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Tagebücher eines Suchenden

Der Rezensent gesteht, daß er diese j.Tagebücher“ mit Skepsis zu lesen begann. Denn er vermochte der ersten Eintragung (vom 17. September 1928) nicht Glauben zu schenken: „Rückhaltlos und genau will ich diesen Blättern mein ganzes Leben anvertrauen.“ Zur Veröffentlichung bestimmte Tagebücher — sind sie nicht von vornherein „Literatur“ und kaum mehr echtes Bekenntnis, weil so vieles verschwiegen werden muß, was Geheimnis des eigenen Herzens ist? Spätere Eintragungen schienen diesen Einwand zu bestätigen: „Was für ein Bild gäben sie von mir, wenn man sie zufällig läse“ (21. September 1931). „Was in mir vorgeht — und zu meinem äußeren Dasein in völligem Widerspruch steht —, davon kann ich nicht sprechen, oder ich tue es schlecht“ (3. Juni 1936). „In diesen Blättern spiegelt sich keineswegs mein ganzes Wesen. Wie ich es auch anstelle, es gelingt immer nur halb“ (26. Jänner 1945). Doch mit fortschreitender Lektüre brach dieser Einwand zusammen. Gewiß deckt Green in diesen Tagebüchern nicht einfach seine Seele auf. Und dafür gilt es Verständnis zu haben — vor allem für die feine Diskretion, in der er andeutend von seiner endgültigen Bekehrung (im Frühjahr 1939) spricht. Wenn jeder Mensch als Person sein letztes Geheimnis schützen will und sich vor ehrfurchtsloser Analyse zu bewahren sucht (ja im Innersten auch bei schlimmster Profanierung doch unentdeckt bleibt), ist dieser Anspruch bei Menschen wie Green, die ob ihrer Begabung und Begnadung so vielen neugierigen Blicken und Analysen ausgesetzt sind, nicht doppelt ernst zu nehmen und ehrfürchtig zu achten? Wer nun gerne an dieser Schwelle innehält, wird innewerden, daß diese Tagebuchaufzeichnungen viel mehr sind als „Literatur“, als ein geistvolles Spiel mit Einfällen und Worten, oder gar als eine Selbstgefälligkeit des Stils und des harmonischen Klangs. Ob es nun allgemein gültiges Seelisches ist, in das Green tiefer gräbt, ob er die Natur in sein Schauen hineinholt und sie gleichsam beseelt, oder ob er der Kunst und dem Verrat an ihr begegnet, immer schenkt er neues, bald bestürzendes, bald befreiendes Verstehen der eigenen Seele und der Schönheit der Schöpfung und so mancher Dinge, die nur unserer Stumpfheit und Trägheit Rätsel und geheimnisvoll sind.

Gleichzeitig spiegeln diese Tagebücher den Ablauf eines äußeren und eines inneren Dramas wider. Das äußere Drama sind zunächst die Vorzeichen des vergangenen Krieges, dann sein Ausbruch, und mit ihm das „Exil“ in Amerika, das, so sehr er es liebt, ihm doch niemals seelische Heimat sein kann, so daß er, nicht nur vom Kriegsgeschehen und vom Schicksal Frankreichs und vor allem Paris' durchbebt, sondern auch irgendwie entwurzelt seine dichterische Schaffenskraft erlahmen fühlt.

Dieses äußere Drama ist wie die keineswegs zufällige Kulisse zu seinem inneren Drama, das ein zutiefst religiöses ist. Die Zeit vor dem Frühjahr 1939 kennzeichnen noch Mißverständnisse im Religiösen, Kritiken »n katholischen Dingen — nicht all«

unberechtigt —, vor allem aber ein Sichaufbäumen gegen religiöse Bindung und Gnade, das nur zu offensichtlich das negative Anzeichen für die Sehnsucht nach dem Eigentlichen, nach der Gnade, die ihn überwältigt, ist. Intensive Lektüre des Alten Testamentes im Urtext ist der Beginn seiner Rückkehr. Die Tagebuchblätter nach seiner Bekehrung, die fast mit der Abreise nach Amerika zusammenfällt, geben uns immer wieder Einblick in seine religiöse Selbstentfaltung und innere Reifung, Nicht wenige dieser Eintragungen offenbaren ein solches geistliches Verstehen und solche begnadete Weisheit, daß sie in besten religiösen Büchern ehrenvoll bestehen könnten. Eine Frage nur, die Green immer wieder quält, bleibt ungelöst dem Leser gestellt: ob Romaneschreiben mit Heiligsein vereinbar sei. Die Art, wie die Frage aufgeworfen wird, läßt freilich vermuten, daß Green sich von einem gewissen Puri-tanismus noch immer nicht zu lösen vermochte.

Eine ähnliche Wandlung kennzeichnet sein Verhältnis zum Tod. Rückblickend auf die Zeit seit seiner jugendlichen Konversion zur katholischen Kirche, von der er sich in seinem Leben bald wieder entfernt hatte, schreibt er (am 24. Dezember 1932): „Wenn ich's recht bedenke, ist meine quälendste, aufdringlichste Zwangsvorstellung die des Todes. Sie ist in alle meine Bücher eingegangen. Zu der Zeit, da ich mich noch als Katholiken bezeichnen durfte, scheute ich den Tod nicht.“ Immer ist sein Auge besonders offen für das Unenträtselbare und das Grauen. Doch allmählich bahnt sich die innere Ueberwindung an. Konnte er schon am 13. Februar 1936 schreiben: „Tatsächlich bin ich über dem Denken an den Tod, den ich fürchtete, seiner großen Schönheit gewahr worden“, so verliert der Tod nach 1939 für ihn endgültig seine Bitterkeit.

Ueber diesem inneren Drama lassen die Tagebücher doch den Dichter nicht vergessen. So unterschiedlich die Aufzeichnungen in ihrem Wert sind — und nicht überall ist Zustimmung möglich —, so sind sie doch echt in ihrer Schlichtheit. Immer wieder erregen feinsinnige Beobachtungen, anschaulich kurze Vergleiche, das Heraufholen von Kind-heitserinnerurigen, das Hineintrinken der geistigen und ästhetischen Werte von Dingen und Menschen aufrichtige Bewunderung, die sich wohl bei nicht wenigen bis zur Begeisterung steigern wird. Zugleich gewinnen wir Einblick in die Art und Problematik von Greens dichterischem Schaffen, in das Auf und Ab von Gelingen und Mißlingen, in seine Freude und Verzagtheit. So ist es das schönste Geschenk dieser Tagebücher, daß man nicht allein dem Dichter, sondern auch dem Menschen — und Christen — im Dichter nahekommt: mehr als seine Romane sind sie ein persönliches Geschenk.

Auswahl und Uebertragung erscheinen vorbildlich gelungen. (Einzig auf Seite 316 müßte wohl in der Aufzeichnung vom 28. Oktober 1942 „Gleichgültigkeit“ durch „Gleichmut“ ersetzt werden.) Der Verlag ist zu diesem Buch als einem der besten bei ihm erschienenen Werke besonders zu beglückwünschen.

Eichendorff: Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Herausgegeben von Wilhelm Kosch. 6. Band: Dramen. Herausgegeben von Ewald Reinhard. Regensburg: Verlag Josef Habbel, 1950. 515 Seiten.

Von dieser grundlegenden historisch-kritischen Eichendorff-Ausgabe sind bisher acht Bände erschienen (Band 1, 3, 4, 10, 11, 12, 13, 22). Die 1908 begonnene Ausgabe erfährt nun durch diesen, Eichendorffs Dramen enthaltenden Band, eine höchst willkommene Bereicherung. Er bringt „Ezelin von Romano“, „Der letzte Held von Marienburg“, „Die Freier“, Anmerkungen zu diesen Stücken, eine gute Zusammenstellung von zeitgenössischen Urteilen über die Dramen und einen Abschnitt Erläuterungen nebst gut informierendem Register. Dieser von Dr. Ewald Reinhard, Münster, dem Herausgeber des 4. Bandes, besorgte Edition bringt auch neues Material, so zum Beispiel über die Entstehung des Lustspieles „Die Freier“, das heute noch auf der Bühne entzückt. Die Anmerkungen haben die handschriftlichen Reste aus der Berliner Manuskriptsammlung verwertet.

Die deutschen Romantiker liegen bis heute nur zu einem Teil in vollgültigen Editionen vor: Novalis, Kleist, Görres, Hölderlin dürfen in dieser Hinsicht als versorgt betrachtet werden. Das ist keine allzu große Liste. Es bedeutet jedenfalls ein für die deutsche Philologie sehr bedeutsames Ereignis, daß die bisher vorliegenden Bände der großen Eichendorff-Ausgabe um einen weiteren Band vermehrt wurden, was doch wohl den Willen des Verlages verrät, das einmal begonnene Werk auch abzuschließen. Unnötig zu sagen, welche hohe Bedeutung gerade einer großen Eichendorff-Ausgabe im Rahmen der germanistischen Texteditionen zukommt.

Univ.-Doz. Dr. Robert Mühlhe

Shakespeare. Von Kurt Schilling. Ernst-Reinhardt-Verlag, München-Basel. 292 Seiten.

Der Autor interpretiert die Werke Shakespeares (nicht nur die Dramen, sondern auch die zwei Epen und die Sonette) in der vermutlichen Reihenfolge ihrer Entstehung, und versucht dabei, „die Idee des Menschseins“ in diesen Dichtungen „ein Stück weit aufzuhellen“. Schon in den Dramen der ersten Periode, meint Schilling, ist sie „in einem Heroismus der Leidenschaft auf dem Untergrund des Lebens“ dargestellt. Schillings lesenswertes Buch ist nämlich nur formal eine Summe von Werkkommentaren. Immer wieder stößt es satzweise vor, zur Deutung der Kunst überhaupt, des Dichtens und natürlicherweise des Dramas, zum Beispiel, wenn es heißt, daß „ ... Institutionen kein Thema der echten Kunst sind ... Nur der Wille des Menschen... ist Gegenstand eines Dramas“. An Urteilen dieser Art erweist es sich, daß hier nicht bloß ein mehr oder minder versierter und ambitionierter Literaturhistoriker an der Arbeit war, sondern ein Philosoph, der darauf ausgeht, das Wesen einer geistigen Erscheinung vom Range Shakespeares zu erfassen, gleichsam die Idee dieser genialen Leistung. Und man fühlt sich als Leser vom Anfang bis zum Ende des Buches so angesprochen- von dem1 selbstverständlichen Ernst und dem Niveau dieses Bemühens, daß man ihm vorbehaltlos zustimmt, wenn man gleich stellenweise manchmal anderer Meinung wäre.

Edwin Hartl

Grüne Trauben. Roman von Pierre Henri Simon. Uebersetzung aus dem Französischen von Hansjörg Ostertag. Verlag Josef Knecht, Carolusdruckerei, Frankfurt a. M. 262 Seiten.

Es ist nicht verwunderlich, daß dieser Roman In Frankreich und immer mehr über dessen Grenzen ein besonderer Erfolg wurde. Hier ist in faszinierender Form ein zutiefst menschliches Problem mit einem höchst aktuellen verbunden. Die tiefgreifenden Differenzen zwischen dem bürgerlich-liberalen Historiker und Diplomaten Gilbert d'Autignac und seinem Sohn sind mehr als ein Generationsproblem, sie enthalten die ganze Tragik einer Situation, in der von den Söhnen mit den leer und schal gewordenen Normen und Formen der Väter auch die historischen Werte und Erkenntnisse einer jahrtausendalten Kulturentwicklung in Frage gestellt werden.

Der Kommunismus des Sohnes Denis entspringt nicht sozialen Momenten, nicht einem proletarischen Klassenbewußtsein, er ist aristokratisch. Es ist kein echter Kommunismus, sondern nur der Ausdruck eines anarchischen Protestes gegen das Gestern und gegen eine Kultur, die nur noch Fassade ist. Es ist eine Art „ästhetischer Kommunismus“, für den die Intellektuellen unserer Zeit besonders empfänglich sind.

Die Rebellion der Söhne entspringt der Schuld der Väter: dieser geistesgeschichtliche Prozeß, der die letzten beiden Jahrhunderte der Geschichte Europas charakterisiert, findet in diesem Romanwerk Simons in ergreifenden persönlichen Schicksalen ein lebendiges und erschütterndes Spiegelbild. Ein literarisches Zeitdokument ersten Ranges. Dr. Hans L o e w

Der Bauer in der Kultur- und Wirtschaftsgeschichte Oesterreichs. Von Josef Buchinger. Oesterreichischer Bundesveiiag, Wien, 1952. 472 Seiten.

Man kann diesem Buch nur weite Verbreitung wünschen. Vor allem sollte es in der Hand der Lehrer sein, nicht nur auf dem Land, sondern gerade auch in der Stadt, wo so oft jede Kenntnis bäuerlicher Existenzbedingungen fehlt. Der Verfasser hat es verstanden, auf Grund der wissenschaftlichen Literatur und unter Auswertung der dort niedergelegten Erkenntnisse ein lesbares und allgemein verständliches Buch zu schreiben, das wirklich eine bisher bestehende Lücke ausfüllt, das auch dem diesen Dingen Fernestehenden ein Bild von lebendiger Anschaulichkeit zu vermitteln vermag. Die großen Perioden der Bauerngeschichte, sein Aufkommen seit der jüngeren Steinzeit, die Durchbildung eines spezifisch europäischen Bauerntums im frühen Mittelalter, endlich der Bauer im modernen Staat und in der Industriegesellschaft sind richtig gesehen. Mit gutem Grund ist der letzten, für Gegenwart und Zukunft des Bauerntums entscheidenden Etappe der breiteste Raum zugewiesen. Der Verfasser ist stets um ein gerechtes Urteil bemüht. Ab und zu scheint er mir allerdings noch hergebrachten Vorstellungen zu folgen und die Dinge allzu sehr zu dramatisieren. So etwa bei der Auswertung literarischer Quellen. Das von der Antike herkommende Prinzip der „Stiltrennung“ kann das Alltägliche nur als Satire, in grotesk-burlesker Verzerrung darstellen und stellt es einer Sphäre des Heroisch-Uebersteigerten entgegen. Liest man diese Werke wie moderne realistische Darstellungen, so sieht man nur die Extreme, glaubt einen oft in kürzester Frist vor sich gehenden Wechsel von „Blüte“ und „Verfall“ konstatieren zu können. Vorsicht ist auch bei der Verwertung bäuerlicher Beschwerdeschriften geboten, besonders dann, wenn sie sich, wie ich in vielen Fällen feststellen konnte, als städtische Advokatenarbeit erweisen. Bauernaufstände sind keineswegs dort ausgebrochen, wo ein kümmerliches Bauerntum sich mühsam behauptete, sondern dort, wo der Jreiheitswille eines kräftigen Bauerntums mit Grundherrschaft und Staat zusammenstießen. Aber diese Bemerkungen schränken den Wert dieses Buches in keiner Weise ein. Man kann seinen Verfasser nur zu seiner Leistung beglückwünschen. Univ.-Prof. Dr. Otto B r u n n e r

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