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Karl Muth

„Das Christentum ist immer modern“ (zu jeder Zeit muß der unbefangene Mensch davon angesprochen, ergriffen, beseligt werden) — „Die Kirche ist immer konservativ“ (ihr ist auch ein kostbares Gut überantwortet). In der Spannung dieser Sätze steht jeder gläubige Mensch, stand in besonderer Weise das Leben und das Lebenswerk Karl Muths, des Schriftstellers, des Herausgebers der Zeitschrift „Hochland“.

Wenn wir Überlebenden uns in dieser Spannung mit einer oft erstaunlichen Unbefangenheit zurechtfinden, so verdanken wir es zu einem erheblichen Teil dem Wirken dieses Mannes. Wie viele wissen das noch? Große geistige Leistungen haben eine Tendenz zur Anonymität. Sie sind bereits der zweiten Generation selbstverständlich geworden. Wer aber um die Jahrhundertwende schon lebendig, also unruhig war, der weiß, wie sehr die Selbstverständlichkeiten von heute damals noch als Fraglichkeiten, Anmaßungen, Zukunftsträume erschienen.

Karl Muth wurde in sein Werk von einer ;uropäischen Strömung getragen, die in seiner Jugendzeit entstanden war. Er hat dieser Strömung auf deutschem Boden, von München aus, neue Kräfte zugeführt, die Strömung auch, mehr als bekannt ist, in den rechten Bahnen gehalten.

Sein Lebensabend — er starb im November 1944, im Alter von 77 Jahren — war beschattet von jener Macht, deren Grauenhaftigkeit er sehr früh erkannt hatte. Sein Werk aber hat er vollendet. Dem konnte niemand mehr etwas anhaben. Es lebt weiter in der geistigen Haltung der deutschen Katholiken.

Die Strömung: In den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts vollzog sich, von Frankreich aus, im Christentum eine Wendung, noch einmal, nun aber in tieferen Schichten als zur Zeit der Romantik. Vorstufen dazu waren um die Mitte des Jahrhunderts Kierkegaard und Dostojewski. In dem Jahre, in dem Nietzsche „Jenseits von Gut und Böse“ schrieb, 1886, fand der junge Claudel zum Glauben zurück. Er wurde der Verfasser des „Seidenen Schuhs“. In dem Jahr, in dem Nietzsche dem Wahnsinn verfiel, erschien „Der Schüler“ von B o u r g et. — Seit damals gibt es unter den „Gebildeten“ Frankreichs und bald

Europas überhaupt, was den Glauben anlangt, nicht mehr bloß zwei, sondern drei Gruppen: die traditionellen t (konservativen) Gläubigen, die, von der Zeit im Innersten nicht erfaßt, am ererbten Christentum des Barocks, der Aufklärung festhalten und darin leben; ihnen gegenüber die von der Zeit mitgerissenen Ungläubigen, denen Christentum und Religion überwundene Dinge sind; und nun dazu die neuen, die heimgekehrten Christen, die Wahrheit und Tiefe des Christentums wieder neu erkennen oder überhaupt erst (wie Ernest Psichari, der

Enkel Renans) als etwas ganz Neues, auch von der Kindheit her nicht Bekanntes erleben mußten,

Haben die traditionellen Christen vor den Ideen ihrer Zeit meist etwas wie Angst — sie fühlen sich ihnen nicht gewachsen, müssen fürchten, eines Tages glaubenslos zu erwachen, die zweifelnden Christen —, so sind die neuen Christen, die gerade diese Zeitideen in sich überwunden haben, von einer oft erstaunlichen Zuversicht und Sicherheit und einer Innigkeit des Lebens und Erlebens, die auch Ungläubige aufblicken läßt.

In dieser Geisteslage, um die Jahrhundertwende, setzt das Wirken Karl Muths ein. Er sah sein ganzes Leben hindurch seine Aufgabe darin, in diesen Spannungen dem Rechten zu dienen. Er führte die traditionellen Christen zu einem wacheren und freieren Bewußtsein — mit dem Wagemut, der dort, wo es um Entscheidungen geht, notwendig ist: in seinem Eintreten für Hermann Schell zum Beispiel oder Fogaz-zaro oder Wittig — ohne daß er je der Kirche die gebührende Ehrfurcht versagt hätte. Welche Aufregung erzeugte aber schon die Veröffentlichung des Romans „Jesse und Maria“ von Handel-Mazzetti! Um solche Kämpfe ging es ihm aber. Er hatte sie selbst eröffnet mit seinen „Veremundu s“-Heften (1898 und 1899), deren Sinn er zehn Jahre später in der Schrift „D i e Wiedergeburt der Dichtung aus dem religiösen Erlebnis“ entfaltete, einer „Psychologie des katholischen Literaturschaffens“, unterbaut mit den Ideen Friedrich Schlegels und seines Lehrers Martin Deutinger. So wirkte er, durch Kritik und Forderung, zunächst in der Literatur, dann in allen Kulturbereichen, mit an dem Aufstieg der Katholiken aus Abgeschlossenheit und Rückständigkeit, Unsicherheit und Ressentiment zu Unbefangenheit, Überlegenheit und Leistungsbewußtsein, wis er nun auch auf deutschem und österreichischem Boden begonnen hatte: Otto Willmann, Freiherr von Hertling, die Görres-Gesellschaft, Richard von Kralik, der Gral, die Leo-Gesellschaft .

Muth war kein Germanist, kein Wagnerianer, kein Träumer, kein Regisseur. Er hatte französischen Geist seit seiner Jugend in sich aufgenommen, er, der Rheinländer, bei den Weißen Vätern in Algier. Er lebte stark im Geist der deutschen Klassik. Er erwartete von dem psychologischen Realismus seiner Zeit, dem Naturalismus des Problemromans die Befreiung der Katholiken von der Verzärtelung, Verharmlosung, Verlogenheit der „idealistischen“ Dichtung, das Aug-in-Auge des Geistes mit der Wirklichkeit, das Erlebnis ihres Grauens und ihrer Beglückung. — Er erwartete von solcher, ei er neuen Haltung der Katholiken, dann eine Rückwirkung auf die Ungäubiggewor-denen, denen das Christentum in ihrer Sprache, im Bereich ihrer Problematik, wie etwas Neues, zu Entdeckendes entgegentreten sollte.— Und die Heimgekehrten, die neuen Christen, deren es nun auch auf deutschem Boden wieder den einen und den anderen gab (wie in den Zeiten der Romantik die Konvertiten), er nahm sie mit offenen Armen auf, mit einem sicheren Blick aber auch der Unterscheidung für das Echte und Bedeutende: Reinhard Johannes Sorge, Hugo Ball, Theodor Haecker. Die religiöse Not, die im Expressionismus zum Wort drängte, vom Unglauben her, fand, soweit sie in der Wahrheit stand, erst recht sein Verständnis — und kluge Führung überdies von seinem Rat, von den schriftstellerischen Forderungen, die er an seine Mitarbeiter stellte. (Und darin konnte er sehr entschieden sein.)

Die Stelle, die er für sein Wirken und das seiner Mitarbeiter, der von ihm Gewonnenen und Entdeckten, brauchte, von wo aus er die Welt des Geistes überschauen, von wo er selbst mit den Seinen in die Weite wirken konnte, schuf er sich in seiner Monatsschrift, dem „Hochland“, das bald die repräsentativste Zeitschrift der Katholiken deutscher Zunge war, das in seinen 37 Jahrgängen (1903 bis 1941) die geistigen Bewegungen des 20. Jahrhunderts bis vor den deutschen Zusammenbruch mit seinem gewichtigen Wort begleitet, beurteilt, beeinflußt hat. Das „Hochland“ hat der theo-

Nebenbei: der jetzt vergessene Kampf Kralik—Muth ging um Programme, um die Form des Aufstiegs. Am Aufstieg selbst wirkten sie beide mit. Muths gegenwartsnaher Ideen-realismus, sein Sinn für das Echte im Neuen siebte über die verspätete Romantik Kraliks. Was dieser wollte: die Zeitferne des Hochbarocks oder einer Gralsgotik, das ließ sich seine Zeit, auch sein Wien nur gefallen entweder in dem tragischen Gewoge der Wagnerschen Musik oder, von Stucken abgesehen, in der träumerischironischen Weise Hugo von Hofmannsthals und dem Regiezauber Reinhardts, also mit einem irgendwie negativen Vorzeichen des „Gewesenen“. logischen und philosophischen Diskussion gedient (Scheler und Przywara, Wust, Guardini und Hefele, Bernhart und Dempf, Siegfried Behn und Dietrich von Hildebrand, Erik Peterson und andere mehr). Es hat die großen politischen und sozialen Wandlungen mit Unbefangenheit, über den Parteien stehend, begleitet. Es hat seine

Blätter der Kunst aufgetan, der großen Kunst der Vergangenheit und den Richtungen und Künstlern der Gegenwart, zarter Stimmungskunst und grellem Expressionismus, jeder Kunst, die etwas' zu sagen, künstlerisch zu sagen hatte, insbesondere und immer wieder der gerade im letzten Vierteljahrhundert sehr bewegten kirchlichen Kunst. Das „Hochland“ hat vor allem in reichem Ausmaß durch Veröffentlichung und durch Kritik der großen Dichtung und der Dichtung der Gegenwart, zumal der werdenden katholischen, zu Wirkung und Geltung ver-holfen.

Karl Muth selbst hat in Aufsätzen über Klopstock, Goethe und George — das Buch heißt: „Schöpfer und Magier“ (1935) — zusammengefaßt, was er als Letztes, Reifstes zur Dichtung, zur Sprache, zur Situation des Dichters zu sagen hatte. Er hat darin, zu einer Zeit, da George noch als unangreifbar galt, es gewagt, einer der wenigen nicht Verzauberten, das Werk und die Person des „Magiers“ kritisch, nicht satirisch, aber unbefangen zu sehen und zu zeigen, als das, was sie waren. Er hat zum Schluß an die Kritik des „Schöpfertums“ Georges ernste, mahnende Worte über die Problematik des Schöpfertums innerhalb der heutigen Kirche gefügt, mit dem schmerzlichen Gedanken wohl, bis zu welch geringem Grad er sein eigenes Lebensziel erreicht habe: die große Kunst in der hochgemuten Kirche. — „Die Verkündigung im Christentum ist schwach geworden, weil derGlaube kleinmütig und ängstlich wurde ... Der schöpferisch veranlagte Mensch fühlte sich nicht eingeordnet in den christlichen Heilskreis, und man hat ihn nicht einzuordnen gewagt, weil man seiner sprengenden Kraft mißtraute, weil man in ihm das Schöpferische an sich nicht als ein Göttliches verstehen konnte und nicht begriff, daß einer als Mensch, als Christ demütig und ganz hingegeben sein kann, als Schöpfer aber selbstbewußt ist und im Schöpferrausch jedenfalls alles andere denn demütig, ohnmächtig, sündenbewußt.“

Was ist wirklich geworden von der erhofften „Wiedergeburt der Dichtung aus dem religiösen Erlebnis?“

Man mag über das Problem selbst so oder so denken: es gibt nur eben nicht viel Schöpfertum in unserer Zeit, weder inner-, noch außerhalb der Kirche. Trotzdem kann sich das, was Muth in den Bänden des „Hochlands“ versammelt hat, sehen lassen, auch heute noch. Irgendwie Bedeutung hat das meiste: wenn nicht die Romane, so doch die Dialoge der Ilse von Stach, einige Novellen der Ruth Schaumann, die (ersten) Romane der Gertrud von Le Fort; manche Partien aus den Romanen Peter Dörflers, Franz Herwigs, Karl Linzens, Leo Weismantels, Stücke von Ehrler, Carossa, Tügel, Thun-Hohenstein, Reinhold Schneider, Bergengrüen; Leitenbergers „Tage vor Ostern“, Seewalds „Robinson“ — man käme an kein Ende —; geistvolle Aufsätze von Richard Schaukai, auch von Radecki und anderen.

Das „Hochland“ behielt dabei immer im Auge, was sich gleichzeitig — und es war Bedeutenderes darunter — in den anderen Ländern Europas begab: in England (New-man, Chesterton) und Italien (ein Essay von Muth selbst über Gabriele d'Annunzio ist ungeschrieben geblieben; er wäre ein Gegenstück zum George-Aufsatz geworden), in Spanien (durch Karl Voßler), im Osten (durch Kampmann und Stegun) und im Norden (Jörgensens Bekehrungsroman „Unsere Liebe Frau von Dänemark“ erschien in einem der ersten Jahrgänge, der große Realismus der Sigrid Undset fand von der Hand Muths selbst seine Würdigung); und insbesondere die geistigen Vorgänge in Frankreich (durch Hermann Platz, Karl und Luzian Pfleger und andere): die Bände von Bremonds Werk über die Entwicklung des religiösen Gefühls im Frankreich des XVII. Jahrhunderts (die mystischen Strömungen der klassischen Zeit) fanden dabei ihre immer gleich ausführlichen Analysen. Und Karl Muth selbst hat die letzten Jahre seines Lebens seinen eigenen Studien zur französischen Geistesgeschichte gewidmet: über den Kardinal Mazarin und vor allem über F e n e 1 o n, dessen milde, resignierte

Frömmigkeit sein eigenes Alter verklärte. (Auch er starb gewissermaßen im Bann. Seine Zeitschrift war eingestellt worden. Sein Haus wurde untersucht, sein Verkehr überwacht.) Veröffentlicht wurde von seinen Studien, außer seinen Aufsätzen in den letzten „Hochland“-Jahrgängen, nur die Übersetzung der „Briefe an einen Stiftshauptmann“ von R. Scherer mit einer Einleitung von Muth. („Zeugen des Wortes“, 1940.)

An der Dichtung Frankreichs bewegten ihn aber in den letzten Jahren auch die (damals) ganz modernen Erscheinungen eines B ernanos und M a u r i a c. Jn ihren Romanen baut sich ein Christentum auf ganz anderer Art als das Claudels oder Bourgets oder auch Huysmans, ein voraus-setzungs-, gewissermaßen traditionsloses Christentum des nackten Daseins, eines, das jetzt in Frankreich wohl dem Existentialismus zugeschoben wird. Und im sozialen Denken Karl Muths vollzieht sich ein ähnlicher (wenn auch allmählicher) Wandel von der Sorge um die Geistigkeit des Bürgertums zur Sorge um das Recht seines Bestandes. (Gedanken von Paul Ernst, der auch im „Hochland“ seinen Platz gefunden hatte, spielen dabei wohl mit.) In seinem Aufsatz „Die Stunde des Bürgertums“ hatte er bereits vor Jahren das Bürgertum gemahnt, sich den Arbeitern aufzutun, seinen Geist, seine Bildung ihnen als den rechtmäßigen Erben, wenn ich so sagen darf, in freier Offenheit zu übermitteln. Es ist die' letzte Unbefangenheit, zu der sein eigener Geist gefunden, zu der er die Zeit hätte führen mögen. (Mauriac und Bernanos sind politisch, wenigstens was Spanien anlangt, auf sehen der Sozialisten gestanden.)

Wie hoch das Werk Karl Muths von den Großen des Geistes eingeschätzt wurde, mögen ein französisches und ein englisches Urteil bezeugen. Sie sind zu seinem 70. Ge-burgstag geschrieben, sie dürfen aber doch als Ausdruck ehrlicher Achtung verstanden werden:

Paul Claudel hat geschrieben: „Hochland“ c'est toujours fait gloire de represen-ter ce qu'il y a de plus courageux et de plus sinecre dans l'esprit allemand tradi-tionellement attache ä cette foi sublime qu'il a recu des ancetres et qui sur votre sol a donne naissance a tant de chefs d'oeuvre ...“

Und Christopher Dawson: „When I knew „Hochland“, I always regarded it as the ideal of what a catholic review should be.“

Ich gehöre nicht in die Reihe dieser Großen. Aber ich grüße hier zum Schluß, mit vielen meinesgleichen, den Mann, der uns Jahrzehnte hindurch in seiner Person und mit seiner Zeitschrift Anreger, Erzieher und Freund war, in Dankbarkeit und Verehrung und Liebe.

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