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Der „Gaulschreck" schreibt

Eine Aufführung im Akademietheater und die im Langen-Müller-Verlag in München erscheinende Gesamtausgabe lenkt die Aufmerksamkeit auf einen Schriftsteller, der in seiner Heimat Oesterreich bisher fast unbekannt war: Fritz von Herzmanovsky-Orlando, geboren 1877 in Wien, gestorben 1954 in Meran, — Der ehemalige Kunstkritiker und Mitarbeiter der „Furche“, Dr. Jörg Mauthe, stand in den Jahren 1952 und 1953 in seiner Eigenschaft als Leiter der literarischen Abteilung des Senders Rot-Weiß-Rot mit dem Dichter in Korrespondenz und hat uns einige dieser Briefe, die wir auszugsweise veröffentlichen, freundlicherweise zum ersten Abdruck überlassen. Der skurrile Humor Herzmanovskys spiegelt sich darin ebenso wie seine ein wenig unsystematische Arbeitsweise; denn mehrere von den hier erwähnten Stücken wurden nie ausgeführt, wahrscheinlich auch nie angefangen ... „Die Furche“

Meran, Schloß Rametz, 30. Jänner 1952

Soeben bekam ich Ihren Expreßbrief vom 26. ds. AI,, der mir große Freude bereitete. Denn gerade wir Auslandsösterreicher hängen sehr an unserem Vaterland.

Daß mein bescheidenes Können Anklang findet und daß Sie meine Arbeiten zu propagieren denken, gewährt mir große Genugtuung.

Ich gebe mit Vergnügen meine Einwilligung dazu, daß Sie Teįile aus dem „Gaulschreck“ (der im Laufe des Jahres neu und etwas vermehrt herauskommt) und anderes aus meinen Arbeiten zur Sendung bringen wollen. Was an Arbeiten von mir bei Freunden in Wien erliegt, werde ich Ihnen sofort zusenden lassen.

Die österreichische Barockkomödie heißt: „Kaiser Joseph II. und die Bahnwärterstochter“: Sie wurde trotz des absurden Titels seinerzeit vom Burgtheater angenommen, dann aber, da man ein anderes Josefstück — mit 43 Hosenrollen — bringen mußte, das den Kaiser als tiefen Melancholiker und abhold jeder Schäferstimmung darstellte, zurjickgestellt. In meinem Stück besteht das gesamte Eisenbahnpersonal nur aus Wilderern, was heute kaum mefir aktuell ist.

Das brachte die damals äußerst geringe Verkehrsdichte mit sich. Nicht einmal Fahrpläne waren vorhanden, da die Ankunftszeiten der Züge nur von Wahrsagerinnen aus dem Kaffeef satz festgestellt wurden.

Ich möchte Ihnen noch eine Komödie vorlegen lassen, betitelt: „Der abgelehnte Drilling“ (Drei Akte). Vielleicht ist sie für Ihr Programm geeignet. Von „Rout am Fliegenden Holländer“ muß ich noch eine Abschrift herstellen lassen.

Meran, Schloß Rametz, 4. Februar 1954 Ich nehme an, daß Sie den „Verirrten bösen Hund“ glücklich bekommen haben und sende Ihnen heute: „Kleine Geschichten um Meyrink“, die er mir seinerzeit selbst erzählt hat. Ebenso die Geschichte des Schuhkünstlers Wendelin Hebenstreidt, die leider auf Wahrheit beruht und mir mein erstes Künstlerhonorar eingetragen hat. Ich wäre Ihnen um Nachricht sehr verbunden, ob Sie auch Verwendung für komische Skizzen aus meinen Memoiren haben?

Da war der berühmte Antiquitätensammler Hofrat A. Al. Pachinger, eine Münchner Berühmtheit, der die Marotte hatte, alte Kleidungsstücke von „Geistesriesen“ nicht nur zu sammeln, sondern sogar abzutragen. So hatte er einen Chapeau melon von Toulouse-Lautrec, der ihm viel zu klein war, und einen Hosenträger von Dostojewski.

Eine zweite Gruppe komischer Geschickten handelt von einer reichen, aber unendlich dummen Wiener Patrizierin, die ich Frau Knirsch nennen will. 'Ferner habe ich eine nette Geschichte der Stella Hohenfels auf Lager, die einmal infolge errungener Lorbeerkränze in einen bösen Reblausverdacht geriet und von meinem Vater mühsam gerettet wurde.

Innsbruck, 15. Februar 1953

Sie haben die große Güte, eine Vorlesung aus meinen Arbeiten zu veranlassen.

Ich habe nun auch andere, Ihnen bisher nicht bekannte Manuskripte zur Verfügung gestellt. Das eine ist „Das Maskenspiel der Genien“, ein großer Roman, von dem der bekannte Aesthet Dr. Karl Wolfskehl seinerzeit in München behauptete, es handle sich bei dieser Arbeit um den noch fehlenden großen deutschen komischen Roman: Nun — veder emo.

Vorige Woche habe ich ein Hörspiel verfaßt, mit dem Titel: „Der verirrte böse Hui-id.“

Es ist eine lustige Geschichte, wie ich vor Vielen Jahren einmal in München einen verirrten, dreckigen Fleischerhund aus dem Tramwaygetriebe vor dem Hauptbahnhof rettete. Ich gab den Hund dem Hausknecht des Hotels und ließ ihn ordentlich füttern. Als er wieder bei Kräften war, riß er sich los, biß den Hausdiener, warf (er fuhr in der Halle „Schlitten“) einer alten Lady das Teegeschirr um und entschwand. In Konsequenz der Geschichte kam ich in Wutverdacht, da auch ich beim Retten leicht gebissen worden war und bei München Hundswutfälle waten. Es war eine heillose Geschichte, die ich so ausbaute, daß ich auf die k. k. Botschaft überwiesen wurde, wo ich auf einen typischen Grafen Bobby stieß, mit dem es reichlichen Stoff zu lachen gibt.

Meran, Schloß Rametz, 12. April 1952

Eben empfange ich Ihr freundliches Schreiben vom 7. April und freue mich sehr, die Aussicht zu haben, Sie und Ihre Frau Gemahlin hier kennenzulernen. Schloß Rametz liegt in Meran. Lind zwar im Stadtteil Obermais. Es geht eine Tram bis zum Brunnenplatz — Endstation. Von dort durch die kurze Reichenbachstraße in die Schönnastraße. 15 Minuten zu Fuß von der Tramendstation, Also,. es ist nicht außer der Welt. Die, Tram geht vom Bahnhof weg. Von Bozen kommend, kann man auch per Autobus bis zum Kurhaus fahren und dort in unsere Tram einsteigen. Auch der k. k. österreichische Postautobus hielt dort. Schade, schade, daß wir das liebe Stimmeri unserer lieben Frau Alma S. nicht gehört haben! Nebenbei bemerkt ist Rot- Weiß-Rot sehr eingezwickt zwischen vollständig unbeachtenswerte Sender! Wir hören es bei uns gar nicht!

Es freut mich außerordentlich, daß Ihnen meine bescheidenen Produktionen Spaß machen! Der 3. Teil meiner „Oesterreichischen Trilogie“ -i„Das Maskenspiel der Genien“ — dürfte Ihnen noch mehr Spaß macken! (Spielt 1966.) Die Helden des „Gaulschrecks“ und des „Fliegenden Holländers“ kommen dort an den Hof der Aphrodite, die als byzantinische Herzogin auf einer der griechischen Inseln Hof hält. Herrn Großkopf ist sie allerdings zu „mocher“ . . . Was sich da abspielt, ist ein tolles Oesterreich, das die Lorbeerhaine der antiken Götterschauplätze mit verklärten Amtsdienern durchsetzt hat.

Ich habe auch einige Kurzgeschichten geschrieben; darunter sogenannte „Kurzdramen“ für Kabaretts. Darunter „Der 18. August 1858“, wo ein Liebeserlebnis des österreichischen Botschafters Grafen Hübner den Anlaß zum Krieg von 1859 gibt. Ferner eine Wiener Tramwayszene voň 194'2, ivo ės~ wegen der s'tęts fehlenden 15-Pfénňig-Kfirten \u einem dramatischen Bell- Skandal kommt, da man einem Herrn als Ersatz eine 15-Pfennig-Hundekarte andrehen will. Dann das „lebende Torpedo“ und der Tod eines hohen Besuchers auf einer Lebensmittelausstellung durch eine Wurstmaschine. Auch Selbsterlebtes könnte ich vorlegen. So, wie ich Anno 1900 in Salzburg die letzte Magd Beethovens besuchte und sehr Düsteres von ihr über den tauben Olympier körte — auch über das Zerwürfnis von ihm mit Grillparzer wegen des Textbuches zur „Melusine".

1884 — ich war sieben Jahre alt — habe ich auf einem Elbedampfer Ulrike von Lewetzow kennengelernt und von der auch damals noch bildschönen Dame zwei Bonbons geschenkt bekommen. Aber auch noch später — als ich schon erweitert vernünftiger war — hatte ich die hohe Ehre, mit dieser Dame zusammen zu sein, So hörte ich, daß Goethe seine Weinvorräte streng verschlossen hielt Und seinem Sohn den Schlüssel vorenthielt.

Wir wünschen Ihnen reckt frohe Ostern und schöne Tage in Positano, das auch uns sehr gut gefallen hat.

Altaussee, 31. Oktober 1952

Empfangen Sie unseren herzlichsten Dank für Ihren lieben Brief vom 22. d. M. mit der so überaus freundlichen Einladung, von Ihrer generösen Gastfreundschaft Gebrauch zu machen! Leider können wir aber nicht nach Wien kommen, obgleich das ein Hauptprogrammpunkt war. Unsere einzige Verwandte, die Kusine meiner Frau, Baronin Hardy-Saar, Wien XIX, mußte auf längere Zeit wieder nach London, da sie wieder englische Staatsbürgerin werden muß.

Wir wollen in zirka 14 Tagen auf einige Wochen nach Salzburg, ehe wir wieder nach Meran zurückkehren.

Es tut mir außerordentlich leid, daß ich auf diese Art noch nicht die persönliche Bekanntschaft mit Ihnen machen kann. Ich gratuliere Ihnen, daß Sie noch nicht im Verdacht stehen, ein „Howw-rat“ sein zu können! Denn der Begriff dieser Würde schloß — wenigstens in Oesterreich — den Begriff Jugend und Aktivität aus!

Wie anders im Kreise Goethes! Sein schwer angeteppter Sohn August war, als Schmerzensgeld dafür, daß man ihn trotz allen Bemühungen durch die Matura nicht durchbringen konnte, als Ersatz Kammerrat geworden. Uebrigens muß beim Herrn Papa auch manches nicht ganz gestimmt haben. So empfing Se. Exzellenz nach der Befreiung Weimars von den Franzosen den öster-

reichischen Kommandanten geschmückt mit der Legion d’konneur und mußte sich sagen lassen: Gebe Er diesen Dreck da weg ...

Ich glaube, es war 1808 in Karlsbad. Da gab Exzellenz von Goethe zwei Huldigungsgedichte an Kaiser Franz von sich — einen wahren sprachlichen Jammer! Da war eben sein Sekretär Schlosser nicht mit, der die Sachen nickt ins Deutsche übersetzt hatte.

Uebrigens passierte im Zusammenhang mit, dem Aufenthalt der k. Majestäten in Karlsbad und der dadurch stattgehabten Beziehung der schwärmerischen Kaiserin (ich glaube, es war Maria Ludovica) mit dem Parnaß etwas Einzigartiges: die koke Dame hörte vom Heldentod Schills. Sie ließ sich nicht ausreden, daß es sich um Friedrich Schiller gehandelt habe, und so setzte sie durch, daß Schillers Stücke ins Reper-

toire des Burgtheaters aufgenommen wurden, wo sie bis heute ein bescheidenes Dasein fristen!

3. Jänner 1952

Ich schätze Sie im Besitz unserer herzlichsten Neujahrswünscke und hoffe, daß Sie den Festtagstrubel glücklich überstanden haben.

Von Herrn Dr. Hartwick bekam ich Nachricht, daß er mit Ihnen wegen der Rücksendung der Manuskripte gesprochen habe und daß Sie ihm gesagt hätten, daß Anfang Februar eine lange Sendung stattkaben werde.

Sie können sich denken, wie mich das interessiert; ich bin Ihnen außerordentlich für diese große Liebenswürdigkeit Verbunden. Ich bitte also, die Manuskripte bis auf weiteres zu behalten bzw. mir später den „Fliegenden Holläyt- der“ zu senden, da ich ihn für einen Verlag nochmals kopieren lassen möchte, der jetzt zum viertenmal den „Gaulschreck“ herausbringt. Es sind eigentlich zwei Verlage — der eine hier und der andere in Innsbruck, und ich wäge noch zwischen beiden ab.

Nun eine Frage: Hätten Sie eventuell auch Interesse für Auszüge aus dem dritten Teil der Trilogie: „Maskenspiel der Genien“? Es ist vielleicht der interessanteste Teil.

Er enthält das sehr sonderbare Schicksal des Cyriakus von Pizzicolli, in dem Fall des in Styxenstein wiedergeborenen Entdeckers Grie-

chenlands in der Gotik, der nach tollen Abenteuern am 28. Juni 1977 am Berge Ida in ein Göttermysterium hineinkommt und von 90 wilden Möpsen zerrissen wird.

Haben Sie, verehrter Meister, Interesse an einem Hörspiel? Ich habe einen prachtvollen, hochdramatiscken Stoff gefunden, der in Ebbs bei Kufstein spielt, einem Ort, der bis etwa 1880 durch Nagelsckmiederei berühmt war. (Mit einer Prachtrolle für Richard Eybner.)

Es gibt schöne Geräusche; wildes Brausen des Inn um ein Fährboot, die Kostprobe eines Haberfeldtreibens gegen einen Geizhals, Fronleick- namspöllerei mit den schönen Musiken und schließlich ein Haberfeldtreiben großen Stils, bei dem das der Feme verfallene schöne Mädchen, das einen steinreichen uralten Wucherer geheiratet hat, den Habermeister — ihren früheren Geliebten — niederschießt. Eine Salve tötet sie dann.

Altaussee, Villa Kerry, 12. August 1952 Beiliegend ein Brief, der Sie nicht erreichte. — Wir bleiben bis Ende August hier-, dann Programm noch schwebend. Wahrscheinlich Wien.

Es wäre sehr schön, wenn wir uns kennenlernen könnten. Was haben Sie für ein Sommerprogramm?

Ich habe verschiedenen neuen Ulk erzeugt: darunter ein großes, modernes Salzburger Barockballett mit bewegter, pantomimischer Handlung. So kommt als Zierde eines Prunkparkes die jodelnde Mumie Ganghofers und die ihn dirigierende Mumie des Richard Strauss vor.

Bezüglich des Aufenthaltes in Wien habe ich folgende Frage: wissen Sie zufällig etwa, wo ein möbliertes Zweibettzimmer in zentraler Lage zu mieten wäre? Gibt es für diese Belange etwa eine Vermittlungsstelle?

Ich werde mich außerordentlich freuen, von Ihnen zu hören und verbleibe mit den herzlichsten Grüßen

Ihr ergebener

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