, entschwundenen Welt

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