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Niederlandische Charakterkopfe

In kritischen Augenblicken suchen die Menschen meistens nach einer Lit, die ihrem Charakter und ihrer Lebensart am besten entspricht. Die kampflustigen Trojaner erfanden das hohle Pferd, die klugen Römer ließen sich von schnatternden Gänsen alarmieren, die wasserreiche niederländische Stadt Breda wurde mittels eines Torfschiffes erobert, und der Bücherwurm Huig de Groot — so lautet sein nichtlatinisierter Name — wurde in einer Bücherkiste gerettet.

Nachdem dieser Mann, der Hollands berühmtester Rechtsgelehrter werden sollte, erst zum Tode verurteilt und dann zu lebenslänglichem Kerker „begnadigt“ wurde, führte seine Frau, unter den denkbar schwierigsten Umständen, ihren Plan durch und ließ den geliebten Mann, in einer Bücherkiste versteckt, von der eigenen Bewachungsmannschaft aus der Festung Loevestein wegtragen und führte ihn so in die Freiheit. Alle klein-krämerischen, historischen Detailuntdrsuchun-gen über das spätere Abflauen der Anhänglichkeit dieser angeblich langsam vergrämten Frau sind nicht imstande, die große Tat von Marie van Reigersbergh anzutasten. Sie hat den großen Rechtsgelehrten für Holland und die Welt gerettet. Und kein Geringerer als Vondel hat diese Tat in einem Gedicht verewigt:

Die Frau war klüger noch als tausend Männer. Das ist dein Ruhm, Marie van Reigersbergh. Die nächsten Zeiten werden von dir sprechen, Wie du' den Haß so schlau geknebelt hast.

Vergönne mir, daß mein Gedicht besinge Die Bergung unsres Schatzes aus Gefahr, Bei dem Gewitter, wo das Ruder schwankte Und auf dem Schiff so mancher Lenker war.

Auch Grotius ist den konfessionellen und den damit verknüpften politischen Streitigkeiten zum Opfer gefallen. Denn er war in seinen Anschauungen zu weitsichtig, und in seiner Gesinnung zu loyal, als daß die kleinen, beschränkten Quertreiber seiner Zeit ihn in Ruhe hätten lassen können. Sogar das große Holland des 17. Jahrhunderts war für einen Mann wie Grotius zu klein und eng.

Um so höher aber weiß die Nachwelt den Reichtum dieses Wunderkindes zu schätzen, denn Hollands Volkscharakter und die Kindererziehung in diesem Lande sind bestimmt kein günstiger Nährboden für das Heranwachsen von Wunderkindern. Dafür sind diese Menschen zu schwerfällig, zu langsam und allzusehr den zahlreichen „er-zvherischen“ Hemmungen ausgesetzt. Der Holländer, auch das holländisdie Kind, ist %ein Blender; er bewährt sich erst auf die Dauer.

In dieser Beziehung bildet Grotius unter seinen Landsleuten eine große Ausnahme. /Er war wirklich ein Wunderkind, und — jwas eine nodi größere Ausnahme ist — er blieb es auch, im Gegensatz zu den meisten Wunderkindern, die in späteren Jahren durchwegs versagen. Als elfjähriger Junge kam er schon auf die Universität und ver-l Muffte nach zwei Jahren alle Professoren durch seine meisterhaft verfaßten lateinischen Gedichte. Diese zeigten auch damals schon, als das erasmianische Erbe noch in Hochblüte stand, eine so absonderliche Begabung, daß der Leidener Professor, van der Does, eine lateinische Ode auf den dreizehnjährigen Studenten vortrug. Mit 16 Jahren verließ er als Doktor der beiden Rechte die Alma Mater, und als er — kaum 25 Jahre alt — I larie van Reigersbergh heiratete, war er Generaladvokat von Holland, Seeland und Westfriesland, und in dieser Eigenschaft bereitete er, als ständiger Berater, Hollands mächtigsten Politiker, Johann von Olden-barnevelt.

Man kann Grotius' Bedeutung am leichtesten ermessen, wenn man seine Werke mit denen eines großen modernen Gelehrten vergleicht. Die Beschränkung auf ein einziges Fachgebiet ist einem Polyhistor, wie Grotius, ebenso unbekannt, wie seinen großen Zeitgenossen Constantijn Huygens, Vossius, Vondel, Salmasius oder Gronovius. Mit Ausnahme der Naturwissenschaften, zeigt er sich — nach Maßstab seiner Zeit — als Fachmann auf fast allen Geistesgebieten. Er ist Jurist und Philosoph in seinem Werk „Das Recht des Krieges und des Friedens“, Geschichtsforscher in seinem Buch über „Das Alter der batavischen Republik“ und in seinen zahlreichen Jahrbüchern, Altphilologe in seinen Ausgaben, Kommentaren, Übersetzungen, Briefen und Gedichten, und zumSchluß auch noch Theologe in seinem Traktat über „Die Wahrheit des Christentums“ und seiner großen Erklärung des Neuen Testaments. Er zeigte sich auf allen diesen Gebieten so bewandert und begabt, daß es seinen Zeitgenossen schwer fiel, festzustellen, wo seine eigentliche Größe lag. Selbst Leib-niz schätzte sein „Wahrheit des Christentums“ höher als sein Hauptwerk über Krieg und Frieden.

Was wir heute am meisten bewundern, ist die breitgespannte parate Kenntnis, die es Grotius ermöglidite, jede Behauptung oder Feststellung mit Zitaten und Beispielen aus der damals bekannten Literatur aller Zeiten zu belegen. Dabei schrieb er ein Latein, das genau so kräftig, fast so klar und geschmeidig ist, wie bei Erasmus. Was uns aber stört, ist die Langatmigkeit seiner Ausführungen, die sich — wie bei den meisten seiner Zeit-genosssen — anscheinend nur im erdrückenden Folioformat wohl fühlte. Es verdient aber Erwähnung, daß gerade die kleineren Werke, wie „Krieg und Friede“ und die in der Muttersprache verfaßte „Inleiding tot de hollandsche regtsgeleerdheid“, die Jahrhunderte überdauert haben und uns noch immer vieles bieten können. Abgesehen von den zahlreichen kritischen Bearbeitungen neuerer Zeit, erlebte das erste Werk allein schon zwischen den Jahren 1625 und 1651 neun Ausgaben und erschien noch im Jahre 1869 in deutscher Übersetzung.

Am sympathischsten berührt uns Grotius' wirkliche Friedensgesinnung auf religiösem Gebiete. Obwohl er Protestant war und niemals Katholik wurde, brachten ihn seine Studien auf ein so hohes Geistesniveau, daß er dem Ideal nachstrebte, den Gegensatz zwischen Katholizismus und Protestantismus zu überwinden. Auf diesem Gebiete war er seiner Zeit weit voraus: ihm schwebte das moderne Ideal einer „Una Sancta“ vor, und er versuchte, auf Grund seiner Friedensgesinnung und seiner erstaunlichen Belesenheit, alle Gegensätze in eine höhere Einheit — die Übereinstimmung aller großen Denker * aller Zeiten — zusammenzufassen und zu neutraliseren. Gestützt auf das Traditionsprinzip, durchforschte er das Altertum, die Bibel, die ganze altchristliche und auch die mittelalterliche Literatur und entwarf ein Religionsgebäude, in dem er — wie man heute sagen würde — das „Wesen des Christentums“ verkörpert sah. Daß er sich dabei nicht auf die Bibel beschränkte und damit einen modernen Harnack in den Schatten stellte, sondern das altkirchliche Traditionsprinzip „was immer und überall und von allen gehalten wird“ (quod semper,quos ubique, quos ab omnibus) konsequent durchführte, ist ein Beweis dafür, daß er in Geist und Gesinnung weit über die Reformation hinausgegangen war, und schon „katholisch“ (das heißt allgemein) zu denken gelernt hatte. Leider war seine Zeit für diese Gedanken nicht reif. Nur ein Mann wie Leibniz war imsftnde, seine „Wahrheit des Christentums“ als ein „goldenes Buch“ zu würdigen und zu erklären, daß der „unvergleichliche Grotius darin sich selbst über-troffen hatte“.

Was uns schließlich in Grotius anzieht, und doch wieder befremdet, ist die Tatsache, daß er wirklich ein Optimst und Idealist war, wie alle großen Geister der Barockzeit. Von weitem folgte er hier Erasmus, seinem leuchtenden Beispiel, indem er glaubte, die Menschen durch seine Schriften zur wahren, höheren Menschlichkeit erziehen zu können. Auch in seiner Lebensführung war er Idealist: als im Oktober 1631 der Versuch gelingt, aus der Verbannung in die Heimat zurückzukehren, und er für kurze Zeit in Rotterdam verbleiben kann, unternimmt er als erste Aufgabe eine Wallfahrt zum Erasmusdenkmal, obwohl er seines Lebens nicht sicher ist. Trotz Verfolgung und Neid erscheint ihm seine Geisteswelt als schön. Er glaubt wirklich innig und fest an die von ihm verteidigten Ideale; er ist davon so sehr überzeugt, daß er voll Begeisterung darüber schreibt und immer wieder versucht, seine Leser zu diesem optimistischen Glauben zu bekehren. Dieser Idealismus ist auch die Erklärung für die fast ungenießbaren und oft geschwollenen Widmungen und Lobreden, die — im Stil der Zeit — seinen Werken vorangehen. Wir dürfen diese überschwenglichen Dedikationen jedoch nicht als falsche Schmeichelei auffassen. Im Gegenteil: der Verfasser glaubte wirklich an seine Ideale, die er nur in diesem gehobenen Stil auszu-drüden vermochte, und er war überzeugt, daß auch der Fürst oder der Mäzen, dem er sein Werk widmete, die gleiche hohe Meinung teilte.

Daß diesem Barock menschen der moderne Sinn für Kritik und Selbstkritik fehlte, ist eine unleugbare Tatsache. Uns mutet es paradox an, wenn wir sehen, wie dieser sonst so sachliche Advokat, nachdem Hollands Flotte die indischen Meere vollkommen monopolisiert hatte, den beiden Rivalen, Portugal und England, mahnend vorhält, daß die Freiheit des Meeres ein heiliges, unverletzliches Prinzip sei. Und ebenso verspüren wir das Fehlen jeder Selbstkritik, wenn er im Auftrage der Ostindischen Com-pignie den Seeraub verteidigt, die Sklaverei gutheißt und jede Zwangsmaßregel gegen Ungläubige, mit Ausnahme der Todesstrafe, billigt. Aber andererseits war es dieser kritiklose Idealismus, der es ihm ermöglichte, Großes anzustreben und zu erreichen, im Gegensatz zum modernen Menschen, der durch seine scharfe, oft zersetzende Kritik nicht mehr fähig ist, etwas Positives aufzubauen. Und ebenso hat dieser Idealismus Grotius, in einer Zeit, wo Kriege auf der Tagesordnung standen, befähigt, an seine Friedens-ideäle zu glauben und sein Meisterwerk über das Recht des Krieges und des Friedens zu vollenden. Obwohl er für seine Naturrechttheorie Vorgänger hatte, wie er selbst zugibt, war er doch der erste, der klar und eindeutig die Begriffe des gerechten urfd ungerechten Krieges prägte und zum Gemeingut der Menschheit machte. Er war es auch, der den Grundsatz aufstehe, daß derjenige, der einen ungerechten Krieg entfesselt, von allen übrigen wohlwollenden Völkern bestraft werden muß. Und wenn der moderne skeptische Realist sagen würde, daß die Welt, trotz Grotius' Idealismus, nicht besser geworden ist, so kann ihm nur erwidert werden: seit Grotius' Werk ist der demselben zugrunde liegende menschenfreundliche Gedanke in Wahrheit immer mächtiger geworden. Mit Ausnahme für den Fall, daß d;r Krieg zur Aufrediterhaltung des Redits dient, wird jede Störung des von Grotius geträumten Friedenszustandes als ein Verbrechen verurteilt. Diese Saat hat er ausgestreut; sie wurde in den Gedanken und Herzen der Menschheit immer reifer, und wir können nur hoffen, daß sie für die Zukunft endlich reichere Früchte tragen möge. Diese Vision schwebte dem 24jährigen Grotius vor, als er die lateinischen Verse dichtete:

Illos vincere da benigna, bello Qui belli sibi quaesiere finem; Illos da, dea, pessime perire Qui per foedera quaesiere bellum.

Lasse, Gütige, im Kriege diejenigen siegen, die ihn führten, um ihn zu beenden; Lasse diejenigen, Göttin, sdimählidi untergehen, die durch Bündnisse den Krieg gesucht haben.

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