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George Ticknor erlebt das alte Europa

Man würde sehr fehlgehen, wenn man die Reaktionen von Amerikanern auf ihren Europareisen lediglich nach den Aufzeichnungen des Botschafters Dodd, Mark Twains oder gar nach dem satirischen „Gentleman Prefer Blondes" von Anita Loos beurteilen würde. Vor zwei Jahren gab Philip Rahv in einem Bostoner Verlag eine geschickt ausgewählte Sammlung von Briefen und Tagebudifragmenten über das Europaerlebnis amerikanischer Reisender unter dem Titel „The Discovery ofEurope" heraus, das eine beabsichtigte Zusammenstellung des Guten und Schlechten, des scharf Beobachteten und des Verzeichneten darstellt. Neben den weniger erfreulichen Berichten finden wir hier aber ganz hervorragende Schilderungen von Ralph Bourne, Henry Adams, Thomas Wolfe, James Fenimore Cooper (der Autor des „Lederstrumpf") und George Ticknor. Die Leistungen der beiden Letzterwähnten sind wohl die eindruckvollsten, doch da von ihnen Ticknor so gut wie unbekannt ist, wollen wir uns heute nur mit ihm beschäftigen. Die Exzerpte, die wir hier bringen, entstammen jedoch nur zum Teil dem Sammelwerk Rahvs (Verlag Houghton-Mifflin, Boston 1947); was dort nicht zu finden ist, wurde dem schwer zugänglichen „L i f e, Letters and Journals of George Ticknor“, James R. Osgood, Boston 1876, entnommen.

George Ticknor, am 1. August 1791 in Boston geboren, entstammte einer wohlhabenden und aristokratischen Familie dieser alten Stadt Neuenglands. Er studierte in Harvard, wurde schon im Jahre 1813 Advokat, reiste aber 1815 mit seinem Freund Everett nach Göttingen, wo er zwei Jahre lang klassische Literatur studierte. Er erhielt einen Lehrauftrag von der Harvard-Universität für moderne Sprachen, verbrachte aber noch drei Jahre in Europa und bereiste Frankreich, Italien und Spanien. Nirgends fühlte sich dieser Bostoner Protestant so wohl als auf der Iberischen Halbinsel. Hier erhielt er auch die entscheidenden Anregungen zu seinem „Chef d’O e u v r e", der dreibändigen „H istory of Spanish Literature" (New York 1849). Ab 1820 dozierte er in Harvard, bereiste jedoch Europa neuerlich in den dreißiger Jahren, wo er die Bekanntschaft des Kronprinzen und späteren Königs Johann von Sachsen machte, mit Hem ihn ein Freundschaft fürs Leben band. Dieser katho lische Fürst, bekannt als Dante-Übersetzer, hatte einen ganzen Kreis von Gelehrten und Künstlern um sich versammelt. Als Ticknor im Jahre 1871 starb, schrieb König Johann einen ergreifenden Brief an die Witwe dieses Mannes, der für die Ewigkeitswerte Europas und für den konservativen Grundgehalt der Alten Welt so ausnehmend viel Verständnis gezeitigt hatte.

Kurz nach seiner Ankunft in Paris, bei seinem ersten Aufenthalt im Jahre 1817, begegnete er Chateaubriand in einer Gesellschaft, wo dieser rundweg erklärte, er hätte seinen Glauben an die europäische Gesellschaft verloren, Und als man auf ihn eindrang, er möge dies be- gründen, erwiderte der Autor des „G6nie du Christianisme“:

In fünfzig Jahren wird es keinen legitimen Herrscher in Europa geben; von Rußland bis Sizilien sehe ich nichts als militärische Despoten voraus; und in hundert — in hundert Jahren! — ist die Wolke der Zukunft zu dunkel, um vom Menschenauge durchdrungen zu werden. Und da liegt auch das Elend unserer Lage; wahrscheinlich leben wir nicht nur im Niedergang Europas, sondern in jenem der ganzen Welt. Wenn ich keine Familie hätte, würde ich reisen, nicht vielleicht weil ich das Reisen liebe — ich verabscheue es! —, sondern weil ich das Bedürfnis habe, Spanien zu sehen, um dort die Wirkung von acht Jahren Bürgerkrieg zu studieren; und dann will ich auch Rußland besuchen, um einmal die Macht kennenzulernen, welche die ganze Welt bedroht. Wenn ich diese Länder gesehen habe, würde ich auch das Schicksal Europas wissen. Dann aber würde ich mich in Rom niederlassen und dort meine letzte Wohnstätte einrichten. Dort würde ich mein Tabernakel und mein Grab bauen und unter den Ruinen von drei Kaiserreichen und dreitausend Jahren Geschichte, mich Gott ganz hingeben.

Ticknor war von dieser Aussage erschüttert, aber nicht restlos überzeugt. Von Paris ging er nach Rom , um dort den Mann kennenzulernen, der ihn menschlich am meisten inter- essierte — Papst Piun VII. Seinem Vater, Elisha Ticknor, schrieb er am 1. Februar 1818:

Der Papst sprach viel über unsere Toleranz und pries sie, als ob sie ein Gesetz seiner eigenen Religion wäre. Er fügte hinzu, daß er Gott ständig danke, daß er das Prinzip der religiösen Verfolgung aus der Welt geschaffen habe, denn die Überredung sei das einzige Mittel, der Frömmigkeit zu helfen, während die Brachialgewalt lediglich Heuchelei erzeuge. Er unterhielt sich dann mit mir über das Thema unserer Bevölkerungsvermehrung und zeigte, daß er darüber mehr verstand als irgend jemand anderer in Europa. Und als ich ihm weitere Angaben machte, bemerkte er, die Zeit würde bald kommen, in der wir die Geschicke der Alten Welt be. stimmen würden.

Ticknor war tief beeindruckt von der Einfachheit der Audienz, der „humorvollen Persönlichkeit und der Güte eines so alten und gebrechlichen Mannes“. Kein anderer menschlicher Kontakt hatte ihn in Europa so vollauf befriedigt.

Spanien hatte in den aufgeklärten und fortschrittlichen Vereinigten Staaten keinen guten Ruf. Ticknors Reise von Barcelona nach Madrid war auch äußerlich beschwerlich und unbequem. Er schilderte diese seinem Vater in den düstersten Farben (Brief vom 23. Mai 1818), fügte aber hinzu:

Und dennoch, ob Du es mir nun glaubst oder nicht, ich habe in meinem ganzen Leben keine lustigere Reise unternommen. Meine Gefährten waren ausgezeichnete Leute; und mit der echten, unpretenziösen Höflichkeit und herzlichen, würdevollen Güte, für die ihre Nation immer berühmt war, versuditen sie mit aller Aufopferung, mir die Unbilden dieser Reise zu erleichtern und vergessen zu machen.

Von den Spaniern, vielleicht mit Ausnahme des Mittelstandes, war er ehrlich begeistert. Er fand sie kultivierter und bedeutend weniger korrupt als die anderen Nationen und rühmte ihren Charakter. Eine Regierung im engeren Sinn des Wortes sei aber in Spanien unmöglich, denn diesem freiheitsliebenden Volk gehe der Begriff des Gehorsams völlig ab. Die königlichen Dekrete werden einfach nicht aatgeführt. Der Mangel an alkoholischen Exzessen, die Ruhe, Würde und der aristokratische Charakter der untersten Volksklassen sagte ihm in jeder Beziehung zu.

Österreich besuchte Ticknor erst im Jahre 1836. Bei den Metternichs war dieser Amerikaner ein gern gesehener Gast. Am 1. Juli hatte er eine lange Unterredung mit diesem geistreichen und vielverkannten Staatsmann, der ihm beichtete:

J’aime la veritl, et je la cherche. Je hais le mensonge. Je n’aime pas mon mftier… „Ich liebe die Wahrheit und ich suche sie. Die Lüge hasse ich. Ich liebe nicht mein Metier." Als ich 25 Jahre alt war, sah ich nichts als Wechsel und Wirren für mein ganzes Leben voraus; und manchmal dachte ich, ich sollte Europa verlassen und nach Amerika oder irgendwo anders auswandern, wo ich endlich Ruhe hätte, aber meine Pflicht bindet mich hier.

Die Demokratie lehnte Metternich freilich ab, und zwar aus Gründen, die im Lichte unserer Erfahrung und der amerikanischen Außenpolitik gar nicht einmal so irrelevant sind:

„Ich arbeite hauptsächlich, ja fast ausschließlich, um Unruhen zu verhindern, um die politischen Übel zu verhindern. In einer Demokratie können Sie das nicht machen. Dort muß man mit dem Übel beginnen und es er. tragen, bis es allgemein gefühlt und erkannt wird, und dann erst — vielleicht — kann mit der Kur begonnen werden.“

Ticknor hielt Metternich für den größten Staatsmann seiner Zeit. In seinem Urteil war er auch vielleicht von den Thuns beeinflußt, die ihn in Tetschen auf ihr Schloß eingeladen hatten, wo er angenehme Tage verbrachte, und die er geistig sehr hoch einschätzte. Über Sachsen und Böhmen war er nach Österreich gekommen und über das Donautal reiste er wieder aus. Das Stift Heiligenkreuz hatte er schon früher besucht, und nun stieg er ganz methodisch auf seiner Fahrt in den Klöstern ab, zuerst in Melk und dann in St. Florian. Das geistige Niveau, das er hier vorfand, beeindruckte ihn sehr, denn es entsprach in keiner Weise den allgemeinen amerikanischen Vorstellungen.

Nach seiner Rückkehr sollte er Europa nicht wiedersehen. Er korrespondierte allerdings eifrig mit König Johann. Die Entwicklung in Europa und besonders in Deutschland mißfiel ihm. Dies kommt in einem Brief an seinen königlichen Freund vom 6. September 1867 zum Ausdruck, in dem er schrieb:

Alle bekannten Großkulturen — von der assyrischen angefangen — wurden durch die Konzentration gewaltiger Menschenmassen in der ungesunden, moralischen Atmosphäre der Riesenstädte zu Fall gebracht; und die endlose Vergrößerung der Armeen und der Ungeist des Militarismus haben das Ihrige dazu beigetragen.

Ticknor gehörte einer Generation und einer Gesellschaftsklasse an, die auch in Amerika drüben vorbehaltlos einen gesamtabendländischen Geist atmete. Bei der Flut oft recht minderwertiger Übersetzungen aus dem Amerikanischen wäre es begrüßenswert, wenn das konservative Erbgut der Neuen Welt, das uns so nahesteht, auch den Europäern erschlossen würde,

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