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Eine Freundschaft im Dienste Österreichs

Zu jener Gruppierung von Menschen um Hofmannsthal, die er „als durchaus vom Leben, von den Instinkten der Freundschaft geformt" empfand, gehörte auch Josef Redlich, der während eines schicksalhaften Jahrzehnts am politischen Spiel in und um Oesterreich maßgeblich beteiligt war. Mit unzähligen Menschen, darunter bedeutendsten Zeitgenossen, mit der Welt der Wirtschaft und der hohen Politik durch ein dichtes Netz von Beziehungsfäden verbunden, war Josef Redlich eigentlich ein Einzelgänger. Was auf einem Spaziergang in Salzburg Doktor Julius Sylvester von der Deutschen Volkspartei zu Hermann Bahr sagte, resümiert Redlichs Position im öffentlichen Leben: „Ein Politiker darf vor allem seine Partei nicht merken lassen, da0 er gescheiter ist als sie. Das vertragen s’ in keiner Partei! Ein richtiger Politiker muß immer so tun, daß die Partei glaubt, er tut nix als was sie will, dann kann er alles tun, was er will. Aber das hat der gute Redlich halt nie verstanden; er ist ein genialer Mensch, aber halt gar kein Politiker." Vaterlandsliebend, aber immer europäisch denkend, eigenwillig, aber elastisch, musisch und liberal im besten Sinne, repräsentierte Redlich für Hofmannsthal jenen Typus des Staatsmannes, der die große Synthese von Geist und Politik zu leisten imstande gewesen wäre, von der Hofmannsthal am Ende seiner bedeutenden kulturpolitischen Rede von 1927 („Das Schrifttum als geistiger Raum der Nation“) spricht.

Josef Redlich entstammt einer mährischen IndtrstrreHenfamilie und wurde 1869 in Goding geboren. 1878 übersiedelte die Familie nach Wien; bis 1886 besuchte er hier (wie der fünf Jahre jüngere Hofmannsthal) das Akademische Gymnasium und die Universität. (Einige Semester studierte Redlich auch in Leipzig und Tübingen.) — Das Interesse, ja die Begeisterung des jungen Doktor jur. für englisches Wesen stammt noch aus der Schulzeit. Bereits 1901 hat Redlich mit seinem ersten wissenschaftlichen Werk über englische Lokalverwaltung einen bedeutenden Erfolg und habilitiert sich an der Wiener Universität als Privatdozent für Verwaltungsrecht, das er während seiner Tätigkeit an der Statthalterei in Brünn aus der Praxis kennengelernt hatte. 1906 wird Redlich als Landtagsabgeordneter der Deutschfortschrittlichen Partei gewählt und zieht 1907 in den Reichsrat ein. In den Jahren 1910 und 1913 hält er Gastvorlesungen an der Harvard-, der John-Hopkins- und der Illinois-Universität und erhält von der Carnegie Foundation 1912 den Auftrag, eine Untersuchung über das Jus-Studium in den USA anzustellen. In dieser Zeit beginnt jene anregende, aber auch aufreibende Zweigleisigkeit, die für Redlichs Karriere so charakteristisch ist: als Politiker und Wissenschaftler, in der Heimat und in den USA. 1904 hat er das Manuskript seines Buches über „Recht und Technik des englischen Parlamentarismus" abgeschlossen, das, in der Uebersetzung, auch in England als Standardwerk anerkannt und häufig zitiert wurde; 1908 folgt die Schrift über das „Wesen der österreichischen Kommunalverwaltung"; 1920 bzw. 1926 erschienen die beiden Bände „Das österreichische Staats- und Reichsproblem". 1925 bis 1928 war er mit den vorbereitenden Arbeiten zur Herausgabe des Nachlasses seines Freundes, des ehemaligen Ministers Joseph Maria Baernreither, beschäftigt; und im Auftrag des New-Yorker Verlegers MacMillan schrieb er die Monographie über die Regierung Franz Josephs. (Die deutsche Ausgabe erschien unter dem Titel: Kaiser Franz Joseph — Eine Biographie.) — 1918 übernimmt Redlich in der letzten k. k. Regierung unter Lammasch das Finanzministerium, zwei Jahre später will Schober( eine Regierung parteiloser Politiker bilden, aber der Plan scheitert an der Opposition gegen Redlich, dem eine maßgebliche Rolle in diesem Kabinett zugedacht war. Tn halbamtlicher Miss’on unternimmt Redlich 1921 eine Reise in die USA und wird zu einer Vortragsreihe an das neugegründete „Political

Institute“ eingeladen. Jetzt schreibt er sein Buch „Oesterreichische Regierung und Verwaltung im Weltkrieg", das 1925 erscheint. Im folgenden Jahr wird Redlich an die Harvard-Universität berufen und zum Leiter des Instituts für vergleichendes Recht ernannt. Von 1931 bis 1936 gehört er als Ersatzrichter dem Internationalen Gerichtshof in den Haag an. Nach dem Zusammenbruch der Creditanstalt holte Schober noch einmal Redlich zu Hilfe und bewog ihn, das Finanzministerium zu übernehmen. Nach Abschluß der wichtigsten Reorganisationsarbeit gab Redlich die Demission, da er mit seinen Ministerkollegen nicht harmonierte und jede Zusammenarbeit der Parteien vermißte, die ihm für das Wohl seines Landes notwendig schien. Aber die Gründe für Redlichs allmähliches Sich- Zurückziehen aus dem öffentlichen Leben lagen tiefer. Immer stärker empfand er den Gegensatz „zwischen der freien, zielstrebigen, aber traditionslosen Lebensart der amerikanischen Gelehrtenwelt in Harvard und dem an kulturellen Erinnerungen so reichen, aber in der dumpfen Enge und Zukunftslosigkeit der Gegenwartspolitik erstickenden Heimatland". Fritz Fellner, der verdienstvolle Herausgeber der politischen Tagebücher Redlichs (Schicksalsjahre Oesterreichs 1909—1919, Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger, Graz-Köln, 2 Bände), schreibt: „Seine Sensibilität, immer empfänglich für die Eindrücke des Tages, empfand den Niedergang des Individualismus, den sich abzeichnenden Ruin der

Demokratie wie einen körperlichen Schmerz, jeder neue Europaaufenthalt ließ ihn stärker an der Zukunft der Alten Welt zweifeln, jede Rückkehr in die Vereinigten Staaten rief in ihm die Sehnsucht nach der verlorenen Geistigkeit des europäischen Kulturschaffens wach. Die Entwicklung in Deutschland aber erfüllte ihn mit banger Sorge, und schon im März 1933 schrieb er an seine in der Tschechoslowakei Ičbende ehemalige Sekretärin, Maria Weinmann: ,Ich stehe ganz unter dem Eindruck der furchtbaren Entwicklung, welche die Dinge in Deutschland nehmen. Es ist doch so, daß die große Mehrheit der deutschen Männer und Frauen sich einem Wahnsinnigen in die Hände gegeben haben, der jetzt einen Hakenkreuzfeldzug gegen die Juden führt. Wie groß die Verachtung der Engländer und Amerikaner gegen dieses Deutschland, das sich der rohesten Gewalt unterworfen hat, ist, scheint kein Mensclv in Deutschland zu verstehen! Gebe Gott, daß unvorhergesehene Ereignisse das Schlimmste von Deutschland und Oesterreich abwenden'." Am 11. November 1936 starb Josef Redlich, dessen Warnungsrufe, wie die so vieler anderer, nicht gehört wurden.

„Wenn es zum Anschluß kommt, gehe ich in die Schweiz", schrieb Hofmannsthal einem seiner Freunde. Aber auch ihm blieb das ,,Schicksalsjahr" 193 8 erspart. (Hofmannsthal starb am 15. Juli 1'929.) Den letzten Brief an Josef Redlich schrieb er knapp einen Monat vor seinem Tod. Der erste datierte Brief trägt das Datum

22. Februar 1907. Zwei undatierte lassen nach Schrift und Briefpapier darauf schließen, daß Hofmannsthal die Bekanntschaft Redlichs bereits etwa zehn Jahre früher gemacht hatte. Die von Gertrud Redlich, der Gattin Josef Redlichs, sorgsam aufbewahrte Korrespondenz umfaßt 60 Schriftstücke, unter denen sich auch vier Briefe von Mitgliedern der Familie Hofmannsthal sowie ein Telegramm befinden. Drei Hofmannsthal-Briefe sind mit der Maschine geschrieben und wurden vermutlich diktiert. Alle übrigen stammen von Hofmannsthals eigener Hand. Sie sind Zeugnis einer ungetrübten, 22 Jahre währenden Freundschaft. Mit der freundlichen Genehmigung von Frau Gerty von Hofmannsthal, der Witwe des Dichter?, und von Frau Gertrud Redlich drucken wir nachfolgend

— in der Orthographie ihres Schreibers — drei Hofmannsthal-Briefe ab.

Rodaun den 29 X 18

mein lieber Herr- Professor,

Ihre Betrauung mit der Leitung der Staatsgeschäfte — denn darauf läufts ja hinaus — in diesem Augenblick hat jenes Gepräge von liefern fast erstarrendem Ernst, ohne den freilich die Erlebnisse wirklicher und bedeutender Menschen nicht vorstellbar sind. Gott sei mit Ihnen.

Ihre Freunde, zu denen ich von Herzen wich rechne, werden fürs nächste darauf verzichten müssen, eine Stunde mit. Ihnen teilen zv. dürfen. Sollte ich darin irren, sollten Sie je Lust haben, im Gespräch mit mir etwas Recreation zu suchen, so rufen Sie mich durch Ihre Schwester, ich werde immer mit großer Freude kommen.

Es gehört zu jenen sonderbaren Verstrickungen, durch die das Leben dem planvollen Kunstwerk ähnelt, daß in einem solchen Augenblick die Notwendigkeit an Sie herantritt auf einem ganz anderen Gebiet zu intervenieren, und das zwischen einem Ihnen seit Dezennien nahe stehenden Mann und einer Gruppe von Personen und Institutionen, auf deren Seite auch ich mit meiner ganzen Person und allem was ich in Dezennien an Einsicht und Autorität aufgesammelt habe, mich stellen muß, koste es was es wolle.

So wie Sie in den schweren Jahren die hinter uns liegen stehe ich in diesem Confli'tt mit meiner einsamen Person für ganze geistige Com- plexe, für eine ganze Welt ein, die von den anderen gar nicht erkannt wird.

Sie haben, wie fast niemand, die geistige Kraft und die Reinheit des Blickes auch im Moment ungeheuerlicher Umwälzung die Bedeutung cultureller Werthe zu erkennen — so werden Sie es auch nicht ungereimt finden, wenn man an Sie appelliert um aus Verlegenheiten, die ihre Wurzel in einer unauflösbaren, Sie sagten es selbst, in einer dämonischen Person, finden, einen Ausweg zu suchen, der auch mich und alle meine Hoffnungen nicht mitbegräbt.

Der Ihre, in Herzlichkeit

Hofmannsthal

Pfingstsonntag 1928

lieber und guter Freund,

jede Berührung mit Ihrer geistigen Person ist mir überaus inhaltsreich. So, als mir vorgestern, gewiß in Ihrem Auftrag, der Auszug aus Baern- reithers Aufzeichnungen zukam. Ich las zuerst Ihre schöne so einfache und vieles knapp berührende Darstellung seines Lebens, dann, bis tief in die Nacht hinein fast das ganze Buch durch. Mit welchem unnennbaren Gefühl liest man als Oesterreicher ein solches Buch! Da liegen klar die Möglichkeiten, wie der Untergang hätte vermieden, der Uebergang zum lebensfähigen Neuen könnte gefunden werden. Und dann sieht man wie sichs verkettet und

Ihr Freund Hofmannsthal verknotet: zum Unrechten Augenblick stirbt der, zum Unrechten Augenblick ist jener an der Macht. Der die Macht hat, erkennt nicht, worauf es ankommt, der Erkennenden, obwohl hochstehend und nicht ohnmächtig, sind zu wenige — sie finden einander nicht, und wo sie durchgreifen müßten, steht ihnen alles entgegen: die Charaktere, die staatsrechtlichen Auffassungen, die formalen Schwierigkeiten, das mangelnde Ineinandergreifen. Die Situation nimmt mit geheimnisvoller Gesetzmäßigkeit die hippokratischen Züge an, wie vor 1859, wie vor 1866. Man erlebt es noch einmal von Blatt zu Blatt wie man es im Halbtraum des Daseins schon einmal erlebt hat. Nun aber ist es vollzogen, es ist Wirklichkeit geworden, man staunt und begreifts wieder nicht — und nichts bleibt zurück als beklemmend ums Herz das Gefühl des schicksalmäßigen Geschehens, lind so haben wir ein Vaterland, und eine Aufgabe — und eine Geschichte — gehabt, und müssen weiterleben I

In Freundschaft Ihr , , ,

Hofmannsthal

Rodaun 28. XI. 28.

verehrter Freund,

Ihr Buch über die lange Regierung Franz Josefs war die Lecture meiner letzten Wochen in Aussee, Es hat mir sehr viel gegeben; ist es doch — wie Sie selber in der Vorrede andeuten — nicht bloß eine Charakterstudie noch weniger eine halbbelletristische Monographie, sondern eine wahre Geschichte Oesterreichs int XlXrten Jahrhundert und somit fast eine politi ęhe.. Gč- schichte Europas, auf Oesterreich hin zusammengefaßt. Denn die politische Herrschertätigkeit war eben der ganze Lebensinhalt dieser letzten großen europäischen Monarchenfivur — zudem aber liegt es in Ihrer Eigenart, daß sie sich lieber und stärker auswirkt in der Durchleuchtung der historischen Kausalität und In der Ausbreitung der historischen Zusammenhänge, als im Gestaltenden und Malenden.

Sie berühren, mit der Ueberlegenheit des reifen Mannes, die Unzulänglichkeit der Berichte erstattung über ein solches Werk. Es ist ja natürlich, daß mir der Gedanke nahe war, ich könnte zu dem Versuch berufen sein mich mit dem geistigen Gehalt der in und hinter einem solchen Werk Ihrer Hand liegt, auseinanderzusetzen. Aber, lieber Freund, ich bin dazu in meiner gegenwärtigen Lebensphase unvermögend. Eben weil ich mit dem Zusammenbruch Oesterreichs das Erdreich verloren habe, in welches ich verwurzelt bin, eben weil es sich, wenn einer die Verstrickung hier von allem mit allem lichtvoll darlegt, das ln-eins des schicksalgebundenen Politischen mit dem geistig- Culturellen, das ln-eins der Schuld und des Unglücks, das Paradoxon des scheinbaren Noch- bestehen-Könnens bei tatsächlichem Ende — eben weil dies mein eigenes Erlebnis ist, weil mein eigenes dichterisches Dasein in diesem Zusammensturz fragwürdig geworden ist (und fragwürdig werden mußte, sieht man es für mehr an, als für ein bloßes Litteratendasein) eben darum weil dies alles mir so furchtbar nahe, so unausdenklich bedeutsam ist — kann ich über diese Dinge nur schweigen — wofern ich mich - in einer wirklich nicht unbedrohten, einem Anderen kaum darlegbaren Lage — nicht schwer zerrütten will.'

Als ich vor einiger Zeit eine Klage ähnlichen Sinnes vor Carl Burckhardt mir entschlüpfen ließ, wissend, daß er mich und Oesterreich, wie es war tief genug versteht, um den Ausdruck meiner Beklommenheit zu begreifen, antwortete er mir etwas später in einem Brief und erinnerte mich an die seltsame, sicher nicht von vielen verstandene Stelle bei Eckermann, wo Goethe sagt: „mit 23 Jahren habe er den Götz geschrieben — von solchen Weltverhältnissen, wie sie in dem Stück vorwalten, habe er nichts gewußt und nach seinen Jahren und damaligen Lebens kreisen auch nichts wissen können, und er sei erstaunt, wie lebendig das alles sei und wie wahr. Das Dasein habe er eben durch Anticipation gekannt, später — wie sich ihm dann alles in der Wirklichkeit bestätigt habe, sei er verdrossen geworden darüber und er habe keine

Lust mehr gehabt es auszudrücken.“ Das Ist es. Wenn das Geahnte, im eigenen inneren Licht erkannte (und ich habe schließlich mit 19 Jahren den „Tor und Tod“ geschrieben, in welchem nicht Weniges vom heutigen Weltzustand anticipiert ist) einem dann von Außen als Wirklichkeit entgegentritt, dann graust einem davon und man will es nicht noch einmal benennen!

Die Freude, die Sie erfüllt, wenn Sie hören daß Ihr Sohn etwas geleistet hat, und daß dies anerkannt wird, ist rein und schön. Hier rankt das Denken sich um eine neue Existenz, und erquickt sich; so empfange ich auah die Nachrichten von Christianes ungetrübter Freude an der Seite eines so gütigen und klugen, frischen und unbefangenen Menschen, so auch Raimunds Briefe, aus denen mir klar wird, daß diese neue Welt ihm allmählich zur zweiten Heimat wird, die alte ergänzend, nicht sie verdrängend. Es geht etwas vor auf diesem ganzen Planeten, dessen gleichen noch vor 20 Jahren auch dem kühnsten Denken zu erahnen nicht möglich war. Diese Söhne (oder gar das Kind das Christiane erwartet) werden Bürger einer neuen Zeit sein, das Wort in denkbar umfassendstem Sinn genommen. Mögen sie ihrer Väter und Großväter gut gedenken. — Ich grüße Sie innigst

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