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EIN LEBEN MIT MUSIK

Ich bin in Ungarn geboren, in Deutschland erzogen —, soweit eine Heirat ein weibliches Wesen erziehen kann! — bin amerikanische Bürgerin und lebe in Italien. Aus solcher Mannigfaltigkeit der Umgebung ergibt sich auch meine, in meiner Heimat übrigens nicht seltene, Vielsprachigkeit. Wenn ich auf die häufige Frage: „Wieviel Sprachen sprechen Sie eigentlich?“ — antworte: „Fünf!“ — so erfolgt, kaum vermeidbar, die Rückfrage: „Was ist die fünfte?“ — denn die vier „westlichen“ Idiome

beherrscht wohl heutzutage jeder halbwegs herumgekommene Mensch. Dann antworte ich: „Ungarisch“. Es könnte ebensogut, oder noch besser, Russisch sein, oder auch Tschechisch, Griechisch, Chinesisch, oder gar Laotisch. Unser Gesichtskreis und damit auch unsere Sprachkenntnisse haben sich wesentlich erweitert, seitdem ich zum Punkte gelangte, da ich beginne, diese Blätter zu schreiben.

Also in Ungarn geboren, vor sehr, sehr vielen Jahren, fraget ein weibliches Wesen nicht, vor wievielen. Jene fünfte Sprache beherrsche ich noch heute, obwohl ich schon vor etwa 35 Jahren die Heimat verließ, in Wort und Schrift — und sogar in Radiovorträgen — perfekt. Zu großer Verwunderung meiner einstigen Landsleute, die mir hie und da in den Weg laufen.

Von meiner sogenannten Jugend ist nicht viel zu erzählen, oder vielmehr: ich habe keine Lust, auf Einzelheiten meines ersten „Zuhause“ zurückzukommen. Ich habe das Vaterhaus noch sehr, gelegentlich sogar zu deutlich in Erinnerung, aber ohne Freude an solcher. Es war ein komfortables, wohlsituiertes Vaterhaus, man hatte damals keine Dienstpersonalsorgen, es gab erstes und zweites Zimmermädchen, die Köchin mußte ihr Abwaschmädchen zur Seite haben, dafür kochte sie auch gut, sogar luxuriös. Von Autos träumte man noch nicht, hingegen hatte jede gutbürgerliche Familie, die etwas auf ihre Dehors hielt — und weiß Gott, mein Vater hielt sehr entschieden auf solche! — ihren gemieteten Zweispänner, den Heute schon beinahe legendären „Fiaker“, mit dem die Damön in der guten Jahreszeit jeden Nachmittag unentwegt die Parkstraße des Budapester „Stadtwäldchens“ zweimal auf- und abwärtsfuhren, mit obligater Paus in einer vornehmen Konditorei.

Mir machten diese kurzen Ausflüge, die so angenehm meine von Lektionen ziemlich überlastete Tagesordnung unterbrachen, Vergnügen; es war nett, neben meiner Mutter zu sitzen, hübsch angezogen mit dem damals auch für kleine und kleinste Mädchen durchaus obligaten, alljährlich neuen Hut über den wohlfrisierten Zöpfen. Mit der Abenddämmerung wieder in der komfortablen Wohnung zurückgelangt, begann das anstrengende Einerlei mit seiner Routine aufs neue. Das Leben im Haus wurde von einem ebenso intelligenten wie herrschsüchtigen Vater regiert, der meine schöne, stets leidende Mutter geradezu zum Schatten drückte. Er war durchaus ein „selfmade man“, hatte als kleiner Angestellter bei einem mittelmäßigen Bankhaus zu arbeiten begonnen, entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einem bedeutenden Financier, dessen Scharfblick und selbständiges Denken in allen Fragen seines Faches überall bewundert wurden — in mittleren Jahren war er ein reicher Mann geworden, traute

nur seinem eigenen durchaus selbständigen Urteil und ließ sich, wie es sich erwies, mit Recht, von niemandem „dreinreden“. Ein Tyrann alttestamentarischen Gepräges, der sich die Entscheidungen in allen Fragen seiner Familie wie selbstverständlich vorbehielt; der mich, seine einzige, wie er immer betonte, hochgeschätzte Tochter zur gegebenen Zeit verheiraten wollte, recht gut verheiraten, aber „gut“, wie er es verstand, nicht das Objekt seiner Absichten selbst.

So suchte er unter den bürgerlichen, natürlich unbedingt wohlhabenden Familien der Stadt einen Mann, der nicht mir, sondern ihm selbst gefiel; suchte so hingebungsvoll, daß er einmal einen jener Bewerber um meine Hand und Mitgift — und es gab deren nicht wenige! — zu einer Tete-ä-Tete-Reise nach Ägypten einlud, um ihn gründlich „auszuprobieren“, wie er wohl als Schwiegersohn zu ihm, zu seiner Familie, an seinen Tisch passen würde. Daß der junge Mann das Examen nicht bestand, war natürlich. Denn die Denkweise des, wie schon erwähnt, außerordentlich klugen, in jeder Beziehung gebildeten, charakterfesten und selbstbewußten älteren Herrn riß ihn manchmal zu dem Ausspruch hin: „Dieses Mädchen wird, nachdem ich mich so lange mit ihm unterhalten habe, an keinem Gespräch mit einem anderen Manne Gefallen finden können.“ — Er unterhielt sich mit mir so lange, bis ich es überdrüssig wurde, die alte Jungfer zu spielen — dazumal wurde dieser Stempel den Mädchen viel rascher aufgedrückt als heute — es gab noch keine „Careerwomen“! — und mir auf eigene Faust einen Mann suchte, ihn auch fand.

Er war natürlich alles eher denn ein idealer Schwiegersohn für meinen Vater; zwar aus tadellos anständiger Familie, auch von tadellosem persönlichen Ruf, gescheit und lebendig, wohl in der Lage, eine intelligente Konversation zu führen — aber, erstens, finanziell sehr, sehr bescheiden ausgestattet, und überdies in einem Beruf, jenem eines Journalisten beschäftigt, der meinem Vater durchaus unseriös und unergiebig dünkte. Nichtsdestoweniger: wir heirateten, nachdem ich mir viele laute und stumme Vorwürfe über mich ergehen lassen mußte. Zum Glück waren wir energisch genug, unser Heim nicht in der stets unerfreulichen Reibungen ausgesetzten Nachbarschaft aufzuschlagen, sondern wanderten aus — was man so damals „auswandern“ nannte —, und schlugen unser Journalistenheim in Berlin auf.

Und damit begann für mich die zweite Lebensperiode.

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Es ist mehr als ein halbes Jahrhundert her, daß ich mein selbständiges Leben als Mensch, als denkender und arbeitender Mensch, .begann. Und man denke, was sich in diesem halben Jahrhundert um uns, in uns, mit uns ereignet und geändert hat!

Seit diesem „Mehr als ein halbes Jahrhundert“, ja, seit noch viel länger, wurde ich als Kind zum ersten Mal ans Klavier gesetzt, so wie man in gutbürgerlichen Familien die nicht mehr ganz kleinen Kinder dorthin zu setzen pflegte. Ich ließ die Prozedur nicht ungern an mir vornehmen, alle Freundinnen aus der Tanzstunde spielten Klavier, warum sollte ich es nicht auch versuchen? Der Versuch erwies sich als ziemlich erfolgreich, ich machte unerwartete Fortschritte auf den Tasten, der alte Lehrer, der schon meine Mutter, die als brillant spielende Dame der Gesellschaft galt, unterrichtet hatte, schien bald ungeeignet, den Backfisch, der sich immer intensiver um die Klaviatur und alles, was damit zusammenhing, bemühte, weiter zu fördern. Er wurde nolens-volens in den Ruhestand unserer Familie versetzt und meine sich ganz unbürgerlich heftig entwickelnde Leidenschaft für Notenköpfe und alles, was mit solchen zusammenhing, der mehr autoritativen Figur eines recht fähigen ehemaligen Liszt-Schülers anvertraut und untergeordnet.

Seither hat Musik mein Leben beherrscht. Nicht als ob ich selbst die Musik beherrscht hätte; meine Talente waren mittelmäßig, und ich habe es nicht weiter gebracht als zu dem Renommee einer sehr versierten, belesenen, sachverständigen, höchst ambitiösen musikalischen Dame. Deren kritische Artikel oft gedruckt, deren Kompositionen gelegentlich verlegt und sogar aufgeführt wurden; ohne jedoch zu wirklichen, ernstzunehmenden Erfolgen zu führen.

In meinem Musikzimmer stehen schöngerahmte Photographien, mit herzlichen Widmungen von bedeutenden Musikern meiner Zeit, von Dirigenten, Komponisten, ausübenden Künstlern, mit denen mich gemeinsame Begeisterung und intensiver Meinungsaustausch verband, die bei mir zu Gast waren, und — den Widmungen nach zu urteilen — mir aufrichtige Sympathie entgegenbrachten. Sie sind alle, alle tot, verschwunden, ich bin allein geblieben. Allein mit meinen Erinnerungen.

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Bevor jene erste Auswanderung nach Überwindung von Widerständen aller Art bewerkstelligt werden konnte, ereigneten sich in der Sphäre, die meine jugendliche und musikalische Entwicklung entscheidend beeinflussen sollte, wichtige Dinge.

Jener Liszt-Schüler, der sich mit Eifer meines pianistischen Strebens angenommen hatte, Professor Stefan Thoman, zu jener Zeit oberster Leiter der Klavierklassen an der Budapester Königlichen Musikakademie, der Brutstätte vieler außerordentlicher, später international berühmter Talente (zu seinen Schülern gehörten unter anderen auch Ernst von Dohnänyi und Bela Bartök) war, trotz seines künstlerischen Berufes, im Vaterhaus ein akzeptierter Gast. Wohl weil er in völlig regelmäßigen Familienverhältnissen lebte, eine gutgekleidete, manierliche Frau und vier Töchter hatte, und diese nicht anspruchslose Sippe mit dem hohen Gehalt eines anerkannten „Meisters“ standesgemäß zu erhalten wußte. Professor Thoman bemerkte meinen unwiderstehlichen Drang, mich mit ihm über Probleme von Harmonie und Kontrapunkt zu unterhalten, und es gelang ihm, meine Eltern von der absoluten Notwendigkeit des Kompositionsstudiums ihrer etwas überspannten Tochter zu überzeugen. — „Wen könnten Sie mir für dieses Studium empfehlen?“ — fragte ihn mein stirnrunzelnder Vater. — „Wir haben an der Akademie einen sehr begabten jungen Mann, eine durchaus solide, anständige Persönlichkeit — er dürfte für diese Aufgabe ganz geeignet sein“, antwortete der Professor. — Zu jener Zeit war der sehr begabte, durchaus anständige junge Mann in Musikerkreisen bereits bekannt: als ein heftiger Revolutionär, der einmal aus der Akademie beinahe ausgewiesen wurde, weil man entdeckt hatte, daß er die Taschenpartitur des „Zarathustra“, eines verfemten Werkes des zu jener Zeit durchaus als Gottseibeiuns

betrachteten Richard Strauss, in seiner Mappe mit sich umhertrug. Im übrigen kannte man ihn als einen stillen und wortkargen, stets in seine Studien versunkenen Jüngling; er stammte aus einer gut beleumundeten, bescheidenen, provinziellen Familie, und so gab mein Vater, für den jede Musik ein Buch mit sieben Siegeln war —, ein Buch, von dem er nichts verstand und auch nichts verstehen wollte — und der natürlich jedes ungewöhnliche Unternehmen eines jungen Mädchens aus guter Familie, zum Beispiel Studieren von musikalischer Komposition, ungern sah, schließlich auf vieles Drängen seine Einwilligung.

Als Bela Bartök zum ersten Mal sich zur Lektion meldete, konnte er allerdings keinen sehr soliden, geschweige denn einen gutbürgerlichen Eindruck machen. Er trug keine „übliche“ Kleidung, sondern stets die schwarze ungarische Nationaltracht, den schwarzen verschnürten Dolman mit flatternder Kravatte auf dem kragenlosen Hemd. Als restlos überzeugter Patriot trug sein Briefpapier, bis auf das kleinste Blutt, auf dem er — recht 6elten — meldete, daß er die gewohnte Stunde nicht zur gewohnten Zeit erteilen könne, das gedruckte Motto: „Gott segne Ungarn!“ Ich weiß nicht, ob er außer seiner Muttersprache auch irgendeine fremde sprach, nie jedenfalls hörte ich aus seinem Munde andere Worte als solche im reinsten, tadellosen Ungarisch. Aber auch jene heimatlichen Worte waren nur selten zu hören, denn der junge Lehrer gab sich höchst wortkarg. Wenn er sich an meiner Seite ans Klavier setzte, hörte ich stets nur, ohne jede Einleitung, die lakonische Frage: „Was bringen Sie mir heute?“ Nachdem ich ihm, ziemlich verschüchtert, das Notenblatt mit dem Pensum vorgelegt hatte, hörte ich entweder: „Das geht“, oder auch häufiger: „Das geht nicht!“ In letzterem Falle begann sein Bleistift heftig kreuz und quer über das Papier zu fahren, ausstreichend, ändernd, verbessernd, begleitet von denkbar knappen Kommentaren. Seine Methode hieß: den Schüler möglichst viel selbst arbeiten, konstruieren und, vor allem, erfinden zu lassen. Er duldete schon zu jener Zeit keine rein tonalen Kadenzen und ließ mich Kontrapunkte zu Themen Debussys arbeiten — man denke, auch dies ist schon mehr als ein halbes Jahrhundert her! Um seine Ansichten und Prinzipien besser zu illustrieren und klarer darzustellen, spielte er mir gelegentlich aus jenem verpönten „Zarathustra“ und anderen Strauss'schen Werken vor, oder auch einiges aus den eigenen Kompositionen, an denen er gerade arbeitete.

So lernte ich von Grund auf die zwei großen „Suiten“ op. 3 und 4 für Orchester kennen, die so intensiv Motive der ungarischen Volksmusik verarbeiten; Werke, die viele Jahre hindurch gänzlich vergessen schienen und erst in letzter Zeit ehrgeizige Dirigenten, deren Programme so viel wie möglich mit dem Namen Bartöks um besondere Aufmerksamkeit der Kritik werben, verlocken, sie dem Publikum bekannt zu machen. Auch sein Erstes Streichquartett, zu jener Zeit entstanden, ließ er mich studieren, das Opus, welches mir, vielleicht der so kostbaren Erinnerung halber, mit seinem wunderbaren einleitenden „Adagio“, das Liebste aus der großen Serie der „Sechs“ geblieben ist.

Unsere guten Lehrer—Schüler-Beziehungen, die sich trotz Bartöks Absonderlichkeiten im Laufe von zwei Jahren intensiven Studiums recht freundschaftlich gestaltet hatten, fanden eines Tages ein brüskes Ende. Ich hatte eine „Humoreske“ für Orchester geschrieben, welche Bartök uninteressant und „rückschrittlich“ fand. Trotzdem konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, das Stück der Budapester Philharmonischen Gesellschaft einzusenden, natürlich anonym, mit Rücksicht auf meinen Vater, der meine Initiative, einen Eintritt in die Öffentlichkeit, als höchst „unpassend“ verurteilt hätte. Zu meiner größten Überraschung wurde die Komposition akzeptiert und im Rahmen der regulären Philharmonischen Konzerte ohne weitere Diskussionen aufgeführt; wie wenn das Erscheinen eines weiblichen Komponisten als eine alltägliche Angelegenheit betrachtet worden wäre. Und doch war es das erste und, meines Wissens, in all den folgenden Jahrzehnten auch das letzte Mal, daß eine Frau auf jenem Podium nicht als reproduzierende Künstlerin, sondern als musikalisch produktive Kraft aufgetreten wäre. Der Erfolg schien recht ermunternd und animierte mich, auf dem nun einmal gewählten Gebiet fleißig weiter zu arbeiten.

Die Anonymität war nun gelüftet: bei dieser Gelegenheit legte ich mir — nur um den Namen meines Vaters, Gott behüte, nicht auf dem Konzertprogramm als jenen der jungen Dame, die natürlich am Schluß der Wiedergabe ihrer Komposition freudestrahlend auf dem Podium den Applaus entgegennahm, erscheinen zu lassen, den Künstlernamen „Seiden“ bei. Es war kein ganz neuer Name in unserer Familie, denn mein älterer Bruder, der sich früh ein eigenes recht lustiges Leben im Ausland eingerichtet hatte, benützte ihn für seine Eskapaden. — Jenen Namen behielt ich auf Lebzeiten bei; als ich mich verheiratete, kam es zu dem nie wieder aufgegebenen, nunmehr allgemein bekannten Doppelnamen; einem, der manchmal von wenig wohlgesinnten Kollegen als „Selten-gut“ persifliert wurde.

Mein Vater fand sich mit der anfänglich so wenig gutgeheißenen Angelegenheit ziemlich rasch ab, der Erfolg — man gratulierte ihm zu seiner hervorragend begabten Tochter sogar an der

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Bors! — hatte ihn milder und gegenüber meiner nunmehr regeren Tätigkeit auf dem ihm fremden Felde versöhnlicher gestimmt. Wer sich aber jeder versöhnlichen Geste versagte, war der Meister, dem ich das ganze in der „Humoreske“ geoffenbarte musikalische Können zu danken hatte. Bartök fühlte sich durch mein eigenmächtiges, von seiner Seite nicht gutgeheißenes Verhalten so gekränkt, daß eT jede weitere Beziehung zu mir jäh abbrach und mich nicht einmal mehr auf der Straße grüßte, wenn wir zufällig aneinander vorbeigingen. Volle zehn Jahre dauerte dieses von tiefer Verletzung zeugende, geradezu feindselige Verhalten. Nachher, später, eben volle zehn Jahre später, als ich längst verheiratet war und in Berlin lebte, erfuhr ich, daß er der dortigen Aufführung eines seiner Werke — sein Name war inzwischen auch außerhalb der ungarischen Grenzen bekannt und immer bekannter geworden! — persönlich beiwohnen sollte. Ich schrieb ihm einige gänzlich unbefangene Zeilen: fragend, ob er nicht dächte, daß es nunmehr genug des Schmollens wäre, und lud ihn ein, die wenigen Tage seines Aufenthaltes bei mir zu verbringen. Ohne weitere Anmeldung erschien er zum Datum der ersten angesetzten Probe in meiner Wohnung, richtete sich im Fremdenzimmer, an Klavier und Schreibtisch, häuslich ein und erwähnte den vergangenen Zwist mit keinem Wort. Er erzählte von seinen Arbeiten, von seinen vielen Schülern — seither war er an die gleiche Anstalt, die seinerzeit an dem Rebellen so vieles zu tadeln gehabt hatte, als oberste Instanz der Klavierausbildung berufen worden. Und er klagte über die viele im Unterricht verlorene Zeit, welche er so viel besser für seine anderen, eigenen Tätigkeiten und Interessen hätte verwenden können.

Unterrichten gehörte nicht zu seinen liebsten Beschäftigungen, eigentlich rangierte es an vierter Stelle; nach der alles beherrschenden Leidenschaft für die Volksmusik, jener seiner eigenen Heimat wie auch anderer, in erster Linie slawischer Länder, einer Leidenschaft, die ihn zu großen Reisen, bis nach Arabien hin, veranlaßte. Dort zog er, bewaffnet mit heute wohl primitiv erscheinenden AufnahmeappaTaten, umher, um die Mengen von Wachswalzen mit volkstümlichen Motiven, Wendungen, Rhythmen, mit heimzubringen; meistens in Begleitung seines gleichaltrigen besten Freundes Zöltan Kodäly, welcher, ihn so lange überlebend, auch heute noch enthusiastisch jener fernen, jugendlichen, geistig ergiebigen, kameradschaftlichen Zusammenarbeit gedenkt. Als zweite gern ausgeübte, fruchtbringende Tätigkeit galt ihm sein Komponieren; als dritte, oft ohne rechte Überzeugung und Begeisterung ausgeübte, das Konzertieren, das jedoch beinahe bis in seine letzten Jahre materiell unbedingt notwendig erschien. All dies nahm seine Zeit und Energie vollauf in Anspruch; unterrichten mochte er eigentlich gar nicht.

Ich habe nie so richtig verstanden, weshalb er so darauf einging, mich, eine junge Dilettantin zu unterrichten; es könnte

vermutet werden, daß ihn das ausgiebige Studienhonorar, welches ihm mein Vater „standesgemäß“ aussetzte, zu so untergeordneter Tätigkeit veranlaßte. Gegen solche Annahme spricht jedoch die mit mir ausgiebig diskutierte Begebenheit eines ähnlichen Falles, wie er sich in Amerika begab. — Es war zur Zeit, da das New-Yorker Exil ihn in jeder Beziehung auf das Schwerste zu drücken begann; es hatte sein müssen, das Verlassen der so geliebten Heimat; er, als gefeierter, echter „Arier“, den man mit Begeisterung in Ungarn festgehalten hätte, konnte die Bedrückung seiner Mitmenschen, welcher Religion und Rasse sie auch angehören mochten, einfach nicht vertragen. Und doch traf ihn die Notwendigkeit jenes Exils sehr, sehr schwer, nicht allein der seelischen Not halber, die sich für ihn ergab, als er das über alles geliebte Ungarn mit dem seinen Temperament so ganz fremden Amerika vertauschen mußte; sondern auch seine materiellen Probleme — wie sich und seine Familie erhalten? — wurden von Tag zu Tag drückender. Da kam plötzlich eines Tages die sehr ehrenvolle und finanziell verlockende Aufforderung, an dem berühmten Curtis Institut in Philadelphia einen Lehrstuhl für Komposition zu übernehmen. — „Wann also wollen Sie übersiedeln?“ — fragte ich bei Gelegenheit eines unserer ziemlich häufigen New Yorker Zusammentreffen. (Bartök suchte mich gelegentlich auf, um sich über Probleme, die sich infolge seiner wenig perfekten Beherrschung der englischen Sprache bei schriftlichen Äußerungen für ihn ergaben, zu beraten.) „Ich gehe ja nicht hin“, antwortete er kurz. — „Ich habe den Antrag zurückgewiesen.“ — „Aber warum, um Gotteswillen?“ — fragte ich völlig entgeistert. — „Warum soll ich den Amerikanern beibringen, wie sie komponieren sollen? — Warum soll ich überhaupt jemandem sagen, wie er komponieren soll?“ — „Aber Sie haben es doch einmal auch mir gesagt — warum denn taten Sie es damals?'' — Er schüttelte nachdenklich den Kopf. — „Vielleicht, weil wir damals noch sehr jung waren — oder auch, weil ich dachte, Sie könnten vielleicht Talent haben..

Bartöks Motto und stets gewissenhaft befolgtes inneres Gebot lautete: „Es ist nicht erlaubt, zu lügen.“ Man soll nicht, darf nicht lügen, unter keinen, gar keinen Umständen ein Wort sagen, das nicht der vollen Wahrheit entspricht. Diesem strengen Selbstgebot ist es auch zuzuschreiben, daß der geniale, originelle, auch sympathische Musiker nicht im Stande war, in Amerika durchzudringen, menschliche Beziehungen anzuknüpfen, die Aufmerksamkeit jener Menschen auf sieh zu ziehen, die ihm hilfreich und nützlich hätten sein können. Er betrachtete schon jede konventionellste Höflichkeitsbezeugung, die er nicht von strengster Wahrhaftigkeit diktiert empfand, als Lüge. Er gebrauchte nie die in Amerika so gebräuchliche und nichtssagende Floskel: „Nice to see you“ — „Es freut mich, Sie zu sehen —, wenn er es selbst nicht als „nice“ empfand. Und mit solcher Einstellung ist es schwer, ja so ziemlich unmöglich, im Lande der Kunstmäzene und der Damenkomitees vorwärts zu kommen.

*

Oft ist die Geschichte jener verzweifelten und immer wieder mißlungenen Versuche erzählt worden. Ich stand genug in seiner Nähe, um immer wieder Zeuge zu sein, wie die neue, so umworbene Heimat, in die er sich so gerne eingefügt hätte, ihn auf seinem eigensten Gebiet kalt zurückwies. Seine Konzerte, die er manchmal mit seiner Frau, einer seiner früheren Schülerinnen, auf zwei Klavieren zu geben suchte, wie auch jene, in denen er als Solist auftrat, wurden von Publikum und Presse mit wenig Interesse aufgenommen; .dieselbe, manchrnal ^hochacljtungsvolle, l Ao&i immer, mir lauwarme. Beurteilung .erfuhren*die recht spärlichen Versuche, seine eigenen Kompositionen bekannt zu machen. Bartök war arm, sehr arm. Ich hatte oft Gelegenheit, seine finanzielle Lage zu beobachten, wenn ich ihn in seiner mehr als bescheidenen Zweizimmerwohnung in einem der wenig fashionablen Außenbezirke von New York besuchte. Von jenen zwei Zimmern war keines geräumig genug, um die zwei Flügel aufzunehmen, so daß das Künstlerpaar, rein auf sein Gehör angewiesen, in zwei benachbarten, verschiedenen Räumen sein Repertoire proben mußte. Es kam später auch der Tag, da eines der beiden Instrumente abgeholt wurde, da die Miete dafür einfach nicht zur Verfügung stand.

Jeder meiner Besuche mehrte meine Sorge, es schien klar, daß sich die materielle Lage der Familie — inzwischen war es auch dem jüngeren Sohn Peter gelungen, als Flüchtling aus Ungarn zu seinen Eltern zu stoßen — sich von Mal zu Mal verschlechterte, ebenso Bartöks Gesundheitszustand; denn die chronische Krankheit, eine böse Leukämie, die ihn schließlich dahinraffte, war schon Jahre vor seinem Ende am Werk, seinen zarten Organismus zu zerstören. Ich erinnere mich noch deutlich einer Zusammenkunft bei Bartöks ungarischem Arzt, der ihn natürlich stets als Freund und ohne Honorarforderungen behandelte, und nun einige Ungarn in seinem Ordinationszimmer versammelte. Es wurde uns dort eröffnet, daß „etwas geschehen müsse“, um dem kranken, arbeitslosen, an sich und der Welt verzweifelnden Künstler zu helfen. Aber wie? Denn Bartök hätte, wie niemal* in seinem Leben, auch nur einen einzelnen Geldschein als freundschaftliches Geschenk angenommen. Und seitdem sein einziger regelrechter, wenn auch bescheidener Verdienst (das Honorar für die von der Columbia-Universität in Auftrag gegebenen Sichtung und Transkription der großen Menge dort aufgestapelter, noch überhaupt nicht bearbeiteter und druckfertig gemachter Aufzeichnungen serbokroatischer Volksmusik) infolge Beendigung seiner Arbeit erschöpft war, schien seine Situation erst recht bedrückend. Wir kamen nach einiger Beratung überein, den Namen einer kleinen, völlig unbekannten Universität des fernen Nordwestens zu fingieren und ihm unter Vprwand einer „Commission“ — so nennt man in Amerika auf Bestellung gearbeitete, ausschließlich dem Auftraggeber vorbehaltene Musikwerke — eine ansehnliche Summe zusammenzubringen und ihm zukommen zu lassen. Die Verschwörung gelang und half dem Kranken über die Monate hinweg, deren es bedurfte, um das amerikanische Gewissen wachzurütteln. Man begriff in Musikkreisen schließlich doch, daß es nicht gut anging, Bartök seinem düsteren Schicksal zu überlassen. Nach vielen Diskussionen verstand sich die „ASCAP“ (Vereinigung amerikanischer Autoren, Musiker und Verleger) dazu, ihm eine jährliche Rente auszusetzen, die zusammen mit seiner an der Columbia University geleisteten Arbeit ihm nunmehr als „auf Urlaub befindlichen Mitarbeiter“ auch weiterhin ausgezahlt wurde und die genügte, um sein im Erlöschen begriffenes Leben etwas bequemer und namentlich sorgenfreier zu gestalten.

Laut den zahlreichen mit größter Sorgfalt um ihn bemühten Ärzten machte das Leiden langsame, aber unerbittliche Fortschritte. Seine Besuche bei mir wurden immer seltener und kürzer, obwohl er nunmehr im Zentrum Manhattans, also viel näher zu mir wohnte als früher; es waren Besuche, die sich beinahe nur auf die Entschuldigung „zu stören“ beschränkten, zusammen mit knappen Fragen über den treffendsten englischen Ausdruck für gewisse Wendungen bei seinen folkloristischen Stu-

dien. Mit den Konzerten war zu jener Zeit bereits Schluß gemacht worden; zum Ende des Jahres rührte sich Bartök kaum mehr aus seinem Zimmer, ja kaum aus seinem stets mit Notenblättern bedeckten Bett. — Seine letzte Freude war der Besuch Koussevitzkys, der, mit einem ganz erheblichen Scheck bewaffnet, unerwartet im Krankenzimmer erschien, um für sein Bostoner Orchester ein diesem gewidmetes größeres Werk in Aufträg zu geben. Dieser Besuch wirkte auf den Kranken wie eine kräftespendende Injektion. Die Arbeit an dem heute so häufig gespielten, als eines der bedeutendsten Bartökschen Werke geschätzten „Coneerto für Orchester“ schien in ihm neue physische und schöpferische Kräfte wachzurufen. Doch kam ■das alles zu spät. Der von tückischem Siechtum unterminierte Organismus bot nicht mehr genug Widerstandskraft, und auch Bartöks durch Exil und Demütigungen verwundete Seele vermochte keine Energie zum Weiterleben mehr aufzubringen. Am 25. März 1945 tat der Dreiundsechzigjährige seinen letzten Atemzug; bis zu jenem Moment des Endes suchten die bereits halbblinden Augen die Zeichen auf jenen verstreuten Notenblättern zu entziffern. Zwei Tage nachher versammelten wir uns — wir Ungarn in New York — zusammen mit einigen, nicht sehr vielen, amerikanischen Musikern, die ahnen mochten, welchen Verlust die Kunst ihres Zeitalters hier erlitten hatte. Wir standen in einer der wenig stimmungsvollen sogenannten Totenkammern mitten in der geräuschvollen Lexington Avenue. Ein ungarisches Streichquartett spielte ein Adagio von Beethoven und einige Bachsche Choräle, einige gerührte, vielleicht auch beschämte Abschiedsworte wurden gesprochen; dann setzte sich der bescheidene Trauerzug in Bewegung, in der Richtung der meilenweiten endlosen Friedhöfe der Metropole, in deren ungeheuerlichen Grabwüsten nie jemand eine Blume auf einen Grabstein legt.

Und wir — wir wenigen — sahen nachher: Bartöks Leiche war noch nicht kalt,als in der Musikwelt das Bartök-Fieber ausbrach, auf welches er sein zu kurzes Leben lang gewartet hatte. In allen Musikzentren ist sein Gesamtwerk eines der meistaufgeführten der neueren Zeit. Kaum ein Programm, welcher Art immer, das nicht ein Konzert, ein Orchesterstück, ein Quartett von ihm — die Folge seiner sechs Streichquartette gehört heute zum „Muß“ vieler Vereinigungen dieser Art! — ein Klavierstück enthielte; der „Mikrokosmos“ zählt an vielen Schulen zum regulären Studienmaterial der Klavierklassen. In der westlichen Welt gilt Bartök als „Klassiker des 20. Jahrhunderts“. Warum — warum — konnte all dies nicht auch nur um einige wenige Jahre früher kommen?

*

Bartöks Bild, welches neben den anderen in der Reihe der mir einst befreundet gewesenen, bereits dahingegangenen Musiker unserer Zeit seinen Platz hat, ist das kleinste der Reihe. Es trägt auch als einziges keine Widmung; der sonderbare, verschlossene, so schwer zugängliche Mensch gab ungern Autogramme, schenkte kaum jemals unterschriebene Bilder, und so trägt meine Photographie auch kein persönliches Wort seiner Hand. Ich entdeckte es ganz kürzlich, als ich das neu errichtete, musterhaft geleitete, dank der Bartök-Begeisterung der ungarischen Nation errichtete „Bartök-Archiv“ in Budapest besuchte. Die Sammlung von musikalischen und persönlichen Erinnerungen an den nunmehr als „Stolz der ungarischen Musikgeschichte“ Hochgeschätzten ist vor wenigen Jahren durch den belgischen Musikologen Denijs Dille, der sein Leben-der Bartök-Forschung gewidmet hat, zusammengetragen und eingerichtet worden. Das kleine Bild, von dem ich spreche, wurde dort entdeckt und mir gelegentlich meines Besuches in dankenswerter Welse zum Geschenk gemacht. Es trägt auf der Rückseite nur das knappe Datum von Bartöks Hand: 29. Dezember 1909, und meinen Vermerk, daß ich es selbst aufgenommen hatte. (Damals beschäftigte ich mich auch mit Amateurphotographie, und ich erinnere mich noch, wie unwillig Bartök die zwei Minuten stille hielt, deren ich zu der Prozedur benötigte.)

Budapest, viele Jahre hindurch die Stätte der Arbeit, des Wirkens, der Entwicklung des Schülers, des Lehrers, des Meisters, übt einen Bartök-Kult, wie er selten irgendeinem Musiker der neueren Zeit zuteil geworden ist. Straßen und Plätze, Theater und Säle tragen seinen Namen, in Oper, Konzert und Schule wird sein Schaffen unaufhörlich eifrigst gepflegt. Nur sein Leichnam ist niemals heimgebracht worden. Er selbst hätte, angesichts der seit seinen Lebzeiten veränderten, doch bloß unter anderem Namen statthabenden Beschränkung der individuellen Freiheit des Menschen wohl als erster gegen eine solche „Heimkehr“ protestiert.

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