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Digital In Arbeit

Aus Schwejks Land

1945 1960 1980 2000 2020

Ein Tscheche, Jahrgang 1941, seit drei Jahren in der Bundesrepublik Deutschla lebend, richtet sich literarisch in einer Welt ein, die nicht die seiner Muttersprache ist: Zwei Texte, geprägt von der Erfahrung des Exils.

1945 1960 1980 2000 2020

Ein Tscheche, Jahrgang 1941, seit drei Jahren in der Bundesrepublik Deutschla lebend, richtet sich literarisch in einer Welt ein, die nicht die seiner Muttersprache ist: Zwei Texte, geprägt von der Erfahrung des Exils.

Schwimmer im Gehörgang

Heute erwachte ich mit einem Schreibbedürfnis, so wie andere des Morgens eben andere Bedürfnisse verspüren. Meine Finger sind durch unsichtbare Gummibänder mit den Tasten meiner Schreibmaschine verbunden, wie einen Mondsüchtigen treibt es mich aus dem Bett. Eine Weile will ich mich zieren, warten, bis ein oder zwei Sätze in mir herangereift sind, die ich dann mit verbundenen Augen aus mir herauslasse wie Wasser aus einem Spülbecken; dieser Zyklus läuft so oft ab, bis sich ein Text herausschält Danach gehe ich zur Belohnung frühstücken.

Horoskop: Erste Übung für Aufnahmebereite, Anfänger

Ein Horoskop ist eigentlich nur eine Zange, mit der die Schale unserer Gegenwart geknackt werden soll, wobei ein gewisser, dabei ungenauer und selektiver Faktenraster zur Verwendung kommt. Vorausgesetzt wird, ein jeder trage seine Zukunft mit und in sich herum wie seine Lunge oder Milz — allerdings müssen wir lernen, dieses Organ zu beherrschen, wenn nicht vollkommen, dann doch zumindest gut.

Zunächst also eine Beschreibung der Zukunft: Die Zukunft als Organ hat die Farbe von Frühlingsgras und ist mäßig gekrümmt. Bei der Autopsie der Seele wird sie nie zur Gänze sichtbar, da ihre eine Hälfte immer in Ihrem Inneren untergetaucht sein muß, ansonsten würde sie schrumpfen. Ihre Größe ist unterschiedlich, sie schwankt zwischen zwölf und fünfzehn Zentimetern. Ihre Nahrung besteht aus Blut und Phantasie. Beides gilt es zu beherrschen.

Übung eins:Anhalten des Gehirns Läßt sich mit der Beruhigung des Wasserspiegels auf einem Teich vergleichen, mit dem Unterschied, daß der Mensch das die Wasseroberfläche bewegende Wetter selbst hervorruft. Der rezipierende Anfänger muß lernen, den Abfluß seiner diffundierenden Gedanken anzuhalten, bis sich seine Stirn öffnet und er durch sich hindurch bis auf seine Ferse hinuntersehen kann wie auf den Grund eines Teiches. Das erfordert endlose Monate und Jahre, an deren Ende der Mensch schließlich feststellt, daß er das, was er in sich gesehen hat, gar nicht wissen möchte. Doch ebendieses Bewußtsein, sich im Unterschied zu den anderen Menschen zu kennen und trotzdem mit sich Frieden zu halten, stärkt ihn — und stärken heißt, alles Überflüssige in sich zu begraben und seine Werte herauszufinden. Muttererde durchsieben. Fruchtbares von taubem Gestein separieren. Genauso ist das Gehirn, in dem sich sonst eine Menge von Überflüssigem festsetzen würde, von Zeit zu Zeit durch ein Sieb zu treiben.

Erstaunlich, wieviel Zeit die Leute aus unserer Straße in Bonn täglich für Blumenpflege aufwenden, während sie ihr Gehirn weder gießen noch ausjäten, nicht ein einziges Mal im Monat, als ob sie in der Tat dächten, es sei etwas Untergeordnetes, es wüchse wie eine Kiefer, auf jedem Boden und ohne Pflege.

Jeden Tag sehe ich mir Menschen an und stelle fest, daß meine Augen schrecklich klein sind und ich nicht genug sehen kann — als ob die Menschen nicht in sie hineinpaßten und ich das Hauptsächliche erst später, vielleicht nach dem Tode erblicken sollte.

Ein Nachbar kehrte ohne seine Ehefrau aus dem Urlaub zurück und ging sofort ins Irrenhaus. In Jugoslawien hat er angeblich ein Kind über-

fahren. Dorfbewohner schickten ihn zur nächsten Polizeistation und behielten seine Frau als Pfand zurück. Als er wiederkam, fand er seine Frau an einem Ast aufgeknüpft, und kein Dorfbewohner wußte etwas.

Ich bin zurückgekehrt von meinem ohne Herz in mir unternommenen (Spaziergang, um in die Schreibmaschine umzuziehen.

Mein Sohn ist ohne Schuhe von einem Ausflug zurückgekehrt und lachte lauthals darüber.

Als ob die Zeit die Eingeweide aus uns herausgefegt hätte und wir sie jetzt mit einer Keule zwischen Sandkörnern suchen wollten.

Alles ist, als ob — und darum müssen wir lernen, uns zu kennen.

Übung zwei: Belauschen des Blutes

Hierzu muß man ein bißchen Menschenfischer sein und lernen, sich in der Hetze des Tages, die wir gar nicht mehr wahrnehmen, eine Weile auf seinen Allerwertesten zu setzen, um sich schweigend in das Rauschen fremder Blutströme einzuhören, so, wie die Fischer in die Gewässer hineinlauschen. Vieles können wir dann erfahren, und Geschichten, stärker als Großmutters Suppe, saugen sich in unseren Ohren fest.

Damit Sie mir auch Glauben schenken, will ich einige preisgeben.

In meinem ehemaligen Land nötigte eine Tochter ihren Vater, aus der Partei auszutreten. (In meinem ehemaligen Land gab es nur eine Partei, folglich spielt ihr Name keine Rolle.) Der Vater antwortete, das sei nicht zu machen, man würde ihm die Ausübung seines Berufes verbieten, und das wäre sein Tod. Die Tochter hielt dem entgegen, in seinem Alter sei es doch wohl ehrlicher zu sterben, als die Lüge zu unterstützen. Worauf der Vater nichts erwiderte und seine Tochter erschlug.

Ein paar Häuser weiter lebte eine andere Tochter, die das gleiche verlangt hatte und deren Vater so tat, wie ihm geheißen. Und dafür hat sie sich einige Jahre später von ihm losgesagt, um sich so die Erlaubnis zum Hoch-

schulstudium zu erkaufen. Ihre Begründung: Du hättest damals nicht auf mich hören sollen, ich war ja noch ein Kind, und du hättest den nötigen Verstand aufbringen müssen.

Meine Chefredakteurin war ebenfalls Mutter, und sie hörte nicht auf das, was ihr Kind verlangte: Ihre Tochter beging Selbstmord. Und dieser Erzeugertyp „Chefredakteurin" reagierte auf-den Schritt ihrer Tochter mit den Worten: „Wer seine Zeit nicht begreift, muß sterben!"

Lange Zeit habe ich versucht, mich in den Nachbarn, dessen Frau man in Jugoslawien erhängt hatte und der jetzt im Irrenhaus war, hineinzuhören. Gespannt saß ich zu seinen Füßen, aber sein Blut schien stillzustehen. Der Schwimmer in meinem Gehörgang verzeichnete nicht die geringste Bewegung, bis eine blonde Frau draußen vorbeiging und sein Blut zu sprechen begann.

Und da atmete ich den Geruch einer Geschichte ein, die es mich niederzuschreiben drängt.

Als er jung war, stellte ihm irgendeine Zigeunerin an der Front für ein geklautes Salzfaß sein Horoskop, woraus hervorging, er müsse sehr auf seine Frau aufpassen, denn er würde ihr bald nachfolgen, wenn sie stürbe. Der junge Soldat deutete das auf seine Weise und isolierte seine Frau von Menschen und Bazillen, auf daß ihr nichts zustoße.

Doch seine Frau bedrängte ihn jahrelang und bat ihn, sie wenigstens einmal im Urlaub ans Meer mitzunehmen. Nach jahrelangem Weigern ließ sich der Mann endlich darauf ein, und die Natur erfüllte ihre Sehnsucht nach dem Tod, von dem sie schon viele Jahre geträumt hatte. Doch ihn strafte sie mit einem langen Leben.

Warum haben sie nicht Heber mich erschlagen?,fragt sein Blut.

Übung drei: Einhörung in Objekte Auch Objekte können sprechen. Denken Sie zum Beispiel daran, daß des Nachts, wenn Sie lange auf waren und ringsum absolute Stille herrscht, es in Ihrem Ohr unvermittelt zu

rauschen anfängt. Genau das ist es, denn dann weinen die Gegenstände, wir aber verstehen sie nicht. Wir sind darauf nicht eingerichtet und begehen den Irrtum, zu glauben, unsere Probleme seien wichtiger.

Ich stelle mir das etwa so vor: Wenn dem Menschen das Leben zuviel wird, wenn die Seele nicht mehr ein noch aus weiß, so wird dieser Mensch zweigeteilt. Unter einer Schale leben dann zwei, und einer verfolgt den anderen. Die Ärzte nennen das — ungenau — Schizophrenie.

Ganz ähnlich verhält es sich auch mit Objekten. Sicher haben auch Sie von so unwahrscheinlichen Ereignissen gehört, wie zum Beispiel ein Haus ohne jeden Anlaß an einem verschlafenen Nachmittag auf einem Marktplatz in sich zusammengesackt ist, wie sich an einem stillen Strand ein Stein urplötzlich zu Staub pulverisierte oder wie ein Krug auf einem Regal in tausend Scherben zerplatzte und ein Spiegel von alleine zur Erde fiel. Auch Objekte haben eine Seele und sind bis zu einem bestimmten Grade leidensfähig — doch lange schon, bevor sie erkranken, singen sie ihre Psalmen. Wollen wir die Welt begreifen, so müssen wir unser Gehör auf ihren Gesang einstimmen.

Ein veredeltes Gehör ist wie ein Quasar im All, es saugt alles, was in seinem Bereich Gewicht hat, in sich auf.

Das habe ich auch in der Geschichte versucht, die ich Ihnen nun zu Ende erzählen will. Ich fuhr für eine Nacht nach Jugoslawien, in jenes kleine Dorf, in dem sie die Frau meines Nachbarn aufgehängt hatten. Kein Wort konnte ich mit den Einwohnern darüber reden, nicht nur, daß sie ihre Gesichter abgewendet hätten, nein, sie steckten auch ihre Augen unter den Tisch und ihre Gehirne hinter ihre Schränke. Ich ging also lieber aus ihrem Ort hinaus, um ihnen ein ungemütliches, kopfloses Beisammensein zu ersparen, aber, als ich mich am Tor noch einmal umdrehte, da konnte ich feststellen, daß sich die Gehirne hinter den Schränken

schämten wie kleine Kinder. Das verlieh mir Mut, und gegen Morgen, als die Zikaden sangen und der Lavendel klagend duftete, das Meer weinte und die Frauen gleichmäßig atmeten, ahnte ich die Konturen des Endes der Geschichte. Erzählt hat es mir ein Stein auf jenem Hügel, wo am Ende des Zweiten Weltkrieges ein deutscher Trupp sieben Familien mit vier Kindern wegen Unterstützung der Partisanen erschossen hatte.

Wir tragen die Zukunft wirklich in uns und gehen einzig mit unserer Zukunft schwanger, so wie ich mit dieser Geschichte, deren Pointe ich nicht im entferntesten ahnen konnte:

Der Vater dieser unglücklichen, erhängten Frau meines Nachbarn war Truppführer jener Abteilung, welche die sieben Familien und die vier Kinder zum Tode verurteilt hatte.

In meinem Kopf detonierten Geschosse, und die mich an die Schreibmaschine fesselnden Gummibänder sind wieder locker geworden, derjenige, der in mir schrieb, macht sich zum Schlaf bereit, und ich kann frei in den Tag eintreten wie in fremde Türen. Vielleicht läßt er mich für heute in Ruhe, und ich werde nicht schreiben müssen. Ich möchte nämlich meinen Nachbarn im Irrenhaus besuchen.

Ein Zug, der nur warten kann

In Böhmen geht folgende Anekdote von Mund zu Mund: Ein nicht namentlich genannter Staatsmann eines bestimmten Landes beschließt, die Stadt Warschau mit einem Besuch zu beehren und läßt sich zu diesem Behufe, da ihn die Angst vorm Fliegen plagt, einen Sonderzug zusammenstellen. Er macht sichs also recht gemütlich in seinem Paradeabteil, der Zug indessen rührt sich nicht vom Fleck. Also zitiert der hohe Herr den Stationsvorsteher herbei und bittet um Auskunft, was sich da abspiele. Der Gefragte druckst eine Weile herum, um dann doch zu gestehen: Der Lokführer

weigert sich, die Lokomotive in Marsch zu setzen! Weil er Hunger hat!

Liquidieren!, lautet der staatsmännisch lakonische Befehl, dem diensteifrige Diener auch unverzüglich nachkommen.

Der Zug indessen rührt sich weiterhin nicht vom Fleck. Also ergeht ein erneuter, angemessen scharf formulierter Befehl, den Stationsvorsteher abermals herbeizuholen. Der wiederum sehr Verlegene bekennt nach abermaligem Herumdrucksen erneut Farbe: Das Zugpersonal meutert wegen der Vollstreckung des Urteils! Rehabilitieren!, tönt die unverzüglich staatsmännische Kehrtwendung aus dem Salonwagen, und der Herr Stationsvorsteher zieht von dannen.

Der Zug indessen rührt sich immer noch nicht vom Fleck, was den namentlich nicht genannten Staatsmann in höchste Rage versetzt. Auf das Gebrüll des hohen Herrn weiß der kleine Stationsvorsteher nun gar keine Antwort mehr — doch da löst der gänzlich um seine Fassung gebrachte Staatsmann die Affäre auf eine ihm eigene Manier: Er erteilt den Befehl: Augen schließen und so tun, als ob der Zug führe!

Soweit der Witz. Die Wirklichkeit ist anspruchsvoller, ermüdender und deprimierender, denn in ihr muß der tschechoslowakische Staatsbürger diesen Zug unaufhörlich loben, ständig behaupten, dies sei das schnellste, bequemste, ruhmvollste und fortschrittlichste Gefährt, und daß eines Tages alle Züge so aussehen müssen wie der unsrige. Die Passagiere müssen eine Landschaft loben, durch die sie gar nicht fahren, die Künstler müssen ein sich ständig wandelndes nächtliches Firmament besingen, das sie nicht sehen, ja, das zu erblicken eigentlich strengstens verboten ist; die Wissenschaftler müssen Geschwindigkeit und zurückgelegte Wegstrecke der nicht existierenden Bahn berechnen — selbstverständlich mit den luxuriösesten IBM-Computern der dritten Generation, speziell zu diesem Zweck in den USA gekauft

Wer es wagt, Zweifel an diesem avantgardistischen Zug anzumelden, ist verdächtig, und wer laut ausspricht, daß der Zug steht, ist ein Verräter, ein Schädling, ein Klassenfeind, ein Söldner des Kapitalismus, ein Handlanger von Pavel Tigrid und Jiri Pelikan — ergo ist ihm auch die Berechtigung zum Führen eines Personenkraftwagens abzusprechen (meine Frau ging ihres Führerscheins verlustig, weil Pavel Kohout in ihrem Wagen von Prag nach Pilsen und zurück gefahren war), des weiteren darf er nicht länger Gewerkschaftsmitglied, Kindergeldempfänger oder Telefonbesitzer sein.

Ich weiß nicht, was schwieriger ist: weiter in diesem Zug zu sitzen, den Kopf voll quälender Gewissensbisse, oder an die frische Luft gesetzt zu werden und aller „Rechte" verlustig zu gehen. Mit Bestimmtheit weiß ich jedoch, daß ich auf diese Art nicht mehr weiterleben konnte.

Ich glaube, folgende, von Professor Zdenek Nejedly anläßlich einer Pressekonferenz im Jahre 1948 gemachte Aussage ist in ihrer Art unübertrefflich: Einer Replik aus dem Auditorium, deren Inhalt etwa folgendermaßen lautete: „Wie wollen Sie denn von der Sowjetunion lernen, wo die doch glatte fünfzig Jahre hinter uns herhinkt?", hatte er kaltlächelnd entgegengehalten: „Kein Problem! Wir werden eben fünfzig Jahre warten!"

Und Zdenek Nejedly hatte recht. Die Tschechoslowakei wartet, diese Interpretation trifft ihren Zustand sehr genau, und entsprechend diesem Zustand ist die gesamte staatliche Struktur ausgelegt.

Alle, die dem Leben und dem Bewußtsein des Volkes Impulse verleihen wollen, werden durch verschiedenartige Säuberungen ihrer Funktionen unter dem Vorwand des Rechtsab-weichlertums, des Zionismus oder anderer gefährlicher Ismen enthoben, erhalten Publikationsverbot und leben im Abseits, immer jedoch unter dem wachsamen Auge der Staatspolizei.

Die Regierung liegt, von einer Handvoll einzelner abgesehen, in den Hän-

den der — maximal — sechsunddreißigsten politischen Garnitur, deren Niveau sich selbstverständlich in sämtlichen leitenden Apparaten reproduziert.

Ursprünglich schien es den meisten von uns — den nichtdissidierenden Schriftstellern und Künstlern —, es gäbe noch eine Möglichkeit, aus der abgeschotteten Kultur heraus mühsam und geduldig Millimeter um Millimeter neues Terrain zu gewinnen.

Ich persönlich bin zu der Auffassung gelangt, daß das unmöglich ist. Vielleicht bin ich weiter vorgeprescht, als es dem System erträglich war, und man hat mich deshalb mitsamt meinen Manuskripten schamhaft aus dem Verlag herauskomplimentiert (aus den Manuskripten exzerpierten sie dann heimlich) — oder aber ich hatte Veranlassung, mich zu schämen, wenn meine Sachen schließlich akzeptiert wurden, wie es bei einigen Hörspielen der Fall war. Denn dann handelte es sich nicht mehr um meine Texte, sondern um Kastrate — auch wenn ich der Ordnung halber anführen muß, daß der Rundfunk einige meiner nichtver-stümmelten Texte ankaufte, um sie postwendend wieder zu verbieten. Dadurch wurde mir wenigstens ein zu nichts führendes Umdenken erspart.

Heute begreife ich das alles, und es ist nur gut so! Schwerlich kann sich zum Beispiel im Jahre 1982 derjenige Hoffnungen auf den Nobelpreis machen, der eine Keule mit anatomisch geformtem Handgriff erfunden hat. Und genau in diese Kategorie fallen die Ausgeburten der heutigen „offiziellen" Kunst in der Tschechoslowakei (von einigen ehrbaren Ausnahmen abgesehen). Doch der Erfolg, auch unter Einsatz der Taktik des geduldigen Grenzverschiebens, ist wahrhaftig nicht leicht zu erzielen. Wo nur das Zählen von eins bis vier gestattet ist, bedeutet das kleine Einmaleins zwar viel, interessant sind jedoch nur die Differenzial- und Partialgleichungen, und die liegen bis auf weiteres in der Schublade.

Deshalb habe ich es aufgegeben, obwohl die Premiere eines meiner Theaterstücke bevorstand. Ich nutzte eine Gelegenheit und stieg in einen anderen Zug um. Ob das die glücklichste Lösung war, weiß ich nicht, aber ich kann mit Bestimmtheit behaupten, daß ich nur zwei Möglichkeiten der Wahrung meiner Identität hatte: entweder Schreiben als anspruchsvolles Stek-kenpferd zu betreiben oder den Zug zu wechseln. Und da ich seit meiner Jugend von der Phobie befallen bin. sterben zu müssen, ohne Tibet, die Sahara oder die Kordilleren gesehen zu haben, was mir Ende des zwanzigsten Jahrhunderts sozusagen kreuz-otternhaft unwürdig erscheint (die Kreuzotter soll bekanntlich ihr ganzes Leben auf zehn Quadratmetern verbringen), habe ich auf mein warnendes Daimonion gehört.

Ich brachte nicht genügend Mut auf, der Gesellschaft mit der Stirn die Stirn zu bieten, ich hatte nur auf das Gehirn gesetzt — doch beides kann man nicht voneinander trennen. Ich wählte einen chirurgischen Eingriff.

Jetzt sehe ich mich also in meinem neuen Zug um und habe das Gefühl, daß ich mich zumindest in einem nicht getäuscht habe: die Keule mit modernem, leuchtend rotem Polyvinylchloridhandgriff, anatomisch ständig weiterentwickelt, bleibt für mich das Symbol der offiziellen Tschechoslowakei des Jahres 1982. Die Partei könnte sie zum Symbol ihres Staates küren und damit jenen vergessenen, aufs Abstellgleis rangierten Zug kennzeichnen, der dort laut Professor Nejedly noch sechzehn Jahre stehen und warten soll.

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